Das grausame Sterben der Schulen und Universitäten

(A theory of educational evolution)

Die meisten Menschen wundern sich warum der Druck auf die Schulen und Universitäten immer größer wird und die Politik anscheinend zusieht, während sie in Sonntagsreden die Wichtigkeit von Bildung betont.

Ich denke das liegt daran, dass öffentliche Bildung einen bestimmten öffentlichen Nutzwert hat. Dieser Nutzwert wird international beziffert und dann angewendet – und zwar genau in der Höhe, dass die Bildung, die man will zu dem niedrigsten Preis herauskommt. Jeder Autobahningenieur in den USA weiß den „Wert eines menschlichen Lebens“: 168.000 $  – wie hoch ist aber der Wert von Bildung aktuell? In diesem Artikel versuche ich die Entwicklung des Wertes aufzuzeichnen um dann in einem späteren Artikel den aktuellen Preis pro Monat zu berechnen.

Würde eine Nation A viel mehr Geld für Bildung ausgeben, als eine andere Nation B und würde Nation B die gleiche Bildung zu einem geringeren Preis produzieren können, dann würde Nation A im internationalen Wettkampf um BIP und Firmen unattraktiver werden. Eine teurere Bildung bedeutet immerhin mehr Abgaben für die Firmen – werden die Abgaben auf den Konsum aufgeschlagen, so wirkt sich das auf die Gehaltsgüter aus und die Gehälter müssen nachziehen. Auch kann der Absatz der eigenen Produkte in diesem Land nur mit einem Aufschlag geschehen, während der Export zu Nation B einen logistischen Aufschlag bedeutet. Das bedeutet, diejenige Firma, die in dem teureren Bildungsland (bei gleicher Qualität) produziert, hat gegenüber der gleichen Firma in Nation B einen Wettbewerbsnachteil.

Diese Tendenz wird desto stärker, je mehr ortsgebundene Bande nachlassen und der Begriff „Nation“ an Bedeutung verliert. So gilt jemand der ein japanisches Auto kauft nicht mehr als Trittbrettfahrer der eigenen Nation und selbst wenn Volkswagen in Brasilien stört das praktisch niemanden. Ein „Made in Germany“ ist auch nicht mehr interessant, und Ikea lebt es uns vor, wenn sie auf ihre Produkte schreiben: „Made in China – Quality by Sweden“.

Wenn wir also weniger Ressourcen pro produzierter Bildungseinheit wahrnehmen, dann liegt das hauptsächlich daran, dass es in anderen Ländern eben industrielle Wissensproduktion zu einem günstigeren Preis gibt und alle Nationen sich nach dem Anbieter mit dem besten Preis/Leistungsverhältnis ausrichten müssen. Wenn wir auch ein stetiges Sterben der Zweige wie Philosophie u.ä. sehen, dann liegt das daran, dass Bildung eben nicht gleich Bildung ist, solange sie dem Prinzip der industriellen Produktion und der internationalen Konkurrenz untergeordnet sind. Um es ganz klar zu sagen, ein Nationalstaat braucht zwar Philosophen, aber eben nur als Prestigephilosophen. Und da genügen ein paar wenige sehr gute und nicht ein paar tausend, die es auf nur mittlerem oder hohem Niveau betreiben.

Die Leute, oder sogar die Politiker können Beträge fordern wie sie wollen (und vielleicht auch auf Pump) in das Bildungssystem einspeisen, aber die, von denen das Geld kommt, werden dadurch nur schneller abwandern. So müssen alle seriösen Politiker darum bemüht sein, die Kosten des Bildungssystems so stark zu reduzieren und dafür den Nutzen des Bildungssystems für die Wirtschaft gleichzeitig optimieren. So wird Mathematik lange vor Philosophie gelehrt – und überall höher geschätzt.

Wir müssen uns also nach der billigsten Wissensproduktion umsehen, wenn wir wissen wollen in welche Richtung Schulen und Universitäten gehen werden. Und wir müssen auch nachdenken, was Nationalstaat B tun könnte, damit er Bildung noch billiger anbieten könnte.

Ebenfalls muss jede Nation darüber nachdenken, wie sie es schafft, diese neue billigere Bildung (die noch besser auf Arbeitgeber relevante Kriterien zugeschnitten ist) ihrem Volk gut zu erklären und zu vermitteln. Der angenehmste Weg wäre hier natürlich die Schritte so klein zu machen, dass die Gewöhnung so gut erfolgen kann, dass überhaupt kein Widerstand existiert. Dennoch wird es immer einen Nationalstaat geben, die größere Schritte wagt. So dass ein paar Intellektuelle aufgescheucht werden. Oder noch größere Schritte, dass es auch ein paar aus den unteren Klassen merken. Oder vielleicht so große Schritte, dass Teile der Betroffenen schon auf die Straße gehen und protestieren. Natürlich muss man hier mit Nationalstaaten mithalten, in denen die Menschen nicht so leicht auf die Straße gehen (vielleicht kulturell bedingt, oder durch Einschüchterung). Ich denke, dass am Kollektiv orientierte Kulturen eher mit Einschüchterung arbeiten, während individualistische Kulturen auf Atomisierung der Gesellschaft setzen müssen und die Individuen noch besser voneinander isolieren müssen (wer hier zufällig was weiß, ich wäre für Hinweise dankbar). Insgesamt müsste sich das aber ausgleichen und kollektivistische industrielle Nationen müssten sich einfach zaghafter den Menschenrechten verschreiben.

