Das Jahr des Phönix

Dieses Jahr hatte so vielversprechend angefangen. Alle finanziellen Probleme hatten sich aufgelöst und bald sollte es noch viel besser werden. Endlich auch die Freiheit von der Schule ….. und nicht nur das, sondern auch noch darüberhinaus eine Gesellschaft in der man komplett akzeptiert wird mit dieser Entscheidung. Die Schulfrei-Treffen waren wunderschön – und die Gemeinschaft, die sich dabei herausbildete und mittlerweile schon 3 Familien umfasst (bald 5) brachte einen nahe zusammen mit Menschen, die sehr verschieden sind, aber an einem zentralen und wichtigen Punkt sehr ähnlich denken und mit denen man die Zeit mit den Kindern schön und sinnvoll verbringen kann, ohne Einsam zu sein. Zudem noch die Neuigkeit mit der Schwangerschaft….

Auch mit meiner Angst machte ich so tolle Fortschritte und die Angst „einfach davonzufliegen“ hatte ich schon fast völlig überwunden und konnte damit mit dem Fahrrad schon übers nächste Dorf hinausfahren… und sogar kleine Zugfahrten klappten.

Dann zerbrach die Beziehung… erst an einer kleinen Sache… die dann so schnell größer wurde, dass keine Zeit mehr blieb um ruhig zu werden, nachzudenken. Bis alles explodierte… und egal wie hart ich an meiner Angst danach trainierte… inklusive Autobahn und Zugfahrt nach München… wie sehr ich mich veränderte… nichts konnte diese Explosion stoppen.

Ich trainierte weit über dem Limit, was man tun sollte. Da mir das Schlimmste in meinem Leben nun passiert war, konnte ich so viel Angst haben wie ich wollte. Todesängsten konnte ich begegnen, mit der Einstellung, dass es ja egal sei, ob ich lebe oder nicht. Und so fing ich irgendwann an, jeden Tag mindestens eine Situation zu suchen, in der ich so viel Angst hatte, dass ich mein Leben loslassen musste und es akzeptieren musste, dass ich sofort umfalle. Einmal fuhr ich bei Hagel mit dem Fahrrad durch die Dunkelheit, über Felder, ohne Handy, ohne alles… ich ließ einfach nur los.

Und so verbrannte ich komplett Asche und entstand jeden Tag neu – wie der Phönix. Und dieser Mut -das innere Feuer in mir- wurde immer größer, und kämpfte die Flut der Angst zurück. Doch jetzt beginnt der Winter. Die Flut kommt immer wieder und wird immer stärker… ich fahre um 20 Uhr von der Arbeit zum Schwimmen und dann um 10 Uhr Nachts vom Schwimmen (ich gehe immer nach der Arbeit schwimmen, damit mein Kopfweh nicht wieder kommt) zum Campingplatz. Dort schlafe ich und am nächsten Morgen geht es weiter.

An manchen Tagen ist meine Psyche zum zerreißen gespannt und ich fühle mich so einsam und verlassen auf der Welt… und die Welt ist so unglaublich groß. Das unendliche, schwarze Meer umspült wieder die kleine blaue Flamme und beide kämpfen – das Meer aus allen meinen alten Ängsten und ich halte einfach aus. Dass nur die Flamme nicht ausgeht und ich wieder zusammenbreche, wie schon einmal. Und jeden Tag brennt die Flamme danach noch. Und das Meer aus allen alten Ängsten, die so wenig Menschen wirklich verstehen können, und das doch so unglaublich viele Menschen konfrontiert – zieht sich zurück und wartet.

Ich bleibe einsam und ich bleibe allein, ich bleibe in der Dunkelheit stehen, das Meer kommt…. ich flüchte nicht, sondern lasse sie einfach gegenüberstehen… das Feuer und das Meer um es herum … und kämpfen.

Und irgendwann war mir dann klar, dieses Jahr darf mir noch alles passieren, Verluste, Demütigungen, …. ich musste jetzt alles akzeptieren, aushalten und daran wachsen. Und in diesem Moment durchfuhr es mich wie ein Blitz: Das schlimmste, was passieren könnte wäre dass Lily stirbt… oder dann, als nächster Gedanke, … jemand anders, der so nah ist.

Das wollte ich alles nicht, lieber keine Selbsterfahrung mehr, lieber wieder zurückkehren und sich irgendwo verkriechen, nicht Hiob sein. Nicht als stärkerer Phönix wiedergeboren werden.

Und dann wurde es Wirklichkeit: Lily starb. Am liebsten wäre ich mit dem nächstbesten Messer auf dieses Teratom losgegangen und hätte es einfach weggeschnitten. Ich wollte nicht aufhören zu kämpfen, auch wenn es aussichtslos war. Und danach verfolgten mich noch die Bilder, wie ich Mummy in den Kreissaal begleite und sie auf einmal wie verrückt Blut verliert -oder etwas anderes-, wie ich zu ihr spreche und sage: Bleib bei mir… und sie immer mehr das Bewußtsein verliert… und sie auch geht… mit Lily… schon wieder. Doch das ist, trotzdem das alles unglaublich schlimm ist – nicht passiert.

Es fühlt sich so seltsam an, so tief und umfassend vernichtet worden zu sein, wie die letzten Jahre und dann noch 2011. Als ich auf Lilies Trauerfeier die Feier anleitete und die Abschiesrede hielt, war ich zwar nervös, aber mir fehlte jede Angst. Ich hatte nur das Gefühl, dass es egal ist was mit mir passiert und wie stark ich noch leide. Als wir dann bei Lilies Incineration waren, akzeptierte ich auch alle möglichen Traumata oder wie ich darunter leiden könnte… da es ja egal ist was mit mir passiert und wie stark ich noch leide. Dieses Jahr, das sich bei mir so stark um Asche, Feuer und Erneuerung drehte… lässt diese -vormals- Bilder so wahr werden.

