Frei, Freier am Freisten

Einer der Pluspunkte für freie Schule vs. Unschooling soll ja sein, dass man dort immer die selben Leute antrifft und sich deswegen besser sozialisieren(tm) kann. Ich sehe das eher als Minuspunkt an.

Das Leben ist einfach nicht so – und spätestens wenn eine Familie
umzieht, man selber umzieht oder das Justizkomittee oder Antragskomittee
jemanden rausschmeißt, dann sind die weg. Das ist dann schon eher wie im
richtigen Leben.
Für mich ist aber „freie Schule“ auch so eine Wortkreation, die total
populär wird. Und ich denke bald heißen alle Schulen „frei“ (sie dienen
ohnehin schon der freien Entfaltung). So wie alle Gefängnisse
Resozialisierungsanstalten heißen oder bald Integrationsparadiese –
vielleicht werden sie auch freie Lernorte und Freigang gibt es ja schon.
Generell ist das Wort „frei“ ja so etwas wie Pfauenfedern mit denen sich
jeder gerne schmückt, aber wenn man sich das Regelwerk, die AGBs, die
Vereinssatzung und das Vereinsrecht mit den Auflagen für die
Genehmigung, den internen Auflagen und pädagogischen Vorstellungen der
Eltern/Lehrer/Gründungskomittees/Schüler anschaut, dann ist es nicht
verwunderlich warum oft die Initiatoren die freie Schule bald verlassen
– oder sich Eltern manchmal scharenweise abwenden – weil eine staatliche
Schule zumindest nicht vorgibt frei zu sein.
Die Kinder aber müssen bleiben, solange sie in der freien Schule sind.
Und das ist für mich Freiheit, wenn ich zu jedem Zeitpunkt entscheiden
kann aus der Tür rauszugehen.
Ich denke man kann um Freiheit keine Mauern ziehen, und es in kein
Konzept hineinzwängen. Aber das ist es, worum jede Schulgründung geht.
Und wenn man sich dann Freiheit -auf möglichen Widerruf- genehmigen
lassen muss, dann war es das. Man bekommt den schlimmsten Sklavenhalter:
sich selbst (frei nach Thoreau).
Vergessen wir nicht: das Wort Schule selbst heißt „freie Zeit“ – da noch
ein freie davorzuhängen zeugt eher vom Bildungsstand der Bevölkerung,
als von dem das die „freie freie Zeit“ wirklich frei ist. Sobald „freie
Schule“ zu einer Phrase wird, die jeder sagt ohne sie wirklich noch mit
„Freiheit“ in Verbindung zu bringen (so wie es mit dem Wort Schule
geschehen ist), werden die ersten kommen und die freie „FreieSchule“
eröffnen. Und dennoch werden Kinder behaupten, sie hätten *nach* der
freien FreieSchule ihre Freizeit (die sie definitionsgemäß ja schon
während der Schule haben müssten) und sie werden auch in „freien
FreieSchulen“ in die Ferien (unterrichtsfreie Tage) gehen.

Ich finde mittlerweile aber auch schon das Wort „freilernen“ seltsam. Es
fühlt sich an als ob man sich selbst verschult (oder verfreilicht 🙂 ) –
wenn mich einer fragt, was ich mache, dann sage ich mittlerweile nicht
mehr, dass ich freilerne, oder Unschooling, Homeschooling,
HomeEducation, LifeLearning, WorldLearning oder was auch immer mache:
Sondern ich fahre an den See, oder wir lesen was vor, schauen uns ein
Video an.

Nach einer Zeit passt man in keine Schublade mehr – egal wie oft „Frei“
draufsteht.

