Intensive Momente

Mummy 1000Sunny

Immer wieder kommen sie, die Erinnerungen an die Lily, und der Wunsch, sie wäre bei uns.

Meistens ist es Nami, die sich wünscht Lily wäre hier. Mal ist es einfach nur ein Seufzen, mal kommen die Tränen.

Gestern war es Sanji. Er wird im Februar 3 Jahre alt, und ich war davon ausgegangen, dass Lily sehr schnell aus Sanjis Bewusstsein verblassen würde. Sicher, er würde wissen, dass Lily unser Baby war, und dass sie nicht bei uns ist, aber ich dachte, das wären alles für ihn recht nüchterne Fakten, nicht mit Schmerz oder Sehnsucht verbunden.

Als er neben mir im Bett lag, trat er fast in meinen Bauch, und kommentierte damit, dass er das ja nicht sollte, da wäre mein Autschi.

Weil die Lily da drin gewesen ist, und dann dort herauskommen musste.

Wo ist die Lily? Auf diese Frage entwickelte sich ein wirklich intensives Gespräch.

Ich meinte, dass das, was von ihr noch übrig ist, in der Urne ist, die neben dem Bett steht. Dass sie zwar nicht mit uns aufwachsen kann, so wie Sanji es kann, aber dass sie dennoch in der Familie ist, in unseren Herzen, und in unseren Gedanken. Dass er ihr großer Bruder ist.

„Aber ich will sie tragen! Hier!“ und zeigte auf seine Brust. Er war wirklich erschüttert, dass er sie nicht herum tragen kann.

Als er sich wieder beruhigt hatte, sagte er er würde aber schon mit uns allen aufwachsen. Er ist ja nicht die Lily, sondern der Sanji. Dann wollte er Lily sehen. Ich schlug vor, die Bilder anzuschauen, die ich im Krankenhaus von ihr gemacht habe. Mir selber fällt es schwer, die Fotos an zu schauen. Auf ihnen sehe ich erst, wie krank sie eigentlich war, wie weit fortgeschritten die Wassereinlagerungen waren. In echt habe ich das nicht gesehen. In echt war sie einfach nur mein wunderschönes Mädchen.

Aber Sanji gefallen die Fotos. Er freut sich, seine Schwester wenigstens so anschauen zu können, die kleinen Details zu sehen.  Er holt die Urne, und will sie aufmachen, um Lily dort zu sehen (was nicht geht, der Deckel ist fest geklebt. Für alle, sich jetzt Gedanken machen.)

Er meint, er hat auch eine Lily in seinem Bauch gehabt. Die ist jetzt nicht mehr dort. Wo ist meine Lily, Mama? Ich sage, vielleicht ist sie zusammen mit unserer Lily, der Lily, die in meinem Bauch gewachsen ist. Mittlerweile sprechen auch Nami und Chopper im anderen Zimmer mit Papa 1000Sunny über Lily.

Dann nimmt Sanji noch die Urne, trägt sie rüber ins andere Zimmer, setzt sich mit ihr zu den anderen dazu, und kuschelt sich dann nach einiger Zeit mit der Urne im Arm neben mich ins Bett. Er sagt mir noch, dass Lily gar nicht in der Urne ist, sie wäre viel zu groß dafür. Lily ist in Karlsruhe.

Ich versuche diesen Schritt auch noch zu erklären, aber da habe ich sogar bei den großen Kindern Schwierigkeiten. Die Vorstellung macht ihnen zuviel Angst. Also lasse ich es bei einem Versuch. Sanji hat sowieso entschieden, dass da Blumen drin sind.