Mittlerweile weiß ich, dass es mich anders trifft, wenn jemand stirbt. Es ist der Moment, in dem keine Flamme und kein Meer gegeneinander kämpfen. Wo man nicht persönlich wächst … sondern einfach nur leidet und den anderen Menschen dort sucht, wo man ihm in Zukunft finden möchte… da man ihn in diesem Leben verloren hat. Aber auch der Moment, in dem man einfach stark sein muss für die anderen.

Ich kann also weiter leiden… ohne Angst zu haben, dass ich dadurch noch jemanden verliere. Der Tod ist absolut zufällig Leben gekommen…. mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:40.000 und höher.

Und ich kann mich weiter darauf freuen, dass ich irgendwann genug gewachsen bin, um dem Leben zu begegnen wie es jeder andere Mensch auch tut. Vielleicht schon 2012 …………… und dann kann ich mein Versprechen an Lily einlösen, dass sie in jedem schönen Moment in unseren Gedanken, in unseren Herzen und unserem Lachen dabei sein wird.

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von 1000sunny Veröffentlicht in Allgemein

Zu Schnell

Mummy 1000Sunny

Zuerst die Gewissheit, dass es Lily nicht gut geht

Der Arzt, der sagt, er möchte noch heute mit der Lungenreife anfangen… Ich sollte doch nur zur Kontrolle, und damit die anderen Ärzte die Lily schonmal vorab kennenlernen konnten in die Klinik

Der Termin für den Kaiserschnitt wird für in zwei Tagen klargemacht – ich kann es doch aushalten, das viele Fruchtwasser! Ist doch egal, wenn es wehtut und ich mich nicht bewegen kann! Ich muss doch mein Kind im Bauch behalten!

Lily wird dauer-überwacht, per CTG. Plötzlich sind wir hochrisiko Patienten…

Die erste Ärztin, die behauptet, Lily hätte keine Chance… Ich könnte ihr eine reinhauen

Weine, das wird Dir gut tun, höre ich vom Nachbarbett. Sie ahnt, was auf mich zukommt, sie hat vor 2 Jahren ihr erstes Kind verloren. Ich ahne es nicht, und weine trotzdem.

Ein weiterer Ultraschall: wir holen sie sobald wie möglich. Sobald wie möglich heißt, sobald die Drillinge versorgt und stabil sind und der OP wieder frei ist.

Plötzlich bin ich OP-bereit und werde über die Gänge geschoben. Ich sage der Lily dass es los geht – und dass sie jetzt noch etwas kämpfen muss, dann wird es ihr immer besser gehen.

Mein Krankenhaus Nachthemd rutscht dauernd über die Brust – ich sage, ist doch egal. Nein, es ist schon schlimm genug, es ist nicht egal. Die Hebamme hält es für mich fest.

Alle bereiten sich vor, manche witzeln untereinander.

Die Narkose fühlt sich gut an, mir ist nicht mehr so kalt. Papa 1000Sunny’s Stimme neben mir erinnert mich daran, regelmäßig zu atmen…

Achtung, da kommt jetzt viel Fruchtwasser, höre ich

Ich kann wieder atmen

Sie ist draussen – aber es kommt kein Laut – sie wird gleich an die Kinderärzte weiter gegeben

Ich bin erleichtert – endlich kann ihr geholfen werden – Lily, fight! Fight for your Life! It’s good, life is, you’ll see!

Ich liege alleine im Zimmer. Sie macht nicht viel von selbst, ist die einzige Information. Naja, deshalb sind ja auch die beiden Oberärzte der Kinder-Intensiv bei ihr, denke ich.

Einer der Ärzte kommt, und setzt sich. Er sagt, Lily stirbt…

Er ist weg, wird sie herbringen zum Sterben. Ich schreie.

Ich halte sie – die Beatmung wird entfernt, viel zu schnell

Atme, Lily, zeig ihnen dass Du kämpfen kannst… Nein?

Lily, Lily, wo bist Du? Du wirst so blau… Lily…aber ich halte Dich warm…

Warum lebt die Lily nicht?… Kann ich ihren Fuß halten?…Wir gehen zurück zur Kinderbetreuung, bis später Mama…

Ich halte mein Bündel, meine Lily. Ich schaue sie an, ich mache Bilder, ich streichele sie, rede mit ihr, brenne ihren Geruch in mein Gedächnis ein. Zwischendurch schlafe ich immer wieder ein. Jetzt hat sie die richtige Mütze auf, die ich ihr gestrickt habe.

Jetzt ist sie weg… Ich bin so müde, ich schlafe…

Ich sehe sie noch öfter – aber jedesmal ist sie ganz kalt – ich kann sie nicht mehr in den Arm nehmen, nur das Körbchen, indem sie liegt, halten

Jetzt ist sie beim Bestatter. Sie sieht so wunderschön aus, und ist auch nicht ganz so kalt. Ich bette sie in ihren kleinen weißen Sarg

Die Blumen sehen schön aus, und sie auch. Alle sind da um uns zu begleiten – wir müssen uns verabschieden, den Deckel auflegen…

Wir stehen vor dem kleinen Sarg – und er steht vor einem grausamen Ofen… Es riecht verbrannt… Die Fließen erinnern an ein Schlachthaus… Dem Mann, der den Knopf drücken wird, rinnen die Tränen übers Gesicht – er hat auch ein Kind verloren – er sagt, holt Hilfe wenn die Trauer euch überrennt… und sagt dann nichts mehr, aus Angst zuviel zu sagen…

Er hat eine Kerze für Lily, und wahrscheinlich auch für sein Kind angezündet…

Wir warten – sie wollen zumachen – wir können sie nicht heute mitnehmen?

