Mehr Eis!

Als ich klein war, da gab es nur ein paar Eissorten. Stracciatella war damals schon exotisch.

Doch das schien niemanden mehr zu befriedigen. Und so kamen immer neue Eissorten dazu. Malaga, Schlumpf (oder Azzuro, damit es auch der Bildungsbürger für seinen Nachwuchs bestellen kann), Melone, usw.

Und immer wieder war man nach einiger Zeit gelangweilt, selbst von den allertollsten neuesten Eissorten.

Unser Eishändler um die Ecke folgt dem Prinzip der Eissorten-Expansion und führt im Winter knapp 20 Eissorten und im Sommer dann um die 40 Sorten.

Und doch bleibt es immer nur kalter Zucker mit irgendeinem Geschmacksstoff – und je größer die Auswahl wird, und desto mehr man sich von den kleinen Portionen Glück „genehmigt“, desto schneller merkt man das auch. Das versprochene Glück bleibt aus, man wird nur abgespeist.

Die einzige Methode, die Eishändler kennen ist: Mehr Eis. Zusätzlich bauen sie noch die Glücks-Gadgets aus. Der eine wirft ein paar Smarties drauf, ein anderer verkauft Riesen-Waffeln mit in Schokolade und Zuckerstreusel getauchtem Rand, bunte Zuckerstangen – Kaffee (für den anspruchsvollen Geschmack), Kuchen für die Dame von Welt.

Und trotzdem wird es – sobald das Eis die wertvolle Schau-Vitrine verlassen hat – wertlos. Schnell heruntergeschlungen, mit hektischem Blick auf die Straße oder einen in der Ecke montierten Fernseher, der die neueste Tour de France zeigt.

Die einzige Möglichkeit diesem ganzen entgegenzuwirken ist: Mehr Eis. (oder mehr Auswahl). Schon träumt man von riesigen Eis-Restaurants mit Kaffee-Flatrate oder neben Kugeleis noch ein breites Menü an Eis-Spezereien. Vom Banana-Split bis zum Xeno-Azzuro.

Die Eis-Großfresshalle steht schon in den Startlöchern und man träumt von riesigen Hallen, die einem das ganze Lebensgefühl von Freiheit, Genuß und Leben vermitteln. Alles vereint unter einem großen gemeinsamen Dach mit minimaler Aussenhülle.

Und man träumt genau so lange von all diesem, bis man es hat und erkennt, dass auch das nichts mit wahrem Leben und echtem Genuss zu tun hat. Es bleibt eine Illusion vom kaufbaren Glück.

Wenn man einen Schritt zurück geht und sich unter diesem Aspekt unsere aktuelle Zivilisation anschaut, so sieht man dieses Muster überall. Die Großmärkte, die Shopping-Malls (Einkaufszenter auf Deutsch), Schokolade, die hundert Biersorten und tausend Autos (die alle ungefähr gleich aussehen, weil ab 30 km/h die Aerodynamik die Form vorschreibt). Die Häuser, die mit immer mehr Isolierung und immer goldeneren Wasserhähnen, immer tolleren Fenstern und besserer Zentralheizung produziert werden. Der gelehrplante Unterricht und die universitären Curricula. Alles folgt dem Ritual der industriellen Massenproduktion und des unmündigem Abspeisens.

Im nächsten Schritt kommt dann der Verbraucherschutz, der mehr Schutz und bei manchen Institutionen bessere Mitbestimmung fordert.

Auch zur Zeit erleben wir dies bei den Studenten/Schulprotesten. Es wird eine Ausweitung des Angebots zu besseren Preisen gefordert, die Bildungsgroßmarkthalle in Form der Gesamtschule; mehr und immer mehr Geld für Bildung – mehr Mitbestimmung über die Produktion des immer gleichen industriellen Produkts. Und die Forderung, dass wir endlich die eine befriedigende Eissorte erfinden, die uns glücklich macht und unserem Leben einen Sinn gibt.

Die Ursache bleibt unangetastet. Uns fehlt die Möglichkeit zur Entfaltung! Das eigene Haus bauen, zusammen mit den Kindern die Wände wie Skulpturen formen, mit ihnen zusammen ein echtes Eis hingebungsvoll konchieren, oder ganz einfache Schokolade zu machen. Bier in der alten Badewanne im Keller brauen oder ein Fahrzeug selber zu konstruieren. Das eigene Lernen wachsen lassen und sich sein Gleichgewicht zwischen Generalisierung und Spezialisierung zu suchen. Die wiederverwendbaren, genormeten Wegwerf-Industriefenster durch intelligente Standortplanung und noch intelligentere Plazierung von individuellen Fenstern zu ersetzen. Spielzeug selber bauen und jeden Tag eine neue Fähigkeit dazulernen, die einem noch mehr Selbst-Effektivität gibt.

Heutzutage heißt es: Man kann nicht alles können. Das mag sein. Aber man kann so viel lernen und so viel mehr können. Die pädagogischen und didaktischen Mittel haben sich in den letzten Jahrzehnten so verbessert, dass unser Bildungsniveau (und damit die Möglichkeit effektiv und selbstverantwortlich sein Leben zu gestalten) unendlich gestiegen sein müsste. Die Universalgenies, die es in der Renaissance gab (und auch noch sehr sehr viel später) sind heute mehr möglich als jemals zuvor.

Es ist ein Irrglaube, dass Menschen nur in großen Konzernen/Universitäten zum Fortschritt beitragen können. Dass man große Teams für große Erkenntnisse bräuchte. All das ist die gute alte Forderung nach mehr Eis in noch größeren Abspeisungs- und Fertigungsanlagen.

Forschung, Fortschritt und Produktion waren zu keinem Zeitpunkt in einem kleineren Rahmen als heute möglich. Wir müssen diese Möglichkeiten nur entdecken und nutzen. Und uns nicht länger erzählen lassen, dass Nano-Forschung nur in zentralisierten Makro-Gebäuden möglich ist.

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