Newspeak

Ich finde es immer interessant, wenn die Leute Angst haben, dass irgendwann ein Newspeak kommt.

Manche denken anscheinend wirklich, dass über Nacht ein Lexikon-Schreiber und ein paar Minister die Sprache umschreiben und am nächsten Morgen alle diese lernen werden.

Es ist als ob die Leute dauernd Sylvester 1983 feiern und Angst haben, dass am Neujahrstag die Macht von einem totalitären Regime übernommen wird, so wie es Orwell beschrieben hat. Und dieses Regime wird dann auch freundlicherweise alle Begriffe aus dem Orwells Buch verwenden – so dass es auch wirklich jeder kapiert, dass jetzt ein totalitäres Regime herrscht.

Wahrscheinlich erwartet man sogar eine Zeitungsannonce, die ein paar Tage vor der Machtübernahme sämtliche Schritte ankündigt 🙂

Die wenigsten denken, dass Newspeak sich subtil über einen jahrzehntelangen öffentlichen Diskurs einschleichen wird. Der leicht manipuliert von Propagandisten langsam das Volk entmachtet und eine subtile, aber trotzdem totale Herrschaftsform etabliert. Und eine Sprache, die uns unfähig macht unsere Unfähigkeit und Machtlosigkeit zu artikulieren. Diese Sprache, und das ist der Witz, muss aus denselben Wörtern bestehen, wie unsere aktuelle Sprache. Nur diese Wörter müssen eine andere Bedeutung bekommen haben.

Ich nenne ein paar, die mir aufgefallen sind – und die mich selbst erschüttern, denn sie zeigen, wie tief empfunden unsere Ohnmacht ist, und wie weit der Weg ist, den wir zurücklegen müssen, um unsere Sprache wiederzugewinnen:

-Bewegung.

Bewegung wird heutzutage gleichgesetzt mit mechanischem Transport (Autos, U-Bahn, Aufzüge) – die andere Form von Bewegung findet in Fitness-Studios statt und zielt darauf ab, dass wir uns unserer Problemzonen unter Anleitung von Trainern widmen und uns Wellness-Einheiten kaufen. Wer würde bei Bewegung an den täglichen Fußmarsch durch die Arbeit denken? – nicht bei unserem Straßenverkehr. Denn die Städte sind um die Autos herumgebaut. Und die Entfernungen zur Arbeit und unseren Bestimmungsorten sind nach diesen Kriterien bemessen.

Wir wurden entmachtet zu Fuß zu gehen und uns ohne die Konsumierung von Waren (Tickets, Autos, Benzin, Trainer, Wellness) zu bewegen.

-Arbeit.

Arbeit ist heutzutage ein Angestelltenverhältnis (vielleicht auch noch Selbständigkeit) bei der man seine eigene Lebenszeit für die Erstellung von Produkten opfert, die sich Leute ausgedacht haben, die man nur vom Gehaltscheck kennt. Diese Produkte sind für andere Leute – Zielgruppen. Über die Werkzeuge und Produktionswege hat man keinen Einfluss und kann selber nichts bewirken. Nur in der Umgebung einer großen Firma „arbeitet“ man. Und auch nur, wenn man Gehalt bekommt – und auch nur solange man Gehalt bekommt.

Wer könnte sich vorstellen, zu Hause zu lesen und am Ende des Tages auf die Frage: „Was hast Du heute gemacht?“ zu antworten: „Ich habe gearbeitet“. Welches Elternteil könnte sich vorstellen nach einem Tag Erziehung zu sagen: „Ich habe gearbeitet“ Selbst der Programmierer, der zu Hause ein Programm entwickelt, würde nie behaupten er habe gearbeitet. Er hat vielleicht gehackt oder gecodet – aber gearbeitet hat er nur, wenn er diese Zeit in einer Firma saß und die Stunden als Arbeit zählen.

