Erziehung, Bildung und Interesse

Wenn man sich die aktuellen Diskussionen um Bildungsreformen anschaut, dann wird einem schnell klar, dass es hier nur um einen Strukturstreit geht.

Was überhaupt Bildung ist, das kommt gar nicht zur Debatte. Natürlich gibt es ein paar Huldigungsschreiben über Bildung, die versuchen genau zu umreißen welches Wissen Bildung ist und welches nicht, aber die Idee Bildung mal komplett zu hinterfragen, das fällt niemandem ein.

Und deswegen muss ich das wohl wieder machen 🙂

Ich sehe Bildung als etwas stets Fremdes. Jeder macht sich seine Gedanken über Bildung und wie man diese am besten in den nächsten reinbekommt. Wie man in qualifiziert und sog. Funktionswissen (also dass er braucht um in der Arbeitswelt/politischen Welt zu funktionieren) in den Menschen reinbringt.

Meiner Meinung nach geht es aber gar nicht darum. Bildung ist eigentlich schon ein Wort, dass der Sklavenhalter benützt um das meiste aus seinen Sklaven herauszuholen. Natürlich muss er sie dafür bilden! Wie sollten sie auch sonst seine Befehle in angemessener Qualität ausführen können? Bildung ist also etwas das zur Arbeit qualifiziert.

Erziehung stößt in das selbe Horn. Auch diese ist jeder Sklavenhalter bereit seinen Untergebenen zukommen zu lassen. Erziehung bedeutet immerhin zu erklären, warum der eine Sklavenhalter und der andere nur Sklave ist. Warum der eine dient und der andere befiehlt. Warum die Vorstellungen des einen verwirklicht werden und der andere dafür Steine/Bits schleppt/programmiert. Erziehung ist das Gefügigmachen des Sklaven während Bildung das Veredeln desselben ist. Natürlich braucht ein vollwertiger Sklave beides, Bildung und Erziehung – verabreicht nach den Vorstellungen des Sklavenhalters. Nur so kann man den Nutzen maximieren. Das haben mittlerweile auch alle Nationen eingesehen, und so gibt es überall Bildung und Erziehung in Staatshand – selbst in despotischen Ländern (welch unglaublicher Fortschritt!).

Deswegen ist ja auch der Lieblingsspruch aller Peitschenschwinger und Despoten: „Bildung muss auf das Leben vorbereiten“. Aber schon vor 200 Jahren wurde die Frage gestellt: „Auf welches? Auf ein Leben, dessen Bedingungen ihr diktiert?“

Und die Antwort lautete und lautet immer noch: „Nein Danke!“ Bildung muss das natürlich alles tun. Aber wir brauchen etwas anderes. Wir sind Menschen und wir wollen zu uns selbst finden und uns selber „perfektionieren“. Selbstwirksam sein und uns auch selbst verwirklichen. Und hier kommt ein anderer mächtiger Begriff in den Raum. Ein Begriff bei dem, wie ich zu behaupten wage, Bildung und Erziehung verblassen und sich in ihre düsteren Kloaken zurückziehen, aus denen sie entstiegen sind. Ein Begriff, der die Vampirzähne und Werwolfsklauen aller Bildner und Erzieher stutzt und sie empört zu Staub zerfallen lässt. Denn im Angesicht der Sonne, was kann da jemand bewirken, dessen Ziel es ist die Gehirne einzufrieren?

Dieser Begriff ist das „Interesse“. Das Interesse ist die echte Tätigkeit, der wahre Zustand des denkenden Menschen, inter(zwischen) esse(sein). Man sieht ganz deutlich, dass es mal eine Tätigkeit war, die von Menschen ausgeführt wurde. Es wurde sogar konjugiert: interest (engl), interesse (deutsch). Und so suchen wir heute immer noch unser Inter-esse zu finden, die eine Tätigkeit, die unser Hobby(in dem wir uns die Tätigkeiten selbst aussuchen) zum Beruf(in dem uns ein anderer alles vorschreibt) zu machen.

