Lily besuchen

In manchen Momenten nehme ich mir Zeit Lily zu besuchen. Heute war so ein Moment. Ich habe alles ausgeblendet und bin dann in Gedanken ganz zu ihr hingegangen. Ich habe die gemeinsamen Augenblicke noch einmal gefühlt… gefühlt wie ich sie in ihrem Weidenkörbchen über den Krankenhaushof getragen habe und ihr die Sonne zeigte. Aber auch Momente, die es nicht gab, aber hätte geben können. Manchmal stelle ich mir vor, wie ich mit ihr an der Hand die Treppen der Arbeit hochlaufe… wir laufen ganz schnell und nehmen immer zwei Stufen auf einmal. Dabei muss man beachten, dass noch nie eines der Kinder in meiner Arbeit war… ich weiß gar nicht ob das erlaubt ist.

In diesen Momenten kommen mir Tränen und ich freue mich irgendwie. Aber es schwingt auch manchmal eine kleine Spitze mit. Eine Anklage, dass ich ihr Vater bin und meiner Pflicht nicht nachgekommen bin. Das ist zwar nicht heftig, aber es geht tief und ich will das nicht ausblenden, denn ich fühle es so und ich denke das ist durchaus legitim. Dann wird ihr Tod zu einem Horrorszenario und das tote Baby wird so echt. Das dauert immer nur kurz und ich „ergebe“ mich total der Anklage.

Heute hat zu mir ein Freund gesagt, dass ich mich davon nicht fertigmachen lassen soll, er meinte, so etwas kann ganz tief gehen und dort wo Lily jetzt ist klagt sie mich nicht an, sondern ist glücklich. Das mag alles sein, und er hat bestimmt recht, dass Selbstvorwürfe sehr schlimm werden können und pathologisch werden können und das alles. Aber es ist der Gedanke der neben all den anderen steht und neben all den anderen „schönen“ Gedanken mit Lily an Lily. Vielleicht ist sie auch da glücklich, wo sie jetzt ist. Ich weiß es nicht. Aber selbst wenn sie an dem schlimmsten Platz wäre, so würde ich nach meinem Tod, wohl dort auch hingehen wollen. Es macht mich nicht fertig, Schmerz und Freude sind einfach nah beieinander. Ivan Illich hatte das schöne Bild, dass in jedem Weizenfeld auch eine Mohnblume wächst – das erste um das Leben zu ermöglichen und das zweite um Schmerzen zu lindern oder sanft in den Tod zu gehen.

Meine kleine Lily, manchmal strecke ich (in Gedanken) meine Hand zu Dir aus. Und ich sage Danke. Ich hätte sie lieber bei mir. Aber das ist nicht so. Und ich sage: Es tut mir Leid – zu ihr. Die Anklage wird leiser werden über die Jahre und die Freude mehr. Da bin ich mir mittlerweile sicher…

Es gibt nach 6 Monaten noch einmal eine „Nachseelsorge“-Möglichkeit. Da scheinen die meisten Eltern – in dieser Situation –  noch einmal richtig zu leiden. Am Anfang habe ich immer darauf gewartet, dass ich richtig zusammenbreche, dass ich es richtig realisiere… ich nannte es den Drachen, der sich hinter der Tür versteckt. Jetzt ist es einen Monat und 2 Tage her… und es geht mir ganz gut damit. Nur der Gedanke, dass sie für immer weg ist fühlt sich an, als ob einem eine Abrißbirne in den Rücken drückt.

Wenn ich an Lily denke sage ich am Ende nicht Ciao, sondern „Bis dann“. Wenn diese Momente dann vorbei sind, lache ich wieder ganz normal … nur mit Tränen in den Augen.

Und dann denke ich auch, warum ich so nicht an meine Kinder denke, die leben. Aber die sehe ich ja auch sehr oft. Das macht mich glücklich und dann bin ich wirklich bei ihnen. Und ich umarme sie gleich doppelt und dreifach und vierfach… denn alles ist so flüchtig und sie sollen wissen, dass ich immer bei ihnen bin, sie liebe und immer für sie da bin. Meine Lektion an der ich arbeite ist, dass ich das was ich habe so sehr schätzen will, wie das was ich verloren habe.

 

Advertisements

2 Kommentare zu “Lily besuchen

  1. Dein letzter Gedanke mit den größeren Geschwistern von Lily ist genau der, den ich so ähnlich auch hatte, als ich vom Tod Eurer kleinsten Tochter gelesen habe. Wenn ich mir vorstelle, eines meiner Kinder müßte sterben oder käme plötzlich nicht mehr nach Hause, das schnürt mir so die Seele zu, dass ich am liebsten schreien würde. Der Gedanke allein ist so unerträglich. Dennoch schaffe ich es im Alltag nicht immer, unser aller Zusammenleben so zu schätzen, dass ich diese Liebe, diese Hingabe und absolute Verbundenheit immer vor Augen habe. Ich versuche es. Aber es gelingt mir nicht. V.a. in den Momenten, wenn das reine Chaos herrscht, wenn alle Krach machen, keiner folgt, niemand der kleinen Racker zuhört, wenn es schöne Momente geben könnte, die aber zerstört werden durch mies gelaunte Kinder…daran arbeite ich. Aber es ist gar nicht so leicht.
    Diese „was wäre wenn“ Situation von Eltern, die ein Kind verloren haben, ist vielleicht auch manchmal so, dass die Vorstellung eines nicht stattfindenden gemeinsamen Zusammenlebens überhöht, beschönigt und verherrlicht wird, einfach weil man diesem fehlenden Kind nur allerbeste Eigenschaften „unterstellt“. Wenn meine Kinder nicht bei mir sind und ich an sie denke, dann mache ich das ja schon, weil ich sie innerhalb kürzester Zeit vermisse 😉
    Es ist sehr traurig, dass Euch ein Leben mit Lily verwehrt bleiben wird. Und es ist einfach so schwer, Deine letzte genannte „Lektion“ auf diesem Wege lernen zu müssen. Mir hilft es, wenn ich Geschichten wie die Eure lese und auch ich versuche dann, das mehr schätzen zu lernen, was ich habe. Ich hoffe, es gelingt Euch besser, als mir…
    Haltet durch, lebt weiter, habt Lily weiterhin in Euren Herzen, sie wird immer bei Euch sein. Euer kleiner Engel, der nur kurz die Welt berührt hat, um ein kleines Leuchten zu hinterlassen.

  2. Hi Steffi… es ist schon sehr komisch. Bei uns gibt es einen Spruch, der heißt, dass es am schönsten ist, wenn der Schmerz nachlässt. Wenn man alles hat, schätzt man es nicht. Wenn man alles verloren hat, dann tut es weh.
    Ich sehe die Kinder zur Zeit auch nicht so oft… ich weiß nicht, ob es daran liegt, oder dass ich gerade die Lektion begreife… auf jeden Fall genieße ich dann die Zeit mit ihnen so sehr. Ich hoffe das bleibt so. Aber ich glaube nach diesem Jahr vergesse ich nie wieder das zu schätzen, was ich habe. Es ist einfach so schnell alles verloren. Das Gefühl, dass alles nur ganz kurz dauert und an mir vorüberzieht, ohne dass ich es irgendwie festhalten könnte ist so stark. Ich bin dadurch aber total nachsichtig den Kindern gegenüber geworden – ich bin ja einfach nur dankbar wenn wir zusammen sind. Und da bleibt nicht viel Zeit/Wille mich über sie zu ärgern. Ich gehe lieber noch einen Schritt mehr auf sie zu.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s