 

Lily besuchen

In manchen Momenten nehme ich mir Zeit Lily zu besuchen. Heute war so ein Moment. Ich habe alles ausgeblendet und bin dann in Gedanken ganz zu ihr hingegangen. Ich habe die gemeinsamen Augenblicke noch einmal gefühlt… gefühlt wie ich sie in ihrem Weidenkörbchen über den Krankenhaushof getragen habe und ihr die Sonne zeigte. Aber auch Momente, die es nicht gab, aber hätte geben können. Manchmal stelle ich mir vor, wie ich mit ihr an der Hand die Treppen der Arbeit hochlaufe… wir laufen ganz schnell und nehmen immer zwei Stufen auf einmal. Dabei muss man beachten, dass noch nie eines der Kinder in meiner Arbeit war… ich weiß gar nicht ob das erlaubt ist.

In diesen Momenten kommen mir Tränen und ich freue mich irgendwie. Aber es schwingt auch manchmal eine kleine Spitze mit. Eine Anklage, dass ich ihr Vater bin und meiner Pflicht nicht nachgekommen bin. Das ist zwar nicht heftig, aber es geht tief und ich will das nicht ausblenden, denn ich fühle es so und ich denke das ist durchaus legitim. Dann wird ihr Tod zu einem Horrorszenario und das tote Baby wird so echt. Das dauert immer nur kurz und ich „ergebe“ mich total der Anklage.

Heute hat zu mir ein Freund gesagt, dass ich mich davon nicht fertigmachen lassen soll, er meinte, so etwas kann ganz tief gehen und dort wo Lily jetzt ist klagt sie mich nicht an, sondern ist glücklich. Das mag alles sein, und er hat bestimmt recht, dass Selbstvorwürfe sehr schlimm werden können und pathologisch werden können und das alles. Aber es ist der Gedanke der neben all den anderen steht und neben all den anderen „schönen“ Gedanken mit Lily an Lily. Vielleicht ist sie auch da glücklich, wo sie jetzt ist. Ich weiß es nicht. Aber selbst wenn sie an dem schlimmsten Platz wäre, so würde ich nach meinem Tod, wohl dort auch hingehen wollen. Es macht mich nicht fertig, Schmerz und Freude sind einfach nah beieinander. Ivan Illich hatte das schöne Bild, dass in jedem Weizenfeld auch eine Mohnblume wächst – das erste um das Leben zu ermöglichen und das zweite um Schmerzen zu lindern oder sanft in den Tod zu gehen.

Meine kleine Lily, manchmal strecke ich (in Gedanken) meine Hand zu Dir aus. Und ich sage Danke. Ich hätte sie lieber bei mir. Aber das ist nicht so. Und ich sage: Es tut mir Leid – zu ihr. Die Anklage wird leiser werden über die Jahre und die Freude mehr. Da bin ich mir mittlerweile sicher…

Es gibt nach 6 Monaten noch einmal eine „Nachseelsorge“-Möglichkeit. Da scheinen die meisten Eltern – in dieser Situation –  noch einmal richtig zu leiden. Am Anfang habe ich immer darauf gewartet, dass ich richtig zusammenbreche, dass ich es richtig realisiere… ich nannte es den Drachen, der sich hinter der Tür versteckt. Jetzt ist es einen Monat und 2 Tage her… und es geht mir ganz gut damit. Nur der Gedanke, dass sie für immer weg ist fühlt sich an, als ob einem eine Abrißbirne in den Rücken drückt.

Wenn ich an Lily denke sage ich am Ende nicht Ciao, sondern „Bis dann“. Wenn diese Momente dann vorbei sind, lache ich wieder ganz normal … nur mit Tränen in den Augen.

Und dann denke ich auch, warum ich so nicht an meine Kinder denke, die leben. Aber die sehe ich ja auch sehr oft. Das macht mich glücklich und dann bin ich wirklich bei ihnen. Und ich umarme sie gleich doppelt und dreifach und vierfach… denn alles ist so flüchtig und sie sollen wissen, dass ich immer bei ihnen bin, sie liebe und immer für sie da bin. Meine Lektion an der ich arbeite ist, dass ich das was ich habe so sehr schätzen will, wie das was ich verloren habe.

