Die kritischen Lehrer_innen Berlin

Vielen Dank, 1000Sunny und Andrea für das nette Willkommen!

Ich melde mich mit einem neuen Bericht aus der Hauptstadt. Gestern Abend trafen sich wie angekündigt die kritischen Lehrer_innen zum Thema Schulpflicht. Dass ihre Kritik am eigenen Berufstand so weit geht, sich auch des Themas Schulpflicht anzunehmen, hat mich sehr gefreut und mich an diesem naßkalten Novemberabend aus der gemütlichen Wohnung in einen weniger gemütlichen zweiten Neuköllner Hinterhof gelockt.

Dort trudelten ca. zehn kritische Lehrer_innen, d.h. StudentInnen und ReferendarInnen oder sonstige junge BildungsarbeiterInnen ein, dazu noch ein Vertreter der KRAETZAE in Berlin (www.kraetzae.de)., von dem ich über diese Veranstaltung erfahren hatte. Eine der Forderungen von KRAETZAE ist der Ersatz der Schulpflicht durch ein Bildungsrecht.

Wir durften dort ein sehr ausgefeiltes Seminar zum Thema genießen, was die beiden Referentinnen schon mal bei den kritischen Jurist_innen gehalten hatten.

Wir begannen den Abend mit einem Barometer, bei dem sich jeder zu insgesamt sechs Thesen zwischen den Positionen „stimme ich zu“ und stimme ich nicht zu“ im Raum plazieren sollte. Spannend fand ich dabei insbesondere die letzte These, „Das Recht der Eltern, ihre Kinder zu erziehen und zu bilden, steht höher als das Recht des Staates, Kinder zu erziehen und zu bilden“. Hier fand sich die eindeutige Mehrheit der Anwesenden auf der Seite derer, die der These überhaupt nicht zustimmten und begründeten dies mit Sätzen wie „Ich hasse Eltern“ und die Kinder müssten durch eine Institution vor den Eltern geschützt werden. Der KRAETZAE Vertreter betonte, dass es ihnen nicht um die Rechte der Eltern, sondern um die der Kinder gehe. Meiner Meinung nach ist das Bild, das die Gesellschaft von den Eltern hat, stark medial gefärbt durch die Horrorszenarien von verwahrlosten und missbrauchten Kindern. Diese Eltern gibt es und das soll auch nicht verheimlicht oder verharmlost werden, aber man muss dabei die Relation beachten und man darf nicht das freiheitliche Recht aller einschränken, weil einige wenige mit der Freiheit nicht umzugehen wissen. Gleiches gilt auch für das immer wieder ins Feld geführte Argument der religiösen Fanatiker.

Danach folgten zwei Kurzvorträge zu Historie und juristischer Perspektive der Schulpflicht, und daran anschließend eine lange und sehr sachlich geführte Diskussion. Stimmten in der Kritik an der Institution Schule alle weitgehend überein, so waren die meisten trotzdem tendenziell für eine Beibehaltung der Schulpflicht. Sie argumentierten insbesondere damit, dass die Schulpflicht einem – zumindest gewissen – Gleichheitsgrundsatz Rechnung trägt. Man befürchtet, dass sich, ließe man von der Schulpflicht ab, die Stärkeren und Reicheren noch mehr durchsetzen könnten also sowieso schon. Weiterhin merkte man auch hier, dass die meisten ein sehr negatives Bild von den Elternhäusern haben (s.o.) und in dem Vorhandensein der Schulpflicht  eine wichtige Schutzfunktion der Kinder sehen.  Was den Gleichheitsgrundsatz anbelangt, führt ich als Gegenargument die Ergebnisse der Studie des Fraser Institute in Kanada an, die belegt, dass die Bildungsergebnisse bei Homeschooling besser sind, als beim Schulbesuch und zwar unabhängig vom Bildungsstand der Eltern. Dieses wurde interessiert zur Kenntnis genommen und nicht wie bei der Bildung hacken – Konferenz einfach übergangen. Weiterhin wurden alle inhaltlichen Ergänzungen zum Thema z.B. die Erläuterung des  Begriffes Unschooling gerne aufgenommen.

Schön war für mich die Offenheit der Atmosphäre und die Sachlichkeit der Diskussion. In der Schlussrunde, bei der jede/r einen Satz sagen sollte zu ‚Am besten fand ich‘, ‚Ich bin mir nicht sicher, ob‘ und ‚Was ich noch sagen wollte‘, wurde mehrmals geäußert, dass man sich über die neuen Gesichter in der Runde und die neuen Ansichten zu dem Thema gefreut hätte. Es war diese Offenheit, die mich berührt hat und dass es so eine Gruppe von LehrerInnen gibt, die sich Gedanken macht, was anders werden sollte und auch vor heiligen Kühen wie der deutschen Schulpflicht nicht zurückschreckt.

