Lernen aus der Konserve

Das Internet  ist für viele die Lernressource Nr.1 geworden. Überall findet man Vorlesungen, Sprachkurse und jeden Tag gründet sich ein neues Startup mit irgendeinem hilfreichen Werkzeug (Mindmaps, Notizblöcke, …) oder ein Verein bringt eine wichtige Funktionalität der Schule online (z.B. freie und kooperative Schulbücher) – die Industrie verwöhnt uns mit tragbaren Geräten, die uns vorlesen und nur ein paar Gramm wiegen (die teuersten sind so billig, wie ein Fernseher vor ein paar Jahren).

Diese Ressourcen sind meist phänomenal und der Schrott ist schnell aussortiert – wobei selbst dieses aussortieren andere Blogger machen und man sich eigentlich nur noch (wie im Schlaraffenland) in den Schatten der Bäume legen muss, aus dem Milchbach trinken kann und wartet bis einem die gebratenen Hühnchen in den Mund fliegen.

Kurz gesagt: Wir sind da (außer Deutschland, die noch versuchen das Bildungskaiserreich zu errichten – aber die paar Quadratkilometer kann man -global gesehen- ignorieren). Also noch mal: Wir sind da! Applaus!

In diesem Stadium ist es belustigend zu hören, dass manche das Lernen aus dem Internet als Konserven-Lernen betrachten.

Wenn wir uns nur den Ausdruck Konserve anschauen, dann ist es klar, dass alles und jeder der konserviert (also existierendes Wissen trägt/aufbereitet) eine Art Konservator ist und die Wissensvermittler allesamt Konserven.

Die billigste Konserve – die uns aber auch den Gedanken der frischen Frucht am nähesten bringt – (ist) und war das Buch.

Die teuerste Konserve – mit der größten Schwankungsbreite zur originalen Quelle – ist der Lehrer (oder früher der Priester).

Es gibt nun Menschen mit gar schlichtem Gemüt die denken, dass ein Lehrer, der das Wissen konserviert allein aufgrund seiner Bewegungsfähigkeit keine Konserve wäre! Ihre Argumentation ist, dass sie noch nie eine Konserve gesehen haben, deren Inhalt sich bewegt – und wenn, dann nur weil der Kühlschrank ausgefallen war und die Konserve schon länger geöffnet drinnen stand.

Nun stimmt dieser eine Unterschied nicht mehr, seitdem die Bilder angefangen haben sich zu bewegen.

Der nächste Unterschied wäre nun, dass man nur eine Richtung hat und die Rückrichtung fehlt. Also der „konservierte Lehrer“ kann einem zwar etwas beibringen, aber man kann ihn nicht mehr mit Fragen löchern. Dieses stimmt jedoch auch nicht mehr, seit dem überall Kommentarfunktionen und EMail-Buttons sind und das einzige, was einen Lehrenden am Antworten hindert sein Tod ist.

Der nächste gewichtige Unterschied ist natürlich, dass man seinen Lehrer nicht anfassen kann – und er einen auch nicht. Nun ist das auch nicht so ein immenser Unterschied, da ja anfassen von Lehrern und Schülern sowieso verboten ist und ich auch keinen Schüler kenne, der während einer Unterrichtsstunde über Integralrechnen vom Lehrer gestreichelt wurde.

Was bleibt also für ein Unterschied? Nüchtern betrachtet: Nichts. Eine Konserve bleibt eine Konserve. Sie konserviert erarbeitetes Wissen und gibt es wieder sobald jemand es haben will.

Wobei hier ist schon der gewaltige Unterschied, ein echter Lehrer, der mir aus Fleisch und Blut gegenübersteht hat Bedürfnisse und ist ein Mensch. Ich kann ihn nicht mit auf einen Spaziergang in den Wald nehmen, wo ich mich nur auf ihn konzentriere. Ich kann ihn nicht auf den Spielplatz mitnehmen und während er seine Korollare runterspult und nur 10% meiner Aufmerksamkeit benötigt werden noch nebenbei mit meinen Kindern spielen – oder einkaufen gehen.

