Gehen als Medizin und Soziologisches Experiment

Mummy1000Sunny war jetzt in England. 2,5 Wochen !

Das ist ganz schön schwer für die Zuhause gebliebenen.

Aber mir blieb viel Zeit um meine Gesundheit wiederzufinden.

Ich bemerkte, dass mein Herz Abends immer besser wurde – und Morgens ging es einigermaßen. Gegen 13/14 Uhr war es eine Katastrophe. Das Atmen fiel schwer, jedes Atmen brachte Extraschläge mit sich usw.

Nach dem letzten „großen“ Ausflug (ungefähr 1 Kilometer und zurück) verengte sich mein Wirkungskreis massiv. Am Ende wagte ich nicht einmal mehr die Wohnung zu verlassen. Eine Mischung aus Angst und Herzschlägen.

Ich bemerkte, dass ich immer schwächer wurde. Ich war wie ein Licht, das langsam ausging – und ich glaube noch 2 Wochen so weiter und das wäre es gewesen. Ich traute mich aber auch nicht zu bewegen, da ich mein Herz nicht stressen wollte.

Und so wurde der Lichtschein immer schwächer. Zuhause konnte ich gar nichts mehr mithelfen – und als Mummy1000Sunny fuhr, kam dann jeden Tag meine Mutter vorbei.

Als ich am dritten Tag alleine war, beschloss ich den Computer für eine Woche nicht mehr anzuschalten – und mich nur noch auf mich zu konzentrieren. Ich fing an auf dem Trainingsrad mein linkes Bein zu trainieren (das Herz sitzt auf der linken Seite und sobald ich mein linkes Bein belastete bekam ich Extraschläge).

Dann ging ich unten die Straße entlang. Erst kleine Wege, hin und her. 10 Meter hin, 10 Meter her. 10 Minuten, 20 Minuten, 40 Minuten. Die Wege wurden immer länger. Immer so lange, wie ich mich gut fühlte. Dann kehrte ich um und ging die Straße in die andere Richtung hinauf.

Irgendwann kam ich dann wirklich bis zum einen Ende der Straße. Ich ging nie soweit, dass ich Angst bekam. Nur soweit, wie ich mich gut fühlte. Ich forderte mich nicht. Ich ging nicht über meine Grenzen hinaus. Ich bewegte mich innerhalb meiner Grenzen. Dort wo ich mich sicher fühlte. Eine kleine Pendelbewegung um unsere Eingangstüre.

In dieser Zeit lernte ich praktisch alle unsere Nachbarn kennen – und alle kennen mich. Ich bin der, der teilweise 3 Stunden am Stück hin- und hergeht. Die Grenzen erweiterten sich von selbst immer weiter – ich musste sie nicht schieben. Ich musste mich nur innerhalb dieser Grenzen bewegen.

Am Anfang verursachte noch jeder Nachbar Herzklopfen, dann nur noch Hunde, nun kann ich auch schon an Hunden vorbeigehen. Übrigens habe ich eine interessante Entdeckung gemacht: Nachts vom 9.30 – 10 Uhr, sobald alle ihren Hauptfilm gesehen haben, kommen sie auf die Straße und führen ihre Hunde Gassi. Ohne Leine. Es ist ja Nachts.

Einmal ging ich über meine Grenze hinaus und bekam auch prompt eine Panikattacke, als ich umkehren wollte. Aber ich setzte mich hin und mein Herz beruhigte sich. (Darüber hatte ich ja schon geschrieben).

(Vorsicht, im folgenden werde ich esoterisches Vokabular wie „Aura“ benützen 🙂 )

Um diese Zeit kam mir auch ein altes Bild wieder von mir (man hat ja immer verschiedene Selbstbilder von sich). In diesem Bild gehe ich durch die Straße und mich umgibt ein Feuerschein (eine Aura). Dieser Feuerschein war einfach die Stärke, die ich fühlte und sein Radius war der, wo ich mich sicher fühlte – und meine Umwelt nicht fürchtete.

Diese Aura schien in den letzten Jahren immer kleiner geworden zu sein, und in den letzten Monaten erloschen. Ich stand verletzbar auf weiter Flur und verloren, konnte keinen Angriff abwehren und mich nirgends sicher fühlen. Der Lärm und die Eindrücke der Stadt prasselten nun direkt auf mich ein. Ich war diesem allen schutzlos ausgeliefert. Eine Straße zu überqueren war äußerste Anstrengung.

Jetzt da diese Stärke wiederkommt fängt auch die Aura wieder an zu wirken. Ich kann neben befahrenen Straßen gehen und Hunde können an mir vorbeigehen – es ist eine dicke Haut (ich nenne sie aber lieber Aura, da es eben dieses Bild in meinem Kopf ist und ich eine dicke Haut nicht endlos ausdehnen kann, ohne lächerlich zu wirken, einen Feuerschein aber schon).

Zusätzlich mache ich noch eine Gestalttherapie und lese der Nemesis der Medizin. All diese Dinge helfen mir die Zuversicht, die ich während der letzten Jahre verloren habe und den Glauben in die gesellschaftliche Stützen durch echtes Vertrauen in mich Selbst und meine eigene Stärke und die Kontaktfähigkeit zu meinen Mitmenschen zu ersetzen.

Mein Ziel ist es, die Abhängigkeit von den Krankenhäusern durch eine Fähigkeit zur Selbstheilung zu ersetzen.

Es ist so absurd. Selbstheilung das hört sich auch so esoterisch an, dennoch können wir es beobachten, wenn sich unsere Wunden von Selbst schließen, verschorfen und abheilen. Diese natürlichen Funktionen sind von Medizinern und Wissenschaftler untersucht. Die Chirurgen im Herzzentrum haben mir es immer wieder gesagt: „Das Herz und der Körper ist so komplex, dass wir die Auswirkungen unseres Handelns nicht immer abschätzen können, aber ein echtes Herz ist immer besser als ein Künstliches und der Körper heilt zur Zeit noch besser als wir“.

Und so ist es. Ich gehe stundenlang – und mittlerweile gehe ich sogar auf allen Vieren (aber nur kurze Strecken – das ist nämlich wirklich anstrengend) – aber es stärkt auch die Rückenmuskulatur besser als jedes Fitnessgerät. Es sieht zwar blöd aus, aber das ist mir egal. Ich bin eben schlecht sozialisiert. Und den Rest meiner Sozialisation kriege ich auch noch los 🙂

Ich bin froh, dass ich rechtzeitig meinen Glauben an die Krankenhäuser verloren habe, und sie jetzt ihren Platz haben, aber nicht mehr das radikale Monopol auf meine Gesundheit. Danke Ivan Illich. Danke Paul Goodman. Viva Deschooling.

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2 Kommentare zu “Gehen als Medizin und Soziologisches Experiment

  1. Selbstheilung ist nichts esoterisches, sondern etwas vollkommen natürliches.
    Heilen kann sich der Körper und auch die Psyche immer nur selbst.

    Ich wünsche Dir viel Kraft!

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