Zitate und zitieren – die neue Dummheit

Schaut man sich im Fernsehen Dinge wie Spaceballs oder Die Simpsons an, so findet man zahlreiche Anspielungen auf andere Filme, Literatur und gesellschaftliche oder soziale Missstände. Der Literaturkenner versteht die Anspielungen auf die Literatur, der Filmkenner die Anspielungen auf andere Filme und der Gesellschaftskritiker die Anspielungen auf die gesellschaftlichen Missstände. Der Durchschnitssnormalo erkennt von allen Anspielungen ein bisschen und jeder freut sich, sobald er eine Anspielung erkannt hat.

Damit einher geht auch das gute Gefühl, etwas über die Welt zu wissen und ein Stolz über die eigene Cleverness subtile Andeutungen zu erkennen.

Es gab einmal eine Zeit, da war das auch unter Intellektuellen so. Sie schrieben ein Buch und bezogen sich in Andeutungen oder direkten Angriffen auf Thesen älterer, zeitgenössischer oder schon verstorbener Kollegen. Die Adressaten nickten und freuten sich auch über ihre Bildung und ihre Cleverness und diskutierten die Werke in Salons (die Pariser Bussi-Gesellschaft) oder in Jesuiten-Orden.

Kein Filmemacher würde jemals darauf kommen, unter jede Szene mit einer Anspielung auch das Bezugsobjekt im Untertitel zu nennen. Der Zuschauer würde das nicht nur lächerlich finden, sondern sogar als beleidigend.

Würde z.B. bei Spaceballs in jeder Szene, in der Lord Helmchen auftritt eingeblendet werden, dass es sich hier um eine Anspielung auf Darth Vader handelt, so würde man sich schnell für dumm verkauft vorkommen.

In heutigen wissenschaftlichen Texten ist diese Praxis Gang und Gebe. Dies ist zum Teil auch verständlich, da die Fachgebiete und das Wissen darin immens ist und man darauf angewiesen ist, da man vor lauter Drittmittelanträgen gar keine Zeit hat sich einen regelmäßigen Überblick zu verschaffen. Und trotz Internet und neuesten Kommunikationsmöglichkeiten sehen sich die meisten Wissenschaftler auch außerstande einen Methodenstreit anzuzetteln und sich schnell auszutauschen. Das hängt aber auch mit Konkurrenz und Copyright, sowie kiloweise juristischer Bestimmungen, wann etwas als Erstveröffentlicht gilt zusammen.

Über die Schulen und den allumfassenden Anspruch eines Jeden jetzt auf einmal „wissenschaftlich“ zu sein, verbreitet sich dieses Armutszeugnis einer halbgebildeten Gesellschaft selbst in die letzte Ecke des Lebens. Zitate sammeln wird zu einem neuen Volkssport und jeder schreibt, wie früher auch, seine Meinung hin und sucht sich danach ein paar Zitate. In Anleitungen über das Verfassen einer Doktorarbeit wird ernsthaft das Anlegen eines Karteikastens von Zitaten mit Fundort empfohlen. Damit hat der Wissensbeamte fast seine Reinform erreicht. Als nächstes kommen noch die Formular-Vordrucke für wissenschaftliche Arbeiten.

Zitieren gibt den Eindruck von Schlauheit. Das man die Zitate meist komplett aus dem Zusammenhang reißt und auch sonst mehr zur Verdunkelung unserer Gesellschaft beiträgt stört keinen mehr.

Nur einer Sache kann man sich in unserer verschulten Gesellschaft heute sicher sein: Wenn ich schon das Original nicht gelesen habe, dann hat es wenigstens niemand anders auch. Das ist Chancengleichheit in Reinform!

Wir werfen uns einfach Phrasen an den Kopf, aus Büchern, die wir allerhöchstens ausschnittsweise gelesen haben. Und anstatt einen expliziten Verweis auf dasjenige Buch als Beleidigung unserer Bildung aufzufassen, deuten wir es als Zeichen der „Wissenschaftlichkeit“.

Und so gibt es für die Elite der Unbildung sogar ein Buch: „Die verblödete Republik“ – Dort werden die Zitate fortlaufend durchnummeriert. Damit auch jeder, der nur auf 3.-Klass-Niveau lesen kann endlich auch mal einen „wissenschaftlichen“(TM) Text gelesen hat, der aus ca. 700 Zitaten ein wildes Potpourri zusammenwürfelt. Verstehen der Zusammenhänge und skizzieren von Lösungen ist unmöglich.

Willkommen im neuen Mittelalter. Die Epoche der formalen Wissenschaftlichkeit. Danke an alle Schulvertreter, dass sie die Buchgesellschaft so schnell wie möglich abgewickelt haben; denn wo kämen wir dahin, wenn wir nicht alles vorgekaut bekämen. Gute Bildung ist schon eine Augen-Weide.

(so jetzt habe ich auch mal drauf gehauen 🙂 )

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5 Kommentare zu “Zitate und zitieren – die neue Dummheit

  1. Ja, wenn’s nur um die nennung des autors ginge … beim zitieren in wissenschaftlichen texten braucht das zitat eine quellenangabe, damit man es überprüfen kann. (Stimmt es überhaupt, dass der xy sowas geschrieben hat?) und vielleicht möchte man von der klugen frau, die das geschrieben hat, das ganze buch lesen? und vielleicht möchte man ja mal genau gucken, in welchem kontext dieser satz stand, denn es kommt einem so vor, als hätte der zitierer es aus dem zusammenhang gerissen und völlig falsch interpretiert? – ich möchte gerne die korrekten verweise behalten!

  2. Hi Lisa,

    ich hoffe Du hast Recht und die ganze formale Zitatefülle ist wirklich ein Schritt in Richtung Bildung und Aufklärung.
    Denn wenn meine Vermutung stimmt und es ist wirklich nur ein Fetischismus, der darauf hinweist, dass die Halbbildung die westliche Zivilisation geschluckt hat, dann ist das ein düsteres Szenario.

  3. PS: Nicht, dass wir uns falsch verstehen, auch ich finde, dass man die Bücher gelesen haben sollte, auf deren Gedanken sich bezogen wird. Aber mir geht es eben nicht um den einzelnen Satz, auf der jeweiligen Seite. Sondern dem grundsätzlichen Verständnis des Autors.

  4. Also, mich nervt es ungeheuer bei manchen amerikanischen Büchern, dass es dort teilweise nur ein Literaturverzeichnis gibt und keine genauen Verweise. Ich würde schon gern ab und zu wissen, in welchem Zusammenhang der Primärquellen-Autor etwas geschrieben hat o.ä., und ich habe nicht immer Lust, dafür ein dickes Buch zu durchsuchen.
    Ich mag deswegen Fußnoten sehr gern. 🙂

  5. Pingback: Zitate und Zitieren – ein Beispiel « -Thousand Sunny's Weblog-

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