Tisch und Wasserglas – über soziale Institutionen

Um die Funktion und Verankerung von sozialen Institutionen, wie Schulen aber auch Gesetze, Medien, Gerichte, Universitäten, Geld, Kapitalismus, Sozialismus, usw. besser zu verstehen will ich das Bild von einem Tisch benützen, auf dem ein Wasserglas steht.

Stellen wir uns also die Gesellschaft als einen Tisch vor und die Stabilität als ein Wasserglas, das auf diesem Tisch steht.

Steht der Tisch schief, so rutscht das Wasserglas zur niedrigsten Stelle. Der Tisch steht, da die Welt gewisse Ungerechtigkeiten hat, von Natur aus schief. An diesem Punkt setzen menschliche Institutionen ein, die den Tisch stützen, um das Wasserglas nicht herunterfallen zu lassen.

Diese Institutionen dienen wie Bierdeckel oder Keile, die unter die Beine des Tisches gestellt werden, um diesen zu stützen.

Die nächste Frage ist nun: Wie werden diese Bierdeckel und Keile aussehen?

Die einfachste Lösung wäre es natürlich, dass man – wie bei einem realen Tisch auch – diese Keile immer unter das kürzeste Bein stellt und dies so lange macht, bis der Tisch waagerecht ist.

Jetzt kommt das Problem, viele sind gar nicht daran interessiert, dass der Tisch vollkommen gerade steht, sondern wollen für sich einen Vorteil haben, schließlich können gesellschaftliche oder technische Umwälzungen jederzeit den Tisch wieder aus dem Wasser bringen.

Zusätzlich haben sie, wenn sie auf der Seite der hohen Kante des Tisches sind, ja Vorteile, die sie nicht einfach hergeben wollen. Und diese Vorteile können sie auch nützen, um die Größe und Form der Keile zu bestimmen.

Kleine Keile unter das jeweils kleinste Bein sind also für diese uninteressant. Das Wasserglas darf nur nicht herunterfallen, das würde Revolution bedeuten.

Keine Keile wollen diejenigen nicht, die am niedrigen Ende des Tisches stehen, da sie klar benachteiligt sind. Also werden sie eine Art von Keilen fordern.

Damit bleiben also nur große Keile, die nicht nur den Tisch am niedrigen Ende hochheben, sondern auch am hohen Ende.

Nun könnte man also Keile einfügen, die das niedrige Ende mehr anheben, als die höheren Enden. Doch auch dies würde bedeuten, die natürlichen Vorteile der Stärksten aufheben.

Die einzige Option die also von unten durchsetzbar ist, sind also Keile, die alle Beine gleich unterstützen. Dabei fällt das Glas nicht herunter, und alle haben ein höheres zivilisatorisches Level erreicht. (Um vom Tisch zu essen, müssen sich allerdings auch alle höhere Stühle besorgen, was wir z.B. im Bildungsparadoxon haben, oder auch in der Justiz, die durch steigende Qualität und Komplexität besonders für ärmere Schichten Gerechtigkeit unerschwinglich und undurchschaubar machen).

Diese Menschen spielen aber nicht mehr so sehr in die Überlegungen der gesellschaftlichen Stabilität herein, da sie sozusagen wie mit einem Rasiermesser abgeschnitten wurden und außen vor sind. Sie müssen von Almosen leben und können leicht auf eine niedere Stufe der Sklaverei übergeführt werden.

Da die Stärkeren in jeder Gesellschaftsform Gesetze in ihre Richtung beeinflussen können, werden sie aber nicht mit gleich hohen Untersetzern zufrieden sein, sondern immer noch ein paar Vorteile zusätzlich einbauen wollen. Dieses geschieht gar nicht aus böser Absicht, sonder eher aus dem Fakt, dass man höhere Ansprüche hat und somit eine Reform dies auch berücksichtigen muss. Während Menschen mit nicht so großen Ansprüchen auch für kleinere Vorteile dankbar sind.

Die Untersetzer werden also immer ein paar Millimeter mehr Privilegien für die ohnehin schon Privilegierten mit sich bringen, während sie für alle eine Verbesserung bringen.

Daraus ergibt sich eine interessante Situation, zum einen helfen die Untersetzer (in Form von gesellschaftlichen Institutionen) allen. Und führen dennoch zu einem Privilegienausbau, der die Ungleichheiten verstärkt.

Zusätzlich kann man schnell erkennen, dass niemand einfach die Untersetzer übereinander stapeln würde. Das wäre zu instabil. Untersetzer könnten wie eine Tischdecke schnell herausgezogen werden und das Wasserglas bliebe stehen. Somit ist es wichtig die Untersetzer ineinander zu verkeilen. Institutionen müssen also ineinander verkeilt werden, sich gegenseitig stützen. Die Struktur muss in sich gegenseitig verankert werden. Dieses ist auch im Interesse aller: einmal errungene Fortschritte können so nicht mehr rückgängig gemacht werden, ohne das ganze System zu destabilisieren.