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11 Kommentare zu “Die kritischen Lehrer_innen Berlin

  1. Waren diese jungen Bildungsvertreter eigentlich auch selbst schon Eltern? (Wahrscheinlich nicht, oder?)
    Wie kann man nur so einen Satz formulieren ‚Ich hasse Eltern‘. *andenKopffass*

  2. Nein, ich war wohl dort als einziges Elternteil anwesend und habe diesen Familienstand bestmöglich verteidigt.

    Mein eigenes Elternhaus war ziemlich problematisch und lange Zeit dachte ich, ich war froh, dass es die Schule gab, weil immerhin bot sie mir eine Alternative zu diesem Elternhaus. Heute sehe ich das differenzierter. Mir ist zwar die Beschädigung durch die Eltern, insbesondere durch den Vater durchaus bewusst, trotzdem glaube ich, dass ich mich ohne Schule freier entfalten hätte können. Außerdem ging der Vater ja auch zur Arbeit. Und an seinem Einfluss hätte die Tatsache ob ich zur Schule gehe oder nicht, ohnehin nichts geändert.

    Ich habe mich oft gefragt, wie es dazu kam, dass ich heute die Schule in Frage stelle, obwohl ich die ersten acht Jahre durchaus sehr gerne dorthin gegangen bin und mir das schulische Belohnungssystem viel Anerkennung zukommen ließ und obwohl 99,8 % der Menschen die Schule wichtig und unverzichtbar finden. Ich glaube, die wesentliche Erfahrung liegt in der Kindergartenzeit: Ich habe den Kindergarten gehasst, ich fand diese Veranstaltung grauenhaft, dass alle Kinder plötzlich das Gleiche machen sollten und so hab ich vehement Widerstand geleistet, bis meine Mutter sich dazu durchgerungen hat, mich zu Hause zu lassen. Das war eine sehr zentrale Erfahrung für mich, dass meine Mutter mir geglaubt hat, auch wenn die ganze Umgebung auf sie eingeredet hat, wie wichtig doch der Kindergarten für mich sei….

    Trotzdem allem sehe auch ich die Institution Familie als etwas Kritisches an, immerhin passieren Amokläufe nicht nur in Schulen, sondern häufig auch in Familien, wie einer der kritischen Lehrer treffend einwarf. Nur: die Tatsache, ob es Schulpflicht gibt oder nicht, ändert daran nichts, wie man in all den Ländern sieht, in denen es keine Schulpflicht gibt. Dort gibt es keine höhere Anzahl von Amokläufen oder sonstigen familiären Dramen wie bei uns in Deutschland, wo man meint, die Schulpflicht bewahre Kinder vor ihren freiheitsraubenden und destruktiven Eltern.

  3. Perspektive heißt für mich das Stichwort:
    Wenn du als Kinderarzt klinische Erfahrungen sammeln musst, um deine Zulassung als praktizierender Facharzt zu erhalten, dann bleibt es nicht aus, dass du über Jahre nur Leid siehst – dieses dort erlebte Leid kann deine Einstellung zu Themen wie z.B. dem Impfen oder der Behandlung von z.B. Asthma maßgeblich beeinflussen.

    Lehrer – auch die schulpflichtkritischen – sehen, so sie es zulassen und wollen, viele Elternhäuser, die gesamte Spannbreite. Wobei „gut“ natürlich immer an den eigenen Maßstab gekoppelt ist. Gut finde ich z.B. Eltern, die für ihre Kinder (auch Lehrern gegenüber) nach außen hin einstehen.

    Im Gegensatz zu einem Krankenhaus kommen alle in Deutschland zur Schule, nicht nur die wirklich Kranken. Daher dürften dich deine Erfahrungen nicht überraschen – wobei Aussagen wie „ich hasse Eltern“ von Lehrern, nunja…

    Und ja – die meisten Lehrer dürften auf Grund ihrer Perspektive zu der Überzeugung kommen, dass ein generelles „Vertrauen“ in die Elternhäuser schwierig ist. Unschooling heißt ja nicht „Schule zu Hause“, sondern ein komplett anderes, von bisherigen gesellschaftlichen Werten u.U. losgelöstes Lernen. Zu dieser Einsicht kommen im Übrigen auch z.B. Länder wie Dänemark, wo es keine Schulpflicht gibt, aber auch keine totale Freigabe der Bildungsinhalte.

