Kant – berühmte Deschooler

Bis jetzt dachte ich immer, dass W. Humboldt der erste Deschooler war, doch nun fand ich einen, der noch früher zugeschlagen hatte.

In der Schule lernt man diesen einen Satz:

1.) „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“

Aufklärung geschieht der Logik der Kultusminister durch eine Verbringung und Belehrung unter Schulzwang. Lesen wir nun weiter, was Kant meint, so finden wir folgendes:

2.) „Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“

Durch Unschooling wissen wir, dass Menschen von Geburt an mündig sind und ihren Verstand ohne Leitung, aber mit Begleitung, ausbauen können (immer innerhalb ihrer Grenzen). Nach Kant gibt es also keine andere Unmündigkeit, als die Unmündigkeit, die von den Kultusministerien allen jungen Menschen aufgezwungen wird (und mittlerweile auch den Erwachsenen).

Doch Kant legt noch nach:

3.) „Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen.“

Also nicht, weil man noch zu wenig Verstand hat ist man unmündig, sondern weil man nicht wagt für sich selbst zu denken! Dieses ist eine direkte Aufforderung zum Unschooling! Und wer feige ist und sich wegen irgendwelcher Zeugnisse oder kultureller Rituale die Unmündigkeit (Bedienung des Verstandes nur unter Anleitung), der ist selber schuld.

Und die Zusammenfassung dieser drei wichtigen Sätze:

‚Sapere aude!‘ Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!

Dies ist also der Wahlspruch der Aufklärung. Man soll seinen Verstand nicht unter Anleitung zu einem gewissen Reifegrad bringen (Lehrplan und ähnliches Gedöns), sondern man soll sich seines Verstandes bedienen. Kompromisslos, von der ersten Sekunde an. Babies tun das auch – sie schreien, wenn jemand ihnen seinen Willen aufzwingen will. Dann hören wir auf, auf unsere innere Stimme zu hören durch einen Prozess, den man Sozialisation bezeichnet (allein bei dem Wort kriege ich mittlerweile Brechreiz).

Nach 200 Jahren haben wir nun endlich die Freiheit so nah vor Augen und das Wissen so klar und offenliegen, dass wir Kants Aufruf folgen können

Und deswegen passt auch dieses Zitat:

Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen, dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt usw., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen.“

Dieser Satz ist die Leitparole der kompletten Deschooling-Literatur. Und somit ist Kant einer der frühesten Deschooler, die mir bekannt sind. Er sagte nicht: „Geht in die Schulen des Staates“ – er sagte übersetzt in unsere Zeit: „Habt den Mut euch zu befreien und selbst die Verantwortung zu übernehmen, für eure Taten – euer Gewissen, für eure Gesundheit – eure Selbstheilung und euren Verstand, für euer Lernen – eure Neugier und euren Verstand“

Wir müssen nicht warten, bis uns Politiker auf ihre Art für eine Gesellschaft sozialisieren, die sie für richtig halten und die durch abstruse Prozesse von einer „Gesamtgesellschaft“ definiert wurde. Wir können unser Leben selbst in die Hand nehmen und uns bilden, aufklären, arbeiten, forschen und produzieren was wir wollen, wie wir wollen, wo wir wollen, wann wir wollen.

Die Aufklärung hat nach 200 Jahren gesiegt. Nun müssen wir den Triumph nur noch erkennen, durchsetzen (und die Politiker werden sich wehren) und das wichtigste: „Wir müssen den Triumph behalten“. Denn sobald das Volk sich zu befreien wagte, waren auch schon immer ein paar kurzsichtige Demagogen in den Startlöchern, die die Befreiung in ihre Hand nahmen und am Ende eine „Befreiung“ boten, die definiert war, durch die Bedürfnisse der Besitzstandswahrer. Wir müssen aufpassen, dass die Politiker Homeschooling nicht umformen und durch Gesetze zur totalen Schule machen, die jede Ritze der Kindheit durchdringt und durch sinn- und zusammenhangslose Stundenpläne permanenten Drill in jedes Wohnzimmer und Schlafzimmer bringt, von der Wiege, bis zur Bare.

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6 Kommentare zu “Kant – berühmte Deschooler

  1. Ich mag mich da aus der Schule 😉 falsch erinnern, und ich hab auch gerade keine Zeit nachzusehen, aber war Kant nicht der, der seine 5 Kinder ins Waisenhaus gegeben hat, um sich seinen großartigen Studien widmen zu können?

  2. @Mamamuh
    Ohweh, die „Schul-Halbbildung“ …
    Es war Jean-Jacques Rousseau (der Pädagoge, der den Bildungsroman „Emile“ schrieb), dessen Kinder in Findelhäusern abgegeben wurden.

  3. Ich denk mittlerweile auch immer Folgendes: „Woher weiß ich das? Ah, aus der Schule…. dann schau ich lieber noch mal auf Wikipedia oder in echten Büchern nach der Wahrheit..“

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