Advertisements

4 Kommentare zu “Frei, Freier am Freisten

  1. Du reduzierst hier eine Thematik auf Begrifflichkeiten, und das auch noch irreführend: Freie Schule heisst nicht maximale Freiheit, sonst würde es so heissen. Da steht auch das Wort Schule, welches du komplett ignorierst, was aber als Hauptwort wesentlich definierender ist als das „frei“ davor. Und darauf fährst du dich fest. Eine freie Schule nennt sich frei, aber da gibts ja doch Regeln, das ist ja damit keine Freiheit und nichts wert. Diese Logik ist böswillig. Das ist so, als ob du das Wort „Süße Mandeln“ auf süß reduzierst, dich aufregst dass süße Mandeln nicht süß sind und das es süßere Dinge auf dieser Welt gibt. Aber es ist im Bezug aufs Hauptwort gemeint. Im Vergleich zu anderen Mandeln sind sie süß. Mehr nicht. Freie Schulen sind im Vergleich zu staatlichen Schulen freier. Mehr nicht. Es bleibt eine Schule. In einer Schule gibt es Regeln. Das weisst du.
    Und dass man um Freiheit keine Mauern ziehen kann klingt schön pathetisch, kühn und edel, aber das ist doch wohl in diesem Zusammenhang nicht dein Ernst? Freie Schulen sind freier als staatliche, das Wort frei gibt es sehr wohl in diesem Kontext und damit ist nicht und war nie absolute Freiheit als Lebenseinstellung gemeint. Auch das ist dir sicher klar. Trotzdem hast du es nötig deine Argumentation auf Begrifflichkeiten zu reduzieren, die du auch noch mutwillig missverständlich verkürzt und fehlinterpretierst und als letztes dann auch noch in eine Schublade mit absoluter Freiheit als Lebensphilosophier vergleichst um daraus dein lautes Fazit zu ziehen. Oha.
    Davon abgesehen bin ich pro an den See fahren und sich was vorlesen. Aber nicht aufgrund solcher Argumente.

  2. Hi Tim,

    ja ich beschäftige mich in dem Post rein mit dem Wort und der Verzerrung von Worten als politisches Spiel der Ideologien. Das wichtigste ist aber, dass das Wort „Schule“ an sich schon „freie Zeit“ bedeutet. Also das Wort „freie“ da noch davor: freie Schule= freie freie Zeit.
    Vielleicht kommt aber bald wirklich die „maximal freie freie Schule“ (also die maximal freie freie freie Zeit).
    Ich glaube aber, dass die meisten Eltern die ihre Kinder in einer „freie Schule“ internieren, dennoch das Wort „frei“ für bare Münze nehmen.
    Das ganze ist ein Etikettenschwindel, aber das ist ja die Grundidee aller Ideologie – und mit dieser Augenwischerei und Sinnverzerrung beschäftige ich mich in dem Post. Es gibt ja auch Schulen in freier Trägerschaft, die sich nicht „frei“ nennen, sondern Katholisches Familienwerk (KFW). Und auch dort drinnen schnallen die Kinder, dass KFW in Wirklichkeit KinderFolterWerk heißt und mit Familienwerk wenig zu tun hat.

  3. Hallo!

    Ich glaube, es kann sehr wohl Schulen geben, in denen die Schüler frei ein und ausgehen können. Wieso nicht? Die lernen sich dann vielleicht Lernzentrum oder Beschäftigungszentrum oder Treffpunkt oder sonstwas.

    LG
    Bettina

  4. Hallo ihr. Hab hier lange nicht mehr gelesen, freu mich aber darüber, dass es euch noch gibt. 🙂

    Meine Kinder besuchen ja auch eine freie aktive Schule, und für eine Schule ist sie toll – absolut toll – alle Schulen sollten so sein.
    Für uns hier in D ist das auch ein guter Kompromiss.
    Trotzdem klagt meine große Tochter, dass sie sich vorkommt wie im Gefängnis, dass sie nicht frei sei, jeden Tag muss sie dorthin – phasenweise ist das so.
    Aber Regelschule wäre eben noch viel schlimmer. 😉

    Freie Schule ist für uns okay. Erstmal. Jetzt in den Sommerferien merke ich, wie schade ich es immernoch finde, dass meine Kinder nicht ganz ohne SChule aufwachsen können.
    Daher haben wir den Entschluss gefasst, in zwei Jahren hier wegzuziehen. (Eher wird es wohl nicht klappen – aber der Plan ist schonmal gut).
    Ich schätze, dass wir uns richtung Belgien orientieren werden. Aber wer weiß? Vielleicht landen wir auch in England? 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s