Es gibt keine guten Schulen

Zu oft habe ich die Aussage gehört, dass es gute Schulen gäbe. Lange Zeit auch selbst geglaubt – so sehr sogar, dass wir eine gute Schule gründen wollten.

Heute glaube ich, dass es keine guten Schulen gibt. (Es könnte sie geben, aber die Reformen bis dorthin sind weit außer Sichtweite).

Es gibt Schulen, die mehr das soziale fördern und morgendliche Kreise haben und Mittagskreise und bald auch Abend- und Nachtkreise. Aber sie haben keine Nachbarschaft und sie sind eine künstliche Gemeinde.

Es gibt Schulen, die mehr auf die Interessen des Schülers eingehen und den Stoff an ihm ausrichten. Aber sie sind alle an Lehrpläne gebunden, die sie durchsetzen müssen und das Eingehen auf die Interessen des Schülers ist nur ein pädagogischer Trick um den Lehrplan noch subtiler rüberzubringen. Um die Fremdbeschäftigung und die Fremdsteuerung intrinsisch wirken zu lassen. Die Entfremdung ist hier noch gemeiner.

Es gibt Schulen, die richten ihre pädagogischen Konzepte auf positive Verstärkung aus und verbannen alle negative Verstärkung. Progressive Pädagogen fordern sogar schon, dass Noten abgeschafft werden oder wenigstens alle Noten bis auf die Bestnote. Doch es bleibt immer noch derselbe behavioristische Mechanismus. Wie man eine Ratte dazu bringt das Knöpfchen zu drücken und einen Menschen dazu eine bestimmte Lektion zu lernen.

Es gibt Schulen, die richten ihr Konzept auf Bewegung und Natur aus, nur um im nächsten Schritt ausgepowerte Schüler wie eine Schafsherde gefügig unter dem Nürnberger Trichter zu befüllen.

Es gibt Schulen, die altersübergreifend, gehirngerecht und weiß nicht was noch lehren. Aber alles sind nur pädagogisches Feintuning um den Lehrplan – den Unbekannte zusammenstellen – noch leichter in den Gehirnen zu verankern. Teilweise trivialisieren sie den Stoff und machen eine Unterhaltungsshow aus der ganzen Welt und ihren Lektionen. Sie richten noch mehr auf die Welt der Seichtigkeiten ab, als es die alten Schulen, die den Widerstand des Schülers provozierten je taten.

Es gibt also Schulen, die besser passen.

Man kann aber ganz leicht feststellen, dass es alles keine guten Schulen sind. Die Schüler sagen, sie wollen aufs Gymnasium, sie wollen auf die Realschule oder an die Uni. Die Schüler geben also über ihre hierarchische Stelle in der Pyramide Auskunft. Dort „wo“ sie mal hinwollen – oder „was“ sie mal werden wollen.

Lernen und Bildung ist aber kein soziales Transportunternehmen. Lernen wirft Fragen auf und Bildung zeigt ihre Komplexität. Wenn man ein Kind an einer guten Schule also fragen würde, was es will, dann müsste es antworten, dass es die Welt verstehen will – oder dass es Menschen helfen will, oder dass es den Tod oder das Leiden oder irgendetwas anderes verstehen will. Vielleicht auch das Gehirn oder den Körper.

Doch die Kinder antworten nicht mehr so. Sie haben ihre wichtigste Frage vergessen, sie fragen nicht mehr „Warum?“ Sie sind ausgerichtet wie die Nadeln in einem Magnetfeld – alle nach Norden, nach oben, hoch auf die Pyramide.

Bildung und Lernen wurden in den letzten 200 Jahren ausradiert – und an ihre Stelle wurde groß mit roter Tinte geschrieben: Schule und als das nicht mehr wirkte: Schulreform.

Und so ist die Schulreform das beste Politikerfußball geworden, dass es je gab. Die Versprechungen interessieren die Wirtschaft, die Eltern, die Rentner und natürlich auch die Betroffenen. Wobei die Betroffenen am ehesten wissen: Ändern wird sich nichts – denn keiner weiß mehr die richtigen Fragen.

Und so werfen sich alle Ideologien vor, obwohl es doch Ideologien sind, die sie wieder brauchen. Denn die alte Ideologie ist zwar allmächtig und im blinden Punkt, wird gar nicht mehr als Ideologie erkannt – sondern als Realität – aber sie funktioniert nicht mehr. Es folgen in immer kürzeren Abständen immer heftigere Krisen und keiner weiß was zu tun ist.

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5 Kommentare zu “Es gibt keine guten Schulen

  1. Bezogen auf die Institution „Schule“ hast du Recht. Reformen in Institutionen sind nicht in greifbarer Reichweite, sondern es sind mühsame Prozesse, sehr mühsame und leidvolle, wie alle Prozesse, die in unserer Geschichte zu Reformen geführt haben und noch führen werden.

