Die Geschichte zweier Freunde

Es waren einmal zwei Freunde. Der eine hieß Ivan Illich – der andere hieß (na wie hieß er noch?… hmmm…) er hat Laborschulen in Bielefeld…

Sie wurden ungefähr ein Jahr auseinander geboren und während Illich Priester wurde, wurde der andere Pädagoge.

Zum Spot aller Menschen die Priester gerne als Mittelalterlich und Wissenschaftsfeindlich charakterisieren studierte Ivan alles mögliche und kann (meiner Meinung nach) zurecht als Universalgenie des 20Jhds. bezeichnet werden.

Illich legte sich als Priester mit den Obrigkeiten an und stand deswegen schon mal vor dem Vatikan und wurde mit streng geheimen Fragen gelöchert. Diese Fragen waren so geheim, dass niemals von keinem Kirchenmann jemals darüber in der Öffentlichkeit gesprochen wurden durfte. Ein Grund für Illich, sie sofort nach seinem Verhör zu veröffentlichen.

Er sabotierte auf hohem Niveau die Bemühungen der Kirche Entwicklungsländer zu missionieren. Seine Kritik an der Kirche war so fundamental und gut ausgearbeitet, dass sie (würden die Benedikts und Piuse dieser Welt sie befolgen) die Kirche wahrscheinlich wieder Erfolg hätte – und Sinn. Dafür aber nicht so viel Macht (allerdings mögen Päbste gerne teure Glasautos).

Ivan Illich war einer der schärfsten Kritiker der Zivilisation und insbesondere ihres Initiierungsritus (der Schule, oder schole). Er prägte den Begriff des „Deschooling“ in seinem Buch Deschooling Society. Und war auch einer der intellektuellen Wortgeber der Abschaffung der Schulpflicht in den USA.

In seinem Buch über ein demokratisches Bildungssystem zeichnete er eine Plattform auf, über die Leute ihr Wissen mithilfe von Videos und anschließenden dezentralen Plauderstündchen teilen und vermehren. Wer sich durch meine kurze Beschreibung an Youtube, die OpenEducation-Bewegung, skill-storm.org 5-minutes.com, khan-academy und an OpenStudy erinnert fühlt sollte erst mal das Buch dieses Mannes lesen 🙂 Sein Mittel den Erfolg von Bildungsmaßnahmen im Sinne von Demokratisierung und Nachhaltigkeit zu messen war das von ihm entworfene und geprägte Kriterium der „Konvivialität“.

Ivan Illichs Bücher wurden in unzählige Sprachen übersetzt und oft hielt er auch Reden zu der Bildungsvision von dem ein oder anderem Politiker / Partei / ideologische Strömung. Leider war er nie sehr nett zu den Herrschern und ihren Vorstellungen vom Schulparadies und seine Kritik war so fundiert und belegt, dass den Herrschern nie etwas anderes übrig blieb als sich in Grund und Boden zu schämen.

Die Übersetzung der Bücher wanderten auch nach Deutschland in die Hände deutscher Übersetzer und Vorwortschreiber. Und hier kommt oben besagter Freund ins Spiel, der andere, der mit den Laborschulen in Bielefeld, Professor für Pädagogik. Dieser Andere schrieb dann natürlich auch deutsche Vorwörter in denen er den Deutschen versicherte, dass Ivan eigentlich alles gar nicht so meine. Und die Schule doch eigentlich so super ist (und er gerne eine oder zwei Laborschulen hätte, ansonsten hätte er zu viel Zeit und müsste sich am Ende noch diesen Kritikern oder den Studentenunruhen anschließen) – ja die Schule ist eigentlich super, würde man nur seinem Konzept folgen. Als Sohn von Diplomaten gibt man sich halt diplomatisch.

Die Politik, damals tief verschreckt und verängstigt, schließlich hatte man Angst dass in Deutschland wirklich noch der Muff von 1000 Jahren am Ende doch noch verloren geht. Und am Ende auch die Miefenden und Obermiefer. Die Politik tat nun einen so genialen Schachzug, dass ich finde sie hat den Titel Machthaber wirklich ohne Neid verdient: Sie gab ihm zwei Laborschulen. Und zwar wurden diese Laborschulen an die Uni des milden Vorwortrelativierers und Volksberuhiger angeschlossen und Personal dieser Uni hatte Vorkaufsrecht für ihre Kinder. Schließlich kosten Laborschulen (der Name klingt ja sogar schon teuer).

