Super Rock- & Porn-Star Zillionaire

Dieser Artikel lag mir schon länger auf der Brust – angeregt durch verschiedene Eltern die klagten, dass ihr Kind wieder in die Schule will (eine auch hier auf dem Blog) und ein paar Beobachtungen zum Kindergarten wage ich es nun doch.

Von Geburt an unseres Lebens sind wir einer massiven Werbeindustrie ausgesetzt. Und ich meine jetzt nicht die Werbeindustrie, die ihre Spots im Fernsehen oder der Zeitung netterweise mit Werbung tituliert. Ich meine die subtile, gesellschaftliche und ideologische Werbung auf die man überall trifft und deren Macht überwältigend ist. Deren kollektive Allmacht nur individuelle Ohnmacht erzeugt.

Hat man Kinder mit 2 Jahren, so hört man von allen Seiten: „Na, habt ihr schon einen Kindergarten ausgesucht?“ – „Jetzt ist es bald so weit, der Kindergarten“ und an die Kinder gerichtet: „Freust Du Dich schon, bald darfst Du mit anderen Kindern spielen“. Und von gesellschaftlicher Seite: „Bald geht es wieder zurück ins echte Leben, ist doch besser als dauernd nur zu Hause rumzusitzen und die Kinder zu bespielen„.

Auch gibt es kaum ein Kinderbuch, das nicht Werbung für den Kindergarten macht und darauf konditioniert bald in einer bunten Kinderwelt zu leben, den ganzen Tag im Schlaraffenland mit anderen Kindern zu spielen und am Ende des Kaninchenlochs die wundersamsten Dinge zu erleben.

Doch nicht nur das, die gesamten Produktpaletten für Kinder sind auf die „nächste Stufe“ ausgelegt. Alles wird toll und klicki-bunti – eine Traumwelt außerhalb der virtuellen Grenzen.

In dem Alter haben Kinder noch ein gutes Gefühl für das Natürliche und das sind nun mal die Eltern. So gibt es das Berliner Modell – das ist ein Plan, wie man Kindern die leiblichen Eltern abtrainiert und ihnen Bezahl-Eltern antrainiert. Angeborene Liebe wird durch konditioniertes Vertrauen ersetzt. Das ist der erste Schritt in die allumfassende Ideologie.

Doch schon bald kommt der nächste Schritt. Dieser wird mit noch mehr Literatur, Werbung, Propaganda und noch mehr Ritualen versehen. Von „Hurra, ich bin ein Schulkind“ über die Playmobil-Schulanfangs-Box bis hin zur kleinen Hexen-, Vampir-, Drachen- und Piratenschule. Egal welcher Figur ein 5-jähriger in unserer Gesellschaft begegnet und sei es Janoschs kleiner Tiger: Die Werbung für die Schule ist allmächtig und kommt in dem Schafskostüm der Bildung als Buch ins Haus. Für die Unterpriviligierten betreiben die Tageszeitungen und Wohlfahrtsverbände eine Propaganda, die noch keine andere Institution oder Ideologie so ideologie- und schichtübergreifend genießen durfte.

Das selbe gilt für Schulränzen, die von Kosmonauten über wilde Kerle bis zum Tiefseeforscher alles bieten und zeitlich vom Dinosaurier bis zum Raumschiff gehen. Modisch und topaktuell für die, die ihre Bildung über Symbole gewinnen wollen oder abgegriffen und unzeitgemäß, für die aufgeklärten Antikonsumisten und intellektuellen Humboldtianer. Das gleiche Spektrum lässt sich bei einer der drastischsten Bestechungsmaßnahme, die irgendeine Zivilisation jemals gesehen hat, sehen. Die Inhalte der Schultüte gehen von „schlechten“ Süßigkeiten bis zu „gesunden“ Obst und Karrotten. Doch eines liegt all diesen Ritualen zu Grunde: Das kritische Hinterfragen der Institution Schule wird von einer Rhapsodie an Ritualen, Bestechungsmaßnahmen und Propaganda übertönt. Es ist die große Initiation in die Ideologie der Fremdbeschäftigung und des Aufsteigens.

