Im Hier und Jetzt

Als ich die Schule verließ und an die Uni kam wurde ich endlich in meinen Interessen gefördert und gestärkt.

Hatte ich zu Schulzeiten trotz der Schule damals schon viel gelernt und gelesen, fühlte ich mich dann, als ob ich nicht einfach wachse. Ich fühlte mich, als ob ich mich verdoppele. Was ich im einen Monat noch dachte, hielt ich im nächsten schon für überholt, trivial und sogar „kindisch“.

Dies ging eine Zeit lang so, die „Verdoppelungszyklen“ wurden zwar länger, dennoch bewegte ich mich mit meinen Interessen streng expansiv. Wachstum, Wachstum, Wachstum – das höchste Ideal unserer Regierung.

Leider war es nicht mein Ideal. Und das merkte ich auch irgendwann. Denn wenn man immer nur sinnlos wächst, dann bricht die Struktur irgendwann zusammen. Das ist in der Wirtschaft so, das ist in der Natur so – und so kam es, dass ich ins Krankenhaus wanderte. Und wieder. Und wieder. Und wieder. Und wieder. Und wieder. Und dann kamen noch chronische Spannungskopfschmerzen dazu, die mir ein Arbeiten unmöglich machen. Sogar Sitzen war unmöglich.

Eine lange Entwicklung hatte endlich ihren toten Punkt gefunden. Ich erkannte das nicht bewußt. Aber unbewußt wendete ich mich den Dingen zu, die mich interessierten. All die Dinge, die mir in meiner Bildung durch Noten exorziert wurden. Ich machte den ganzen schulischen Zwangsexorzismus rückgängig. Ich lernte Geschichte. Und Literatur. Und noch mehr Geschichte.

Und irgendwann war ich dann ein Unschooler (nach einer kurzen Phase von Homeschooling). Immer tiefer forschte ich – und suchte, und fand Menschen. Und immer tiefer fand ich hinein – in das Hier und das Jetzt. Der Ort und der Zeitpunkt, den ich nie kannte – ein Ort zu dem ich immer nur zurückblicken konnte. Dort saßen die Menschen und sprachen. Wenn sie mit mir sprachen, war ich schon lange in der Zukunft und ihre Worte sickerten durch die Zeitbarriere in meinen Verstand und ich wandte mich nur kurz zurück zum Antworten. Es war wie das Gespräch mit einem zerstreuten Professor.

Vor ein paar Tagen, als ich die Unschooling-FAQ zusammengestellt habe, recherchierte ich in der Geschichte des Unschooling. Und gestern lieh ich mir eine lange Leseliste aus. Und das erste Buch hat schon so eine Durchschlagkraft. Es ist all das, was ich nie formulieren konnte. All das, was mir die Schulmönche und Gesellschaftsprotagonisten verboten haben zu denken. All das, was man niemals in der Schule lesen wird, denn es sagt: Es gibt eine Gesellschaft ohne Schule – und diese Gesellschaft wird nicht nur besser sein, sondern sie wird auch die Versprechen einlösen, die die Schule gibt.

Ich bin ein Deschooler – und ich bin dort angekommen, wo ich geboren wurde und mein Leben lang hingehörte. Das ist so schlimm, wie es schön ist, und ich will hier gar nichts mehr darüber sagen, als ein Zitat aus „Das letzte Einhorn“ von Peter S. Beagle. Es ist die Szene, wo die alte und verbrauchte Köchin Molly, die für einen Haufen Räuber im Wald kocht und von ihnen verspottet wird, das erste Mal das letzte Einhorn sieht (in Begleitung des Zauberers Schmendrick) – und obwohl Erwachsene nur noch Pferde sehen können, erkennt sie das Einhorn sofort:

Dann erblickte sie das Einhorn. Sie stand still und starr, ihre lohbraunen Augen füllten sich mit Tränen. Lange stand sie so da, dann faßte sie mit jeder Hand ein Stück Saum und ging zitternd in die Hocke. Ihre Knöchel waren gekreuzt und ihre Augen gesenkt, dennoch brauchte Schmendrick einen Augenblick, um zu begreifen, daß Molly Grue knickste.

Er brach in Gelächter aus, Molly sprang auf, vom Hals bis zum Haaransatz blutübergossen. „Wo bist Du gewesen?“ schrie sie. „Verdammt noch mal, wo bist Du nur gewesen=“ Sie tat ein paar Schritte auf Schmendrick zu, doch ihr Blick ging an ihm vorbei.