Plötzlich halte ich eine kleine Holzurne in der Hand…

‚Dere Lily in?‘ Ja, da ist das, was von der Lily übrig ist, drin…

Feeling Down

Mummy 1000Sunny

Jetzt ist dieser schicksalhafte Tag 3 Wochen her – und ich habe schon viel weniger mit den akuten Schmerzen zu kämpfen, vor allem was den Kaiserschnitt angeht.

Was aber bleibt, ist die körperliche Verletztheit.

Ich habe Probleme mit der Atmung – vor 2 Monaten habe ich noch Kolleraturen mit dem Metronom hochtrainiert. Jetzt hole ich alle paar Minuten tief Luft, ein deutliches Zeichen dass die normale Atmung zu flach ist.

Mir ist schwindelig, egal ob ich mich ganz viel ausgeruht habe oder ob ich unterwegs bin, ich muss mich täglich mehrmals irgendwo festhalten, bis alles wieder normal aussieht.

Ich habe jeden Tag Kopfschmerzen, ich vermute dass die Kopfschmerzen, die wohl von der PDA kamen, vorbei sind (die waren auch stärker). Das jetzt kommt – vermute ich – von meiner total verkorksten Haltung, die ich zur Zeit automatisch einnehme. Immer gekrümmt…

Ab dem Bauchnabel abwärts piekst mein Bauch bei Berührung, so, wie wenn eingeschlafene Beine wieder normal werden. Die Kleidung löst das den ganzen Tag lang aus…

Die äußere Narbe selbst ist taub. Sie ist etwa 20 cm lang (es wurde großzügig geschnitten damit Lily mit ihrem Teratom leicht rauskommen kann). Sie ist an manchen Stellen dünn, an anderen Stellen spüre ich einen großen harten Hügel unter dem dünnen oberflächlichen Strich. Sie schmerzt, wenn ich ein bisschen mehr mache als nur in der Wohnung zu sein und vielleicht einmal die kleine Straße entlang gehe. Sie schmerzt aber nicht einfach stetig stärker, so dass ich einschätzen könnte wenn ich zuviel mache, sondern fängt irgendwann später, wenn ich wieder auf dem Bett liege, an immer wieder stechend weh zu tun.

Die Wunde an der Gebärmutter – oder die Region, wo dieser Schnitt gemacht wurde, mittlerweile ist die Gebärmutter ja schon so ziemlich zurückgebildet – schmerzt bei Berührung (und die Haut darüber tingelt besonders stark). Mir wurde empfohlen, die beiden Wunden zu massieren, aber ich habe das Gefühl, dass davon nur alles empfindlicher wird.

Vielleicht wäre es besser, wenn die Lily es ins Leben geschafft hätte. Vielleicht wäre ich dann mehr versöhnt mit dem Zustand meines Körpers.

So muss ich mich immer wieder erinnern, dass ich ohne Medizin wahrscheinlich viel größere Probleme gehabt hätte. Ich hätte die Lily auf natürlichem Wege wahrscheinlich nicht herausbekommen… Dazu wäre das Teratom zu groß gewesen…

Lily ist tot

Lily ist tot. Es ist jetzt eine Woche her.

Das Teratom ist auf einmal unglaublich stark gewachsen und ihr Zustand hat sich stündlich verschlechtert. So dass man den Termin für die Notentbindung sogar noch einmal vorverlegen musste und die Lungenreifung abbrechen musste.

Nach einer Stunde intensiver Pflege und Bemühungen starb sie. Man sagt: “die Hoffnung stirbt zuletzt”, und eine Woche nach ihrem Tod, warte ich immer noch darauf, dass auch die Hoffnung stirbt, dass sie auf einmal lebt. Obwohl ich schon mehrmals im Verabschiedungsraum war und sie berührt habe – ganz kalt.

Am Anfang klang alles so lächerlich – ein Dings am Po. Na und? Das gibt nicht einmal bleibende Schäden… keiner hätte geahnt, dass dieses Ding jemals so ausarten könnte, dass es irgendwann sogar anfängt Blut zu saugen und zu vernichten.

Und jetzt steht man dem Tod gegenüber und muss das eigene Kind bestatten. Und alles was man tun kann ist nur albern. Der Tod ist der Tod. Nichts bringt sie wieder, kein Weinen, kein Schreien, nicht alle Blumen dieser Welt und selbst dann nicht, wenn die Artillerie vorfährt und 1000 Salutschüsse feuert. Alles ist albern gegen den Tod und man steht nur da, mit einem Weidenkörbchen in der Hand und kann der kleinen toten Lily nur sagen, was man alles mit ihr gemacht hätte und dass man ihr die Welt gezeigt hätte, wie den anderen Kindern auch.

Und man kann noch einmal rausgehen, mit ihr in den Armen und ihr die Sonne zeigen und sagen, dass die Welt so ausgesehen hätte und dass sie im Sommer schwimmen gelernt hätte und die Schwimmweste von ihrem kleinen Bruder übernommen hätte und man kann sich nur fragen, was für Besonderheiten und Einzigartigkeiten sie gehabt hätte. Und nie haben wird. Sie ist tot, und diese eine Wahrheit zerstört alle Träume und Hoffnungen, Wünsche und alle gemeinsame Zeit.

Sie ist die Lilie, die eine Stunde geblüht hat, nachdem sie so viel zu kämpfen hatte und deren Schönheit wir heute noch bewundern und die Morgen Asche sein wird. Es ist schön, dass sie bei uns war. So unglaublich viel Trauer es auch brachte, aber sie war da und sie ist für immer unser Kind.

Dieses Jahr war so unglaublich schwer und immer wusste ich, dass ich in 5 Jahren drüber lachen würde, doch das ist nun vorbei. Es gibt nichts auf der Welt, dass diese Wunde jemals so gut verheilen lässt. Nichts was dieses Loch füllt.