Arbeit ist somit auch zu einer Ware geworden. Es ist die Vermietung von Lebenszeiteinheiten, die sich in den Dienst der Produkterstellung stellen. Und es ist der Konsum von Bürostühlen und Büroluft in einer nach Zeitkontingenten verwalteten Welt. Seine eigenen Ideen zusammen mit seinen Nachbarn und der näheren Gemeinschaft zu verfolgen ist utopisch geworden.

Um Arbeit als Ware zu erhalten wurde uns die Lüge von der unendlichen Spezialisierung von Kindesbeinen an beigebracht. Die den Einzelnen mittlerweile so spezialisiert hat, dass er unfähig ist etwas von Wert zu entwickeln. Der traurige und kurzsichtige Blick über den Tellerrand selbst ist zu einem fast unerreichbaren Ideal geworden.

-Glück.

Zur Zeit fällt mir immer öfter auf, wo überall Glück darauf steht. Das fängt beim Kaugummi an. Am interessantesten ist die Eisdiele bei uns in der Nähe. Dort kaufen sich alle ihre kleine Portion Glück für 80 cent. Der Geruch dort ist von Kaffee und Zucker geschwängert und immer warm. Die Farben sind so bunt und die Auswahl ist für einen Moment riesengroß. Wenn der beglückte Kunde aber mit seiner Waffeltüte diese Traumwelt verlässt, dann sieht man nur einen zerknitterten und erschöpften Menschen, der abgespeist wurde. Von Glück ist weit und breit nichts mehr zu sehen.

-Freiheit.

Freiheit war einer der ersten Begriffe, die entführt wurden. Freiheit, das bedeutet Mobilität ohne Ende in einem Auto, das sich der Nachbar nicht leisten kann – und das einen Motor hat, der eigentlich für einen Armeepanzer dimensioniert ist. Freiheit das bedeutet eine Zigarette in den unendlichen weiten eines Canyons am Lagerfeuer. Die echte Freiheit, in der man die Verantwortung für seine Taten übernehmen muss und in der viele Gefahren liegen kann heute keinen mehr locken. In einer Welt in der Versicherungen jeden Schritt zu weit sanktionieren und in der alles außerhalb des Schutzes der eigenen Regierung als gefährliches Land wahrgenommen wird. Freiheit gibt es heute nur noch als lose Assoziation mit diversen Produkten, die nur die positiven Aspekte dieses schillernden Begriffes propagandieren und sich gar nicht gänzlich genug mit ihm verschmelzen können.

-Bildung.

Wenn jemand heute Bildung hat, dann kann er davon eine Photokopie machen und sie dem potentiellen Arbeitgeber zukommen lassen. Bildung, das bedeutet nicht mehr lesen, diskutieren, nachdenken. Bildung das bedeutet ein Diplom oder ein Zertifikat in einem großen industriellen Bildungsproduktionskomplex zu machen. So sagt der Student von Heute nicht, dass er ein Lernender sei und schon bald ein Gelehrter. Nein, er ist Hörer auf dem Weg zum Uni-Gebäude um an einer Vorlesungs-Veranstaltung teilzunehmen. Dieses Wissen bekommt er dann als Schein bescheinigt. Und die Lernleistungen von Schülern füllen in Zahlenform von 1-6 die schwarzen Bücher ihrer Lehrer. Nach dem erfolgreichen Konsum von genügend Bildungseinheiten werden dann für alle Konsumenten Bestätigungen ausgehändigt, die sie als Teil ihrer Lebensläufe per Brief herumschicken können.

Und so ist die Bildung das initialle Konsumententraining geworden. Hier werden wir alle vorbereitet auf ein Leben in totaler Hilflosigkeit und Abhängigkeit. Damit uns das nicht stört, ist jeder Trainingstag insbesondere der Zugehörigkeit zu einer Gruppe gewidmet.

-Leistung.