 

Zu Schnell

Mummy 1000Sunny

Zuerst die Gewissheit, dass es Lily nicht gut geht

Der Arzt, der sagt, er möchte noch heute mit der Lungenreife anfangen… Ich sollte doch nur zur Kontrolle, und damit die anderen Ärzte die Lily schonmal vorab kennenlernen konnten in die Klinik

Der Termin für den Kaiserschnitt wird für in zwei Tagen klargemacht – ich kann es doch aushalten, das viele Fruchtwasser! Ist doch egal, wenn es wehtut und ich mich nicht bewegen kann! Ich muss doch mein Kind im Bauch behalten!

Lily wird dauer-überwacht, per CTG. Plötzlich sind wir hochrisiko Patienten…

Die erste Ärztin, die behauptet, Lily hätte keine Chance… Ich könnte ihr eine reinhauen

Weine, das wird Dir gut tun, höre ich vom Nachbarbett. Sie ahnt, was auf mich zukommt, sie hat vor 2 Jahren ihr erstes Kind verloren. Ich ahne es nicht, und weine trotzdem.

Ein weiterer Ultraschall: wir holen sie sobald wie möglich. Sobald wie möglich heißt, sobald die Drillinge versorgt und stabil sind und der OP wieder frei ist.

Plötzlich bin ich OP-bereit und werde über die Gänge geschoben. Ich sage der Lily dass es los geht – und dass sie jetzt noch etwas kämpfen muss, dann wird es ihr immer besser gehen.

Mein Krankenhaus Nachthemd rutscht dauernd über die Brust – ich sage, ist doch egal. Nein, es ist schon schlimm genug, es ist nicht egal. Die Hebamme hält es für mich fest.

Alle bereiten sich vor, manche witzeln untereinander.

Die Narkose fühlt sich gut an, mir ist nicht mehr so kalt. Papa 1000Sunny’s Stimme neben mir erinnert mich daran, regelmäßig zu atmen…

Achtung, da kommt jetzt viel Fruchtwasser, höre ich

Ich kann wieder atmen

Sie ist draussen – aber es kommt kein Laut – sie wird gleich an die Kinderärzte weiter gegeben

Ich bin erleichtert – endlich kann ihr geholfen werden – Lily, fight! Fight for your Life! It’s good, life is, you’ll see!

Ich liege alleine im Zimmer. Sie macht nicht viel von selbst, ist die einzige Information. Naja, deshalb sind ja auch die beiden Oberärzte der Kinder-Intensiv bei ihr, denke ich.

Einer der Ärzte kommt, und setzt sich. Er sagt, Lily stirbt…

Er ist weg, wird sie herbringen zum Sterben. Ich schreie.

Ich halte sie – die Beatmung wird entfernt, viel zu schnell

Atme, Lily, zeig ihnen dass Du kämpfen kannst… Nein?

Lily, Lily, wo bist Du? Du wirst so blau… Lily…aber ich halte Dich warm…

Warum lebt die Lily nicht?… Kann ich ihren Fuß halten?…Wir gehen zurück zur Kinderbetreuung, bis später Mama…

Ich halte mein Bündel, meine Lily. Ich schaue sie an, ich mache Bilder, ich streichele sie, rede mit ihr, brenne ihren Geruch in mein Gedächnis ein. Zwischendurch schlafe ich immer wieder ein. Jetzt hat sie die richtige Mütze auf, die ich ihr gestrickt habe.

