Schule – Nein, Danke?

Ich dachte auch einmal ziemlich gut über die Schule. Sie kommt ja mit großen erwartenden Kinderaugen daher, mit bunten, tollen Schultüten, dem ersten Schultag, den erwartungsfrohen und stolzen Eltern, dem Versprechen der Bildung für alle und der Emanzipation der benachteiligten Schichten, nicht nur im eigenen Land, sondern auch in armen Ländern, kriegsgebeutelten Ländern mit hungernden Kindern. Befreiung von Kinderarbeit und -Armut. Aufklärung für die Massen um den schlimmsten Gefahren von Seuchen und übertragbaren Krankheiten zu entgehen, Chancengleichheit und mehr Freiheit und qualifiziertere Selbstbestimmung. Und all das kommt mit so kleinen Dingen wie Kinder in einer intakten, für sie bestimmten Gemeinschaft aufwachsen zu lassen und ihre Selbstentfaltung so zu ermöglichen – hin und wieder einen Kuchen backen und sich im Elternrat engagieren (und Anerkennung ernten), vielleicht noch die Schulfeier mitzuorganisieren und sich eben einbringen. Die ganzen kleinen Rituale zu ermöglichen und zu fördern, und mit ein Stück glaubhafter machen – so wie es schon die eigenen Eltern gemacht haben und sich noch einmal in der Schule einzubringen, jetzt wo man weiß wie es funktioniert und somit einen größeren Beitrag leisten kann.
Wenn man dann aber tiefer gräbt und ein bisschen unter die Oberfläche sieht, dann verändert sich dieses Bild. Die Schule dient, wie keine andere Institution, dem Klassenerhalt; sie baut ererbte Benachteiligungen zu einem lächerlichen Grad noch weiter aus, ebenso wie Privilegien.  Schule gewöhnt blind und verborgen an Autoritäten und mechanische, industrielle Verfahren von unmenschlicher Natur. Schule ist eine tief nationalistische Veranstaltung. Schule gewöhnt an Gruppendruck und entzieht Eigeninitiative und Kontrolle über das Leben, größtenteils verborgen – durch mehrere Instanzen, die alle den Anschein erwecken, es ginge noch um Beteiligung und Selbstbestimmung. Wo es schon längst um verborgene Enteignung und Akkumulation geht – letztendlich den kompletten Verlust der Freiheit am Ende mit Abschlusszeugnisübergabe.
Schule homogenisiert Kulturen durch Eliminationsverfahren. Sie ist die Fortpflanzungszelle der kleinbürgerlichen Intoleranz, gegen alles was fremd und anders ist – alles was eben keine richtige Antwort auf das Leben ist.
Sie fördert die Idee, dass jedes Mittel den Zweck rechtfertigt, wenn der Zweck nur heilig genug ist.
Schule hält sich nicht deswegen so gut, weil sie alle Versprechen einlöst, sondern weil alle an die Einlösung glauben und niemand sich die Mühe macht die Tonnen an Literatur zu lesen, die das Gegenteil beweisen.
An allen Versprechen einer so fundamentalen und gepriesenen Institution wie der Schule zu zweifeln, hieße an der Gesellschaft selbst zu zweifeln. Hieße dass Vertrauen in die gesamte Gesellschaft auf einmal zu verlieren und gleichzeitig ihr Mißtrauen hervorzurufen. Welches Kind wagt diesen Schritt einfach, ist es doch das größte Outing, dass man machen kann. Betrügt man nicht die eigene Mutter, die einem vor ein paar Jahren am Spielplatz noch das Lied vorsang: Noah,… bald bist Du groß, bald kommst Du in die Schule….
Betrügt man nicht beide Eltern, die sich noch in der zweiten Klasse über die Mathe 1 so sehr gefreut haben, dass Mami sogar mit dem Handy den Papi in der Arbeit dafür gestört hat – und er sich freute, nachdem er die frohe Botschaft erfahren hatte?
Betrügt man nicht Oma und Opa die extra für das Schulfest und die Theateraufführung angereist sind? Oder seine Lieblingstante, die für’s gute Zeugnis immer 50 € gibt? Oder sogar den Metzger, der statt einer Scheibe Gelbwurst zum Zeugnistag eine ganze Wiener spendierte – und die ganze Gesellschaft, die sich immer an den neuesten Schulerfolgen erfreute? Oder haben die Eltern gar Nächte durchgemacht um eine freie Schule für mich zu gründen, Extraschichten durchgearbeitet um mir ein besonders hohes Schulgeld zu zahlen? Wie enttäuscht würden die Mitschüler von einem sein – Leidens- und Freudensgenossen über all die Jahre?
Oder betrügt man sich selbst, wenn man an etwas zweifelt in dem man jahrelang begeistert mitgearbeitet hat und das nur nach und nach ein bisschen anstrengender wurde, das Leben schrittweise von Freizeit in Arbeitszeit umwandelte, der Stoff nur immer ein bisschen weniger verständlicher wurde, die Frage nach dem „Warum soll ich das lernen“ immer stärker bohrte?
Und warum soll man jetzt noch aussteigen, sind es doch nur noch 3, 2 oder 1 Jahr bis alles vorbei ist? Bis man es geschafft hat. Bis alle Versprechen eingelöst werden und man ein anerkanntes, reifes Mitglied der Gesellschaft ist. Jetzt noch die kurze Zeit durchhalten, sonst war alles umsonst – man trägt das  Stigma des Abbrechers. Man hat ja die ersten 6,7,8,9 Jahre auch ohne Probleme geschafft. Das bei einem Pyramidenspiel der Schritt von Stufe 11 nach Stufe 12 unendlich schwerer ist, als der Schritt von Stufe 1 nach Stufe 2 ist einem vielleicht noch klar, dass die Schule ein pyramidenartiges Selektionsverfahren darstellt kann man sich aber nicht vorstellen.

Die Schule ist kein Dogma mehr an dem Tag, an dem man zu ihr genauso einfach „Nein, Danke“ sagen kann, wie zu einer Tafel Schokolade – oder zu jedem Job der für 12 Jahre Arbeit genauso gut bezahlt wird… wie 12 Jahre Schule.

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2 Kommentare zu “Schule – Nein, Danke?

  1. ich warte auf diesen Tag – an dem man auch als in Deutschland lebende Familie zur Schule „Nein, Danke“ sagen kann. Es wurmt mich untätig zu sitzen und zu warten. Was können wir tun, um diesen Traum real werden zu lassen??

  2. Hi 1000Sunny, die WordPress-Funktion verlinkt automatisch mit einem meiner beiden Blogs, bei dem es sich um eine private Arbeitsgruppe handelt. Ich weiß nicht, wie ich das ändern kann. Da Du und jemand anderes mich anscheinend besuchen wollten, gebe ich hier statt dessen mal den link zu meinem öffentlichen Blog: http://wiebuecherinfremdersprache.wordpress.com
    Ich freue mich über Besuch!
    Katharina

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