Anfang dieses Jahres habe ich so viel über den Tod nachgedacht und an die Tode, denen ich schon beiwohnte. Ich konnte es nicht glauben, dass ein Mensch stirbt und dann geht man aus dem Zimmer und hinaus. Und dort singen die Vögel und die Sonne scheint einem ins Gesicht und das Leben geht weiter – ohne diesen Menschen.

Es ist auch nicht so. Die Vögel singen zwar, die Sonne scheint, die Welt geht weiter und es gibt auch viele Momente, in denen wir schon wieder etwas zu lachen haben. Doch Lily ist noch da und ihr Tod kann jeden Sonnenschein in Weinen verwandeln, jedes Lachen in Weinen verwandeln, und jedes Singen in Weinen. Jedes Erlebnis, dass wir von nun an in unserem Leben haben, würde sie ansonsten miterleben und das bringt so viel Trauer.

Auf dem Gang sehen wir Eltern, die ihre neugeborenen Kinder umherschieben. Die sie in diesen Glasbehältern neben sich haben. Wir hören kleine Kinder schreien und im Supermarkt letztens rief ein Vater seine Tochter: Lily.

——–diesen Abschnitt habe ich während der Trauerfeier ausgelassen (auf Wunsch von Mummy)

Heute war die Bestatterin bei uns und hat uns Fotos von Verzierungen gezeigt. Die Bänder waren das Schlimmste. “Deine Eltern” – ja, wir sind Deine Eltern. Wir waren da um uns um Dich zu sorgen und Dich zu beschützen und wir haben versagt. Ich habe Dein Leiden nicht ernst genommen und niemand hätte es überhaupt gedacht, dass es so schnell so schlimm wird. “Eltern” dieses Wort klingt jetzt so anklagend. Es klingt, als ob sie uns anschreien würde: Wo wart ihr?

——

Und so bleibt uns die Entscheidung ob, wir ihr ein Band mit “Deine Eltern” als Grabbeigabe mitgeben, oder ob wir sie ohne Bänder lassen. So viele Entscheidungen, die noch getroffen werden müssen. Noch bevor wir überhaupt denken können, aber schon nachdem wir unendlich viel trauerten.

von 1000sunny Veröffentlicht in Allgemein

Ein weiterer Besuch im Karlsruher Krankenhaus

Mummy 1000Sunny

Heute war erneuter Termin im Karlsruher Krankenhaus, diesmal mit Ultraschall.

Ich war ziemlich nervös, weil ich so einen enormen Druck im Bauch spüre, der mich ziemlich unbeweglich macht. Ich wusste ja nicht, ob das „nur“ Fruchtwasser ist, oder großes Teratom-Wachstum. Nun, es ist beides.

Das Teratom ist etwas schneller gewachsen als die kleine Robin, aber nicht übermäßig schneller. Allerdings sieht man dem Herz schon an, dass es deutlich mehr zu arbeiten hat. Es ist deutlich vergrößert, zeigt aber noch keine Anzeichnen von Schwäche. Das Fruchtwasser ist hauptsächlich für den Druck verantwortlich, davon hab ich wirklich reichlich zuviel.

Leider scheint auch die Versorgung der Robin eher in die untere Hälfte ihres Körpers zu wandern, als in die obere. Normalerweise ist der Kopf viel besser versorgt als die Beine. Deswegen wächst bei einer Unterversorgung der Kopf normal weiter, und der Bauch und die Beine bleiben zurück. In unserem Fall scheint das Teratom soviel von der Versorgung zu beanspruchen, dass es anders herum ist. Während der Kopf etwas klein für das Alter ist, ist der Bauch schon sehr groß. Diese Entwicklung war vor einem Monat noch nicht zu sehen, ausser vielleicht darin, dass die Oberschenkelknochen eher lang als kurz waren.

Bis zum Errechneten Geburtstermin wird Robin wohl nicht mehr durchhalten, außer das Teratom hört auf zu wachsen, wovon man aber einfach nicht ausgehen kann. Es wird von Ultraschall zu Ultraschall entschieden, je nach dem, wie es dem Herz geht.

Immerhin ergab die Gewichtsschätzung ein mutmaßliches Gewicht von 1100 g, was mich etwas beruhigt. Das gute Gefühl bei diesen Ärzten bleibt auch bestehen. Die Ärzte in Freiburg machten zwar einen professionelleren Eindruck als in Karlsruhe, aber auch einen sehr viel distanzierteren, und aufgesetzten.

In Karlsruhe bin ich mir sicher, dass die Ärzte alles für die kleine Robin tun werden, und auch ehrlich genug sein werden, zu sagen wenn etwas ihre Kapazitäten übersteigt. Da die Operation zwar langwierig ist, aber nicht ein empfindliches Organ das viel Spezialisten-Knowhow erfordert betrifft, ist es mir lieber dass das Ärzte machen, die für das Leben des Babys operieren, als welche, die ihren Job machen. (Natürlich habe ich nicht alle Ärzte aus beiden Häusern in der Tiefe kennengelernt. Ich spreche aus dem Gefühl heraus, das ich in beiden Krankenhäusern gewonnen habe.)

Am Mittwoch ist dann großes Treffen und gemeinsames Beratschlagen mit allen betroffenen Ärzten (Gynäkologie, Chirurgie, Intensiv-Ärzte), und uns.