Ebenso wird das Stillsitzen schichtenübergreifend trainiert: die einen vorm Fernseher, die anderen beim Vorlesen oder Gesellschaftsspielen.

Dann kommt „der große Tag“ – Millionen von Kindern weltweit werden gleichzeitig an diesen Tagen auf ihre kleinen Inseln gebracht, wo sie eine Parallelgesellschaft mit eigener Legislative, Justiz und Exekutive . Denn was sie lernen ist nicht mehr mit rechtsstaatlichen Mitteln zu verteidigen, sie bekommen alle, die eine große einheitliche Doktrin: „Leistung, Verdienst und das schaffst es bis ganz hoch auf die Pyramide“ – die säkularisierte Variante des Koran-Versprechens – oder des alten Testaments. Die Einschulung ist das eine globale Sozialisations-Großereignis, das jede Weltmeisterschaft und die olympischen Spiele übertrifft. Auf Postern sehen uns afrikanische Kinder an, die sich nichts sehnlicher wünschen, als auch in die Schule gehen zu dürfen – einen Ort, den sie nicht kennen und mit dem sie alle Hoffnungen auf ein Paradies verbinden.

Die Kinder werden in einer Welt, die extra für sie geschaffen wurde, groß. Ein künstlicher Uterus, der nichts mit der Realität zu tun hat, aber stetig darauf vorbereiten soll. Und in der wir darauf trainiert werden, später auch einmal in so großen Gebäuden eine Rolle zu spielen, oder sie gar für uns zu haben. Für die Leister ist sie das Paradies des goldenen Käfigs, das später einmal die Industrie/Leistungsgesellschaft für sie sein wird. Für viele andere ist sie nur ein Käfig und eine tägliche Versklavung. Doch für alle ist sie in einem Punkt gleich: Das Training für die ganz große Karotte. Das große Geld, die Freunde, die sexuelle Erfüllung, die dort für alle versprochen wird und wie bei den meisten Religionen, nie gehalten wird.

Die Schule verspricht uns das, was die Gesellschaft uns verspricht. Arbeite schön, sei kreativ, sei teamorientiert, sei alles was wir brauchen … und verdiene dir damit die goldene Karotte.

Die Gesellschaft hat einen so überwältigenden Initiations-Ritus geschaffen, dass er die Struktur formt in der wir denken. Und da alle Institutionen besetzt sind von Menschen die erfolgreich waren in diesem Inititiations-Ritus erreichen uns über die Medien keine Informationen mehr von „außen“. Denn das „Außen“ wird jeden Tag weiter ausgelöscht. Der Schulexport in die Entwicklungsländer lässt nichts zurück, von dem das einmal vorher war. Das außerhalb der westlichen Kultur entstanden ist, in der die Schule ein radikales Monopol von 100% erreicht hat. Es gibt kein Außen mehr, und somit keine Informationen mehr von Außen – die Pressefreiheit und die Redefreiheit ist stärker beschnitten als es die Schere im Kopf je könnte. Jedes Hinterfragen ist in einen blinden Punkt gerückt, den wir – obwohl vor unserer Nase – nicht mehr hinterfragen können.

Und so bekommt die ganze Welt die eine große Nachricht: „Auch Du kannst es schaffen und alles erreichen. Die ganz große Auswahl an Konsumgütern, sei es Geschmeide oder Geschlechtspartner, Ansehen aus Deiner Umgebung – alles kannst Du in unserer großen Zivilisation erreichen, unserem unendlichen Wachstums-Paradies – zu Lebzeiten“

Die Schule ist der erste und mächtigste mythenbildende Ritus unserer Gesellschaft – er formt die Struktur unseres Denkens. Er ist die Ideologie, die wir nicht mehr erkennen – zu früh, zu dogmatisch und mit der geballten Ladung von allem, was wir für Gut, Menschenwürdig und Wichtig halten kauft sie uns in einem Alter, in dem wir noch nicht einmal wissen, dass wir einen Preis haben. Und wir verlieren Schritt für Schritt die wertvollsten Dinge, die wir besitzen können: Unsere Familie, unsere natürliche Gemeinschaft und unser Selbst.

