Deschooling – immer weiter

Die Schule hinterlässt ja leider bleibende Eindrücke in jedem von uns. Eine der größten Schwierigkeiten, die sie verursacht ist dass sie den Lese-Instinkt zerstört.

Den Lese-Instinkt, wie ich ihn nenne, kann man bei kleinen Kindern, Unbeschulten oder auch sehr hoch gebildeten Menschen beobachten.

Sie nehmen sich einen Text vor und versuchen ihn zu verstehen, dabei kucken sie in dem Text rum, als ob sie in einem Garten Ostereier suchen würden.

Das verschulte Lesen sieht dagegen aus, als ob man ein Briefträger wäre, der jedem Wort in einem Text nach der Reihe seine Aufmerksamkeit zustellen müsste. Dieses wird durch schulische Leseübungen trainiert und gefestigt, in denen man Wort für Wort liest und auch manchmal mit dem Finger unterstützend von Links nach Rechts fährt, ihn am Ende der Zeile hebt und auf den Anfang der nächsten Zeile setzt.

Dieses Verfahren (später ohne Finger) setzt der verschulte Leser fort, bis er das Buch zu Ende gelesen hat. Die Theorie, die die Kultusminister in ihren Kultusministerien dazu phantasieren ist: dass man einen Text verstanden hat, sobald man jedes Wort einmal angekuckt hat und sich innerlich vorgelesen hat. Da die meisten Leser dann den Wald vor lauter Wörtern nicht mehr sehen, wurden allerlei Techniken oben drauf gesetzt, die darauf abzielen, dass man den Text kurz nach dem Lesen zusammenfasst und dann noch einmal liest.

Ich denke, ich habe es jetzt nach über 130 Büchern, zusätzlichen Hörbüchern und Online-Vorlesungen geschafft das Schul-Lesen zu überwinden. Mittlerweile schaue ich wieder in die Texte und suche hier und da und versuche die ganze Zeit das zu verstehen und es mit dem Rest des Buches in Zusammenhang zu bringen und die Theorie mit aktuellem Wissen auszustatten. Zusätzlich male ich dann immer kleine Bilder und versehe die unbekannten Stellen mit Fragen.

Das erstaunliche ist, dass ich schon viel länger wusste, dass mein Schul-Lesen eine lahme Krücke ist, die mir den Text nicht näherbringt – zumindest nicht in dem Rahmen in dem ich Zeit investiere (Schul-Lesen dauert nämlich ewig! Deswegen wurden extra Schnell-Lese-Techniken erfunden und untersucht). Aber immer konnte ich mich nur kurzzeitig vom Schul-Lesen trennen. Es war so dominant und so tief drinnen, dass ich immer wieder in diese spezielle Unfähigkeit zu Lesen zurückfiel.

Immer hatte ich Angst „Das Wichtige“ zu verpassen. Einen Gedanken falsch zu verstehen, da ich das entscheidende Wort überlesen hatte (vielleicht steht ja irgendwo ein „nicht“ ?). Einen Gedanken zu übersehen; und dieser ist gaaanz wichtig – altes Prüfungsstoff-Denken.

Doch all das ist Quatsch. „Das Wichtige“ müsste jeder Text eigentlich hinreichend redundant feststellen. Also beim Kapital wird es wahrscheinlich auch um das Kapital gehen. Und bei Vygotskij um „Denken“ und um „Sprechen“. Verstehe ich am Ende des einen Buches die Rolle des Kapitals nicht und beim anderen den Zusammenhang zwischen Denken und Sprechen nicht, dann (und nur dann) habe ich wahrscheinlich „Das Wichtige“ wirklich und wahrhaftig überlesen. (Oder der Autor ist nicht so begabt, wie man sich das wünschte).

Dass man einen Gedanken falsch versteht kann aber nur vorkommen, wenn man das Gelesene nicht versteht – und zwar das ganze Buch. Versteht man nämlich nur einen Gedanken falsch und den Rest richtig, dann kommt man (mit-denkend) schnell darauf, dass dieser eine Gedanke nicht zum Rest passt. Im Ostereier-Lesen hat man ja einen guten Überblick über die Anordnung der Gedanken, da man sich nicht an jedem Wort vorbeiquält sondern eben dauernd versucht die Inhalte zu erfassen.  Dieser Überblick hilft die Stelle des einen Gedankens noch einmal zu finden und ihn genauer zu betrachten.

Den entscheidenden Gedanken zu übersehen ist genauso unmöglich, da man dann kein gutes Gebäude aus dem Text bauen kann. Er bleibt unzusammenhängend. Hat man ein Buch das sagt aus A folgt B weil C und man versteht C nicht, dann bleibt nur noch aus A folgt B. Der Ostereier-Sucher wird sich fragen: Aber Warum? (Denn es geht ja um das „Warum“).

Jetzt gibt es nur ein Problem, der verschulte Leser (also ich in diesem Fall) muss das erst einmal fühlen(sehen/hören) und dann kapieren. Die Anwendung dieser Erkenntnis muss dann auch nicht mehr „geübt“ oder „trainiert“ werden. Sie ist dann da, alles andere erscheint einem blöd und ineffizient. Lesen, wie die Schafe Gras fressen ist dann einfach nicht mehr im Bereich des Sinnvollen.