Es gab also zwei Möglichkeiten, entweder „Der Andere“ versagt – und keine Sau interessiert sich mehr für ihn. Oder er hat Erfolg und man sagt, natürlich dass sind ja eh alles Akademikerkinder (damals glaubte man eh noch, dass Wissen sich über Gene vererbt und nicht durch die 1000 Mechanismen die nach heutigem Wissenstand dafür sorgen, dass die Schule heftiger trennt als das rigideste Kastensystem). Wie dem auch sei der Andere war kaltgestellt und immer wenn es um Bildungsreformen geht, dann darf er zwar einen Beitrag in der ein oder anderen Zeitung schreiben, aber wer glaubt einem der ein ganzes Labor braucht um ein paar Kinder zu erziehen, die schon mit dem Goethe in der Hand geboren wurden und zu lateinischen und altgriechischen Schlaflieder im Sinusrhythmus gewiegt wurden? Keine Sau. Vor allem nicht, wenn das Land auch eine einfache Grundschullehrerin zu bieten hat, die es durch permanente Fortbildung geschafft hat all ihren Kindern in Jahrgangstests Bestnoten zu verschaffen – so etwas wie ein pädagogisches Genie, realt Streetborn anstatt im Labor inkubiert.

Und so hatte der Diplomatensohn seinen diplomatischen Eiertanz verloren, „Deutschlands bedeutendster Reformpädagoge“ war kaltgestellt und hatte zuvor seinen Dienst getan und die radikalen Ideen politische hinreichend abgeschwächt. Seine nächste diplomatische Großtat war dann eine Strategie für seinen Freund zu entwickeln, wie dieser die Missbrauchsvorwürfe an Kindern in der Odenwaldschule aussitzt.

In einem Buch schrieb dieser Diplomatenpädagoge (von dem mir der Name immer noch nicht eingefallen ist – hab ich ihn vielleicht verdrängt?): dass die Ideen seines Freundes Ivan Illich nie richtig bei den Menschen angekommen wären, keine Resonanz gefunden hätten und auch nicht wirklich gangbar waren, weil zu radikal.

Mir wird bei soviel Selbstgefälligkeit immer noch schlecht, hätte er damals den Stachel in die Politik gehauen hätten Ivan Illichs Ideen vielleicht auch in Deutschland bessere Verbreitung gefunden. Ich möchte diesem einen Mann nicht zuviel Verantwortung zuschreiben, aber vielleicht hätte eine kleine Unterstützung aus intellektuellen deutschen Kreisen damals die Schulpflicht zu Fall bringen können.

Was Illich und all die anderen bewirkt haben sehen wir zum einen natürlich an der Deschooling und Unschooling Bewegung, die in den USA und in England abhebt und sogar in Frankreich werden es immer mehr (ich habe letztens sogar einen Rechner für die USA gefunden, in dem man ausrechnen kann, wann die Schulatheisten mehr sind als die Schulgläubigen).

Doch Ivan Illich gewinnt auf allen Ebenen immer mehr Relevanz:

The Future of Learning

Anthony Giddens – Standardwerk für Studenten der Soziologie

Entwicklungshilfe (insbe. Post-Development-Ansätze)

Denken nach Illich (ein Kreis von Professoren, die sich mit seinen Ideen beschäftigen)

(wer was findet, gerne)

Und am Ende der Basis-Relevanz-Vergleich: die Anzahl Sprachen in die der jeweilige Wikipedia-Artikel unserer beiden Freunde übersetzt wurde:

Ivan Illich

Der Andere

Ich freue mich auf menschliche Gemeinschaften der Konvivialität. Auf Bildungssysteme, Transportsystem, Gesundheitssysteme die durch seine Ideen eine menschliche Form gewinnen.

Ah, jetzt weiß ich wieder, wie der andere heißt. Ha… , nein es ist mir wieder entfallen. Egal.

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