(Kleine Geschichte am Rande: Im Wartebereich saßen 2 andere Frauen mit dicken Bäuchen. Papa 1000Sunny glaubt mir nicht, dass ich wirklich viel größer bin, als ich sein sollte. Er meint, ich bin immer sehr groß. Nun, heute fragte er also die beiden Damen, die beide gleich oder kleiner als ich waren, nach ihrer Schwangerschaftswoche. Sie waren 37 (so groß wie ich) und 32 (deutlich kleiner) Wochen schwanger. Jetzt ist also das auch geklärt. )

Teratom-Ding

Mummy 1000Sunny

Seit etwa 3 Wochen wissen wir es: Unser 4. Kind (eine Tochter) wächst mit einem Teratom in meinem Bauch heran, der beim letzten Ultraschall die selbe Größe hatte wie ihr Bauch.
Ein Teratom verhält sich in etwa wie ein gutartiger Tumor. Er entsteht wahrscheinlich dadurch, dass während der allerersten Entwicklung, in der die Linie an der später sich unser Rückenmark bildet und die Wirbelsäule definiert wird, ein paar Stammzellen der strengen Kontrolle, die normalerweise die Entwicklung der Zellen genau reguliert und in die richtige Richtung schickt, entkommen, und sich ohne diese vollständige Kontrolle verselbständigen (Man, was für ein langer Satz. Tschulligung.) . Sie differenzieren sich teilweise aus, sodass man in diesen Teratomen die verschiedensten Gewebetypen wild zusammen gewürfelt findet.
Das Gute daran ist, dass sobald das Teratom entfernt ist, normalerweise wohl nur noch eine Narbe bleibt. Es kommt normalerweise nicht zu irgendwelchen Langzeit-Effekten. Auch die Operation selbst ist für die betroffenen Kinder „nicht so schlimm“, weil nur etwas entfernt wird, und die Operation weitestgehend nicht im Körper des Kindes stattfindet… Gut ist auch, dass unser Teratom nicht allzu durchblutet zu sein scheint, sodass es das Herz unserer Kleinen nicht zusehr belastet.
Das Schlechte ist natürlich, dass überhaupt eine Operation notwendig ist… Und dass die Operation recht bald nach der Geburt durchgeführt wird, weil so ein Klumpen am Po ja auch die Bewegungsfreiheit einschränkt, und vom Baby-Herz mit versorgt werden muss. Und dass eine Entbindung per Kaiserschnitt geplant wird, wegen der Größe des Teratoms. Wenn es im Geburtskanal mit den Beinen zusammen durch müsste (und dabei vermutlich in alle Richtungen gedrückt würde), wäre die Gefahr sehr groß, dass es im Teratom Verletzungen gibt, die lebensgefährlich sein könnten.
Blöd ist auch, dass ich vermehrtes Fruchtwasser habe (eine typische Begleiterscheinung). Zusammen mit dem zusätzlichen Baby-Volumen macht das ganz schön Druck im Bauch. Ein Gefühl, das ich sonst nur vom 9.Monat kenne. (Ich vermute, das wäre bei einer Zwillingsschwangerschaft noch viel extremer…) Ich ernte immer sehr erstaunte und mitleidige Blicke wenn ich sage, dass ich erst im 6. Monat bin. Ich hoffe so sehr, dass die Kleine und ich es bis Februar aushalten.
Auch piekst es manchmal an immer unterschiedlichen Stellen, wenn ich lache, niese, oder mich einfach irgendwie bewege. Ich kann nicht sagen, ob ich das auch schon vor dieser Untersuchung hatte. Ich nehme jetzt einfach alles wahr, was ich vorher vielleicht ignoriert hätte.
Aber am schwierigsten ist es, sich für eine Klinik zu entscheiden, wo der Kaiserschnitt und die Teratom-Entfernung gemacht werden soll. Erst wurden wir von einem Frauenarzt, der das Teratom „entdeckt“ hat, nach Freiburg geschickt. Die hätten einen hervorragenden Kinderchirurgen, und Erfahrung im Umgang mit Teratomen.
Aber, es sind eben auch die alten Kollegen von dem Herrn Frauenarzt, der uns dahin empfohlen hatte. Vertrauenserweckend?
Ein Telefonat mit dem Karlsruher Krankenhaus ergibt, dass sie ebenfalls sehr erfahren sind. Und dass sie noch viel mehr für Nähe zwischen Mutter und Kind sorgen wollen, als in Freiburg üblich. (Zum Beispiel behaupten sie, eher die Überwachungsmaschinen für die Kleinen nach der OP mit ins Zimmer zu stellen oder die Mutter auf Intensiv einzuquartieren, als das Baby von der Mutter zu trennen. Aber warum hab ich das noch nie gesehen oder gehört???) Diese Klinik hat auf alternativen Mailing-Listen einen sehr schlechten Ruf, vorallem was Stillfreundlichkeit und Ernstnehmen der Mütter angeht. Immerhin ist Freiburg als „Baby-freundlich“ zertifiziert.
Es kommen etwa 15 Teratom-Kinder pro Jahr in Deutschland zur Welt. Ausserdem bieten Teratome tollstes Untersuchungsmaterial für Entwicklungsbiologen / Mediziner… Kein Wunder also, dass sie alle die Finger danach ausstrecken. Aber nach welchen Kriterien kann man denn da als Patient entscheiden? Ich kann nicht die Unterm-Mikroskop-Präparieren-Fähigkeit des Chirurgen beurteilen. Ich weiß, das liegt manchen Menschen, und manchen nicht. (Ich kann es z.B. ganz gut… aber nur unterm Mikroskop. Beim „einfachen“ Präparieren habe ich nicht halb so viel Geduld wie unter dem Mikroskop…)
Man muss sich wohl aufs Gefühl verlassen – und auf die Erfahrungen anderer. Ich habe nach längerem Suchen jetzt immerhin eine internationale Mailing-Liste zu diesem Thema gefunden.

Ich werde versuchen, öfter über die weitere Entwicklung zu bloggen, auch für mich. Also wird es in Zukunft ein paar mehr Schwangerschafts-Beiträge geben.

von 1000sunny Veröffentlicht in Allgemein

Niemandem, dem man danken kann

Wenn sich schwerwiegende Änderungen im Leben ergeben – besonders unerfreuliche, dann fällt es besonders schwer darüber zu bloggen.