Die Situation kennzeichnen verschiedene Merkmale und Konsequenzen:

  • -Die Institutionen zu durchschauen wird immer komplexer, es gibt keine nur schlechten Institutionen.
  • -Wenn man eine Institution als schlecht erkannt hat, so kann man diese nicht rückgängig machen. Die Privilegierten würden zwar ein paar ihrer Privilegien verlieren. Aber die Unterprivilegierten würden unter eine erträgliche Grenze der Zivilisation sinken – und es war ein Kampf diese zu überwinden.
  • -Die einzige Möglichkeit bleiben mehr Institutionen, jeder der Untersetzer entfernen will, gilt sofort als rückschrittlicher Gesellschaftsfeind; insbesondere als Feind der Unterprivilegierten. Da die Privilegierten überproportional von den Institutionen profitieren, werden sie das durch ihren Einfluss (z.B. Medien) auch lautstark äußern.
  • -Dies führt bei steigendem zivilisatorischem Niveau zu einer steigenden Ungleichheit und Ungerechtigkeit.
  • -Neue Untersetzer führen zu mehr Instabilität und die Untersetzer müssen behutsamer angebracht werden, da sonst die schon bestehende Instabilität (die natürliche Schieflage wurde ja nur verstärkt) das Wasserglas sofort herunterfallen lässt.
  • -Untersetzer werden somit asymptotisch immer kleiner, um etwas zu tun (das bestehende System hat die maximal ertragbare Ungerechtigkeit erreicht – das Wasserglas steht an der äußersten Kante und überragt diese schon).
  • -Das System an Untersetzern, das der Gesellschaft untersteht wird immer komplizierter und schwerer zu durchschauen.
  • -Die Gesellschaft gewinnt zunehmend an Instabilität, bis neue Institutionen undenkbar sind und die alten nur noch reformiert werden können.
  • -Die Reformen betreffen dadurch immer gewohnte und sich eingefahrene Strukturen und verursachen damit einen immer größeren Aufschrei in der Bevölkerung.
  • -Reformen erleiden dasselbe Schicksal und werden asymptotisch kleiner bis sie sich nur noch im Kreise drehen.
  • -Das Gewöhnen der Neuankömmlinge an die Institutionen dauert immer länger und wird immer schwerer zu erklären. Diese Gewöhnung nennen wir Sozialisation – da man an die sozialen Institutionen, die die Gesellschaft stützen gewöhnt wird und ihr Normen und Werte übernimmt und internalisiert.
  • -Da sich die Untersetzer alle gegenseitig stützen und miteinander eng verwoben sind, bringt jede neue Institution oder Reform das Risiko von Instabilität mit sich. Dies führt zu einer zunehmenden Handlungsunfähigkeit. Einem Ausgeliefert-Sein gegenüber den Geistern, die man rief.
  • -Jeder Abbau einer Institution muss erklären, wie das komplette System (in all seiner Verworrenheit und Starrheit) funktionieren kann, wenn es ohne die oder jene Institution funktionieren soll. Die Erklärung wird dadurch erschwert, dass das Gegebene durch die Sozialisation als „Natürlich“ anerkannt wurde und man sich nichts anderes vorstellen kann/wagt.
  • -Durch die gewonnene Höhe an zivilisatorischem Niveau (also die immense Höhe, die der Tisch gewonnen hat) ist man losgelöst vom Boden. Man weiß zwar, dass man Dinge nicht tun soll und Grenzen zu achten hat, aber man weiß nicht mehr „Warum“. Es fällt auch zunehmend schwer dieses Neuankömmlingen zu erklären und Sinnfragen werden mit einem Das-Ist-Halt-So oder einer beliebigen Begründung zum Schweigen gebracht.
  • -Durch diese Entfremdung wird es immer schwerer Richtig und Falsch zu erkennen und es zieht ein großer Relativismus in die ganze Gesellschaft ein, in dem es keine Tatsachen mehr gibt, sondern nur noch Meinungen. Wissenschaft die sich einst aus der Religion entwickelte wird zu einer neuen Religion und die Untersetzer nehmen die Formen von Kirchen an.
  • -Mit den Meinungen wird je nach Gesellschaftsform umgegangen. So kann man darüber abstimmen, sie niederschreien, sie respektieren. Dieses hängt von der Superstructure (dem institutionellen Überbau) ab. Oder in unserem Beispiel von der Art der Untersetzer und ihrer Verkeilung.
  • -Je weiter das Glas über den Rand hinausragt, desto gereizter und ungehaltener werden die Reaktionen auf Dissidenten (Andersdenkende).
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4 Kommentare zu “Tisch und Wasserglas – über soziale Institutionen

  1. also, daß das Bedingungslose Grundeinkommen alle Beine gleich unterstützt, finde ich eigentliche nicht. Es ist ja ein Unterschied, ob 1200 Euro „Portokasse“ (naja, oder zumindest ein Bruchteil des damals diskutierten Betrags ;-)) oder tatsächlich existenzsichernd sind. Da werden die kürzeren Beine schon etwas mehr angehoben, wenn das Schreck- und Drohgespenst Arbeitslosigkeit ein bißchen von seinem Schrecken verliert.

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