Idolisator

Die meisten Leute kennen Ignatius von Loyola nicht, dabei prägt er ihren ganzen Alltag – und auch ihre Kindheit.

Er gründete den Jesuitenorden (15XX). Der Jesuitenorden zeichnete sich durch eine strenge Hierarchie und Gehorsam aus. So sagte Ignatius selber: „Ich werde glauben, dass Weiß Schwarz ist, wenn es die Kirche so definiert.“

Der immense Gehorsam bekam den klangvollen Spitznamen „Kadavergehorsam“ und ermöglichte in einer sehr straffen Hierarchie die größtmögliche persönliche Flexibilität – es gab nicht mal eine Ordenstracht (nur mit Juden hatte man so seine Probleme).

Insgesamt war der Orden darauf ausgerichtet maximale Bindung mit der Kirche herzustellen und alles andere konnte man getrost vergessen (Eltern, Staat, Schwarz und Weiß).

Das Credo „Kadavergehorsam bei maximaler persönlicher Flexibilität“ inspirierte den Orden daraus eine Bildungsinstitution zu machen – oder zumindest eine anzuschließen. Das lief auch hervorragend. Reiche waren an Sprößlingen interessiert, die das Erbe nicht einfach durchbrachten und sich gehorsam beugten. Intellektuelle waren daran interessiert vom Staat oder der Inquisition zensierte Bücher unter päpstlichem Schutz zu diskutieren.

Irgendwann entdeckte der Staat dann, dass es doch toll wäre, wenn die ganzen Gebildeten aus dieser Institution nicht die Kirche und den Papst als Idol hätten, sondern den Staat selber. So hätte man statt Papisten (so nannte man Leute, die dem Papst hörig sind) nun Staatisten…. (den konnte ich mir nicht verkneifen… in Wirklichkeit nennt man sie Etatisten).

Kurz und gut, überall wurden der Orden verboten und in Staatsschulen umgewandelt. Das waren an verschiedenen Orten verschiedene Figürchen.

In Bayern war es z.B. Maximilan von Montgelas (Auszug aus Montgelas der Schulreformer):

„Es ist heute erwiesen, daß es die grobe Unwissenheit der Völker ist und nicht die vernünftige und dem Stand eines jeden entsprechende Bildung, die man ihnen vermittelt, welche Revolutionen hervorruft und Reiche umstürzt. Je aufgeklärter die Menschen sind, umso mehr lieben sie ihre Pflichten und umso mehr halten sie an der Regierung fest, die sich wirklich um ihr Glück kümmert.“ (kurz gesagt, alle Revolutionäre waren dumm und jetzt kommt die liebe Regierung, die immer nur das Beste wollte und entledigt sich durch eine „frühe Aufklärung“ dieser Dummköpfe – es ist bezeichnend, dass so ein stupider Propaganda-Müll auf einer Seite eines bayerischen Gymnasiums steht)

In Preußen Johann Gottlieb Fichte (ein Mann im Team W. Humboldts – ich schätze deswegen hat Humboldt auch den Job geschmissen):

Er fordert […] sowie allgemeine Wehrpflicht, sowie eine Erziehung, deren Ziel darin bestehe, „die Freiheit des Willens gänzlich zu vernichten“. (schließlich musste man auch die Franzosen von deutschem Boden vertreiben)

Und so haben wir heute eine Schule, die alle Kinder in Liebe und sturem aber unbeugsamen Festhalten an Regierung und Obrigkeit erzieht. Die die Kirche vertrieben hat als Idol und Messias für die Menschen zu fungieren, nur um an diese Stelle den Staat zu zementieren.

Also immer wenn ich so etwas lese oder dieses hier, immer werden die Wohltaten von den Eltern finanziert und im Namen Gottes… äh der Schule… äh der Staatsschule durchgeführt – sollten sie von den Eltern nicht finanziert werden wollen/können, so sind auf jeden Fall die Eltern die bösen und die Schule wollte nur helfen (aber bei den Eltern heutzutage *kopfschüttelnder Kultusminister*).

Der Lehrer selber gilt übrigens natürlich auch öfter mal als ungerecht – es ist ja die Instanz „ganz oben“ die zum Idol gemacht wird.

Unsere traditionsreiche Schule, ihre Anfänge hatte sie als

1.) Loyola-Schule – und ihre missioniarische Mission

und wurde dann später in die

2.) Fichte-Schule – und ihre nationalstaatliche Mission

umgewandelt. Und bald wird der Idolisator erneuert und schenkt jedem Kind neben der tollen Schultüte, in der alles drin ist, was Mami verbietet (aber kaufen muss) auch noch ein Notebook oder einen Kindle – und ganz wichtig: Schulspeisung.