Dennoch will ich es versuchen…

Mummy1000Sunny und ich sind getrennt. Ich lebe im Caravan und habe die Kinder unter der Woche und sie ist in der Wohnung.

Letzte Woche war ich mit den Kindern noch einmal in München – ja, im Zug – und habe viele der Orte besucht die mich mit ihr verbunden haben und an viele der Dinge gedacht, die ich mit ihr durchgemacht habe.

Darunter war der U-Bahnhof Sendlinger Tor, an dem wir die Weichen gestellt haben für 9 Jahre gemeinsam durch die Welt gehen und eine Beziehung zu führen, die es wagt uns die Welt herausfordern zu lassen.

Aber auch die Katastrophen (insbesondere auf meiner Seite), in denen sie mir immer zur Seite gestanden ist:

-das Jahr in dem ich 4 mal wegen meinem Herzen im Krankenhaus war und all mein Vertrauen in meinen Körper verloren habe.

-und im selben Jahr musste ich auch noch mehrmals in ein anderes Krankenhaus um mich auch dort reparieren zu lassen

-wie ich langsam die Fähigkeit verlor zu arbeiten und mich nach mehreren Burn-Outs nur noch um die Kinder kümmerte

-als sich chronische Spannungskopfschmerzen bei mir festsetzen und ich tagelang nur noch in einem abgedunkelten Zimmer liegen konnte, die schlimme Zeit, die ca. ein halbes Jahr dauerte in der ich 12-16 Stunden am Tag 5-6 Tage die Woche in diesem Zustand war

-als wir erst eine Schule gründen wollten, und dann (Dank der saudummen Bildungspolitiker) dazu übergingen uns komplett von dem Gedanken Schule zu entfernen und einen unglaublich frustrierenden Kampf gegen die deutsche Bildungspflicht aufnahmen; eine Don Quichotterie, die wir nur machen konnten, da wir uns gegenseitig hatten.

-als ich all mein Geld (zum zweiten Mal) an der Börse verlor und unser gesamtes Familienvermögen verspekulierte

-als ich heftige Insomnia bekam und schon mit heftigem Nasenbluten aufwachte, das ewig blieb (und ich niemanden mehr beim Einschlafen auch nur in meiner Nähe haben konnte)

-als dann schließlich die Ängste und Paniken mich überwältigten, so dass ich nur noch bis zum Ende des Gartenzauns gehen konnte

-als wir am Ende so Pleite waren, dass wir für die letzten Monate ihrer Diplomarbeit wieder zurück zu meiner Mutter ziehen mussten; und sie es dort so lange ausgehalten hatte

-als sie mit mir anfing gegen die Angst zu trainieren und wir es dann in erst kleinen Schritten und dann immer größeren schafften über die deutsche Grenze nach Frankreich auszuwandern.

-als meine Angst sich dann wieder zuzog und mich wieder einschloss; und sie mit.

Ich weiß nicht, ob es einen zweiten Menschen auf der Welt gibt, der einem durch so viele Katastrophen beisteht und so vieles aushält und so viel übernimmt, wie sie es für mich in meinem Leben getan hat. Und ich werde es nie herausfinden können.

Das einzige was ich nun noch sagen kann, ist Danke, dass Du so lange zu mir gestanden hast. Auch wenn nun niemand mehr da ist, dem ich danken kann, weil Du weg bist. Ich danke Dir wirklich von ganzem Herzen. Es tut mir leid, dass ich nicht früher verstanden habe, was ich von Dir verlange und Dir antue.

Es tut mir leid, dass ich die letzten Jahre nicht mehr als ein chronischer Versager war, der seinem Partner nicht mehr bieten konnte, als ihm das Leben zu versauen……

Mummy1000Sunny zu verlieren war die teuerste Lektion meines Lebens, teurer als beide Börsencrashs zusammen – aber ich habe gelernt, dass Leben bedeutet für Andere da zu sein, anstatt zu nehmen.

Ein Tag mit Sanji

Heute habe ich (dank der Lauterbourger-Zelle) einen Tag allein mit Sanji verbracht……

Sanji geht jetzt ganz stark auf die 3 Jahre zu und ich kann mich voll gut mit ihm unterhalten. Es war so ein richtiger Vater- und Sohn-Tag.

Erst sind wir Zug gefahren und dann ICE (das ist für ihn etwas komplett anderes)…. weil ein ICE ist halt ein ICE. Als wir angekommen sind, haben wir eine lange Fahrt mit der Tram unternommen. Da waren viele „Woauh!!!!“ und „BIIIIG“ dabei 🙂 . Und dann haben wir uns am Bahnhof hingesetzt und zusammen Pizza gegessen…. Das war einfach zu schön. Als ich ihn ansah, erinnerte ich mich an die Zeit in der ich mit Chopper (dem ältesten) so einen Tag gemacht habe….. Nur damals war ich noch nicht reif… und damals war ich noch nicht in Frankreich und die Lauterbourger-Zelle an meiner Seite… ich kannte noch nicht Vygotskij, Goodman und all die anderen. Ich war ein Anfänger.

Und jetzt? Wir haben uns die ganze Zugfahrt unterhalten und dabei direkt in die Augen geschaut, die anderen Leute im Abteil müssen gedacht haben, ich unterhalte mich mit einem Erwachsenen. Und dann haben wir uns in Karlsruhe noch mal an den Brunnen gesetzt und ein Karamalz zusammen getrunken und dabei Wassermelone gegessen. Während dessen, hat er erzählt und erzählt und dann habe ich erzählt. Wir müssen ausgesehen haben, wie zwei Penner, die sich lange kennen und heute eine Party feiern.