Eigenes Interesse hat heutzutage einen negativen Beiklang. Es weist auf etwas unsoziales hin. Egoistisch, nicht im „Interesse“ der Allgemeinheit und wahrscheinlich auch keiner „Interessens“gruppe zuzuordnen. Ja, das Interesse und das Hobby, diese beiden „eigenen“ Sachen würden in jeder Gesellschaft, die von Sklavenhaltern betrieben wird, in die Ecke „Unquack“ gestellt werden. Sie sind schlecht. Und man muss auch gar nicht darüber reden, dass das Folgen eigener Interessen (so konsequent zu Ende gedacht) zu nichts anderem als dem Niedergang der Gesellschaft führen würde. Was in einer Sklavenhaltergesellschaft ja auch logisch ist, denn diese lebt ja davon anderen ihre Fremdbeschäftigung als Eigentätigkeit zu verklären.

Wenn mich also jemand fragt, ob ich Bildung habe, dann müsste ich ehrlicherweise antworten: „Das hatte ich mal, war keine schöne Zeit. Mittlerweile habe ich Interessen“.

Aber was sollte ein Sklave mit so einer Antwort anfangen? Er muss den Kopf schütteln und sich abwenden. Sollte er sich damit beschäftigen läuft er Gefahr dysfunktional zu werden, und sollte er dann keine Therapeuten aufsuchen, die ihn wieder auf den „richtigen“ Weg bringen dann läuft er Gefahr sich endgültig zu emanzipieren und auch Interessen zu entwickeln, die er dann verfolgt und sich selbst verwirklicht. Aber das hieße von der Leiter runterzuspringen, auf die man so mühsam geklettert ist und die Privilegien und Sicherheit gewährt, die man sich über Jahre erringen musste. Solch ein Mensch wäre unnütz für die Gesellschaft und müsste sich parasitär ernähren. Die schlimmste Gefahr für einen Menschen in einer Gesellschaft von Sklaven und Sklavenhaltern ist es, dass er frei würde. Denn alle Wörter würden für ihn zu billigen Floskeln und Ideologien und umgekehrt würden sie ihn nicht mehr verstehen. Die Interaktion mit seinen Mitmenschen wäre unmöglich und jeder Erfolg wäre verwehrt.

Gottseidank haben auch die Sklavenhalter ein Einsehen und Nischen für freie Menschen geschaffen, in denen sie sich verwirklichen können und ihre Interessen verfolgen können. Immer natürlich mit dem schalen Nachgeschmack, dass sie nicht mehr wirklich frei sind und ihre Aktivität jederzeit durch verschieden viel Bürokratie zum erliegen gebracht werden kann. Denn echte Freiheit kann es nicht geben, und Interessen von freien Menschen müssen auch nützlich für die Sklavenhalter sein – und dieses muss auch dauernd gerechtfertigt werden, wenn es nicht offensichtlich ist. Denn was wäre sonst der Nutzen von diesen freien Menschen, bei denen das Interesse und die Anforderung glücklicherweise zusammentrifft? Keiner!

Diese freien Menschen kommen immer irgendwann an einen Punkt an dem sie ihre Fesseln bemerken. Nämlich der Moment in dem sich ihre Interessen verändern. Dann müssten nämlich auch sie erkennen, dass es nur der Zufall war, der ihre Interessen und die Anforderungen der Sklavenhalter vereinigte und dass es auch der Zufall ist, der sie von den Anforderungen der Sklavenhalter trennen kann. Wollten sie ihren neuen Interessen folgen müssten sie nämlich von ihrer Leitersprosse herunterspringen und noch einmal von vorne anfangen.

Die Begriffe Erziehung und Bildung können erst fallen, wenn sich die Arbeitswelt (besser Produktionswelt) so verändert, dass sie Freiheit zulässt. Dass die Interessen des Menschen zuerst kommen. Wie so eine Gesellschaft aussehen kann und wie produktiv und organisiert sie sein kann, das haben die OpenSource-Projekte gezeigt. Diese haben in kurzer Zeit „Traditionsunternehmen“ eingeholt und oft sogar vernichtet. Auf der Tradition andere Menschen zu unterjochen kann eben nichts besseres wachsen, als aus der Arbeit echt freier Menschen.

Die Idee, dass ein paar Menschen (die wissen, wie man alles am besten macht) Milliarden von anderen Menschen befehlen, was sie zu tun haben (da diese ja nicht wissen, wie man etwas richtig macht, oder was überhaupt das „Richtige“ ist) – diese Idee ist ein Humbug der von der Legende einer Gruppe von „auserwählten“ Menschen ausgeht. Diese Auserwählten sind aber zutiefst in unserer Geschichte und unserer Kultur verankert und wir zelebrieren sie. Bei Fußballfesten, WM’s, Verkaufszahlenhitparaden. Ja manchmal gehen wir sogar selber los und erwählen diese Gruppe.