Beim Fühlen, denn darauf kommt es ja am meisten an, haben mir insbesondere die Hörbücher von LibriVox zusammen mit dem Buch „Geschichte der politischen Philosophie“ von John Rawls. Das besondere an den LibriVox-Aufnahmen ist, dass ich die Bücher anhöre, und auch wenn ich kurz zwei oder drei Sätze nicht mitbekomme (oder eine ganze Passage) – weil gerade ein Auto oder ein Bus an mir vorbeifährt dennoch den Text verstehe. Zusätzlich ist das Buch von John Rawls sehr wichtig. Es sind Vorlesungen von John Rawls, dort erklärt er die (für ihn) wichtigen politischen Theoretiker: Hobbes, Locke, Hume, Rousseau, J.S. Mill, Marx, Butler, Sidgewick. Der echte Inhalt des Buches ist aber, dass er seinen Studenten eigentlich erklärt, wie er liest.

Und das immer und immer wieder. Man muss versuchen, den Text immer so zu verstehen, wie es der Autor getan hätte (also das Maximum rausholen, das Argument so stark wie möglich machen). Sollte es Ungereimtheiten geben, sollte man davon ausgehen, dass der Autor viel intelligenter war als man selber und diese Ungereimheiten selbst gesehen hat – aber ich (der Leser) den Gedanken noch nicht so kapiert habe, dass ich die Theorie widerspruchsfrei wiedergeben kann. Das macht Rawls ganz bemerkenswert, es gibt nämlich ein paar Stellen, in denen er einen Widerspruch sieht. Dieses führt er konsequent auf sein Unwissen zurück und sucht nach einer Lösung, wie die Theorie doch noch passen kann oder warum es dem Autor wahrscheinlich nicht wichtig war, näher darauf einzugehen.

Ich finde die Vorlesungen von Rawls sind wirklich ein guter Unterricht in echtem Lesen. Ich hoffe (und ich bin irgendwie überzeugt), dass ich meine neue Fähigkeit nicht wieder verliere und in das stumpfsinnige Schul-Lesen zurückfalle. Es ist ein weiterer Schritt auf dem langen Weg des Deschooling und es ist überraschend welche innere Befreiung ich jedes mal verspüre, wenn ich einen weiteren Schritt gemacht habe und eine neue Schul-Schädigung überwunden habe.

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2 Kommentare zu “Deschooling – immer weiter

  1. Das finde ich jetzt mal sehr interessant.
    Einige Punkte sehe ich genauso:
    Das Lesen dauert eine bestimmte Zeit und wir vergessen vieles wieder, was wir grade gelesen haben (dadurch lesen wir meistens einige Sätze 2-3 mal).

    Nun, wie ist das aber wenn jemand vorliest?
    Dann muß der ja auch ganz „normal“ lesen.
    Und als Zuhörer bekomme ich das dann auch genauso angeboten.

    Die Technik des schnellesens habe ich mir mal angeschaut, es aber dann nicht konsequenterweise umgesetzt.

    Ich muß einfach dazu sagen, das klingt für mich alles etwas kompliziert.

    Nun, ich denke, der beste Ansatz wäre, den Kindern im Schulalter eben noch was anderes beizubringen, als dieses Schullesen (das betrifft eigentlich die gesamten Schulsachen die beigebracht werden)

    Was mir jetzt z.B. noch völlig unklar ist, wie kann man durch „Ostereiersuchen den Text verstehen bzw. die Gedankengänge die dahinter stehen?

    Und gibt es da auch eine andere Möglichkeit, zu schreiben ? Also auch nicht so hintereinander, wie wir das gewohnt isnd, sondern „durcheinander“? Und ist das dann auch irgendwie zu verstehen?

    Warum schreibt ein „echter Leser“ dann genauso wie alle anderen?

    Ich bin sehr neugierig, was es hier für Ansätze und Antworten gibt.

    Wünsche alles Gute, jedem der das liest.

  2. Hi,

    beim Ostereiersuchen-Lesen suchst Du die Gedanken, die der Text ausdrücken will. Es ist viel überspringen dabei und du gehst direkt zu den Stellen an denen Du den neuen Gedanken vermutest.
    Ich sehe das bei den Kindern, sie schauen sich die Seiten an und sobald sie genug haben geht es weiter. Das *genug haben* ist das einzige Kriterium. Nicht: Sobald jedes Wort gelesen wurde (oder ähnliches).

    Beim Schreiben schleicht sich das bei mir auch immer mehr ein. Je länger der Text ist, desto mehr untergliedere ich ihn und hänge dann nur noch Inhalte ein. Statte noch einmal Besuche ab oder schreibe um.

    Am Ende kommt dann erst die Konsistenz und das Umstellen.

    Danke für die guten Fragen – ich hoffe ich konnte meine Gedanken etwas verständlicher machen 🙂

    Ich denke das Schullesen ist per se schlecht und muss komplett abgeschafft werden. Es macht einem zum Diener des Textes und nicht zu dessen Meister.

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