Wenn er im Zug tanzt und wild gestikuliert, da haben alle anderen Fahrgäste angefangen mitzumachen. Sanji hat schon seinen ganz eigenen Zauber und immer wenn ich ihm in die Augen blicke, dann kommt mir das Lied von Debbie Boone: You light up my life. Denn genau das tut er. Dieses Strahlen, das er immer hat…. eigentlich genau wie bei all den anderen Kindern (obwohl sie gerade eine der schwersten Zeiten haben, die eine Familie haben kann) immer ein Lachen und ein Strahlen, und während Chopper sich über alles freuen kann, als ob es ein Lotogewinn wäre, ist Nami dauernd verrückt und verwandelt alles in einen Witz. Ich bin schon gespannt, wie das vierte Kind wird (ich habe gehört es soll eher der ruhige Typ sein). Denn wundervoll sind sie alle für mich, jedes auf seine schreckliche und einzigartige Weise.

Es tut so gut – insbesondere wenn man drei Kinder hat – dass man auch mal etwas nur mit einem von ihnen unternehmen kann… Dieser Tag hat der Beziehung zwischen mir und Sanji so gut getan. Ich glaube wir sehen einander jetzt wieder mit anderen Augen. Nicht mehr die „Oh mann, der schon wieder“… sondern „Ja! Wir!“-Augen.

Und was haben die anderen beiden gemacht? Die waren den ganzen Tag mit den anderen freien Kindern der Lauterbourger-Zelle und hatten (so ich das mitbekommen habe), eine Menge Spaß….. 🙂 (und wir haben allen natürlich noch Pizza und Wassermelone Abends an den See mitgebracht).

Und danke an Mummy1000Sunny, dass sie uns das alles ermöglicht…. auch wenn sie nicht bei uns ist, wir tragen sie in unserem Herzen immer dabei und das war immer so.

Frei, Freier am Freisten

Einer der Pluspunkte für freie Schule vs. Unschooling soll ja sein, dass man dort immer die selben Leute antrifft und sich deswegen besser sozialisieren(tm) kann. Ich sehe das eher als Minuspunkt an.

Das Leben ist einfach nicht so – und spätestens wenn eine Familie
umzieht, man selber umzieht oder das Justizkomittee oder Antragskomittee
jemanden rausschmeißt, dann sind die weg. Das ist dann schon eher wie im
richtigen Leben.
Für mich ist aber „freie Schule“ auch so eine Wortkreation, die total
populär wird. Und ich denke bald heißen alle Schulen „frei“ (sie dienen
ohnehin schon der freien Entfaltung). So wie alle Gefängnisse
Resozialisierungsanstalten heißen oder bald Integrationsparadiese –
vielleicht werden sie auch freie Lernorte und Freigang gibt es ja schon.
Generell ist das Wort „frei“ ja so etwas wie Pfauenfedern mit denen sich
jeder gerne schmückt, aber wenn man sich das Regelwerk, die AGBs, die
Vereinssatzung und das Vereinsrecht mit den Auflagen für die
Genehmigung, den internen Auflagen und pädagogischen Vorstellungen der
Eltern/Lehrer/Gründungskomittees/Schüler anschaut, dann ist es nicht
verwunderlich warum oft die Initiatoren die freie Schule bald verlassen
– oder sich Eltern manchmal scharenweise abwenden – weil eine staatliche
Schule zumindest nicht vorgibt frei zu sein.
Die Kinder aber müssen bleiben, solange sie in der freien Schule sind.
Und das ist für mich Freiheit, wenn ich zu jedem Zeitpunkt entscheiden
kann aus der Tür rauszugehen.
Ich denke man kann um Freiheit keine Mauern ziehen, und es in kein
Konzept hineinzwängen. Aber das ist es, worum jede Schulgründung geht.
Und wenn man sich dann Freiheit -auf möglichen Widerruf- genehmigen
lassen muss, dann war es das. Man bekommt den schlimmsten Sklavenhalter:
sich selbst (frei nach Thoreau).
Vergessen wir nicht: das Wort Schule selbst heißt „freie Zeit“ – da noch
ein freie davorzuhängen zeugt eher vom Bildungsstand der Bevölkerung,
als von dem das die „freie freie Zeit“ wirklich frei ist. Sobald „freie
Schule“ zu einer Phrase wird, die jeder sagt ohne sie wirklich noch mit
„Freiheit“ in Verbindung zu bringen (so wie es mit dem Wort Schule
geschehen ist), werden die ersten kommen und die freie „FreieSchule“
eröffnen. Und dennoch werden Kinder behaupten, sie hätten *nach* der
freien FreieSchule ihre Freizeit (die sie definitionsgemäß ja schon
während der Schule haben müssten) und sie werden auch in „freien
FreieSchulen“ in die Ferien (unterrichtsfreie Tage) gehen.

Ich finde mittlerweile aber auch schon das Wort „freilernen“ seltsam. Es
fühlt sich an als ob man sich selbst verschult (oder verfreilicht 🙂 ) –
wenn mich einer fragt, was ich mache, dann sage ich mittlerweile nicht
mehr, dass ich freilerne, oder Unschooling, Homeschooling,
HomeEducation, LifeLearning, WorldLearning oder was auch immer mache:
Sondern ich fahre an den See, oder wir lesen was vor, schauen uns ein
Video an.

Nach einer Zeit passt man in keine Schublade mehr – egal wie oft „Frei“
draufsteht.

Schule – Nein, Danke?

