Die Bildung hacken

Auf einer Unkonferenz

22. Oktober 2009:

Coole Location in der Nähe des Potsdamer Platzes mit dem klangvollen Namen „HomeBase Lounge“.

Es sind überwiegend Männer da und vielleicht 1/5 Frauen. Insgesamt etwa 16 oder auch 20 Leute, später kamen noch vereinzelt welche dazu.

Ich kam mir antiquiert vor, als ich meinen DIN A5 Spiralblock zückte, um mir Notizen zu machen. Alle anderen, mit Ausnahme einer Journalistin, die sich auch noch zu meiner Erleichterung ihrer Handschrift bediente, hackten eifrig ihre Laptops, IPhones und sonstigen portablen Kleingeräte.

Ich muss gestehen, ich habe noch nie getwittert oder gebloggt. Das hab ich mich aber nicht getraut, in der Vorstellungsrunde zu sagen. Was mache ich dann inmitten dieser versierten Webprofis bei einer Veranstaltung zum Thema Lernen und Web 2.0?

Nun, mich reizen ja all diesen neuen Möglichkeiten sehr. Ich würde auch gerne bloggen und dieser Text wird mein erster Blogtext sein. Wie ich den wohl ins Netz kriege?? Da kochen gleich meine Versagensängste hoch. Ich und Technik, das raffe ich nie… so ist das Paradigma, das ich auch trotz jahrelanger Selbstfindungsstrategien noch nicht wirklich losgeworden bin. So eine tief sitzende Versagensangst hat sich da in mir breit gemacht. Auch ein Überbleibsel meiner Schulzeit neben anderen weniger erfreulichen Erscheinungen wie Geltungsbedürfnis, Angst vor Fehlern, Zweifel an der eigenen Wahrnehmung, Orientierungslosigkeit etc.

Die Liste der Schäden ist lang und sie zu reparieren dauert. Man nennt das Deschooling. Man sagt, das dauert im Schnitt 2-4 Monate pro besuchten Schuljahr. Bei mir dauert das weitaus länger. Es ist wohl eher eine Lebensaufgabe. Die zu sein, die ich bin und das zu tun, was ich wirklich tun will. Und nicht irgendeinem Bild oder dem Plan von anderen hinterher zu laufen.

Wäre ich nicht in die Schule gegangen, wäre das wahrscheinlich anders gelaufen. Ich wäre vielleicht eher Fotografin geworden und keine Betriebswirtin. Immerhin bin ich jetzt nach vielen Umwegen Filmemacherin, habe mir das Filmemachen autodidaktisch erarbeitet und mein jüngster Film heißt schulfrei und handelt von schulfreier Bildung. So kam es, dass mich 1000Sunny gefragt hatte, ob ich die Einladung zur Bildunghacken-Konferenz wahrnehmen könne, um ihn und insbesondere das Thema Unschooling zu vertreten.

Habe ich gerne getan. Was habe ich dort gelernt?

Ich weiß jetzt was über Etherpad, Sofatutor, WOW und die New Media Literacies. Mir als Mutter zweier jugendlicher Söhne mit noch nicht vollständig abgelegtem Kontrollbedürfnis geht es immer wieder so, dass ich eine Krise bekomme, wenn die Beiden stundenlang vorm Computer „zocken“ und dann meine, sie sollten lieber raus an die frische Luft gehen, was „Kreatives“ tun oder ein Brettspiel sei doch was Besseres, weil es wenigstens Kontakt und Kommunikation ermöglicht. Fehler. Die Gamer lernen durch ihre Games die beeindruckende Palette der New Media Literacies (www.newmedialiteracies.org). Also lass ich das in Zukunft mit meinen erwachsenen besserwisserischen Einmischungen. Fällt mir auch nach achtjähriger Beschäftigung mit Reformpädagogik – davon fünf Jahre mit Unschooling – nicht leicht. Er ist wie gesagt voll im Gange, der Deschooling-Prozess.

Beeindruckt hat mich der Bericht des Vorstandsvorsitzenden einer Bielefelder Firma und deren Verständnis von Unternehmenskommunikation. Dort gibt es ein Unternehmensblog und alle MitarbeiterInnen können dort Aufbau- und Ablauforgansiation des Unternehmens ändern, wenn sie das für richtig halten. Die Vorgesetzten haben zwar ein Vetorecht, mussten dieses bisher aber noch nie anwenden. Vertrauen heißt das Zauberwort – wie auch beim Unschooling. Vertrauen statt Kontrolle und Vorgabe.

