Die Geschichte vom alten Athmen

Vor langer langer Zeit – an einem Ort, den wir gar nicht mehr kennen, das alte Athmen – war es besonders wichtig für die Menschen gut atmen zu lernen.

Richtig atmen konnte dort keiner. Viele atmeten zu schnell und fielen oft um – das waren die Schnellatmer. Die Langsamatmer dagegen taumelten dauernd blau durch die Gegend und waren eine große Gefahr im Verkehr. Am schlimmsten waren aber die Luftschlucker – die machten überall Bäuerchen und wurden wegen Erregung öffentlichen Ägernisses oft angezeigt. Ja, die Gefängnisse waren voll von Luftschluckern und anderen Atemversagern. Die Seitenstecher waren zwar schmerzgebeugt, aber sie waren gute Bürger und waren überall gerne gesehen – außer bei Fahrradausflügen. Es gab recht wenige, die gut atmeten – sie wurden überall bewundert und schrieben tolle Bücher übers Atmen. Wie frei Atmen macht und Atmen sei Macht. Sie waren dem Rest der Athmener aber verdächtig, da man ja schließlich hochbegabt sein musste, oder irgendeine Art von Wunderkind, dass man so gut mit der Luft zurechtkam.

Atmen war schließlich eine hohe Kunst, man musste genau 15 Mal in der Minute atmen um nicht blau anzulaufen. Man durfte nicht zu tief atmen, sonst wurde einem schwindelig, aber auch nicht zu oberflächlich – sonst wurde einem auch schwindelig. Atmete man zu tief und auch noch schnell, dann fing der Körper an zu stechen. Musste man schnell laufen, so musste man auch schneller atmen – wieviel schneller, das hing leider von tausend Dingen ab. Auch beim Treppensteigen und beim Ausruhen gab es Sonderfälle und Ausnahmen. Die Professoren an den Athmademien schrieben sich die Finger wund um das Atmen zu erforschen. So mancher hat schon Leib und Lunge in Selbstversuchen riskiert und gottseidank hatte man nun ausgedehnte Programme entwickelt um das Atmen jedem beizubringen.

Da Atmen aber so wichtig war für die Athmener, wurde jedes Kind sofort nach der Geburt mit einem künstlichen Atemgerät versorgt. Dieses besorgte die wichtigen Arbeiten, bis die Kinder dann endlich in die Schule kamen, wo sie sofort die Grundlagen des Atmens kennenlernten. Zuerst einmal musste man lernen, wie man bis 60 zählt – denn 60 Sekunden hatte eine Minute. In der zweiten Klasse lernten sie dann alles über die Luftbläschen und das Zwerchfell. Später kam dann das Aufrichten der Rippen (was so manchem sehr schwer fiel).

In den höheren Klassen wurden dann Berechnungen gelernt, wie man den Bronchiolen-Durchmesser berechnet, die Atemwege genau studiert und die Oberflächenspannung von Seifenblasen berechnet – alles sehr wichtig zum tieferen Verständnis des Atmens. Immer war ein Athmeist hinter einem, der einem genau zeigte, wie es geht und die Fortschritte bewertete. Auch hatte man Spezialisten, die feststellten wer Dysluftie oder das gefürchtete Atmungs Defizit Syndrom hatte.

Beim Abschluss konnten die gut gebildeten Athemener dann zeigen, was sie all die Jahre gelernt hatte und dass sie auf das Leben vorbereitet waren. Natürlich schaffte es nicht jeder die hohe Kunst des Atmens zu verinnerlichen, aber diesen winkte ein gutes Leben – denn man wusste, dass sie zu den Auserwählten gehören, die das wertvolle Kulturgut des Atmens an die nächste Generation weiterreichen konnten. Und vielleicht würde genau ihre Art zu atmen endlich Reichtum und Chancengleichheit für alle bringen, bei denen nicht persönliches Versagen, sondern armes Elternhaus oder andere Atemprobleme sie zu Atmungsverlierern gemacht hatten. Schließlich war die Atemausbildung auch noch nicht perfekt – und obwohl sie stets reformiert wurde brachte sie weiterhin stetig schlechtere Ergebnisse. Die Theorie des Atmens war inzwischen schon so gut ausgearbeitet, dass sie Bücherregale füllte und jeder, aber auch jeder mit einigem Fleiß und Energie und viel individueller Betreuung ein guter Atmer werden konnte.

Um diesen Traum für jeden Athemener Wirklichkeit werden zu lassen, verließ das Thema Atmen auch nicht mehr die Boulevardblätter, ständig sprachen die Athemener über nichts anderes, als die nächste Reform über das Atmen. Über die neuesten Techniken, wie man der Jugend das Atmen noch besser beibringen könnte. Insbesondere jene, die eigene Atemprobleme noch nicht vollständig aufgearbeitet hatten und in ihrer Jugend oft benachteiligt waren, waren auch die besorgtesten und gingen auf jede Demo um noch mehr Athmeisten und eine bessere finanzielle Ausstattung für die Atemschulen zu erkämpfen. Die Demonstrationen waren jedesmal bemitleidenswert, die Langsamatmer hielten sich taumelnd an ihren Plakaten und Transparenten fest und traten sich gegenseitig auf die Füße. Oft beschimpft durch Schnellatmer am Straßenrand, die abwechselnd zu Boden fielen und erst nach ein paar Minuten wieder aufstanden.