Ich dachte auch einmal ziemlich gut über die Schule. Sie kommt ja mit großen erwartenden Kinderaugen daher, mit bunten, tollen Schultüten, dem ersten Schultag, den erwartungsfrohen und stolzen Eltern, dem Versprechen der Bildung für alle und der Emanzipation der benachteiligten Schichten, nicht nur im eigenen Land, sondern auch in armen Ländern, kriegsgebeutelten Ländern mit hungernden Kindern. Befreiung von Kinderarbeit und -Armut. Aufklärung für die Massen um den schlimmsten Gefahren von Seuchen und übertragbaren Krankheiten zu entgehen, Chancengleichheit und mehr Freiheit und qualifiziertere Selbstbestimmung. Und all das kommt mit so kleinen Dingen wie Kinder in einer intakten, für sie bestimmten Gemeinschaft aufwachsen zu lassen und ihre Selbstentfaltung so zu ermöglichen – hin und wieder einen Kuchen backen und sich im Elternrat engagieren (und Anerkennung ernten), vielleicht noch die Schulfeier mitzuorganisieren und sich eben einbringen. Die ganzen kleinen Rituale zu ermöglichen und zu fördern, und mit ein Stück glaubhafter machen – so wie es schon die eigenen Eltern gemacht haben und sich noch einmal in der Schule einzubringen, jetzt wo man weiß wie es funktioniert und somit einen größeren Beitrag leisten kann.
Wenn man dann aber tiefer gräbt und ein bisschen unter die Oberfläche sieht, dann verändert sich dieses Bild. Die Schule dient, wie keine andere Institution, dem Klassenerhalt; sie baut ererbte Benachteiligungen zu einem lächerlichen Grad noch weiter aus, ebenso wie Privilegien.  Schule gewöhnt blind und verborgen an Autoritäten und mechanische, industrielle Verfahren von unmenschlicher Natur. Schule ist eine tief nationalistische Veranstaltung. Schule gewöhnt an Gruppendruck und entzieht Eigeninitiative und Kontrolle über das Leben, größtenteils verborgen – durch mehrere Instanzen, die alle den Anschein erwecken, es ginge noch um Beteiligung und Selbstbestimmung. Wo es schon längst um verborgene Enteignung und Akkumulation geht – letztendlich den kompletten Verlust der Freiheit am Ende mit Abschlusszeugnisübergabe.
Schule homogenisiert Kulturen durch Eliminationsverfahren. Sie ist die Fortpflanzungszelle der kleinbürgerlichen Intoleranz, gegen alles was fremd und anders ist – alles was eben keine richtige Antwort auf das Leben ist.
Sie fördert die Idee, dass jedes Mittel den Zweck rechtfertigt, wenn der Zweck nur heilig genug ist.
Schule hält sich nicht deswegen so gut, weil sie alle Versprechen einlöst, sondern weil alle an die Einlösung glauben und niemand sich die Mühe macht die Tonnen an Literatur zu lesen, die das Gegenteil beweisen.
An allen Versprechen einer so fundamentalen und gepriesenen Institution wie der Schule zu zweifeln, hieße an der Gesellschaft selbst zu zweifeln. Hieße dass Vertrauen in die gesamte Gesellschaft auf einmal zu verlieren und gleichzeitig ihr Mißtrauen hervorzurufen. Welches Kind wagt diesen Schritt einfach, ist es doch das größte Outing, dass man machen kann. Betrügt man nicht die eigene Mutter, die einem vor ein paar Jahren am Spielplatz noch das Lied vorsang: Noah,… bald bist Du groß, bald kommst Du in die Schule….
Betrügt man nicht beide Eltern, die sich noch in der zweiten Klasse über die Mathe 1 so sehr gefreut haben, dass Mami sogar mit dem Handy den Papi in der Arbeit dafür gestört hat – und er sich freute, nachdem er die frohe Botschaft erfahren hatte?
Betrügt man nicht Oma und Opa die extra für das Schulfest und die Theateraufführung angereist sind? Oder seine Lieblingstante, die für’s gute Zeugnis immer 50 € gibt? Oder sogar den Metzger, der statt einer Scheibe Gelbwurst zum Zeugnistag eine ganze Wiener spendierte – und die ganze Gesellschaft, die sich immer an den neuesten Schulerfolgen erfreute? Oder haben die Eltern gar Nächte durchgemacht um eine freie Schule für mich zu gründen, Extraschichten durchgearbeitet um mir ein besonders hohes Schulgeld zu zahlen? Wie enttäuscht würden die Mitschüler von einem sein – Leidens- und Freudensgenossen über all die Jahre?
Oder betrügt man sich selbst, wenn man an etwas zweifelt in dem man jahrelang begeistert mitgearbeitet hat und das nur nach und nach ein bisschen anstrengender wurde, das Leben schrittweise von Freizeit in Arbeitszeit umwandelte, der Stoff nur immer ein bisschen weniger verständlicher wurde, die Frage nach dem „Warum soll ich das lernen“ immer stärker bohrte?
Und warum soll man jetzt noch aussteigen, sind es doch nur noch 3, 2 oder 1 Jahr bis alles vorbei ist? Bis man es geschafft hat. Bis alle Versprechen eingelöst werden und man ein anerkanntes, reifes Mitglied der Gesellschaft ist. Jetzt noch die kurze Zeit durchhalten, sonst war alles umsonst – man trägt das  Stigma des Abbrechers. Man hat ja die ersten 6,7,8,9 Jahre auch ohne Probleme geschafft. Das bei einem Pyramidenspiel der Schritt von Stufe 11 nach Stufe 12 unendlich schwerer ist, als der Schritt von Stufe 1 nach Stufe 2 ist einem vielleicht noch klar, dass die Schule ein pyramidenartiges Selektionsverfahren darstellt kann man sich aber nicht vorstellen.

Die Schule ist kein Dogma mehr an dem Tag, an dem man zu ihr genauso einfach „Nein, Danke“ sagen kann, wie zu einer Tafel Schokolade – oder zu jedem Job der für 12 Jahre Arbeit genauso gut bezahlt wird… wie 12 Jahre Schule.