Chancengleichheit durch Schule?

Die Schule gilt in unserer Zeit als die Wunderwaffe für Chancengleichheit. Der Traum ist, dass alle Kinder zusammen in kleine Käfige gesperrt – sich vertragen und dann schichtenübergreifend Brüder/Schwesternschaft schließen.

Dieser Traum wird (wenn man dieser Ideologie folgt) durch folgende Hindernisse verhindert:

  • Privatschulen (auf die sich die reichen Schichten flüchten)
  • Schulschwänzer (hier entzieht sich die Unterschicht)
  • 3-gliedriges Schulsystem (hier wird die alte Trennung: Infanterie, Artillerie und Offiziere) wieder eingeführt.

Da die Schule aber systemimmanent Eigen- und Fremdgruppe unterscheiden lernt („wir halten zusammen“) würden auch die Reichen sich in Staatsschulen ihre Ecke suchen.

Da die Selektion ein Sinn der Schule ist, ist es nur ein gesunder Reflex der Unterschicht sich dort nicht aussieben zu lassen und lieber zu fliehen (das Problem der Unterschicht ist viel eher, dass sie diesen gesunden Menschenverstand nicht verbalisieren kann).

Auch in einer Gesamtschule würden sich die Offiziere von den Infanteristen entfernen.

Ein weiterer interessanter Punkt ist die Abschaffung der Hauptschule – also der Infanterie. Dieses ist logisch, in einem Zeitalter, in dem man die untere Arbeitsschicht / Kriegerkaste durch Robotik und Maschinen ersetzen kann.

Aber all die Reformen (und ihre Gegenreformen und Reaktionen) verdecken das eigentliche Problem der Schule. Das was man in der Schule lernt ist Schrott. Es ist unbrauchbares Partywissen. Dargelegt von Adorno (Theorie der Halbbildung) und Liessmann (Theorie der Unbildung) und vielen anderen.

Und dass man dort nur Schrott lernt hat seinen guten Grund.

Nehmen wir einmal an, wir würden dort wirklich lernen unsere Grundbedürfnisse zu stillen: Also Nahrung und Unterschlupf.

Lobbies würden zu Hauf Empörung in die Massenmedien tragen: „Wo bleibt Goethe und warum wird der Differentialrechnung nicht gehuldigt?“

Wir haben hier in der Nähe eine von diesen Massenmenschenlege-Batterien. Dort sind gesunde und starke Menschen, die mit HarzIV abgespeist werden und einer fruchtlosen und frustrierenden Beschäftigungs- und Bewerbungstherapie unterworfen werden.

Dort lernen sie jeden Tag aufs neue, dass sie Bittsteller und Parasiten sind, die nichts können, ausser still zu halten und aufs Mana zu warten, dass der Wirtskörper ihnen zuteilt.

Würden sie anstelle dessen gelernt haben ihre Kraft und Gesundheit zu nutzen und sich ein Haus fernab von allen Krediten, Baulöwen und Grundstücksmaklern selber zu bauen; würden sie anstelle dessen gelernt haben ihre Kraft und Gesundheit in einen Boden zu stecken, aus dem sie ihre Früchte ernten, wie sähe ihre Situation dann aus?

Viele von ihnen würden diese Wohncontainer verlassen und hätten bald ein eigenes, selbständiges Leben fern von eingepferchter Demütigung.

Aber ich will noch einen Schritt weitergehen. Was würde passieren, wenn sie neben diesen Grundbedürfnissen Technologie begreifen lernen würden. Nehmen wir einfach mal an, das nächste staatliche Investitionsprojekt lautet: „Beliefern sie uns mit transparenten Computern, denen man ihre Funktionsweise ansieht, deren Teile man mit gesundem Menschenverstand aus- und einbauen kann.“

Hätte man ganz früh im Leben die Möglichkeit selbständig zu lernen und so schnell und so oft zu spezialisieren wie man will – und zuallererst werden die wirklichen Grundbedürfnisse zu befriedigen gelernt, dann würden wir eine neue Welle der Mündigkeit erleben und eine neue Welle der Autarkie und Autonomie. Die Menschen könnten sich in Subsistenz-Netzwerken ein besseres, glücklicheres und gesünderes Leben leisten, als sie es heute können. Sie würden nur noch kleine Teile dazukaufen müssen und diese schnell selbst nachbauen können.

