Üben, Üben, Üben

Seitdem Mummy1000Sunny die Diplomarbeit abgegeben hat üben wir (fast) jeden Tag mit dem Auto.

Die erste Fahrt führte uns in die nahe Ami-siedlung. Ich hatte wirklich ein ungutes Gefühl. Aber nach einer Weile übernahm ich dann sogar das Steuer und fuhr ein bisschen in die hinteren Ecken (*Schauder*).

So eine Fahrt benötigt mehr Konzentration als 20 Stunden programmieren, oder Adorno lesen.

Dann habe ich wieder mit Mummy1000Sunny Platz getauscht und sie ist Richtung Unterhaching gefahren – bis zum Fasanenpark.

Wie dem auch sei, erschöpft kauften wir dann noch im HIT Belohnungen und dann ging es erschöpft und erfreut nach Hause. Belohnungen sind überhaupt das Wichtigste nach so einer Fahrt. Damit kann man sich gut konditionieren.

Für die Fahrten selber treffe ich immer ein paar Vorbereitungen:

  • Bananen enthalten Kalium und stabilisieren damit das Herz, zusätzlich sind sie süß (Glück + Freude) und trotzdem gesund. Dieses ist sehr wichtig, da der Körper durch Angst und die damit verbundene Anspannung sehr erschöpft wird. Chips würden da nur ein schlechtes Gefühl machen.
  • Brot und Wasser – bei Angst wird oft der Mund trocken, oder man bekommt ein Hungergefühl (OGott, ich verhungere und verdurste)
  • Bargeld für Essen – Essen macht glücklich und Glück schwemmt die Angst weg, wie eine Flutwelle
  • Gesellschaft – Je mehr Leute dabei sind, desto besser. Denn auch die Anwesenheit anderer Menschen (so sie denn frei gewählt sind) macht glücklich. Im Extremfall sind sogar unsympathische Menschen besser, als Einsamkeit. Es gibt zwar den Spruch: Besser allein, als in schlechter Gesellschaft. Aber der stimmt nicht, wenn es um Angst geht.
  • Kinder – die Anwesenheit der eigenen Kinder macht auch glücklich (selbst, wenn sie manchmal nerven und laut sind). Die eigenen Kinder schütten im Gehirn Opiate aus, das sind Glücksdrogen, die besonders nützlich gegen Angst sind.
  • Bücher – Bücher und Lesen sind große Glücksbringer
  • Supermärkte und Bibliotheken – wo sind Supermärkte, wo sind Bibliotheken. Das sind Ausruhstationen (ebenfalls Kirchen, in ihnen ist es schön kühl und die Luft ist im Sommer besonders gut atembar). Kirchen haben den Vorteil, dass sie besonders in dünn besiedelten Gebieten häufiger als Supermärkte sind.

Während der Fahrt:

