Die geschichtliche Rolle der Piratenpartei

Am Sonntag waren Wahlen in NRW – die Piraten schnitten dabei sehr schlecht ab und nun gibt es Schuldzuweisungen und Ratlosigkeit in der Partei. Jeder benützt das Ergebnis um darauf hinzuweisen, dass man nicht auf ihn gehört hat und dass es deswegen so schlecht war. Andere verlassen die Partei und wieder andere zweifeln daran, dass sie mehr als eine Modeerscheinung ist.

Alltagspolitik wie gehabt.

Ich glaube die Frage ob die Piratenpartei eine Modeerscheinung, ein Sommermärchen oder etwas ähnliches ist entscheidet aber nicht die einzelne Entscheidung in der Politik. Die Mechanismen welche Partei gebraucht wird (vorausgesetzt man nimmt an, dass man Parteien überhaupt bräuchte) sind viel tiefer und die Selektion findet auf einer geschichtlichen Ebene statt – und auf diese will ich nun den Blick richten.

Die Piratenpartei hat ihre „Kernthemen“ Patente, Monopole, Bürgerrechte – alles ganz wichtige Themen – aber alles Themen die die alten Parteien mehr oder weniger problemlos aufgreifen können, wenn sie populär sind und nicht zu starke Eigeninteressen entgegen stehen (wobei hier Einzelstimmen vernachlässigt werden können, sondern nur geteilte Eigeninteressen zählen, sozusagen Klassenweite-Eigeninteressen).

Die Piratenpartei steht aber noch für etwas anderes (oder will für etwas anderes stehen) – und dies ist geschichtlich relevant. Sie steht dafür die Entscheidungen und Lösungsfindungen auf noch mehr Menschen zu verteilen. Und hier sehe ich einen Berührungspunkt mit der geschichtlichen Entwicklung. Immer wenn sich Zentralisierung vollzog, vollzog sich auch eine Gegenreaktion, die versuchte der neuen Machtlosigkeit des Einzelnen Herr zu werden. Immer wenn alle Macht auf einen Punkt konzentriert wurde und sich dabei lokale Machtvakuen bildeten, bildete sich dort auch der Wille zur Selbstbestimmung.

Und ich denke allein das entscheidet über das Weiterbestehen der Piratenpartei. Vielleicht wird die Partei erst einmal schrumpfen. Vielleicht bleiben nur noch Kollektivisten zurück, oder vielleicht bleiben auch die, die für eine strikte Ordnungspolitik stehen. Was immer die Piratenpartei auch für eine ideologische Richtung annimmt, so könnte diese Partei eine Mitmach-Alternative der analogen Partei der vordigitalen Zeit werden.

Es könnte also dazu kommen, dass aus der Piratenpartei die CDU2.0, die SPD2.0, Grüne2.0, FDP2.0 – oder die Linke2.0 . Das sind die aktuellen Denkmuster und es ist unwahrscheinlich dass ein Ausbruch gelingt. Aufgrund dieser Denkmuster werden die aktuellen politischen Fragen in den Medien bearbeitet und nach diesen Fragen funktionieren die Wahl-O-Maten. Was für einen Ausbruch aus diesen Denkmustern nötig wäre kann ich hier nicht bearbeiten.

Die Geschichte der Menschen hat einen starken Trend zur Zentralisierung, dieser ist zur Zeit in Europa ungebrochen. Dies ist der ideale Nährboden für Mitmachlösungen und sie können der Demokratie eine neue Dimension geben. Es ist praktisch irrelevant, ob die Piratenpartei als solche Erfolg hat, sondern es ist relevant wie eine Konsensfindung entstehen kann, die mehr Menschen miteinbezieht. Ob die Piratenpartei das ist, ob sich im Internet an zentralen Knoten politische Polarisationen finden, die dann Einfluss nehmen – oder irgendeine andere Lösung – wissen wir noch nicht .

Das Modell der Mitmachpartei ist auf jeden Fall eine Antwort auf stets dieselbe historische Frage: Wie können wir uns gerechter organisieren? Es ist ein Modell aus dessen Erfolgen und Fehlern wir lernen können und ich denke es ist ein Modell, dass eine wichtige historische Rolle spielt – vielleicht auch nur in dem sie zeigt, welche Schwächen das Parteiensystem an sich hat.