Die unmittelbare Folge aus einer Schule, die echte Fähigkeiten entwickelt wäre ein Einschmelzen des BIP (die goldene Meßlatte für die Fortschrittlichkeit einer Nation).

Es wäre eine Abkehr von der industriellen, esoterischen Gesellschaft – die all ihr Wissen hinter schickem Design versteckt – in eine postindustrielle, hochtechnische, dezentralisierte Gesellschaft. Es wäre ein Abschied von den hohen Mieten und Investitionsmargen der Stadt und dem Ausstrocknen der ländlichen Bevölkerungen.

Das Industrie-Paradigma sieht jedoch eine große Konsumentenmasse vor, die sich einer kleinen Erfinder-Elite und ein paar Nutznießern gegenübersteht vor.

Und deswegen dürfen echte Chancen – also die Möglichkeit Dinge anzupacken und selbst zu machen – gar nicht in der Schule gelernt werden. Der Lehrplan muss nutzlos sein. Der Lehrplan muss eine Gleichheit von Unchancen herstellen, die nur derjenige durchbrechen kann, der genügend Kapital kanalisieren kann um wirklich etwas zu bewirken: Nämlich eine Marketingmaßnahme, die den sozialisierten Konsumentenhorden ein neues Bedürfnis verkauft und sie noch ein Stück mehr zu abhängigen Konsumenten macht.

Es geht also nicht um Chancengleichheit oder Chancenungleichheit. Die Lehrpläne und Staatsschulen sind ausschließlich auf Unchancengleichheit ausgerichtet. Die aktuell vermittelten Inhalte (besonders die der höheren Schulen) lassen sich nicht mehr autonom einsetzen. Diese Inhalte stehen nicht mehr für sich selbst. Niemand kann damit eine Entdeckung machen oder etwas herstellen, ohne in einen großen Konzern eingegliedert zu sein, der die komplette Infrastruktur und „Manpower“ des industriellen Fließbandbetriebes herstellt.

Alles andere würde als Untergrabung des Rechtes auf Allgemeinbildung abgestempelt. Und so sieht man fertige Gymnasiasten die Supermarktregale einräumen, Studenten kellnern und Kinder das Wochenblatt austragen – denn etwas eigenes auf die Beine stellen, das ist politisch unerwünscht.

Und während die Montessori-Kinder zur Abiturfeier gefärbte Batik-T-Shirts verhökern, bauen Unschooler Boote, Autos und gründen ihre eigene Firma mit 15 Jahren und wundern sich, warum erwachsene Menschen so viel Fernseh schauen.

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2 Kommentare zu “Chancengleichheit durch Schule?

  1. Die kollektive Vernetzung einer arbeitsteiligen Gesellschaft hat viel gebracht, birgt in sich jedoch auch, wie hier richtig vermerkt, persönliche Risiken in einem Wechselspiel mit systemischen Risiken.

    Im Prinzip geht es um ein Gleichgewicht: ist der Mensch eher ein Schwarm-Wesen, oder eher ein Individuum? Und wenn man es sich aussuchen kann: was wäre besser?

  2. Hi,

    ich denke, solange wir unseren Bildungsbegriff nicht restaurieren werden wir hier nur einen Dualismus erkennen.
    Wenn aber nun jeder das Ziel hätte möglichst viele Kompetenzen und Fähigkeiten in sich zu vereinen öffnet sich eine komplett interagierende Gesellschaft, deren Individuen alle selbständig sind.
    Das ist (soweit ich das beurteilen kann) der Schnittpunkt von Marx und Adam Smith – und wir sind kurz davor.

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