Ich kann auch nicht vor- und zurückspulen. Oder für eine Wiederholung 5 Minuten überspringen, 10 Sekunden anhören, 5 Minuten überspringen, 10 Sekunden anhören usw. Oder wenn ich es kurz machen will mir eine Konserve mit 1,5-facher Geschwindigkeit reinziehen. Was zu erhöhter Aufmerksamkeit führt! All dieses macht aber der Lerner2.0 mittlerweile. Ich kann auch nicht an drei schlechten Tagen nicht zur Vorlesung gehen, während ich dann an einem guten Tag ein komplettes 10er-Pack bearbeite. Bookmarks setzen! Pause drücken! Originaltexte in diesen Pausen bearbeiten! Lauter stellen! Leiser stellen! Abschalten! All das geht für den neuen Lerner.

Die Überlegenheit von Lernen2.0 wurde mittlerweile schon untersucht. So wurden die Vorlesungen gehalten und gleichzeitig aufgezeichnet. Eine Gruppe Studenten „durfte“ in die Vorlesungen kommen, die andere Gruppe wurde gebeten zu Hause zu bleiben und nicht zu kommen („echte“ Hörsäle und Klassenzimmer haben ja immer noch Platzprobleme). Während also die einen entspannt zu Hause lernen mussten, wann sie wollten bekamen die anderen das Privileg sich zu einer bestimmten Zeit in einen engen Raum quetschen um dem Lehrer ohne Unterbrechung zu lauschen (Essen war erlaubt, Spazierengehen eher nicht, den Lehrer um eine Pause zu beten um sich unterhalten zu dürfen war nicht einmal gestattet, wenn es dazu dienen sollte sich über den Stoff auszutauschen).

Am Ende wurden dann beide Gruppen gemeinsam geprüft. Und siehe da: Die Lerner2.0 waren wirklich den Präsenz-Studenten überlegen. Durch die Bank!

Und das obwohl ihre Anwesenheit nicht überwacht wurde, sie nicht ermahnt wurden, wenn sie „schwätzten“ und niemand sie zwang zwischen 8.00 und 8.45 konzentriert zuzuhören.

Ja, man möchte es gar nicht glauben.

Wie werden die deutschen Kultusministerien darauf reagieren? Nun, zuerst werden sie erst einmal leugnen, verzerren, ignorieren und anfechten. Wenn dann -internationalen Vergleichen sei Dank- das deutsche „Bildungssystem“ auf dem letzten Platz landet werden sie zögerlich die Erkenntnisse umsetzen. Stets darauf bedacht, dass sich keine Parallelgesellschaften bilden und auch die terroristisch veranlagten Eltern ihre Kinder nicht in Al-Kaida-Scientology-Camps aufwachsen lassen (eine der Hauptbeschäftigungen deutscher Terroristen-Eltern, vor denen sich die Regierung von Rot bis Blau fürchtet).

Die Schule/Uni2.0 wird also so aussehen. Es gibt einen Raum in dem die Schüler sich zusammen mit einem Überwachungsspezialisten aufhalten (dieses wird in der Übergangsphase ein Polizeibeamter sein – oder ein Kinderpsychologe). Die Kinder werden dort alle Notebooks, Kindles und Mp3-Player haben (Schul- und Staatseigentum, das Mitbringen eigener Geräte wird weiterhin verboten sein). Im Nebenraum wird ein Lehrer den Unterricht halten und auf Fragen direkt über Twitter eingehen. Dieses wird aufgezeichnet und kann dann im Internet von den Schülern im anderen Raum über Youtube abgerufen werden. Der Zugriff ist über IP aber auf das Schulgebäude beschränkt, hier wird es einen Staatsvertrag mit Youtube geben.

Das Kultusministerium wird dieses als ungeheuren Fortschritt verkaufen – allerdings werden die Mehrkosten das Geld für die Schulrenovierung auffressen und während alle anderen Völker schon im Bildungsschlaraffenland, kooperativ und dezentral lernen, werden die deutschen Schüler in maroden Gebäuden weiterhin auf das Funktionieren in der industriellen Fertigungslandschaft des 19.Jhds vorbereitet. Die Webmaschinen und Stahlwalzen sind nun durch Notebooks ersetzt und aus dem damaligen Fabrikarbeiter wurde der moderne Wissens-Fabrik-Arbeiter.

Für alle Eltern, die ihren Kindern ein freies Leben wünschen (und auch für sich selbst) gilt es Deutschland großräumig zu umfahren.

Hier die Keynote on Open-Education (großartig! )

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4 Kommentare zu “Lernen aus der Konserve

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