Der Idolisator2.0 – renoviert statt revolutioniert. Denn eines haben wir gelernt: Revolution ist dumm und böse und ganz gemein.

Eines ist ganz wichtig, der Idolisator wirkt umso besser je früher er eingeführt wird. Und wenn der Idolisator dann gewirkt hat – so mit 14-16 Jahren – dann wird das der Pubertät in die Schuhe geschoben und die Rebellion gegen die Eltern als natürlich und gut und wichtig bezeichnet (vergleiche Puberté, Puberty, Pubertad, Pubertà, Пубертат – gibts also nur in Deutschland). Eigentlich geht aber Rebellion gegen Unterdrückung und nicht gegen eine Person, bloß weil die die Eltern sind. Aber für uns ist Schwarz wirklich Weiß geworden.

Ihre erste Epoche hatte der Idolisator als die Loyola-Schule, die zweite Epoche als die Fichte-Schule.

Sie existiert schon so lange in ihrer aktuellen Form, dass dieses Wissen über sie verzerrt wurde und (da sie die Bildungsinstitution ist) nicht als Bildung gilt. Nicht einmal mehr die Lehrer, Pädagogen und Politiker wissen es – und denken sie handeln zum Besten aller. Manche Politiker ahnen natürlich, dass es gewisse Vorteile bringt seine späteren Wähler selbst auszubilden, das nennt man übrigens Sozialisation. Sozialisation wird oft mit Sozialer Kompetenz „verwechselt“ – Gott(!) sei Dank 😉

Institutionen bekommen mit der Zeit eine Assoziation. So besteht das Wort „Schule“ mittlerweile zu 98% aus der Assoziation „Gut“. Egal wie sie wirklich ist. Diese Idee im allgemeinen Konsens einer Gesellschaft, die sich vor den eigentlichen Gegenstand schiebt, nennt man Ideologie. Hier wird nicht mehr die Realität der Institution betrachtet, sondern nur noch das, was die Meinungsbildner über die Zeit an Meinung gebildet haben. Die Schule hat hier leichtes Spiel, da sie ja selber Hauptmeinungsbildner ist – bevor (und das ist wichtig) die kritische Analyse des Verstandes begonnen hat (frei nach John Stuart Mill). Noch besser ist eine Schule, die ein radikales Monopol innehat – sie verbietet es über andere Lösungen nachzudenken. Sie wird somit unhinterfragbar und „Gut“. Somit unhinterfragbar gut. Durch Unhinterfragbarkeit wird sie zum Dogma. Sieht man sich die Realität an, so hat die Schule wirklich keine Kontrollgruppe. Und so schließt sich der Kreis wieder zum päpstlichen Unfehlbarkeitsdogma. Es gibt Schulversager aber kein Schulversagen.

Das System hat sich verselbständigt – wie in Terminator 3 als Skynet ein Bewusstsein erlangt. Aus diesem Grund spüre ich auch immer ein bisschen Kribbeln, wenn man mir sagt, dass das System intelligent werden muss und lernen muss.

Der Idolisator hat schon zu viel Macht über unser Leben und treibt uns in blinden Autoritätsglauben, anstatt in die versprochene Mündigkeit.

Und entgegen dem Glauben, dass Mündigkeit Freiheit bringt, konnte ich mich davon überzeugen, dass Freiheit Mündigkeit bringt.

(auf Welt gibt es auch noch einen schönen Artikel (vom Staatsbürger zum Bürgerstaat), wir müssen nur all diese Kräfte bündeln)

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3 Kommentare zu “Idolisator

  1. (Eine Anmerkung(auf einer ML) war, dass es sich nur auf die abendländische Kultur bezieht, hier meine Antwort: )

    Ich glaube die globale Ausbreitung ist nicht schwer zu zeigen. Um die Zeit/im Anschluss war ja sowieso Kolonialisierung und die Briten exportierten es zumindest nach China und Indien. Die USA holten es sich von Deutschland direkt und Japan (glaube ich) wurde etwas später nach westlichen Maßstäben reformiert. China hatte zuvor das Mandarin-Selektions-System.
    (Aber da muss ich noch recherchieren).

  2. In Amerika gibt es durchaus öfter mal eine Loyola High School oder Loyola University – wahrscheinlich haben die den guten mMann nicht vergessen. 😉

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