Wie Chuck Palahniuk in seinem Buch Fight Club ausführt: Man macht uns glauben, dass wir Millionaires, Movie Gods and Rock Stars werden… But we won’t

Und ich will hinzufügen: Würden wir Millionaires, Movie Gods und Rock Stars werden, dann würden wir nur sehen wie leer und sinnlos das ganze Bühnenstück ist. Dass es nur eine Karotte ist und dass wir unser Leben eigentlich noch einmal neu anfangen müssten – dieses mal: ohne Motivierung auf fremde Ziele.

Doch als wir in die Schule kamen, da waren wir Kinder – wie hätten wir das alles wissen sollen, wenn es nicht einmal die Erwachsenen wußten?

Advertisements

9 Kommentare zu “Super Rock- & Porn-Star Zillionaire

  1. Ich verleihe Dir die goldene Karrotte für diesen Beitrag!!!

    Spaß beiseite: Danke. Einfach danke.

    „spiritual war, personal depression“…

    wie wahr.

  2. Pingback: Nur für starke Nerven « Buntglas

  3. @Andrea
    Ich weiß immer noch nicht, wie man jetzt Karotte schreibt – vielleicht schau ich mal auf Wikipedia nach. Aber irgendwie interessiert es mich auch nicht, ich schreib es einfach immer abwechselnd. Danke auf jeden Fall für die goldene Karrotte. Ich übe, vielleicht schaffe ich es ja doch noch einmal ein Buch zu schreiben
    @Micha
    Hallo, freut mich, dass Du hier liest und kommentierst – Willkommen.
    Diese Seite der Kindheit (und leider auch der Erwachsenenheit) wird viel zu wenig beleuchtet. Aber vielleicht wird ja dieses Jahrhundert das Jahrhundert des Kindes. Und es fängt damit an, dass wir gnadenlos die ganzen Lügen beim Namen nennen.

  4. It’s carrot.
    Aber es heißt Karotte.
    Wie address und Adresse. Ganz einfach. 😉

    Andrea, der Beitrag im ZDF ist ja der Oberhammer. Ich fand eigentlich, die hatten alle irgendwie ein Rad ab. Gott, diese armen Kinder. Ist das da in Bayern überall so? Oder ist es gar ÜBERALL so??? *schauder*

  5. @Andrea
    Brutale Horrorshow – dieses Video.
    Ich hab es gar nicht bis Minute 30 geschafft. Ich fand es von Anfang an so grausam. Und wie die Kinder sich unterordnen und diese hohlen Ziele akzeptieren.
    (Ich habe es nur 4 Minuten geschafft anzusehen)

  6. Dein Beitrag ist mir viel zu scharz-weiß.
    Die Struktur des Denkens wird z.B. wesentlich früher angelegt. Alles hängt von der Beziehung zu den Eltern ab, und zwar deutlich vor Kindergarten- und Schulalter.
    Und auch später vermitteln eher Eltern die kindliche Einstellung zum Leben und zur Leistung.
    Die Auswahl der richtigen Schule und der Unterstützungsmethoden liegt auch bei den Eltern. Das im Film gezeigte Schulsystem wird häufig und zu Recht kritisiert. Es gibt aber Alternativen. Und es gibt auch gute staatliche Schulen. Kinder von diesen fern zu halten, gegen den Willen der Kinder, finde ich auch nicht besser. Ist doch genau so Ideologie von oben.
    murmel

  7. Hallo und Willkommen murmel,

    meine Aussage ist ja auch, dass wir einer Dauerwerbesendung ausgesetzt sind, die ab Geburt beginnt und schon von unseren Eltern und deren Eltern internalisiert wurde.
    Deine Aussage „Es gibt auch gute Schulen“ hat mich aber gleich zu einem neuen Artikel verleitet.

    Zu Ideologie (und das von Dir wahrscheinlich gemeinte Dogma) will ich noch eine Stelle aus Wikipedia zitieren:

    State and statute: In general where people are made to statute and salute the government on a daily basis or live under the government’s guidelines where idealism took dictative roles is a regime. In a regime, over time, ideological warfares dogmatize thought, replace politics with its own interests, and carries a large presence of hardliners in top positions. The dogmatism of the ideology outwhelmes all other interests.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s