Das allerwichtigste bei den oben genannten Punkten ist aber immer noch die Leistung. Leistung das bedeutet nicht mehr das, was wir geschaffen haben. Die meisten Dinge sind ohnehin so komplex, dass die Leistung nur schwer zu messen ist. Leistung bedeutet auch nicht, wem wir damit etwas Gutes getan haben, oder ob es überhaupt gut war, was wir taten. Unsere Gesellschaft ist mittlerweile sowieso ein riesiges Nullsummenspiel. Was der eine gewinnt, das verliert der andere. Und wenn alle zuviel haben, wird die Schrottpresse angeworfen.

Leistung wird in Anwesenheit gemessen. Es ist egal, ob ein Lernender ein oder zehn Bücher liest. Es ist aber interessant, wieviele Vorlesungen ein Student besucht. Danach muss auch der Ausbau der Cafeteria bemessen werden. Es ist auch egal, ob ein Unternehmensberater ein gutes oder durchführbares Konzept erstellt hat – aber es ist interessant, wie hoch sein Tagessatz ist und wieviel Stunden er für das Geld „Vor Ort“ ist. Kurz gesagt Leistung ist der Konsum von Arbeits-Sitz-Plätzen oder Lern-Sitz-Plätzen.

So wird man heute auch nicht nach Leistung bezahlt, sondern nach erbrachter Zeit. Nur wenige Berufe konnten ihren Leistungsanspruch im Zeitalter der Zeitleistung retten.

-Gesundheit.

Gesundheit wird heute beim Arzt bescheinigt. Auch so die Krankheit. Konnte man vor 90 Jahren noch sagen: „Mir ist schlecht, ich leg mich hin und mach mir einen Wadenwickel“. So heißt es heute: „Ich glaube ich bin krank. Ich muss zum Arzt und mir ein Attest holen, dass ich jedem zeigen kann. Von der Leihbibliothek bis zum Arbeitgeber. Nötigenfalls der Krankenkasse oder dem Mann auf dem Sitzplatz im Bus, damit er ihn mir überlässt“ Durch diesen Konsum von Arzt-Zeit sind unsere Krankenkassenkosten explodiert und die Fähigkeit zur Selbstheilung oder der Heilung in der natürlichen Gemeinschaft erloschen und ersetzt worden durch den Konsum von Krankenhausbetten-Zeit.

-Qualität

Ob etwas gut schmeckt oder ungesund ist, dass messen wir mittlerweile an Zertifikaten vom DLG und Kennzeichnungen wie „Bio“ oder „Öko“. Bald kommt sogar noch ein Ampelsystem dazu. Ob etwas eine hohe Qualität hat oder nicht, dass hängt von dem Laden ab, der es verkauft und ganz besonders (ja sogar unendlich besonders) von der „Marke“. Auch die Verpackung hat einen immensen Stellenwert für unser Qualitätsbefinden gewonnen. (Vielleicht hängt das zu einen davon ab, dass wir spezialisiert wurden und uns somit jede Urteilsfähigkeit über alles außerhalb unseres Spezialgebietes abtrainiert wurde – schließlich sind wir überall anders eben keine zertifizierten Experten. Vielleicht hat es aber auch damit zu tun, dass wir eben daran gewöhnt wurden Zertifikate und kleine Bildchen höher einzuschätzen als das Gefühl auf unserer Zunge oder unserem Menschenverstand).

Und so kaufen wir uns die tollsten L.and.liebe und Lila-Kuh Produkte und fühlen uns trotzdem kein Stück befriedigter. Das Erlebnis eine Kuh zu melken wird uns auf Dauer versagt oder in tolle Abenteuerurlaube verpackt. Schließlich sind wir sowieso spezialisiert und sollen lieber Bits und Bytes umformen.