  • Gegessen wird erst in der Angstsituation selber, wenn der „Pegel“ schon einen gewissen Stand erreicht hat. Ißt man zu früh, kann einem schlecht werden, schließlich ist der Körper dann in der „Voraufregung“ und der Magen ist aufgewühlt.
  • Bei der Fahrt habe ich gemerkt, dass ich oft auf eine 2-dimensionale Sicht umschalte. Die perspektivische Sicht, die man von Bildern, Fernsehen und allen anderen Medien kennt, die die 3 Dimensionen der echten Welt auf ein virtuelles 2-D Bild herunterbrechen. Der Unterschied von 2-D auf 3-D ist eklatant. 2-D Bilder erzeugen Tiefe durch eine optische Täuschung, so gehen Wege, Straßen und Flüsse nach oben und werden dünner. Strecken, die nach unten gehen, werden gar nicht dargestellt und man sieht erst wieder den Hochweg. Dies sind aber genau die Dinge, die bei Ängsten bedrohlich wirken. Die Straßen wirken wie ein steiler Aufstieg ins Nichts. In 3-D ist das aber ganz anders. Dort geht die Straße in Wirklichkeit immer gleich breit weiter. Und sie geht geradeaus. Vielleicht sind unsere Hirne schon so sehr daran gewöhnt perspektivisches 2-D und 3-D gleichzusetzen. Aber sie sind einfach nicht gleich. Es ist eine rein kulturelle Idee. Ich versuche also aktiv andauernd auf die 3-D Realität umzuschalten. Dies geht anfangs besonders leicht, indem man seine unmittelbare Umgebung anschaut und wahrnimmt, wie breit und umfangreich doch das kleine Stück Erde ist, auf dem man steht.
  • Berührung – auch Berührungen, wie ein sanftes Streicheln der Wange setzt der Angst einiges an Glück entgegen.
  • Babysteps – bevor die Angst zu stark anschwillt, gilt es umzukehren. Lieber noch mal ein paar hundert Meter zurück und dann einen neuen Versuch, als dass man immer mehr Angst auftürmt, bis es einen erschlägt und man die Gegend als feindlich einstuft (unterbewußt). Wichtig ist, sich Zeit geben. Nichts mit Gewalt brechen, was Sanftheit biegen kann.
  • Verdauen – ganz wichtig ist es zu verdauen. Wenn man seine Angst überwindet, dann ist das eine große bewusste Anstrengung. Diese Anstrengung darf aber nicht auf das Bewusstsein beschränkt bleiben. Es ist hier wichtig auch das Unterbewusstsein „mitzunehmen“. Das bedeutet drüber schlafen, sich mit anderen Dingen zu beschäftigen usw.
  • Verdauen und Babysteps zusammenarbeiten lassen. Wenn man an einer Stelle nicht weitermachen will, so sollte man hier nicht sagen, dass man so viel Angst hat, dass man es sein lässt. Dieses ist ein Vermeidungsverhalten und gibt der Angst eine Macht, die sie nicht hat. Wenn man an so eine Stelle kommt, dann ist das wirklich in Ordnung. Ich sage dann: „Das mache ich heute nicht mehr, das kommt morgen dran“.
  • Den Super-Modus benützen. Wenn man einiges erreicht hat (vielleicht an eine neue Stelle gekommen ist, oder ein Stück überwunden hat), dann ist man oft sehr glücklich. Und dieses Glück soll man ausnützen. Die Rückfahrt bin ich meistens sehr, sehr entspannt und wenn wir auf der Hinfahrt stadtauswärts, hinaus aufs Land fahren, so fahren wir dann auf der Rückfahrt, vorbei am zu Hause, noch viel weiter in Richtung Stadtmitte. Je stärker der Leidensdruck der Angststörung war, desto größer ist die Erleichterung nun so viel zu schaffen. Wieder so viel Freiheit zu haben. Dieses Glück gibt einen Kraftschub, den man unbedingt ausnützen sollte.
  • Am Ende sollte man sich auf jeden Fall belohnen. Man hat seinen Kreis in zwei Richtungen erweitert. Stadtauswärts und Stadteinwärts (und vielleicht bald darüber hinaus zum anderen Stadtende). Dieses ist es Wert, dass man es feiert. Jetzt kann man auch Junk-Food springen lassen, der Rest des Tages ist zum Genießen da.
  • Ausruhen – Angst überwältigen benötigt sehr viel Kraft. Sowohl Geist als auch Körper werden unglaublich beansprucht (und trainiert). Man sollte auf jeden Fall das Ausruhen nicht zu kurz kommen lassen. Ein freier Tag hier und da sind unabdingbar und lassen das Unterbewusstsein aufholen. Auch auf den Übungsstraßen sollte man sich hier kleine Oasen suchen und es dann genießen dort Zeit zu verbringen.
  • Feinarbeit – es gibt immer kleine Stellen, die besonders stark mit Angst assoziiert werden. Bei mir sind das weit offene Feldwege. Ich habe dort die Angst einfach wegzufliegen oder von der Erde geschleudert zu werden. Bei diesen Wegen steige ich dann oft einfach mal aus und gehe dort ein Stück. Je öfter man in eine Situation geht, desto gewöhnlicher wird sie. Die Angst sinkt immer weiter herab und irgendwann ist sie gelöscht.
