Gedanken zum Nichtlesen von Büchern

Ich frage mich oft, warum ich erst so spät angefangen habe wirklich Bücher zu lesen, die mich weiterbringen.
Es war schon mehr dahinter, als das pure Nichtwissen um deren Existenz. Ich wusste z.B. das Holt und Gatto existieren aber ich las sie nicht.
Aber auch alle möglichen anderen Bücher vermied ich.
Es war, als ob das Lesen mein eigenes Denken gefährdete. Zumindest empfand ich diese Angst (ob bewusst oder unbewusst).
Alles, was ich lesen würde, konnte ich nicht mehr selbst entdecken. Am Ende würde es mich zu etwas entführen, was ich nicht mehr wäre.
So die Gefahr, die immer droht und die alles effektive Lesen blockiert.
Erst vor ganz kurzer Zeit habe ich aufgehört dieser Blockade zu gehorchen. Ich habe sie fast gänzlich eingerissen. Und so sitze ich jetzt öfter Nachts vor Wikipedia, GoogleBooks, und GoogleScholar (das mir Mummy1000Sunny gezeigt hat) und staune und staune und lese und verfolge und recherchiere.
Die Befürchtungen erweisen sich als falsch: Es ist ganz und gar nicht so, dass ich nicht ich bleibe. Natürlich gibt es unglaublich schwere Bücher, wie „Selbstbegrenzung“ und „Denken und Sprechen“ bei denen es sich anfühlt, als ob das Gehirn hin- und hergewalzt wird und man für eine Seite schon mal gut einen Tag braucht (nicht um sie zu lesen, aber um sie zu verdauen und noch mal drüber zu träumen).
Aber wenn man lesen kann, ohne die Angst zu haben sein Ich zu verlieren und ohne sein Selbst dauernd zu verteidigen müssen, dann ist es, als ob man sein Denken einfach beschleunigt. Es ist wie eine Saite, die man zum schwingen bringt und die mit all den Denkern und Schriftstellern, die man liest in der gleichen Frequenz schwingen lässt. Und wenn es nicht die gleiche Frequenz ist, dann zumindest doch ein Ton, der sich harmonisch zu den gelesenen Gedanken verhält.
Und das Gute ist, man kann Dinge zurückweisen. Man darf sie verformen, so dass es Sinn macht und man darf sie in die aktuelle Zeit setzen.
Auch schwingt immer eine Frage mit: Wer kannte wen, Wer hat was schon gewusst (aber ich schweife ab).
Was ich sagen will ist, dass ich in der Schule eine Scheu zu lesen entwickelt habe. Denn Lesen bedeutet dort eben nicht, dass man „Man selbst bleibt“ sondern es bedeutet eine Entfernung vom Ich. Eine geplante Entführung und Transformation, die sich lehrplanmäßig vollzieht und die idiosynkratisch (unverträglich) zur eigenen Person ist.
„Bleib Du selbst“ sagen Schüler sich oft zueinander. Oder „Bleib wie Du bist“.
Menschen scheinen es intuitiv zu spüren, wenn sie verändert werden sollen und sie scheinen sich stark dagegen aufzulehnen.
Eine nicht-selbstgewollte, fremd-motivierte Veränderung ist praktisch unakzeptabel, denn sie verstößt gegen die eigene Natur (außer, wenn sie zufällig – und solche Fälle soll es geben – mit ihr korreliert).
Sie ist ein Begräbnis eines lebenden Organismus, der auf diese Welt kam um den Sinn seines Lebens zu finden und sich daran zu machen, seine Funktion und Sinnhaftigkeit zu erleben und auszukosten.
Die eigene Sinnfindung wird ersetzt durch eine industrielle Sinngebung. So wie der eigene Gerechtigkeitssinn durch eine Gesetzgebung ersetzt wird.
Dies ist äußerst gefährlich. Ich meine sogar, es ist tödlich, Menschen so zu entfremden.
Sinnlose Menschen folgen lehren Versprechungen, hängen sich an Dogmen oder zerstören im Extremfall in einer tobender Wut – sich selbst, nur Teile von sich selbst oder andere.
Durch den Lehrplan und die damit einhergehende programmierte Massen-Sinngebung kommt es dazu, dass Lernen als etwas Feindliches empfunden wird. Eine feindliche Übernahme des eigenen Lebens durch einen produzierten Standard-Sozialisationskörper.
So verweigert sich der Belehrte und Belehrplante irgendwann vollständig der Aufnahme.
So habe auch ich mich geweigert und eine Abneigung gegen Bücher entwickelt.
Was blieb mir anders übrig um mich selbst zu erhalten? – die Reste, die noch da waren.