Für das Unschooling selbst ließen sich nicht wirklich viele begeistern. Die alten, ausgetretenen Argumente überwogen.

Man will sich nicht auf eine Ebene begeben mit radikalen Islamisten oder Christen, die ihre Kinder aus religiösen Gründen von der Schule fernhalten.

Dies ist auch der Grund, warum die FDP sich dieses Themas nicht annehmen will, obwohl sie inhaltlich eigentlich für die Abschaffung des Schulzwanges ist, so sagte mir ein anwesendes FDP Mitglied. Das Argument, man könne doch nicht alle in eine Zwangsinstitution stecken, weil vielleicht einige die Freiheit missbrauchen würden, wurde übergangen.

Andere waren der Meinung, dass die Existenz der Schulen ein großer kultureller Fortschritt sei, wir wollen ja nicht zurück in die Zeit der Kinderarbeit oder zu indigenen Völkern, bei denen man ständig um sein Überleben bangen musste. Diese Argument übersieht meiner Meinung nach, dass das Unschooling den Fortschritt durch Erweiterung der technischen Möglichkeiten und der Kinderrechte in jedem Fall begrüßt, hierzu braucht es aber nicht eine Zwangsinstitution Schule.

Meiner Meinung nach fehlt noch der entscheidende Schritt bei der Verwirklichung der Kinderrechte und zwar den Kindern die Entscheidung, was sie wann und wo lernen wollen und ob sie in die Schule gehen wollen oder lieber anders lernen, selbst in die Hand zu geben. Hier wird angeführt, dass die Kinder dazu nicht in der Lage seien. Ähnlich wurde noch im vorigen Jahrhundert von den Frauen gedacht…..

Andere BedenkenträgerInnen meinten, dass das Lernen ohne Schule ein Privileg für die Oberschichten sei. Ich erwähnte eine Studie aus den USA, die gezeigt hat, dass selbst bei Kindern aus „bildungsfernen“ Schichten der Lernerfolg größer ist, wenn sie zu Hause lernen, als wenn sie in die Schule gehen. Doch Wissenschaft hat oft schlechte Karten, wenn es um den deutschen Schulzwang geht – man hat dieses Studie ignoriert.

Fazit: Die Konferenz war anregend, kontrovers in puncto Unschooling, innovativ was die technische Seite und den Bereich der Weiterbildung und der Unternehmenskultur anbelangte.

Aber der Mut zu wirklich konsequent neuen Wegen fehlte irgendwie, an manchen Stellen war es eher wie den alten Wein in neue Schläuche gießen. Man müsste sich radikal von herkömmlichen Formen des institutionell, industriell geprägten Lernens und der statischen Lehrer/Schüler-Beziehung verabschieden und das Lernen kompromisslos in die Hände der Lernenden legen und zwar gleich welchen Alters. Ich bin sicher, dann würde ein Innovationsruck durch dieses Land gehen und Konferenzen wie diese wären zahlreicher besucht und die Frage, warum gerade Deutschland sich mit der Implementierung neuer Medien und Lernmethoden so schwer tut, hätte sich erübrigt.

Advertisements

4 Kommentare zu “Die Bildung hacken

  1. Aber so denkt man wirklich in Deutschland, oder? (Ihr seid aber die Verrückten, der Staat möge uns vor solchen Verrückten wie die Unschooler beschützen!):

    Es besteht Schulzwang in Deutschland. Und das zu Recht. Der Staat will und muss gewährleisten, dass seine Bürger das nötige Rüstzeug an Fähigkeiten und Fertigkeiten fürs Leben mitbekommen. Selbst die engagiertesten Eltern können nicht ein solch zeitgemäßes, wissenschaftlich fundiertes Wissen vermitteln, wie es Lehrer auf staatlichen oder anerkannten privaten Schulen vermögen.

    Pisa bestätigt doch, dass der Staat recht hat.

    Die Politik hat recht und macht ihre Arbeit gut.

    [Ich packe derweil meine Koffer… wer will denn hier bleiben? Ändert sich sowieso nix…]

  2. Danke für die Info zu den Ansichten der FDP. Da hätten wir also Abgeordnete, die eigentlich gegen den Schulzwang wären, aber nichts machen, weil vielleicht eine Minderheit von Radikalen die Bildungsfreiheit missbrauchen würde. Deshalb werden dann alle Kinder in den Kinderknast gesperrt. Zum Kotzen!

    @Andrea
    Du packst wirklich deine Koffer?

  3. Pingback: Die Neue! – Eine Veranstaltung und ein Hinweis in eigener Sache « -Thousand Sunny's Weblog-

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s