Die Frage, die sich also stellt ist, wie viele streikende Menschen können ignoriert werden. Und wenn man den Streikern nachgibt, was ist gewonnen? Mehr Firmen wandern ab und die Finanzierung der Bildung wird noch prekärer. Also kann man diesen Streikern nicht nachgeben, sondern muss sich Taktiken ausdenken. Hier sind neben offener Repression, natürlich Fehlinformationen denkbar (man kann jeden Schritt in die „richtige“ Richtung als Erfolg verkaufen), ein einstweiliges Nachgeben und dann Wiederaufnahme in nächtlichen Sitzungen – und schauen wie viele Leute beim zweiten Streik wegen des gleichen Themas auf die Straße gehen. Oder man nimmt regnerische Tage, was auch immer. Ein ganz einfaches Mittel ist es auch die Streiker an Verbesserungsdiskussionen zu beteiligen. Sie werden schnell die Gründe einsehen und selbst sprachlos neben ihren Forderungen stehen bleiben (außer ein paar, die ideologisch an ihrer Lösung festhalten und über Vernunft nicht mehr zu erreichen sind).

Also überlegt sich jeder Nationalstaat, wie kann er die Streiker so gut wie möglich minimieren – oder ihre Wirkung neutralisieren. Der Nationalstaat, der hier die beste Methode gefunden hat, wird wieder neuer Taktgeber für zukünftige Reformen. Er kann seine Reformen mit den größten Schritten durchsetzen und bietet somit der industriellen Wirtschaft die besten Konditionen.

Ein beliebter Trick gute Bildung ins Land zu bekommen und sehr wenig dafür bezahlen zu müssen ist der Brain Drain – hier werden einfach Länder, die bei dem Spiel zwar mitmachen müssen, aber nicht mithalten können um ihren gut ausgebildeten Nachwuchs gebracht. Das trifft meistens Entwicklungsländer, die mit dem 1000-fachen, was in die Ausbildung eines Bauers gesteckt wird, die Elite an ihren Universitäten heranbilden – nur um zu sehen, wie diese dann in die entwickelten Länder abwandern, da es dort mehr Menschen gibt, die sich ihre Dienste leisten können.

Das Ganze ist eigentlich eine Fortsetzung des kalten Krieges, es geht weiter um Rüstungs- und Konsumvorherrschaft wettgeeifert. Um BIP und um Arbeitsplätze.

Der nächste Punkt in diesem Wettlauf sind natürlich kulturelle Gegebenheiten, so wird die Bildungsproduktion in Japan anders ausfallen, als die in Deutschland.  In Japan werden die Kinder erst um 10 Uhr Abends zurückkommen – wenn die Eltern schon Abendgegesssen haben- , damit alle wirklich das Maximum an Bildungszeit bekommen. Training und Drill werden weiter ausgebaut, Beleidigungen verstärkt. Auf der anderen Seite breitet sich das Hikikomori-Problem weiter aus. Das sind die japanischen Bildungsverlierer, die ihre Zimmer nicht mehr verlassen (teilweise bis zum 30.ten Lebensjahr), da sie die Erwartungen der Gesellschaft nicht erfüllen können. In westlichen Ländern werden die Sommerferien geopfert, erst für Nachhilfe, dann für Zwangsnachhilfe, dann für Bildungscamps und Summer Schools.  Ebenfalls – man muss mit den östlichen Ländern mithalten – wird der Konkurrenzdruck fast automatisch erhöht und die Elite (also die, die eine echte Bildung bekommen) verkleinert. Dieses könnte hier in dem Zusammenführen von Schulformen geschehen. Die Hoffnung, dass Hauptschüler und Realschüler bald zusammen lernen wird dadurch verspottet, dass nur noch Abiturienten für Arbeitgeber interessant sind. Und dann nur noch solche, die zusätzlich Sprachen können, Auslandsaufenthalte haben usw.

Auch entdecken immer mehr Länder, dass es Online besser läuft, als Offline. Dass es einfach angenehmer ist sich Stoff zweimal anhören zu können und in der Geschwindigkeit, die man will, als einmal vorgetragen zu bekommen. Diese Entwicklung in einigen Ländern wird die Maßstäbe für andere Länder setzen. So denke ich, wird man hier nachziehen müssen, in dem man die Klassengröße ausreizt und die Lehrpläne noch stoffintensiver macht. So dass jeder, der nicht aufpasst eben auch nicht mitkommt. Die Bestrafung und Disziplinierung, die vorher Aufgabe der Schulen und Lehrer war, wird den Eltern und der Gesellschaft übertragen – oder durch Auffangpersonal (Psychologen, Vertrauenslehrer, usw.) . So dass man die Klassenstärke weiter erhöhen kann und Eltern es sich zweimal überlegen müssen, ob sie „Nein“ zu Ritalin und ähnlichen Konzentrationshilfen sagen, die eine konzentrierte Lernumgebung ermöglichen.

Der Wettlauf, der sich auf dem Bildungssektor vollzieht kann klar dem Wettlauf auf dem Produktionssektor untergeordnet werden. Solange man kein anderes, effektivers Produktionsparadigma (als das industriell / bürokratische)  findet, wird sich diese Entwicklung vollziehen. Es wird das beste Produktionsparadigma „siegen“ (wobei es unklar ist, was ein Sieg ist). Was klar ist, ist dass der Druck in der Arbeitswelt (und aus dieser unfreiwillig auszuscheiden) sich immer mehr auf das Bildungssystem und dort von oben nach unten (als von den Universitäten zu den Kindergärten) übergreifen wird. Wer sich dieser Tatsache nicht bewusst wird, braucht nicht anzufangen über Lösungen nachzudenken. Er hat das Problem noch nicht erkannt und wird wahrscheinlich nur in die Richtung optimieren, die er eigentlich vermeiden will.

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Ein Kommentar zu “Das grausame Sterben der Schulen und Universitäten

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