    Du hast für dich den Weg des Unschoolings gefunden, das sogar so konsequent, dass du unser Land verlassen wirst, um deine Kinder vor Institutionen wie der Schule zu schützen. Das empfinde ich als in sich absolut stimmig.

    Wie du mit diesem Konzept liegst, wird sich am Lebenserfolg deiner Kinder zeigen, wobei „Erfolg“ natürlich so definiert sein muss, wie du es und nicht die Institution definiert. Nicht ich, nicht das Web, nicht die Institution, deine Kinder werden deine Ernte sein – vielleicht müssen dich deine Kinder ja auch niemals „beurteilen“, da sie eben anders erzogen worden sind. Damit hättest du viel erreicht. Mehr als viele, viele Mütter und Väter.

    Wenn es dann wieder jedes Erwarten nicht ganz so oder anders kommt – eine Bitte: Mache dann nicht *ausschließlich* Leute wie mich, das Web, die Gesellschaft, die Institution usw. dafür verantwortlich.

    Frohe Weihnachten!

  2. Zu 95% gebe ich dir Recht. Es ist sauschwer, gute Schulen zu schaffen. (Und wenn man eine solche gründen würde, führte sie sich sehr schnell selbst ad absurdum.)
    Auch das Problem mit den Nachbarschaften bleibt immer, weil gerade solche Schulen, die wir als gute Schulen bezeichnen würden (die also wirklich das Kind sehen und nicht die eigene Agenda), immer nur von einer kleinen Clientel gewollt werden und daher die Schüler von weit anreisen müssten.
    Aber es gibt glücklicherweise dennoch auch innerhalb von (wahrscheinlich zumeist privaten) Schulen Menschen, die die Sache mit dem Lehrplan durchschaut haben. 😉

    Doch die Kinder antworten nicht mehr so. Sie haben ihre wichtigste Frage vergessen, sie fragen nicht mehr „Warum?“

    Stimmt das wirklich?
    (Das ist eine rhetorische Frage, denn ich finde, es stimmt nicht ganz.)
    Natürlich wissen sie ab einem bestimmten Alter, dass Erwachsene auf die Frage „Was willst du werden?“ einen „Beruf“ erwarten.
    Das heißt aber doch nicht, dass sie nicht dennoch den ganzen Tag „Warum?“ fragen und versuchen, die Welt zu verstehen. Ist doch viel wichtiger, dass sie das mit ihren Taten ausdrücken als als Antwort auf eine doofe Frage.
    Und es ist doch wichtiger, wenn kurz vor dem Einschlafen Aussagen zur aktellen Lage der Weltrettungsüberlegungen kommen als die Antwort „Ich will Mutter Theresa werden, wenn ich groß bin.“.
    Oder nicht? 😀

  3. @mccab
    OK, nicht *ausschließlich* 🙂
    Du kriegst mal einen extra Post hier, in dem ich auf ein paar Dinge eingehen werde – Du wirfst nämlich ganz spannende Fragen auf (für mich).
    Eins würde mich interessieren: Wie würden Deine Reformen aussehen?

    @mamamuh
    Ein paar, die es durchschaut haben (oder zumindest die Konturen anfangen zu sehen) gibt es wirklich. Ein paar von denen schreiben mir sogar öfter mal – mit ein paar waren wir in Schulgründungsinitiativen. Meiner bisherigen Beobachtung nach realisieren die vernichtende Kraft der Schule aber eher die Lehrer an staatlichen Schulen. Nur sie bilden keinen Widerstand sondern hoffen auf die GEW oder andere Hohepriester.
    Es kann also gute Lehrer geben(wahrscheinlich überraschend viele), aber keine guten Schulen. Die guten Lehrer retten dann dieser hirnrissigen Institution dann den Namen und sabotieren eigentlich ihre Ideale.
    Das Alter in dem das „Warum“ verloren geht würde ich auf 18 oder 19 Jahre festsetzen – bei manchen auch erst nach dem Studium. Manche studieren aber auch Philosophie oder ähnliche „Warum“-Studiengänge.

    Das mit dem Personen-Wunsch (also Mutter-Theresa) habe ich länger überlegt (sogar schon als ich den Artikel geschrieben habe) kam hier aber zu keinem eindeutigen Ergebnis, wie es zu werten sei. Auf der einen Seite spiegelt es den Lehrplan wieder (man will etwas wiederholen, was schon gedacht/gemacht wurde, anstatt etwas neues zu machen/zu sein).
    Vielleicht schreibst Du hin und wieder, wie es weitergeht?

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