Das Fließband

Eigentlich wurde die Arbeit am Fließband größtenteils abgeschafft, da sie für menschenunwürdig und demotivierend befunden wurde. Auf der anderen Seite wurde die ganze Welt in ein riesiges Fließband verwandelt, wo jeder von uns nur einen kleinen Teil beitragen darf. Auf diesen kleinen Abschnitt des Fließbandes wurden wir nicht nur 2 Monate trainiert (wie beim guten alten Fließband). Nein, wir wurden darauf die ersten 20-30 Jahre unseres Lebens unter steter Daueraufsicht und Gruppenkontrolle (Peer-Review) konditioniert.

An diesem Fließband haben wir jede menschliche Mobilität eingebüsst und sind an unserer Stelle festgenagelt mit allen soziologischen Hilfsmitteln. Dieses Fließband trägt den klingenden Namen „Spezialisierung“ oder „Arbeitsteilung“. Im Geschichtsunterricht ist dies die erste große „Revolution“ die der Mensch gemacht hat.

Unschooling

Ich stehe auf und wehre mich. Ich mache Dinge für die ich nicht diplomiert wurde und unterlasse die Dinge, für die ich ein Diplom habe. Ich lerne selbst. Ich gehe selbst. Ich heile selbst – und wenn ich es nicht selbst kann, dann hole ich mir einen Arzt zur Hilfe. Aber nie kommt der Arzt vor dem Buch.

Unschooling ist eine Revolution, die das Fließband zwar unangetastet lässt. Aber sie ermöglicht jedem sich frei zu bewegen und sein eigener Herr zu werden. Frei von Fremdzertifizierungen.

Das ist die postindustrielle Revolution, die uns wieder bemächtigt unsere Traditionen zu finden und unsere Welt zurückzuerobern. Und wenn wir unsere Welt schon zurückerobern, dann können wir unsere Sprache auch wieder zurückgewinnen.

Aus Newspeak kann wieder Oldspeak werden. Eine Sprache, die nicht mehr nur auf die Slogans von Propagandisten, Populisten und Werbemachern reduziert ist.

Eine Sprache, die nicht von Jahr zu Jahr ihr neuestes Unwort aus einem Schwall von Sprachkörper-Verletzungen küren muss.

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8 Kommentare zu “Newspeak

  1. Danke für diese gute und meiner Meinung nach gut geschriebene Übersicht. Trotz der eigentlichen Tragik musste ich lachen beim Begriff „Bildung zum Fotokopieren“. Wunderbarer Ausdruck! Ja, das stimmt haargenau!

  2. Hi Sybille,

    Danke für Deinen Kommentar. Zur Zeit ist es hier so still. Da kommt man sich vor, als ob man spricht und im Raum herrscht betretenes Schweigen. Frag mich woran das liegt??
    🙂
    Vor einem Jahr hätte ich es auch noch als Tragik empfunden (und das ist es ja auch), aber mittlerweile sehe ich Licht am Tunnel. Das ganze Wissen, das wir brauchen um uns vor der Bevormundung zu befreien existiert schon und überall auf der Welt arbeiten Unschooler und Homeschooler am Fall des größten Dinosaurier 🙂 Das ist doch eigentlich unglaublich toll, was für eine Revolution sich ganz still vor unser aller Augen vollzieht… oder?

  3. Nahrung:

    Das bedeutet–Tüte auf, Wasser hinzufügen, erhitzen und gesund essen. Fastfood war einst der Huhn, die man erst fangen müsste, um es zu verspeißen. Heutzutage haben wir dafür Nuggets (wie Gold! Welch glückliche Konsumenten wir sind!).

    Wieder ein sehr gelungener Beitrag, danke 1000Sunny!

  4. Hühner-Klumpen–das ist gut… 10 Karat… nee, Karat passt eher zu Hase… nee, dass wäre dann doch Karrotte…

    Deutsche Küche, schwere Küche…

  5. Der Beitrag ist auch ein gutes Stück Ivan Illich geschuldet, dessen Werke in keiner Deschooler-Bibliothek fehlen sollten.
    Das heftige ist, jedes Mal, wenn ich rausgehe, dann fallen mir mehr und mehr Wörter auf.

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