Das Jahr des Phönix

Dieses Jahr hatte so vielversprechend angefangen. Alle finanziellen Probleme hatten sich aufgelöst und bald sollte es noch viel besser werden. Endlich auch die Freiheit von der Schule ….. und nicht nur das, sondern auch noch darüberhinaus eine Gesellschaft in der man komplett akzeptiert wird mit dieser Entscheidung. Die Schulfrei-Treffen waren wunderschön – und die Gemeinschaft, die sich dabei herausbildete und mittlerweile schon 3 Familien umfasst (bald 5) brachte einen nahe zusammen mit Menschen, die sehr verschieden sind, aber an einem zentralen und wichtigen Punkt sehr ähnlich denken und mit denen man die Zeit mit den Kindern schön und sinnvoll verbringen kann, ohne Einsam zu sein. Zudem noch die Neuigkeit mit der Schwangerschaft….

Auch mit meiner Angst machte ich so tolle Fortschritte und die Angst „einfach davonzufliegen“ hatte ich schon fast völlig überwunden und konnte damit mit dem Fahrrad schon übers nächste Dorf hinausfahren… und sogar kleine Zugfahrten klappten.

Dann zerbrach die Beziehung… erst an einer kleinen Sache… die dann so schnell größer wurde, dass keine Zeit mehr blieb um ruhig zu werden, nachzudenken. Bis alles explodierte… und egal wie hart ich an meiner Angst danach trainierte… inklusive Autobahn und Zugfahrt nach München… wie sehr ich mich veränderte… nichts konnte diese Explosion stoppen.

Ich trainierte weit über dem Limit, was man tun sollte. Da mir das Schlimmste in meinem Leben nun passiert war, konnte ich so viel Angst haben wie ich wollte. Todesängsten konnte ich begegnen, mit der Einstellung, dass es ja egal sei, ob ich lebe oder nicht. Und so fing ich irgendwann an, jeden Tag mindestens eine Situation zu suchen, in der ich so viel Angst hatte, dass ich mein Leben loslassen musste und es akzeptieren musste, dass ich sofort umfalle. Einmal fuhr ich bei Hagel mit dem Fahrrad durch die Dunkelheit, über Felder, ohne Handy, ohne alles… ich ließ einfach nur los.

Und so verbrannte ich komplett Asche und entstand jeden Tag neu – wie der Phönix. Und dieser Mut -das innere Feuer in mir- wurde immer größer, und kämpfte die Flut der Angst zurück. Doch jetzt beginnt der Winter. Die Flut kommt immer wieder und wird immer stärker… ich fahre um 20 Uhr von der Arbeit zum Schwimmen und dann um 10 Uhr Nachts vom Schwimmen (ich gehe immer nach der Arbeit schwimmen, damit mein Kopfweh nicht wieder kommt) zum Campingplatz. Dort schlafe ich und am nächsten Morgen geht es weiter.

An manchen Tagen ist meine Psyche zum zerreißen gespannt und ich fühle mich so einsam und verlassen auf der Welt… und die Welt ist so unglaublich groß. Das unendliche, schwarze Meer umspült wieder die kleine blaue Flamme und beide kämpfen – das Meer aus allen meinen alten Ängsten und ich halte einfach aus. Dass nur die Flamme nicht ausgeht und ich wieder zusammenbreche, wie schon einmal. Und jeden Tag brennt die Flamme danach noch. Und das Meer aus allen alten Ängsten, die so wenig Menschen wirklich verstehen können, und das doch so unglaublich viele Menschen konfrontiert – zieht sich zurück und wartet.

Ich bleibe einsam und ich bleibe allein, ich bleibe in der Dunkelheit stehen, das Meer kommt…. ich flüchte nicht, sondern lasse sie einfach gegenüberstehen… das Feuer und das Meer um es herum … und kämpfen.

Und irgendwann war mir dann klar, dieses Jahr darf mir noch alles passieren, Verluste, Demütigungen, …. ich musste jetzt alles akzeptieren, aushalten und daran wachsen. Und in diesem Moment durchfuhr es mich wie ein Blitz: Das schlimmste, was passieren könnte wäre dass Lily stirbt… oder dann, als nächster Gedanke, … jemand anders, der so nah ist.

Das wollte ich alles nicht, lieber keine Selbsterfahrung mehr, lieber wieder zurückkehren und sich irgendwo verkriechen, nicht Hiob sein. Nicht als stärkerer Phönix wiedergeboren werden.

Und dann wurde es Wirklichkeit: Lily starb. Am liebsten wäre ich mit dem nächstbesten Messer auf dieses Teratom losgegangen und hätte es einfach weggeschnitten. Ich wollte nicht aufhören zu kämpfen, auch wenn es aussichtslos war. Und danach verfolgten mich noch die Bilder, wie ich Mummy in den Kreissaal begleite und sie auf einmal wie verrückt Blut verliert -oder etwas anderes-, wie ich zu ihr spreche und sage: Bleib bei mir… und sie immer mehr das Bewußtsein verliert… und sie auch geht… mit Lily… schon wieder. Doch das ist, trotzdem das alles unglaublich schlimm ist – nicht passiert.

Es fühlt sich so seltsam an, so tief und umfassend vernichtet worden zu sein, wie die letzten Jahre und dann noch 2011. Als ich auf Lilies Trauerfeier die Feier anleitete und die Abschiesrede hielt, war ich zwar nervös, aber mir fehlte jede Angst. Ich hatte nur das Gefühl, dass es egal ist was mit mir passiert und wie stark ich noch leide. Als wir dann bei Lilies Incineration waren, akzeptierte ich auch alle möglichen Traumata oder wie ich darunter leiden könnte… da es ja egal ist was mit mir passiert und wie stark ich noch leide. Dieses Jahr, das sich bei mir so stark um Asche, Feuer und Erneuerung drehte… lässt diese -vormals- Bilder so wahr werden.

Mittlerweile weiß ich, dass es mich anders trifft, wenn jemand stirbt. Es ist der Moment, in dem keine Flamme und kein Meer gegeneinander kämpfen. Wo man nicht persönlich wächst … sondern einfach nur leidet und den anderen Menschen dort sucht, wo man ihm in Zukunft finden möchte… da man ihn in diesem Leben verloren hat. Aber auch der Moment, in dem man einfach stark sein muss für die anderen.

Ich kann also weiter leiden… ohne Angst zu haben, dass ich dadurch noch jemanden verliere. Der Tod ist absolut zufällig Leben gekommen…. mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:40.000 und höher.

Und ich kann mich weiter darauf freuen, dass ich irgendwann genug gewachsen bin, um dem Leben zu begegnen wie es jeder andere Mensch auch tut. Vielleicht schon 2012 …………… und dann kann ich mein Versprechen an Lily einlösen, dass sie in jedem schönen Moment in unseren Gedanken, in unseren Herzen und unserem Lachen dabei sein wird.

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von 1000sunny Veröffentlicht in Allgemein

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