Lily ist tot

Lily ist tot. Es ist jetzt eine Woche her.

Das Teratom ist auf einmal unglaublich stark gewachsen und ihr Zustand hat sich stündlich verschlechtert. So dass man den Termin für die Notentbindung sogar noch einmal vorverlegen musste und die Lungenreifung abbrechen musste.

Nach einer Stunde intensiver Pflege und Bemühungen starb sie. Man sagt: “die Hoffnung stirbt zuletzt”, und eine Woche nach ihrem Tod, warte ich immer noch darauf, dass auch die Hoffnung stirbt, dass sie auf einmal lebt. Obwohl ich schon mehrmals im Verabschiedungsraum war und sie berührt habe – ganz kalt.

Am Anfang klang alles so lächerlich – ein Dings am Po. Na und? Das gibt nicht einmal bleibende Schäden… keiner hätte geahnt, dass dieses Ding jemals so ausarten könnte, dass es irgendwann sogar anfängt Blut zu saugen und zu vernichten.

Und jetzt steht man dem Tod gegenüber und muss das eigene Kind bestatten. Und alles was man tun kann ist nur albern. Der Tod ist der Tod. Nichts bringt sie wieder, kein Weinen, kein Schreien, nicht alle Blumen dieser Welt und selbst dann nicht, wenn die Artillerie vorfährt und 1000 Salutschüsse feuert. Alles ist albern gegen den Tod und man steht nur da, mit einem Weidenkörbchen in der Hand und kann der kleinen toten Lily nur sagen, was man alles mit ihr gemacht hätte und dass man ihr die Welt gezeigt hätte, wie den anderen Kindern auch.

Und man kann noch einmal rausgehen, mit ihr in den Armen und ihr die Sonne zeigen und sagen, dass die Welt so ausgesehen hätte und dass sie im Sommer schwimmen gelernt hätte und die Schwimmweste von ihrem kleinen Bruder übernommen hätte und man kann sich nur fragen, was für Besonderheiten und Einzigartigkeiten sie gehabt hätte. Und nie haben wird. Sie ist tot, und diese eine Wahrheit zerstört alle Träume und Hoffnungen, Wünsche und alle gemeinsame Zeit.

Sie ist die Lilie, die eine Stunde geblüht hat, nachdem sie so viel zu kämpfen hatte und deren Schönheit wir heute noch bewundern und die Morgen Asche sein wird. Es ist schön, dass sie bei uns war. So unglaublich viel Trauer es auch brachte, aber sie war da und sie ist für immer unser Kind.

Dieses Jahr war so unglaublich schwer und immer wusste ich, dass ich in 5 Jahren drüber lachen würde, doch das ist nun vorbei. Es gibt nichts auf der Welt, dass diese Wunde jemals so gut verheilen lässt. Nichts was dieses Loch füllt.

Anfang dieses Jahres habe ich so viel über den Tod nachgedacht und an die Tode, denen ich schon beiwohnte. Ich konnte es nicht glauben, dass ein Mensch stirbt und dann geht man aus dem Zimmer und hinaus. Und dort singen die Vögel und die Sonne scheint einem ins Gesicht und das Leben geht weiter – ohne diesen Menschen.

Es ist auch nicht so. Die Vögel singen zwar, die Sonne scheint, die Welt geht weiter und es gibt auch viele Momente, in denen wir schon wieder etwas zu lachen haben. Doch Lily ist noch da und ihr Tod kann jeden Sonnenschein in Weinen verwandeln, jedes Lachen in Weinen verwandeln, und jedes Singen in Weinen. Jedes Erlebnis, dass wir von nun an in unserem Leben haben, würde sie ansonsten miterleben und das bringt so viel Trauer.

Auf dem Gang sehen wir Eltern, die ihre neugeborenen Kinder umherschieben. Die sie in diesen Glasbehältern neben sich haben. Wir hören kleine Kinder schreien und im Supermarkt letztens rief ein Vater seine Tochter: Lily.

——–diesen Abschnitt habe ich während der Trauerfeier ausgelassen (auf Wunsch von Mummy)

Heute war die Bestatterin bei uns und hat uns Fotos von Verzierungen gezeigt. Die Bänder waren das Schlimmste. “Deine Eltern” – ja, wir sind Deine Eltern. Wir waren da um uns um Dich zu sorgen und Dich zu beschützen und wir haben versagt. Ich habe Dein Leiden nicht ernst genommen und niemand hätte es überhaupt gedacht, dass es so schnell so schlimm wird. “Eltern” dieses Wort klingt jetzt so anklagend. Es klingt, als ob sie uns anschreien würde: Wo wart ihr?

——

Und so bleibt uns die Entscheidung ob, wir ihr ein Band mit “Deine Eltern” als Grabbeigabe mitgeben, oder ob wir sie ohne Bänder lassen. So viele Entscheidungen, die noch getroffen werden müssen. Noch bevor wir überhaupt denken können, aber schon nachdem wir unendlich viel trauerten.

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von 1000sunny Veröffentlicht in Allgemein

7 Kommentare zu “Lily ist tot

  1. Jedes Beileid und jedes Wort von mir ist nicht genug für das was ihr durchmachen müsst…Ich wünsche euch von ganzem Herzen alle Kraft der Welt, alle Geduld, alle Hoffnung und jeden Funken Glück den ihr fangen könnt.
    So falsch es klingt aber irgendwann besucht auch Euch hoffentlich wieder das Glück.
    Pass auf dich auch A.

  2. „A person who looses their spouse is called a widow or widower. A child who looses their parent is called an orphan but there is no word for a parent who looses a child, for there is no word to describe the pain.“ Heartbroken for 1000Sunny und die kleine Familie.

  3. Ich sitze hier in Tränen – gerührt und tief bewegt von deinen Worten und eurem Verlust (während ich selbst meine kleine 2Jährige an der Brust habe)… aus meinem tiefsten Herzen sende ich euch mein Mitgefühl und Beileid zum Verlust eurer Lily.
    Franzi

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