Wie peinlich. Aber so handelt nun mal der gebildete Mensch. Gegen seine eigene Interessen, streng nach seiner Erziehung.

Also lasst uns die Lehrpläne ausmisten, neue Medien besorgen und freien Unterricht einführen (am besten in einem modularen Kurssystem) – damit bald jeder die Gleiche Chance hat weiter oben auf der Leiter zu sein und vielleicht sogar auch Sklavenhalter werden zu dürfen.

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von 1000sunny Veröffentlicht in Allgemein

4 Kommentare zu “Erziehung, Bildung und Interesse

  1. Kennst Du diesen Beitrag:

    Nach dem Abi husch-husch an die Uni, dann ruckzuck in den Job? Das Wettrennen in Richtung Arbeitsmarkt muss nicht sein – junge Dänen machen vor, wie man sich klug die ganz große Pause gönnt. Das verblüffend einfache Credo ihrer Lebensschulen: Jetzt lernen wir mal für uns. Und niemanden sonst.

    Mehr dazu unter: Bildung à la Dänemark

  2. „Wie so eine Gesellschaft aussehen kann und wie produktiv und organisiert sie sein kann, das haben die OpenSource-Projekte gezeigt. Diese haben in kurzer Zeit „Traditionsunternehmen“ eingeholt und oft sogar vernichtet.“

    In welchen OpenSource-Projekten bist du so aktiv? In denen, die ich so eher langläufig kenne, ist auch vieles recht „normal“. Diejenigen, die seit Jahren nachhaltig arbeiten, verfügen über einen sehr klaren „produktionsorientierten Bereich“ – bei Google z.B. musst du was wissen und können, sonst ist es aus mit der netten Arbeitsumgebung – , viele sind gestorben, weil die Nutzer die „produktionsnotwendigen Mittel“ mit dem Verweis auf „kapitalistische Umtriebe“ verweigern und viele weitere werden daher noch sterben. Mit Romantik hat das oft recht wenig zu tun. Ein bisschen mehr Fairness vielleicht – nichts andere ist GPL – aber immer noch Menschen.

    „Also lasst uns die Lehrpläne ausmisten, neue Medien besorgen und freien Unterricht einführen (am besten in einem modularen Kurssystem) – damit bald jeder die Gleiche Chance hat weiter oben auf der Leiter zu sein und vielleicht sogar auch Sklavenhalter werden zu dürfen.“

    Ironie, oder? Ohne Sklavenhalter wäre es doch auch ganz nett, aber dann müsste ja jeder Verantwortung tragen…

    Gruß,

    Maik

  3. @Andrea
    Danke für den Link. Ja die haben etwas halb begriffen. Endlich mal für sich lernen – oder einfach nur Leben und sich frei entfalten. Wichtigste Voraussetzung ist das Fehlen jeglicher Zertifizierung und Zeugnisse. Aber die Politik strebt eher in die andere Richtung. Kinder sind schließlich unser einziger Rohstoff: Also investieren und ausbeuten.

  4. @Maik
    Mir geht es auch nicht um Romantik oder Idealismus. Mir geht es darum, dass wir nach einer effizienteren Methode der Produktion schauen, die besser als industrielle Produktion/Bürokratie funktioniert. Und ich denke wir haben in der Art der Open-Source-Produktion einen Ideengeber gefunden. Auch das Semco-Modell (Ricardo Semmler) weist hier in die Zukunft.
    (die andere Frage war ja etwas persönlich (bin ja pseudo-anonym), aber die meisten Projekte an denen ich mitgearbeitet habe sind unter der LGPL-Lizenz)

    Das letzte war natürlich Ironie (oder Sarkasmus?). Mich nerven einfach die ganzen Schulrenovierer, die neue Medien kaufen wollen, oder diese oder jene Freiheit erlauben wollen. Solange man Freiheiten erlaubt bekommen muss ist man gefangen. Und solange sich nicht grundlegende Dinge an der Schule ändern ist sie ein Gefängnis.

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