  • Rückfälle – Rückfälle gehören dazu. Sie machen mehr Angst als die eigentliche Bekämpfung der Angst. Schließlich hat alles einmal damit angefangen, dass der Wirkungskreis kleiner wurde. Rückfälle sind genau das: Der Wirkungskreis wird wieder kleiner. Dieses muss einen aber nicht entmutigen, denn selbst wenn er kleiner wird. Dieses mal ist man voll bewaffnet, vorgewarnt und kennt das Terrain. Rückschritte gehören zu jedem Tanz dazu. Auch hier gibt es ein schönes Sprichwort: Pass auf den Gegner auf, der nachgibt, er könnte nur ausholen um dir in den Rücken zu fallen. Man muss immer daran denken, die Angst hatte über Jahre, oft Jahrzehnte, Zeit ihre Macht voll zu entfalten und dann kam noch eine kleiner Schicksalsschlag der ihr zur Machtübernahme verhalf. Ein Rückfall ist meistens eher ein Entdecken einer kleinen Ablegerangst, die sich im Schatten der großen Angst ausgebreitet hat. Diese ist nun aufgespürt und ihr kann ebenfalls aktiv und bewusst begegnet werden.
  • Narrative – Narrative bedeutet eine Erzählung zu finden. Dieses ist nicht irgendeine Phantasiegeschichte, sondern es geht darum aufzuspüren, warum sich in der Vergangenheit die Ängste gebildet haben. War mir an einem Tag schlecht und mein schwacher Körper hat die gefühlte Hilflosigkeit auf die Umgebung übertragen? War mir schwindelig und es war heiß und ich habe den Schwindel auf die Umgebung übertragen anstatt sie der Hitze oder den Ozonwerten zuzuschreiben? Ereignete sich ein Schicksalsschlag und meine geschwächte Psyche konnte sich nicht auch noch zusätzlich gegen den Autolärm der Stadt wehren? War es sehr heiß und ich habe gefroren als ich in die U-Bahn hinunterging, nicht weil ich mich schwach und ängstlich in der U-Bahn fühle, sondern weil ich luftig gekleidet war und U-Bahntunnel nun mal kühl sind?
  • Hier und Jetzt – In der Gestalttherapie gibt es eine Übung, die sich mit dem Hier und Jetzt beschäftigt. Angst veranlasst einen die Welt nicht so zu sehen, wie sie ist, sondern man bekommt ein Zerrbild. Dieses ist präverbal. Man kann also nicht zu sich sagen: „Schau mal die Straße ist nicht wirklich 10.000 Kilometer lang und führt durch heißes Gebiet, sondern sie geht 20 Meter durch eine schattige Baumalle“ – dieses bringt nichts, da man es einfach anders *sieht*. Ich denke das ist evolutionär zu erklären, wollte der Körper, dass eine mögliche Gefahrenstelle verlassen wird, so hat er diese als besonders bedrohlich wahrgenommen. Dabei wollte er keinen Diskurs über die Mut und Gefahr beginnen, sondern einfach nur weg. Deswegen verzerrt sich die Wahrnehmung und die Situation wird unendlich mehr gefährlich *wahr*genommen, als sie ist. Hier gibt es eine Übung, dass man sich außerhalb von Gefahrensituationen klarmacht, was man eigentlich sieht und spürt – und zwar genau in diesem Moment und genau an diesem Ort. Man sagt also: „Im Hier und Jetzt sehe ich ein Auto, … Im Hier und Jetzt höre ich einen Vogel,… Im Hier und Jetzt sehe ich ein Auto“ (diese Übung kann anfangs ziemlich langweilig ausfallen, besonders in der Stadt). Doch diese Punkte, an denen man anfängt Langeweile zu verspüren oder man die Übung aus irgendeinem Grund abbrechen will, das sind die Widerstandspunkte, die es zu erforschen gilt. Mit dauernder Übung fängt man an immer mehr in das Hier und Jetzt zu gelangen und klarer zu sehen. Man kommt in einen stärkeren Kontakt mit der Umwelt und verliert sich nicht mehr so leicht und stark in seinen Gedanken. Je mehr man dies übt, desto weniger hilflos ist man der Machtübernahme durch die Angst ausgesetzt.
  • Eine andere wichtige Übung ist es, im Geist die Stellen des Tages noch einmal zu besuchen. Am Anfang sollte man hier üben angstfreie, oder sogar angenehme Situation sich wieder ins Gedächtnis zu rufen. Es geht nicht darum sich mit Gewalt so gut wie möglich zu erinnern. Sondern es geht darum locker und ungezwungen sein eidetisches Gedächtnis (photographisches Gedächtnis) wieder zu aktivieren. Das eidetische Gedächtnis haben alle Menschen als Kind und es wird später abtrainer, bzw einfach nicht beachtet und verkümmert. Dennoch kann man sich oftmals an bestimmte Sachen szenisch erinnern. Oft auch aus der Kindheit. Dieses gilt auch für Gerüche, Geschmack oder Geräusche. Dieses Gedächtnis kann man wieder trainieren, indem man sich frei und ohne Druck in Szenen begibt und diese wiederholt besucht. Es geht nicht darum die ganze Szene zu durchleben oder Perfektion anzustreben, sondern nur darum, sie immer wieder zu besuchen. Ist das eidetische Gedächtnis erst einmal wieder funktionsfähig (egal wie unperfekt), so kann man es benützen um im Geist bestimmte Orte noch einmal zu besuchen. Auch diese Übung ist aus der Gestalttherapie.
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