Jetzt ist sie weg… Ich bin so müde, ich schlafe…

Ich sehe sie noch öfter – aber jedesmal ist sie ganz kalt – ich kann sie nicht mehr in den Arm nehmen, nur das Körbchen, indem sie liegt, halten

Jetzt ist sie beim Bestatter. Sie sieht so wunderschön aus, und ist auch nicht ganz so kalt. Ich bette sie in ihren kleinen weißen Sarg

Die Blumen sehen schön aus, und sie auch. Alle sind da um uns zu begleiten – wir müssen uns verabschieden, den Deckel auflegen…

Wir stehen vor dem kleinen Sarg – und er steht vor einem grausamen Ofen… Es riecht verbrannt… Die Fließen erinnern an ein Schlachthaus… Dem Mann, der den Knopf drücken wird, rinnen die Tränen übers Gesicht – er hat auch ein Kind verloren – er sagt, holt Hilfe wenn die Trauer euch überrennt… und sagt dann nichts mehr, aus Angst zuviel zu sagen…

Er hat eine Kerze für Lily, und wahrscheinlich auch für sein Kind angezündet…

Wir warten – sie wollen zumachen – wir können sie nicht heute mitnehmen?

Plötzlich halte ich eine kleine Holzurne in der Hand…

‚Dere Lily in?‘ Ja, da ist das, was von der Lily übrig ist, drin…

Ein Tribut für Norbert – Die dunkle Stadt

Norbert so heißt unser Meerschwein. Sie ist heute gestorben. Wir haben vor ein paar Tagen entdeckt, dass sie rapide abnimmt und auch nur noch schwer gehen kann. Sie war schon sehr alt für ein Meerschweinchen.

Als wir dann unseren Abendspaziergang antraten merkten wir, dass alle Straßenlaternen im Viertel erloschen waren. Die Dunkelheit war schon beeindruckend. Und wunderschön. Und voll mit ehrlicher Angst – die auch Erwachsene spüren können. Und voller Ruhe und einem Glanz am Himmel.

So gingen wir spazieren und es war sehr feierlich. Ein kleines Tribut für unser Meerschweinchen, das uns so lange begleitet hatte und eine wunderschöne Nacht, die auch wirklich eine Nacht ist.

Monster-Truck und der Tod

Chopper ist schon seit einiger Zeit ein Monster-Truck Fan. Welches kleine Kind wäre nicht beeindruckt von Autos, die alle anderen Autos wie Häuser überragen.

Er hat nämlich unter seinen vielen Autos auch einen Monster-Truck. Der bringt immer den Polizisten ins Gefängnis (dies ist eine andere Geschichte).

Nun hängen seit ein paar Wochen überall Schilder: „MONSTER-TRUCK-SHOW am Sonntag“

Also schnell nichts wie hin. Da ich solche Shows stinklangweilig finde (leider, leider) machen wir es ein bisschen spannend, indem wir uns einfach zu den anderen am Zaun gesellen, und unter den Sichtschutz-Planen durchschauen, so dass wir die Show sehen – also als Zaungäste 🙂

Da liegen wir also mit unseren 2 Kindern und gucken den Motorrädern zu, wie sie Kreise drehen. Wir gucken den Autos zu, wie sie Kreise drehen. Es fängt an zu regnen. Wir suchen uns einen Baum und dann kommen die Monster-Trucks.

Und sie fahren, was sollen Monster-Trucks auch anderes tun, über ein paar Schrottautos hinweg.

Aber Chopper erschrak wirklich. Sein Monster-Truck hatte sowas noch nie getan. Und auf einmal so etwas.

Am Abend sagte er mir noch, dass die Leute in den Autos gestorben wären, als der Monster-Truck drüber hinweg fuhr. Ich dachte er machte sich Sorgen um die Autos. Aber in Wirklichkeit dachte er, da wären Leute drinnen gestorben.

Ich versicherte ihm, dass da niemand drinnen saß, und niemand gestorben ist. Und dass auch in den Monster-Trucks Menschen drinnen sitzen würden, und Menschen würden keine Menschen umbringen wollen. Außer im Krieg. Und dann sprachen wir noch etwas darüber, woran Menschen sterben würden und was Krieg ist. Dies ist auch eine andere Gesichte. Am Ende war er zu guter Letzt wirklich versichert, dass wir ihn beschützen würden und keiner hier sterben würde. Er sang noch ein bisschen und dann schlief er ein.