Über Revolutionen

Wir schreiben das Datum kurz vor der französischen Revolution. In einer Gasse stürmen die Leute zusammen, wie Tiere, ein Faß Wein ist auf den Boden gefallen und zerschellt. Der rote Wein fließt über die Pflastersteine. Junge Kinder wie alte Greise kommen aus allen Häusern mit Bechern und Schalen um den Wein zu schöpfen. Nach ein paar Minuten ist alles vorbei und alle gehen zurück. Der Weinhändler, der nicht einmal mehr sein Faß retten konnte, zieht mit dem Rest der Ladung weiter.

Eine andere Gasse ein anderer Tag. Ein Kind spielt auf der Straße und wird von den Pferden einer heranstürmenden Kurve zertrammpelt. Der Vater stürmt herbei und beugt sich über sein totes Kind. Der Adlige ruft ihm zu und befiehlt dem Kutscher den Hund, nämlich den Vater, aus dem Weg zu peitschen.

Drei Tage später findet man den Adligen mit einem Messer in seiner Brust in seinem Schloss – am Griff hängt ein Zettel: „Jaques“ (was so viel bedeutet, wie „das französische Volk“)

Diese beiden Szenen stammen aus Charles Dickens Buch „A tale of two cities“ – in dem wir erfahren wie grausam die französische Revolution war und wie grausam das Volk vorher misshandelt wurde.

Dickens schildert uns, welche Wut in einem Volk sein muss, dass es anfängt seine Götter zu töten. Und die Säkularisierung der Schule, sowie die Umfunktionierung in ein Auswahlinstrument zeigt uns, welche Angst auf der ganzen Welt danach herrschte. Was musste ein Graf von Montgelas gezittert haben, wenn im Nachbarland sogar ein Sonnenkönig mit Gottstatus umgebracht wurde. Und wofür brauchte man dann noch Kirchen? War nicht sogar Voltaire, der im Jesuitenorden gelernt hatte, einer von denen, die den Volkszorn anstachelten? Prägte er nicht den Satz: „Wenn sie kein Brot haben, dann sollen sie doch Kuchen essen“ und schob ihn der Königin in die Schuhe. Und das bei einem Volk von Vätern und Müttern, die ihre Kinder verhungern lassen müssen, damit der Adel Paläste aus Gold bauen kann!

Mittlerweile haben Menschen eine Menge Rechte und Freiheiten bekommen. Sie dürfen Geld verdienen und damit ihre Bedürfnisse befriedigen. Alle Menschen? Nein. Es gibt immer noch die, die per Gesetz zu jahrelanger Zwangsarbeit verurteilt werden. Ein altes Menschenbild, das den Menschen von Natur aus dumm, unmündig, faul und verbrecherisch ansieht sorgt dafür, dass Kinder mit so etwas wie einer Erbsünde geboren werden und ihnen der „gute“ freie Wille erst anerzogen werden muss.

Doch immer mehr Kinder spüren, dass das nicht stimmt. Dass sie belogen werden. Dass ihnen die Freiheit vorenthalten wird und sie reagieren wie alle unterdrückten, wenn die Wut zu groß ist. Wenn der Verstand den Widerspruch zwischen Unterdrückung und Freiheit nicht mehr toleriert. Sie reagieren mit Gewalt. Und sie nehmen die kleinsten Anlässe dafür. Wie ein Weinfass, das irgendwo herunterfällt.

Ich denke, es muss ein Menschenrecht werden der Schule fernbleiben zu dürfen – die produktive Schulverweigerung muss auf den Gängen und schwarzen Brettern der Schule beworben werden. Es muss ein Menschenrecht werden arbeiten zu dürfen – aber nicht ausgebeutet zu werden, besonders für junge Menschen und diese nicht länger aus der Wirtschaft auszusperren und über Almosen, wie Taschengeld, auf Konsumbefriedigung zu trainieren. Es muss ein Menschenrecht werden sein Leben selbst in die Hand zu nehmen – von Anfang an.

Wir können zwar Millionen und Milliarden in Anti-Gewalt-Trainings investieren und den Kindern erzählen, dass sie doch fürs Leben lernen und dankbar sein sollten. Aber wir unterscheiden uns damit nicht von den Adligen, die damals das Volk unterdrückten. Je mehr wir in die Unterdrückung von Gewalt investieren, desto größer wird die Explosion am Ende sein. Und wenn wir Kindern durch tausende Maßnahmen Sand in die Augen streuen und sie blenden, gegenüber der ursprünglichen Aggression, dann machen wir aus Wut blinde Wut.

Eine Revolution hat nur einen Ursprung: Eine verschlafene oder verweigerte Reform.

Kindern Kindern
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