Kapitalismus und Faschismus

In meiner Gymnasialzeit wurde ja Marx sehr geflissen verschwiegen. Anstatt dessen haben wir Schumpeter reingedrückt bekommen: Leistung zählt, und alle die im Kapitalismus versagen, beschuldigen den Kapitalismus aus therapeutischen Gründen, obwohl sie es sich lieber selbst zuschreiben sollten. (Kreative Zerstörung, Kondratieff Zyklen, blabla)

Man hat uns nur damals nicht gesagt, dass es Schumpeter wäre, denn wenn wir am Ende über Schumpeter nachgeforscht hätten, wären wir wieder auf dessen riesen Marx-Kritik gestoßen. Und Marx galt damals (und heute) in Gymnasien eher als Dissidenten-Literatur (wird verschwiegen um einseitige Indoktrination zu vermeiden 😛 )

Egal… Marx sagt auf jeden Fall ungefähr so etwas: Im Kapitalismus findet eine ständige Enteignung statt, so dass immer mehr Menschen abhängig von der Industrie und der industriellen Produktion werden. Sie können sich nur noch Konsumgüter kaufen, aber keine Produktionsgüter. So werden sie dauerhaft davon ausgeschlossen etwas eigenes zu machen und sich selbst zu verwirklichen. Durch die Abhängigkeit von Konsumgütern und das Fehlen von Produktionsgütern sind sie dazu gezwungen ständig in großen Firmen zu arbeiten. Sie bilden die von Produktionsgütern (Maschinen, Boden, ….) enteignete Klasse – das Proletariat und müssen Arbeit machen, die nicht ihre ist und die in kleine Teile aufgespalten ist. Dieses führt ja nach Adam Smith zu einer effizienteren Produktion (was ja auch stimmt). Somit werden sie entfremdet, zuerst ihrer Arbeit und dann ihrer Welt und dann ihres eigenen Lebens. Im Gegensatz dazu existiert die Bourgeoisie, das sind jene Menschen, die ungehindert sich von Stadt zu Stadt bewegen können und sich nie darüber Sorgen machen müssen, wie sie das finanzieren können (also auch nicht, ob das ihr Arbeitgeber zahlt). Sie sind sozusagen frei. Nach dieser Definition kenne ich übrigens sehr wenige Nicht-Proletarier, da jeder, dem wir über unser Auswandern erzählen, als erstes fragt: Wie wollt ihr das finanzieren? Ein Bourgeoisie-Mitglied würde nie so denken.

Nun hat man noch eine zweite Komponente, nämlich, dass Menschen, die auf diese Weise entfremdet sind und deren Leben keinen eigenen Sinn mehr hat sich sehr leicht Gruppierungen anschließen, die ihnen Sinn stiften können. Das können Kirchen sein, aber auch globale Missionen (Rettet die Wale), vereinfachte Theorien, die die Welt überschaubarer machen, aber eben auch charismatische Führungspersönlichkeiten, die eine große Mission versprechen. Nach Erich Fromm ist es einfach zu viel für einen Menschen, dass er sein Leben komplett sinnlos und nur als abhängiger Sklave verbringen und durcharbeiten soll, ohne jegliche Aussicht auf Selbstverwirklichung – außer in Trivialitäten.

Und damit komme ich auf meine Frage, kann es also sein, dass der Kapitalismus den Faschismus schon strukturell in seinem Schoss trägt? Diese Staatsform, die uns alle einer „großen Mission“ unterordnet und jeder, der nicht mitkommt soll am liebsten den Planeten oder zumindest das Land verlassen. Sind die Anzahl von Möglichkeiten, dieses Gefühl der Lehre zu unterdrücken, die ganzen Unternehmungen, das Shoppen, die Superhelden-Filme und Fußballmannschaften vielleicht einfach nur Ventile um sich wenigstens für ein paar Stunden pro Woche bedeutsam zu fühlen und über die Leere des eigenen Lebens hinwegzutäuschen? Dieses ganze Kleben an Strukturen und kleinbürgerlichen Idealen wie Ordnung, Sauberkeit und Pünktlichkeit einfach nur eine Form der Kompensation? Die aufgeräumte Wohnung, die jederzeit vorzeigbar ist der letzte Strohhalm für den Sinn des Lebens, der nie kam?

Zur Zeit, im Angesicht dieser starken Veränderung in unserem Leben, spüre ich oft diese unglaubliche Leere und Haltlosigkeit (teilweise durch Zukunftsängste hervorgerufen) und ich merke wie schwer es ist sie auszuhalten. Wie schön muss es da sein nach einem Strohhalm greifen zu können, der einem Sinn garantiert… und endlich mit der Menge mitzuschwimmen. Sich treiben lassen und einfach nur konform die Rituale der Gesellschaft nachzuäffen – egal ob sie Menschenrechte verletzen oder Grundrechte oder sonstiges Bla.

Hier noch zwei Links und dann gute Nacht:

http://de.wikipedia.org/wiki/F-Skala_(Autoritäre_Persönlichkeit)

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3 Kommentare zu “Kapitalismus und Faschismus

  1. Wow, Du formulierst das so treffend! Da bei uns auch Veränderungen bevorstehen, und ich durchaus Angst habe, ob z.B. meine Eltern, die strikt meinen, ich müsse mit der Masse schwimmen, weil alles andere Spinnerei ist, am Ende doch Recht haben?! Vielleicht hat die Masse erkannt, was ich nicht sehen will, dass nämlich das Unterordnen unter die Staatsobrigkeit und das Laufen auf dem ausgetretene, breiten Weg doch der einzig wahre und funktionierende Lebensweg ist? Die Vorstellung, einfach alles was ich im letzten Jahr gelernt und erkannt habe wegzuwerfen und wieder in den Strom der Masse einzutauchen, scheint so verlockend, so beruhigend. Keine Konflikte mehr, keine blöden Kommentare, kein „Wie wollt ihr das denn finanzieren? Seid ihr nun endgültig irre geworden?“ mehr… Doch es gibt ja zum Glück andere Stimmen und wie Ghandi sagte: „Jeder der Unrecht schweigend hin nimmt macht sich mitschuldig.“ Das wäre für mich noch schwerer zu ertragen, als dieses Gefühl, nach dem Strohalm greifen zu wollen…

  2. Hi,

    @Revoluzzer
    Unser Gewissen ist natürlich ein echtes Problem. Wir können nicht zurückrudern – wir würden uns sogar noch mehr schuldig machen, als die Schafsherde, die blökt, weil sie nicht sprechen kann.
    Wir wissen ja, was das „Bildungssystem“ ist, und wie unsere Kinder dort verheizt werden – wie könnten wir ihnen noch in die Augen schauen?
    Aber aktuell ist es schon sehr einfach Mitläufer zu sein, nachdem fast alle – die sich wehren können – Widerstand geleistet haben und ihre Rechte erstritten haben, sind nur noch die Schwächsten übrig. Und man kann sie leicht ausbeuten und unterdrücken – die Gegenwehr kommt ja erst später und kann dann als Pubertät abgetan werden.

    @Andrea
    Ja, nur haben wir gute Untersuchungen, dass solche Leute (der Gesellschaft entfremdet) öfter Selbstmord begehen.
    Ich möchte also zu John Irving hinzufügen, dass wir auch die Nähe zu Ähnlichdenkenden suchen müssen und uns nicht zu sehr auf Andersdenkende einzulassen. Ja! Wir müssen unsere eigene Parallelgesellschaft gründen, bis der Rest irgendwann anerkennt, dass unser Weg auch eine valide Option ist.

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