Warum alle die Schulpflicht wollen

Ich glaube eher, dass es so ist, wie ich damals in meinem Antrag beschrieben hatte. Jede Gruppe hat ein Interesse daran die Schulpflicht zu behalten. Die Nationalisten wollen sprachliche Assimilation und Leitkulturvermittlung. Die Linken wollen die „alten Ideologien der Elterngeneration“ überkommen und eine neue Welt auf komplett neuen Ideologien schaffen. Die Mittelschicht will die Unterschicht retten und ihnen „gute Werte“ beibringen. Die Oberschicht will dass so früh wie möglich eine unüberbrückbare Hierarchie aufgebaut wird, die möglichst ein Leben lang gilt (Zeugnisse, Uniranking, internationales Ranking, Harvard vs. Community College). Die Unterschicht hofft auf „Rettung von Oben“. Die gerade Eingewanderten wollen sich möglichst gut assimilieren lassen. Die Arbeitgeber in einer industriellen Landschaft wollen möglichst normierte „Human Resources“. Viele haben selbst ihre innerfamiliären Konflikte nicht überwunden und hadern mit ihren eigenen Eltern. „Der Staat“ will dass er alle Individuen auf gemeinsame Werte ausrichtet und somit eine Basis für Loyalität und Grenzen schaffen – auch muss das aktuelle Wertsystem und Allokationssystem (also wer verfügt über welchen Anteil der Produktionsmittel und wer ist nur Produktionsmittel selbst) gerechtfertigt werden. Die Allokation ist praktisch immer geschichtlich (wie hat die jeweilige Familie ihre Sozio-ökonomische-Position erreicht über die Generationen) und teils ideologisch (also warum die, die das Meiste haben, auch die Besten sind) gerechtfertigt und bringt damit eine Menge Verstimmung (also Menschen, die ihren Geburtsstatus ungerechtfertigt finden oder die aktuelle Ideologie nicht teilen) mit sich. Um diesem Dissens entgegenzuwirken bekommt man eben beigebracht, dass das aktuelle System ziemlich in Stein gemeißelt ist (als Gottesgesetz „das war schon immer so“ oder Naturgesetz, kurz „natürlich ist das so“) – kurz Sozialisation. Man kann zwar nie alle Dissenter ausschalten (mit steigender Aufklärung immer schwieriger), aber man kann sie soweit marginalisieren (die kleine Gruppe am Rand, das sind eh nur Spinner) und ihre Gründe als illegitim erklären (verspotten, „der schon wieder“) dass sie in der Bevölkerung keine Rolle spielen und somit die bestehende Allokation hingenommen wird – „weil sie die Beste ist, die wir kennen und andere schon gezeigt haben, dass sie nicht funktionieren“.
Somit könnte man zu jeder Gruppe von Menschen einen separaten Grund für die Schulpflicht anführen – diese Gründe widersprechen sich oft und das ist es warum das Schulsystem so umkämpft ist. Nehmen wir die emanzipierten Frauen, die bestimmt keine Kinder im Büro haben wollen/können. Oder die Statistiker der Arbeitgeberverbände/Regierung/Gewerkschaften, die das Familieneinkommen als notwendiges Minimum nehmen und es das Ziel weniger hoch setzt (und somit erreichbarer/lukrativer), wenn beide arbeiten gehen, anstatt dass einer die Kinder hütet.
Das geniale an der Schule ist, dass jeder einen Grund hat sie zu behalten und einen Konsens auf den sich alle einigen können: Wir müssen sie nur zum Funktionieren bringen, denn so schlecht sie auch ist und so viele Nachteile sie auch hat, sie ist das Beste was wir haben.
Und in unserer Gesellschaft mit den komplett motorisierten Städten, entkräftenden Normierungen ist dieser Schutzraum für Kinder traurigerweise wirklich besser als vieles was draußen so ist. Niemals dürfte ein Kind einen Limonadenstand vor dem Supermarkt aufmachen, außer es ist ein Schulprojekt, usw.
Die Schule ist das tote Pferd auf das alle setzen, weil es das einzige ist, was sie in ihrer „Bildung“ kennengelernt haben. Und somit wird daraus ein Kult, der die Widersprüche(Bildungsparadoxon, Zwang und Gewalt als Grundlage der Bildung und Erziehung der Kinder, Menschen vor Freiheit schützen) und das Unbehagen (meinem Kind geht es schlecht, aber Ritalin ist bestimmt nicht gefährlich, oder?) das er erzeugt vergessen lässt.

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2 Kommentare zu “Warum alle die Schulpflicht wollen

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  2. Nachtrag: Ich spreche oben ausschließlich von Gruppen. In jeder Gruppe gibt es verschiedene Menschen, die sich mit dieser Gruppe identifizieren. Dennoch bestimmt nur ein kleiner Teil der Gruppe ihren Agenda-Kern. So gibt es in der Gruppe der emanzipierten Frauen auch Frauen die gegen die Schulpflicht sind, aber dennoch wird die Bewegung der Emanzipation sich von einer Auflösung der Schulpflicht bedroht sehen.
    Ebenso gibt es auch unter den Nationalisten Menschen die sich gegen eine Schulpflicht stellen würden, vielleicht mit der Idee dass sie ihre Kinder von „den Türken“ fernhalten können, allerdings wird die nationalistische Bewegung für eine Assimilation über Kultur und Sprache, eine Ausweisung und strenge Asylpolitik plädieren und einen inhärenten Arbeitsmarktnachteil durch schlechtere Schulleistungen (durch Unterricht in der Landessprache anstatt der Muttersprache) und somit schlechtere Möglichkeiten in der Gestaltung der Gesellschaft.
    Der Agenda-Kern wird von einer meist recht kleinen Elite geprägt und reagiert auf Notwendigkeiten um die Bewegung so stark wie möglich zu machen um bessere Verhandlungspositionen zu erringen. Dieses kann oftmals auch gegen starke Strömungen aus der eigenen Gruppe geschehen.

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