….
Menschen, die sich selbst erhalten wollen, stehen vor einem unglaublichen Problem: Auf der einen Seite liegt der Wissensdurst in ihrer Natur, auf der anderen Seite, wollen sie aber nichts mehr Neues, das ihr Ich noch mehr erschüttert und vielleicht endgültig zum kollabieren bringt – oder sie unwiederbringlich sich selbst entfremdet.

Die einzige Möglichkeit ist auf eine Art Minikommunikation zurückzugreifen. Anstatt lange Erklärungen und Diskurse führt man kleine Diskussionen, deren Hauptmuster der Einwurf und der EinWAND ist – es geht nicht mehr um einen Austausch sondern um ein Abblocken. Das eigene Tor „sauber halten“.
Beim Lesen werden entweder kurze Nachrichten bevorzugt (alle längeren würden ein zu starker Angriff aufs Ich gewertet), Bücher habe ich oft nur bis zur Seite 40 oder 20 gelesen. Je nachdem. Irgendwann hört man auf. Sobald man zu sehr in die „fremde“ Gedankenwelt eindringen müsste und dazu seine eigene eben verlassen müsste (was nicht geht, wenn diese ungefestigt und sehr instabil ist). So ist die Lehrplanbildung der optimale Nährboden für seichte Unterhaltung und oberflächliche Berichte.

Dieses Muster der kleinen kompakten Päckchen entspricht der heutigen Didaktik. Diese führt mit Babyschritten durch einen kolossalen Lehrplan und verändert den Menschen nachhaltig – je nach der kodierten Ideologie. In China, in Deutschland in den USA, überall werden Staatsbürger produziert, die je autoritärer ihr Staat (und dessen Belehrungssystem) ist, desto stolzer auf ihren Staat sind und sich um so freier fühlen.
Nur fangen wir immer stärker an uns den Büchern (besonders den langen Texten, die etwas neues beinhalten) zu verweigern.
Wir schalten in eine besondere Form des Lesens, die ich das autistische Lesen nennen will.
Unsere Medien passen sich dem an und geben punktuelles Wissen, als Bildung an.
….
Doch neben den Medien, denen ich hier keine Vorwürfe machen will , da sie sich mit der Art Bildung, die der Benutzer verlangt automatisch ändern werden, bringen wir unsere Gesellschaft in eine ganz schlechte Lage.
Dadurch, dass keiner mehr eine starke Veränderung in seiner Gehirn/Denkstruktur erleiden will, legen wir uns alle auf Ideologien fest, was noch nicht so schlimm ist. Das Schlimme ist, dass wir unsere Ideologen überhaupt nicht kennen. Nur wenige Linke haben Marx gelesen und die Rechten kennen Adam Smith nicht. Sie alle drücken sich in die allgemein verständlichste Ecke ihrer Ideologie. Aus dem Diskurs der überlegten Ideologien wird ein Kampf von engen minimal Denkschemata (die eigentlich nur das Opfer einer miesen Bildung als Ideologie bezeichnen kann).

Aber auch Wissenschaftler legen sich einmal auf ihr Gebiet fest und wagen sich nicht hinaus in die Welt der professionellen Generalisten. Der Generalist liegt mittlerweile sowieso ausserhalb des allgemein möglichen Lebensmodells und wird unhinterfragt für unmöglich erklärt. „Niemand kann alles wissen, und die letzten Universalgenies gab es vor mehreren hundert Jahren, heutzutage ist das nicht mehr möglich“ – pfeifen die Fernsehstationen von den Antennendächern, obwohl eine kleine Recherche uns zeigen könnte, dass es diese seltene Spezies sogar immer noch gibt.

Die Erhaltung unserer geistigen Gesundheit, unseres Ich, scheint nicht mehr anders bewerkstelligt zu werden, als das wir auf eine besondere Form der Idiotie umlernen.
So wird der einfache Arbeiter zum „Wer-Wird-Millionär“-Konsumenten, für den Wissen ein großer mystischer  Lotterie-Topf ist, aus dem irgendwelche Trivial-Pursuit Karten gezogen werden und das man aus Lexika auswendig lernt.
Und der hochgebildete Professor wird zum einseitigen Fachidioten, der seine Nano-Ecke der Welt ausforscht, aber keine neuen Verbindungen wagt.
Bildung als industriell produziertes Gut, das in der Schule logistisch aufgezwungen wird, entspricht dem Gegenteil menschlicher Entwicklung.

Und so hören die meisten Menschen auf, sich durch Bücher zu entwickeln. Es ist eine Leseverweigerung, die es in diesem Maßstab in der Geschichte – meines Wissens – nicht gegeben hat. Wir stehen am Rand eines neuen Zeitalters: Der esoterischen Epoche.

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