    Unschooling ist eine Maximalforderung. Damit tun sich Institutionen wie ein Staat schwer – das halte ich für ein soziologisches Problem, sodass die Aussicht für „alles oder nichts“ trotz ausländischer Studien recht problematisch sein dürften. Deutschland ist hier. Kanada ist dort. Der kanadische Staat ist ein anderer als der Deutsche. Die Unschoolingbewegung – inbesondere in den USA ist zudem mit dem kreationistischen Stigma belegt. Und für jede Uni, die Portfolios akzeptiert, wird es andere Unis geben, die das nicht tun.

    Bei Maximalforderungen gibt es keinen Konsens. nicht einmal eine Möglichkeit zu Realisierung eines solchen. Da dürfte mit ein Problem liegen.

  4. Unschooling ist nicht mit einem Kreationisten-Stigma belegt. Die meisten Christen folgen sehr strikt dem Homeschooling – Beschulung daheim. Mit Unschooling hat das überhaupt nichts zu tun. Das wäre mir ganz neu und ich wäre überaus überrascht, um ehrlich zu sein.

  5. Du glaubst, dass es in Deutschland da große Unterschiede in der Wahrnehmung gibt? Meine bisherigen Erfahrungen sehen da anders aus.

    Wir reden hier nicht von Logik. Wir reden von Wahrnehmung und wir reden von oft irrationalen Ängsten.

  6. Spannend fand ich dabei insbesondere die letzte These, „Das Recht der Einzelnen, seine Fahrgeschwindigkeit selber zu wählen, steht höher als das Recht des Staates, alle Fahrgeschwindigkeiten mit einer Höchstgrenze einzudämmen“. Hier fand sich die eindeutige Mehrheit der Anwesenden auf der Seite derer, die der These überhaupt nicht zustimmten und begründeten dies mit Sätzen wie „Ich hasse Autofahrer“ und die Bürger müssten durch eine Institution vor den Rasern geschützt werden. Der KRAETZAE Vertreter betonte, dass es ihnen nicht um die Rechte der Rasern, sondern um die der Bürger gehe. Meiner Meinung nach ist das Bild, das die Gesellschaft von den Rasern hat, stark medial gefärbt durch die Horrorszenarien von angefahrenen Bürger. Diese rasende Autofahrer gibt es und das soll auch nicht verheimlicht oder verharmlost werden, aber man muss dabei die Relation beachten und man darf nicht das freiheitliche Recht aller einschränken, weil einige wenige mit der Freiheit nicht umzugehen wissen.

    Warum muss das alles so kompliziert sein? Ein Auto ist doch eine tödliche Waffe. Sollten alle doch verboten werden. Jemand könnte einen ahnungsloser Bürger umfahren.

    (Danke für das Bericht. Mich würde interessieren, ob jemals in einer Homschoolfamilie Amok gelaufen worden ist?)

  7. So viele Kommentare? Normal kriege ich immer EMails, die hast Du wohl jetzt bekommen Aiya… 🙂
    Ich finde das „Ich hasse Eltern“ so heftig… Mich würde mal eine Untersuchung interessieren, wie hoch der Anteil an Lehrern ist, die so denken.

  8. @mccab
    Hi, ich denke Unschooling ist überhaupt eine Forderung, die nicht gesondert politisch betrachtet werden sollte.
    Ich denke alle Kinder und Menschen haben das Recht lehrplanfrei zu lernen.
    Ich habe das hier beschrieben:

    http://piratenbildung.wordpress.com/2009/11/04/metaziele-modell-1/
    und hier die Erklärung:

    http://piratenbildung.wordpress.com/2009/11/04/meta-bildungs-ziele/

    Vor allem unter dem Aspekt des Lebenslangen Lernens sehe ich in Lehrplänen eine ernsthafte Bedrohung für die Freiheit der Menschen. Nämlich einen lebenslangen Lehrplan….

    Lehrpläne müssen gesondert bearbeitet werden.
    (Das hat aber nichts mehr mit dem ursprünglichen Post zu tun).

  9. „Hi, ich denke Unschooling ist überhaupt eine Forderung, die nicht gesondert politisch betrachtet werden sollte.“

    Sie ist nach meiner Meinung von Anfang an zum Scheitern verurteilt, *wenn* sie nicht politisch betrachtet wird. Entweder du handelst in diesem Land politisch, du hast Geld oder du wanderst aus.

    Zudem dürfte Unschooling nicht aus sich selbst heraus zur Freiheit führen, sondern bedarf schon eines gewissen Rahmens – der dann eben nicht staatlich, sondern durch das Elternhaus ermöglicht wird.

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