Zitate und Zitieren – ein Beispiel

Nachdem ich mir hier Gedanken über Zitate und Zitieren gemacht habe, möchte ich nun ein Beispiel angeben.

Als Beispiel zitiere und interpretiere ich Rousseaus Satz:

„Gemeinsam stehen wir alle, jeder von uns seine Person und seine ganze Kraft unter die oberste Richtschnur des Gemeinwillens; und wir nehmen, als Körper, jedes Glied als untrennbaren Teil des Ganzen auf“ (GV 1.6,8)

Damit belege ich jetzt mal die fiktive Meinung, dass jeder Mensch sich unter das Gemeinwohl unterordnen muss und seine eigenen Fähigkeiten und Interessen nachrangig gegenüber diesem Gemeinwohl sind. Das Gemeinwohl wird durch eine beliebige gesellschaftliche Kaste (z.B. gewählte Politiker) als oberste Richtschnur gesetzt (als Gesetz).

Jeder Unbedarfte müsste mir bei dieser provokanten Argumentation gefolgt sein, und müsste nun auch der Meinung sein, dass dieses Rousseaus Gedanken waren. Ich habe korrekt zitiert und habe mich bei der Interpretation auch nicht zu weit aus dem Fenster gelehnt.

Als nächstes würde ich noch Hobbes zitieren:

    „Der alleinige Weg zur Errichtung einer solchen allgemeinen Gewalt, die in der Lage ist, die Menschen vor dem Angriff Fremder und vor gegenseitigen Übergriffen zu schützen und ihnen dadurch eine solche Sicherheit zu verschaffen, dass sie sich durch eigenen Fleiß und von den Früchten der Erde ernähren und zufrieden leben können, liegt in der Übertragung ihrer gesamten Macht und Stärke auf einen Menschen oder eine Versammlung von Menschen, die ihre Einzelwillen durch Stimmenmehrheit auf einen Willen reduzieren können. Das heißt soviel wie einen Menschen oder einen Versammlung von Menschen bestimmten, die deren Person verkörpern sollen, und bedeutet, dass jedermann alles als eigen anerkennt, was derjenige, der auf diese Weise seine Person verkörpert, in Dingen des allgemeinen Friedens und der allgemeinen Sicherheit tun oder veranlassen wird, und sich selbst als Autor alles dessen bekennt und dabei den eigenen Willen und das eigene Urteil seinem Willen und Urteil unterwirft. Dies geschieht durch die Einheit aller mit allen.“ (Thomas Hobbes, Leviathan, Kapitel 17)

Damit wird also der Allgemeinwille durch das Urteil einer Gruppe von Personen (z.B. Parlament) ausgeübt, deren Urteil sich jeder unterwirft. Und nicht nur das, sondern wir unterwerfen auch unseren Willen und unser Urteil (wir bilden also kein eigenes mehr) dem Gemeinwillen, der durch diese Person(oder Gruppe) verkörpert wird.

Die obige Argumentation ist ungefähr das, was aktuell unter Demokratie verstanden wird. Und es kann auch schön und korrekt zitiert werden. Sobald man nachlesen will, findet man auch diese Sätze an den besagten Stellen. Das Problem ist nur, dass Hobbes (zeitlich lange) vor Rousseau geschrieben hat und Rousseau genau das Gegenteil gemeint hat, von dem was ich ihm in die Schuhe geschoben habe.

Jemand der den geschichtlichen Zusammenhang und die Werke nicht kennt, ist meiner Argumentation hilflos ausgeliefert. Insbesondere wenn es zur Indoktrination benützt wird können Szenarien erstellt werden (z.B. auszugsweise Kopien, schnelles weitergehen im Stoff (z.B. Unterricht)), in denen ich dieser Meinung hilflos folgen muss.

Hier will ich aber noch ein Beispiel aus John Rawls, Geschichte der politischen Philosophie benützen, um zu demonstrieren, wie ein Zitat „gefahrlos“ verwendet werden kann (obwohl ich mir natürlich nicht sicher sein kann, bevor ich das ganze Werk und seine Entstehungsgeschichte kenne):

„Dieses ist die erste Stelle im Gesellschaftsvertrag, an der das Wort „Gemeinwille“ (volonté générale) vorkommt. Es ist unverzichtbar, daß wir uns über die Bedeutung dieses Wortes und die Zusammenhänge mit den übrigen Grundideen Rousseaus Klarheit verschaffen. Daher werde ich mich gleich dieser Idee zuwenden. …“ (Kapitel Rousseau)

Gute Belege findet man auch bei Vygotskij „Denken und Sprechen“.

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