Die alte Mittelschicht vs. die neue Mittelschicht

„Man muss lernen auch die Dinge zu tun, die man nicht gerne macht“, so hört man oft Eltern über das aktuelle Schulsystem sagen. Während es andere Eltern gibt, die genau das Gegenteil sagen: „Wenn man das macht, was man gerne mag, dann wird man auch richtig gut – und daher kommt der Erfolg“.

Also die einen setzen Fähigkeiten zur Selbstdisziplin, Unterordnung, Pünktlichkeit und Selbstmotivierung (extrinsische Motivation, injizierte Motivation) als hoch an, während die anderen auf Flow (und die damit verbundene „Unpünktlichkeit“ von Kreativitätsphasen), Partizipation, Gleichberechtigung und Interesse (intrinsische Motivation) setzen.

Dieser Kampf  bildet sich natürlich in allererster Linie im Schulsystem ab, in dem sich immer mehr „freie Schulen“ (LOL) und demokratische Schulen gründen, und immer mehr Eltern sich vom alten Workhouse-System abwenden.

Auf der anderen Seite werden nun die Schichten, die auf die alten Werte angewiesen sind (Disziplin, Hierarchie, Pünktlichkeit) durch die neuen Schulen bedroht. In manchen Berufen/Firmen will man keine Partizipation – dort herrschen noch Herrscher des alten Schlages. Oder die Produktionsverhältnisse sind vertragen gar keine Mitsprache. Da unsere liebe Schule ja mehr dem Schichterhalt und dessen Reproduktion dient, werden die unteren Schichten darauf angewiesen sein, dass das Schulsystem so bleibt, wie es ist.

Sie sind darauf angewiesen, dass Lehrer die Chefs abbilden und die Klassenzimmer Fabrikplätze oder Großraumbüros in denen das Schrillen der Klingel, die Kommunikation des Direktors an die Angestellten ist.

Sie werden noch auf eine zweite Weise bedroht, denn selbst wenn sie noch in den alten Schulen bleiben „dürfen“ und alles lernen, um sich erfolgreich auf die Erwerbsarbeit vorzubereiten, wird durch die Existenz des anderen Paradigmas (der freien, kreativen Schulen) eine unsichtbare Linie in der Hierarchie gezogen, die sie später nicht mehr überschreiten können. Die soziale Mobilität wird nicht mehr bei dem Jahresgehalt von 120.000€ gekappt (also dem Übergang von der oberen Mittelschicht in die untere Oberschicht), sondern schon bei den 40.000 €- Jobs. Das Bildungsparadoxon geht also in die nächste Runde.

Man kann das natürlich auch in die andere Richtung lesen, also dass die freiere Bildung, die vorher nur der Oberschicht zur Verfügung stand nun viel mehr anderen Menschen zur Verfügung steht. In einem weiteren Schritt werden nun viel mehr an die neuen Werte glauben und somit erreicht es dann auch die Unterschicht. ( Dem Mechanismus der Diffusion von Oberschichtswerten nach unten folgend, wie in Norbert Elias beschreibt).

Das ganze führt uns zur fundamentalen Fehlannahme unseres Bildungssystem, aber auch unserer Ideologie die Welt zu verändern.

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von 1000sunny Veröffentlicht in Allgemein

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