PS: Für mich persönlich habe ich unglaublich viel gelernt in der Zeit, in der ich bis jetzt dort teilnahm. Die kontinuierliche Auseinandersetzung mit so vielen verschiedenen Menschen, ist jedem Sozialkundeunterricht überlegen. So viel ist klar. Für eine echte, dauerhafte Beteiligung müssen aber bequemere Wege gefunden werden, so wie es jetzt läuft kann ich die Menschen die alle aus Frustration von Bord gegangen sind gar nicht mehr zählen.

Advertisements

4 Kommentare zu “Die geschichtliche Rolle der Piratenpartei

  1. Auch wikipedia als ‚MitMachModell2.0‘ ist schnell an seine Grenzen der Offenheit und Toleranz gestoßen. Ich denke, das ist übrall so, wo Menschen die Chance auf einen Hauch von Macht verspüren, wo es Trittbrettfahrer und Zerstörungswillige gibt. Echte Demokratie ist eben nie bequem. Will man es bequem haben müssen Regularien her. Und da beißt sich dann die Katze wieder in den Schwanz…

  2. Ich denke, die Lösungen kommen eben nicht von Parteien und das wissen die Leute auch.
    Dennoch werden den Parteien immer wieder gewisse Einflüsse und Handlungsspielräume zugeordnet.

    Ich möchte hier jetzt gar nicht damit anfangen, daß die „Bundesrepublik“ nicht mal eine Verfassung hat und somit kein „echter“ Staat ist…
    Das ist wieder ne andere Diskussion…

    Aber ich denke, gerade im heutigen Internet-Zeitalter gibt es noch viel mehr Möglichkeiten, sich auszudrücken, Menschen zusammen zu bringen, die Welt zu verändern.

    Denkt nur an Blogs, Foren, Videoseiten usw.
    Vor allem brauchen wir Menschen, die sich (im kleinen und großem) Rahmen einsetzen. Für die Familie, für die Kinder, für die Zukunft…

    Auf der anderen Seite wird immer deutlicher, z.B. durch die Wahlbeteiligung, daß eben die Parteien wenig Unterstützung beim Volk haben, bzw. es wird ihnen nicht mehr alles geglaubt.
    Aber wenn Gesetze oder Verordnungen geändert oder neu eingeführt werden, regt man sich vielleicht auf, aber möchte nicht selbst was ändern…

    M.M. nach hat die Piratenpartei schon gezeigt, daß Veränderungen in unserer Gesellschaft gewollt sind.
    Nur trauen sich noch nicht viele, dies auch zuzugeben.
    Na, und wenn dann einige Themen die Leute weniger interessiert und die Partei auch wieder eben „nur“ ne Partei ist, wirds uninteressanter, sag ich mal.

    Schaut euch doch mal die Geschichte von den Grünen an.
    Am Anfang liefen die mit T-Sihrts und Jeans und vielleicht noch so Wollpullis oder so im Reichstag rum und waren echte Alternative. Was ist mit denen denn heute? Ne ganz normale Partei. Mit Parteiengerungel, (sinnlosen) Diskussionen, Streitereien um Ämter oder Kleinigkeiten usw.

    Das heißt, die Zeit ist mehr als reif für Veränderungen, auch in der „Regierung“.

    Ich denke da auch an die Willi-Weise-Bewegung, Demokratische Bürgerbewegung, Freie Bürgerbewegung und andere, die sich bilden und was unternehmen.
    Da gabs mal den Spruch von so ner Seifenoper:

    „Es wird viel passiern …“
    darauf freue ich mich ….

  3. @sevenjobs
    Das mit den Regularien wird aktuell versucht. Bis jetzt haben sich dadurch die Fronten eher verschärft, statt inhaltlich zu streiten, streitet man nun über die Regularien. Die Fronten verlaufen aber immer noch zwischen denselben Leuten.

    @Claus
    Ja, ich denke auch dass sich viel verändern wird. Der zeitliche Zusammenfall der europäischen Zentralisierung, die daraus entstehenden Vakuen und die Echtzeit-Verbindung durch das Internet ermöglichen alles, bis zu Revolutionen.
    Der Staat hat die sozialen Netzwerke zerstört und sich an deren Stelle gesetzt, dieses soziale Monopol ist nun gefährdet. Absolut spannend.

  4. Wie gesagt:

    „Politik bei den Piraten ist Politik zum Mitmachen.
    Piraten in der Regierung ist Staat zum Mitmachen.“

    … und das macht uns keine der großen Parteien nach.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s