Besonders die frühe oder späte Selektion beim Atmenlernen war einer der heftigsten Streitpunkte. Besonders die Eltern der Schnellatmer hatten Angst, dass wichtige Theorien über die Bronchiolen nicht mehr ausreichend gelernt werden konnten und so Atmen als Geisteswissenschaft an Bedeutung verlieren könnte. Das Atmen würde somit profanisiert und proletarisiert. Aber auch ob man lieber individuelle Textbewertungen oder klare Ziffernbewertungen über die Atemfortschritte haben wolle war ein großes Thema. Auch die Erweiterung des Fächerkanons um verwandte Themen, wie Husten und Räuspern waren nicht unumstritten.

Zu allem Ärgernis gab es da noch eine kleine Gruppe von Sektierern, die sich weigerten ihre Kinder überhaupt in die Atemschulen zu schicken. Mit ihrer Aussage, dass Atmen doch natürlich sei, schlugen sie den Reformbemühungen der ganzen Atmenischen Gesellschaft ins Gesicht. Jedem war klar, dass dies verantwortungslos war und zudem nur Verblendung zu solchen Wahnvorstellungen führen konnte. Die Kinder mussten so schnell wie möglich vor diesen Spinnern in Sicherheit gebracht werden. Die meisten dieser „Freiatmer“ konnten ja selber nicht richtig atmen! Manche waren Langsamatmer, Seitenstecher und andere Schnellatmer. Wie sollte so ein chaotischer Haufen der Jugend von Morgen jemals das Atmen richtig beibringen, wenn es denn schon den extra Jahre lang dafür ausgebildeten Athmeisten nicht gelang! Es wäre doch viel sinnvoller die bestehenden Ateminstitutionen weiter zu reformieren! Besonders bei denen, deren Eltern Atmungsbenachteiligt waren gab es noch viel zu tun – denn nichts schien erblicher als Atmungsbenachteiligung.

Die „Freiatmer“ gefährdeten ihre Kinder zudem in unübertreffbarer Weise indem sie die künstlichen Beatmungsgeräte verweigerten. Ab der Geburt! Sie sagten, dies schwäche die Lungen und das Zwerchfell. Sie unterbinden eine natürliche Entwicklung des natürlichen Atmens. Dabei war doch jedem Menschen klar, dass jeder Mensch von Natur aus atmen konnte… man musste es ihm nur richtig beibringen. Und was war überhaupt mit der Sozialisation dieser armen Kinder? Konnten sie später mal im richten Atemalltag in der Gegenwart von anderen Menschen auch atmen? Oder gar in U-Bahnen oder Büroräumen? Musste man nicht fürchten, dass Menschen, die nicht in großen Ateminstitutionen das soziale Atmen gelernt haben, später dann auch nur im einsamen und stillen Atmen können? Oder würden diese unsozialen Atmer dann am Ende allen anderen die Luft wegatmen oder sie verpesten und schlechtatmen?

Und vor allem: Woher weiß ein „Freiatmer“ denn wann er richtig atmet? Es ist ja kein Athmeist da, der ihm erklärt was er falsch und was er richtig macht. Es war unglaublich mit welcher Naivität die „Freiatmer“ dieses Thema angingen und mit welchem Leichtsinn sie die Zukunft ihrer Kinder gefährdeten. Die Gefängnisse waren voll von Falschatmern, wollten sie das ihren Kinder wirklich zumuten? Korrektes Atmen war eine Grundvoraussetzung für einen guten Job. Besonders die taumelnden und stets bläulichen Langsamatmer waren praktisch unvermittelbar und oft auf Arbeitslosenhilfe angewiesen. Wollten sie ihre Kinder diesem Risiko aussetzen? Die Eltern würden am Ende ihre eigene Atembiographie weitervererben! Die Chancengleichheit, für die jahrelang gekämpft wurde, wäre mit einem Schlag für all diese Kinder verloren! Und schlimmer noch: Einseitige Atemindoktrinierung. Jeder Mensch sollte das Recht auf ein Luftzeugnis haben, wie sollte man sonst feststellen können, wie gut er im Zwerchfellatmen war? Oder im Ausatmen?

Man konnte nur den Kopf schütteln und hoffen dass irgendwo ein Jugendamtsmitarbeiter die Kinder abholte, und ihnen ihr Grundrecht auf künstliche Beatmung und eine gute Atemschule sicherte, wo es dann nach 12 Jahren einen Abschluss in Atmen machen konnte und ein gut integriertes Mitglied unserer Gesellschaft werden konnte.

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4 Kommentare zu “Die Geschichte vom alten Athmen

  1. Sehr hübsch. :- 🙂 🙂

    Nur bei dem einen Satz hat sich deine Tastatur irgendwie verschluckt, den verstehe ich nicht:
    „Viele atmeten zu schnell und vielen oft in um“

    (Lösch diesen Satz gern aus dem Kommentar, ich wollte dich nur darauf hinweisen, dass da was hakt. Wahrscheinlich sollte das werden: „fielen oft um“ oder so etwas, oder?)

  2. puuh, ich bin ja sonst eine stille leserin, aber da muss ich erst mal ganz tief und hörbar nach Luft schnappen ;-))

  3. @MamaMuh
    Hab’s gleich verbessert, aber im Kommentar drinnen gelassen. Ehre, wem Ehre gebührt. Ich frage mich aber, was ich dort eigentlich schreiben wollte… ? 🙂

    @Andrea
    KUltusMIniSTerium… Kumist.. Halitosis… Zufall? Ich glaube nicht 🙂
    (Außer dass man Kuhmist mit H schreibt und Kuhmist fruchtbar ist, während das Kumisterium destruktiv ist)

    @iris
    Ich freue mich sehr über jeden neuen Leser, und noch mehr über jeden stillen Leser der zum Kommentator wird (so wenig Kommentare wie hier oft sind, komme ich mir manchmal vor als würde ich in den Wald rufen).

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