Als sie an Schmendrick vorüberwollte, stellte er sich ihr in den Weg. „So spricht man nicht“, fuhr er sie an, immer noch unsicher, ob Molly das Einhorn erkannt hatte. „Weißt du nicht, was sich gehört, Weib? Und Knicksen ist schon längst aus der Mode!“

Molly stieß ihn zur Seite und ging zu dem Einhorn. Sie schalt es, wie man eine Kuh schilt, die sich verlaufen hat. „Wo bist du gewesen? Verdammt, wo bist du nur gewesen?“ Vor dem Weiß und dem leuchtenden Horn schrumpfte Molly zu einem keifenden Käfer, aber diesmal senkte das Einhorn seine dunklen alten Augen.

„Ich bin jetzt hier“, sagte es schließlich.

Molly lachte verächtlich. „Was nützt es mir, daß du jetzt da bist? Wo bist du vor zwangzig Jahren gewesen, vor zehn Jahren? Wie kannst du es wagen, jetzt zu mir zu kommen, wenn ich so aussehe?“ Mit einer Handbewegung faßte sie ihre Erscheinung zusammen: verwüstetes Gesicht, hoffnungslose Augen, verdorrendes Herz. „Ich wünschte, du wärest nie gekommen, warum kommst du erst jetzt?“ Tränen liefen ihr die Wangen herab.

Das Einhorn gab keine Antwort, aber Schmendrick sagte: „Es ist das letzte, es ist das letzte Einhorn auf der ganzen Welt!“

Molly schluchzte: „Es muß ja das letzte Einhorn sein, das zu Molly Grue kommt“ Dann hob sie ihre Hand, um sie auf des Einhorns Wange zu legen; beide zuckten ein wenig zurück, worauf die Hand auf der pulsierenden Stelle zwischen Kiefer und Hals liegenblieb. Molly sagte: „Schon gut, ich verzeih‘ dir!“

Und auch wenn das total nach all dem klingt, was ich in der Schule gelernt habe über falsche Erlöser, es ist wie ich fühle und es ist, wo ich jetzt bin. Ich bin mein ganzes Leben lang Kind geblieben und habe mich hinter der technokratischen Fassade geweigert erwachsen zu werden. Ich konnte nicht erwachsen werden, weil man mir meine Kindheit und Jugend gestohlen hatte und die gesellschaft mich für ihre Zwecke verrentet und mißbraucht hatte. Ich musste mein ganzes Leben lang auf diesen Moment warten. Der eine Moment, der es mir erlaubt erwachsen zu werden, ohne meine Kindheit abzustreifen wie einen alten Hut. Der Moment, der es mir wirklich erlaubt nach vorne zu gehen ohne meine Vergangenheit zu betrügen und zu verlieren. Ohne mich zu verlieren.

Ich bin dort und ich finde jeden Moment neue Autoren, die all das, was ich immer gesucht habe – unterdrückt und unterbewußt – niedergeschrieben haben. Und ich finde freie Kinder, natürlich geboren und schon lange Unschooler – die im Netz bloggen und frei leben. Und ich sehe die Schule und die Schulmönche aus einem neuen Blickwinkel – ein Reigen von Menschen, die nur Lernrituale durchführen um sie auf eine technokratische Welt abzurichten. Fast wie in Zeitlupe und so durchsichtig und peinlich fremdgesteuert, dass ich schon versucht bin nach oben zu schauen, ob ich am Himmel nicht riesige Hände sehen könnte, die diese ganzen Marionetten bewegen. Aber ich muss nur in meinen Geldbeutel sehen um die Karotte zu sehen, der sie hinterherrennen.

Ich bin dort angekommen. Und jetzt fange ich an zu residieren. Ich richte es mir schön ein. Ich untersuche keine Epiphänomene mehr und kartographiere sie, wie Schneelandschaften, die sich schon am nächsten Tage verändert haben. Ich stoße direkt durch, zu dem Grund dessen. Und kann dort all meine Forschung und mein Schaffen neu aufsetzen.

Frei nach Galileo:

Ich habe die glücklichen und produktiven freien Kinder gesehen. Und ich habe die glücklichen und produktiven freien Erwachsenen gesehen und ihnen glaube ich mehr als der Schule und ihren Mönchen.

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