Das einsame Kind

In der Nachbarschaft haben wir ein Kind, das frühstmöglich in den Kindergarten kam und jetzt in die Schule (inklusive Hort).

Heute spielten wieder eine Menge Kinder in unserem Gemeinschaftsgarten. Alle freuten sich und fanden irgendetwas zu tun, schoben sich auf Bobby-Carts durch die Gegend, fuhren Rennen und was man sich noch alles vorstellen kann.

Irgendwann kam dann das Nachbarskind heraus – die Schule war wohl zu Ende. Er hing ein bisschen abseits herum (er hat eine extra Schaukel), dann kam er auf den Spielplatz, wo alle anderen Kinder spielten. Ich sagte „Hallo“, er sagte auch „Hallo“, schaute ein bisschen und nahm dann seinen Schaufelbagger und trug ihn schweigend zu sich nach Hause.

Er versuchte nicht einmal mit den anderen zu spielen, oder mit ihnen zu reden. Wenn die Schule und der Hort aus sind, dann ist er allein. Hin und wieder werden Schulfreunde angekarrt, aber da ein Sprengel in der Stadt recht groß ist, ist keiner von denen in der gleichen Straße. Da in der Stadt viel Verkehr ist, müssen alle Kinder extra mit dem Auto herbeichauffiert werden.

Dies ist eines der strukturellen Probleme der Schule. Je mehr Zeit die Kinder in der Schule verbringen, desto weniger Zeit bleibt um mit den Nachbarskindern Kontakt zu knüpfen. Je weniger Zeit sie in der Schule verbringen, desto oberflächlicher werden die Beziehungen in und zu der Schule. In Grundschulen in kleinen Dörfern funktioniert das. Da ist die Nachbarschaft und der Schulsprengel identisch.

Doch hier in der Stadt führt es zur sozialen Isolation und zur Auflösung der Nachbarschaften. Die einzige Antwort auf die zunehmende Isolierung der Kinder in ihren natürlich Gemeinschaften ist die Ausweitung der Schule zur Ganztagsschule. Dann sind sie aber noch immer am Abend und an den Wochenenden alleine (besonders in der Mittelschicht)… und in den Ferien. Die Eltern ziehen sich im selben Schritt noch weiter aus der Beziehung und der Erziehung ihrer Kinder zurück.

Chopper kennt alle Kinder in der Straße, zu manchen hat er ein freundschaftliches Verhältnis, zu anderen ist er ein großer Bruder. Doch bald kommt die nächste Welle an Einschulungen und Verkindergartenung doch dann sind wir hier schon weg und finden neue Freunde, denn die Welt ist groß.

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6 Kommentare zu “Das einsame Kind

  1. Aus deinem letzten Satz schließe ich, dass ihr D verlasst. Schade, aber ich kann euch verstehen. Alles Gute!

  2. Hmm… ich kann viele deiner Argumente für das unschooling gut teilen, ich arbeite im frühpädagogischen Bereich und finde es oft selbst grausam, was in Sachen Bildung in Dtl. abläuft. Aber dieses Argument scheint mir doch etwas an den Haaren herbeigezogen.
    Wir haben auch eine große bunte Hinterhofgemeinschaft mit Kindern von null bis 10. Nur vier von 12 Kindern gehen in eine gemeinsame KiTa. Alle treffen meist erst gegen halb 5 im Hof zusammen, wenn sie aus Schule und Kita kommen. Und alle verstehen sich blendend. Manche sind enger, manche weniger eng befreundet. Ich denke, das ist was, was wirklich ganz von der individuellen Persönlichkeit des Kindes abhängt. Sicher ist es für ein introvertiertes Kind vielleicht förderlicher, wenn es mehr Zeit zur Integration in einen Freundeskreis hat. Aber daraus abzuleiten, das Schule in der Nachbarschaft desintegrierend wirkt, finde ich etwas übertrieben.

    Mich würde auch interessieren, wo ihr hingeht? Alles Gute von Anne

  3. Wo geht es hin? Und für was wirst Du Dich dann dort engagieren (über was aufregen)? denn ich gehe davon aus, dass das neue Leben unschooling erlaubt 🙂 Alles GUTE!

  4. Hi,

    wir werden natürlich aus dem Ausland weiterarbeiten um Unschooling auch hier zu ermöglichen.
    Da die Nationalstaaten der ganzen Welt durch neue Technik jeden Tag neue Überwachungsmöglichkeiten bekommen und auch die Familie immer weiter zersetzt wird (2-jährige Vorschule, Aufweichung der Ferien), haben wir ganz schön viel zu kämpfen, bis die Homeschooler dann endlich die Macht übernommen haben 🙂
    Dann darf vielleicht endlich jedes Kind so lernen, wie es will und die Schule ist nur ein weiterer Platz.

    @Anne
    Danke für den Kommentar. Das obige Beispiel ist extrem – aber vielleicht liegt das an unserer Mittelschichstgegend. Dass die Schule die nachbarschaftlichen Beziehungen zerstört ist übrigens nicht auf meinem Mist gewachsen (obwohl ich es auch beobachte). Es gibt hier soziologische Untersuchungen – schau mal in Wikipedia unter Deschooling.
    Früher waren Nachbarschaften auch Schenknetzwerke und kleine Subsistenzgemeinden. Sicher gibt es immer mal wieder so etwas wie Du beschreibst, doch wenn Du es mit den Netzwerken von vor 10 Jahren oder von vor 50 Jahren vergleichst wirst Du eine langsam voranschreitende Auflösung beobachten können.

  5. Mit der gleichen Argumentation könnte man aber sagen, dass es ja super wichtig ist, dass alle Kinder in die Schule gehen, weil das arme Kind, das da nicht hingeht, nachbarschaftlich außen vor ist…

    Nicht in deinem Beispiel, aber im echten Leben durchaus ab und an hie und da beobachtet.

    Die Sache mit den Schenknetzwerken in der Nachbarschaft und den Subsistenzgemeinschaften kommt wieder – gib der Wirtschaftskrise mal noch ein bisschen Zeit. *g*
    Auf den Dörfern ist es übrigens diesbezüglich meist immer noch ganz gut.
    Mag einfach auch an der Größe der betrachteten Gemeinschaft liegen.

  6. Ich kann diese Auflösungstendenzen aus eigener Beobachtung bestätigen, aber ich würde das nicht auf die Schule sondern auf allgemeine gesellschaftliche Entwicklungstendenzen schieben. Wir haben in unseren Hinterhöfen zum Glück eine recht stabile Nachbarschaftsgemeinschaft und ich geniesse das sehr. Das Bedürfnis danach scheint ja doch ein dem Menschen innewohnendes zu sein.

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