Entstehung von Systemen

Ivan Illich (Selbstbegrenzung – S. 166):

[…] das juridische System ist nicht eine Gesamtheit von geschriebenen Regeln, es ist ein Prozeß, durch den die Gesetze geformt und auf reale Situationen angewandt werden. Der Korpus von Gesetzen, der eine Industriegesellschaft lenkt, reflektiert unvermeidlich deren Ideologie, soziale Merkmale und Klassenstruktur, wobei er diese verstärkt und ihre Reproduktion sichert.

Selbes gilt auch für die Sprache und für die Schule. Besonders die Schule hat eine enorme Auswirkung, da sie die Denkstruktur formt, „falsch“ Denkende aussortiert und die Eliten von Morgen selektiert, die das Land führen werden (dabei ist es egal, ob diese an bürokratischen Hebeln in Beamtenstuben sitzen oder über Investition und Marktmacht wirken). Somit formt die Schule, mehr als die anderen Systeme, die Struktur der Zivilisation.

Die Reproduktion der bestehenden Machtverhältnisse durch den Niederschlag ihrer innewohnenden Ideologie in den Systemen wurde nicht nur von Illich festgestellt, auch Bourdieu stellte in seinem Buch „Die feinen Unterschiede“ den Erhalt der Klassenstrukturen durch die Schule fest. Ebenso natürlich Norbert Elias, der zusätzlich die Distribution der Werte der Eliten nach unten aufzeichnet.

Ein weiteres interessantes Buch in diesem Zusammenhang ist Helmut Wagners „Elitenbildung und Einordnung in eine Gesellschaft“.

Auch Holt (wie viele andere) stellt in diesem Zusammenhang die Frage nach der Frage. Denn die Schule konzentriert sich so stark auf Antworten geben, dass Schüler (die die spätere Bevölkerung ausmachen) aufhört die interessanten Fragen zu stellen. Die Bevölkerung verliert gar selbst die Fähigkeit neue Fragen zu stellen. Und so wird das Frage und Antwort-Spiel von einer kleinen Gesellschaft aus Politikern, Gruppenvertretern und Journalisten dominiert. Der gesellschaftliche Diskurs, die Vorraussetzung für eine Demokratie, wird ersetzt durch einen herrschaftsorientierten Diskurs.

Der Bürger hat den toten Punkt der intellektuellen Entwicklung erreicht – er folgt dem Tagesgeschehen in den Tageszeitungen. Er bewegt sich fortan, wie eine Billardkugel über den Tisch. Gewinnen können in diesem Moment nur noch die Gruppierungen und Parteien mit den glaubwürdigsten(im PR-Sinne) und besten Versprechungen. Diese Entwicklung zeichnete Platon in seinem Kreislaufmodell der Staatsformen auf (nachzulesen in „Der Staat“).

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2 Kommentare zu “Entstehung von Systemen

  1. das sieht man an den aktuellen Studenten/Schülerstreiks. Da könnte ich mich aufregen. Gefängnisinsassen, die mehr Gefängnis fordern – Hauptsache sie dürfen beim Mauergrau mitbestimmen (aber bitte demokratisch).

    Das Gute ist, dass wir die Mühle kennen und austreten können 🙂

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