Warum denkt die Welt in der Schule lerne man lesen?

Folgender Dialog entwickelte sich gestern Nacht noch bei den Piraten:

>Anfang des 20.Jahrhunderts – eben bevor eine allgemeine Schulpflicht da war – lag die Analphabetenquote im hohen zweistelligen Bereich.

>Eine allgemeine Schulpflicht wurde schon lange davor eingeführt – ich glaube Deutschland war gerade von Frankreich besetzt. Da kam Herr Johann Gottlieb Fichte und sagte, man müsse das perfekte System erschaffen um Ultrasupersoldaten ohne Gewissen und tiefem Schlächterinstinkt zu kreieren.
Woher kommt der Aberglaube, dass die Schulpflicht geschaffen wurde um den Menschen Gutes zu tun? Klar, die Herrscher dachten sich: Hey wir bilden das Volk, dann kann es das Internet erfinden und den Adel abschaffen.

>Es ist im Endeffekt ziemlich egal, wer und warum die Schulpflicht einführte; zu dem Wandel von einer Gesellschaft, in der Lesen und Schreiben ein Privileg von extrem wenigen war, zu einer, wo Analpabeten eher eine Ausnahme darstellen, hat sie aber beigetragen.

>Hat sie das? Oder haben wir einfach den Buchdruck immer besser hingekriegt (schließlich war das ja auch zufällig die Zeit der Automatisierung) und Bücher wurden immer billiger, Comics sind entstanden und an jeder Ecke steht etwas zu lesen?

>Und weil du an jeder Ecke was zu lesen siehst kannst du auf einmal lesen? Das würde ich bezweifeln wollen. Wenn ich jeden Tag Bücher in Japanisch vor mir sehe kann ich das auch nicht irgendwann ganz zufällig lesen.

>Was wäre, wenn Du ein kleiner Japaner in Japan wärst – und schon Japanisch könntest. Über der Eisdiele wäre das Kanji für Eis (du müsstest nicht einmal synthetisieren lernen). Über dem Hotel wäre das Kanji für Hotel. Überall liegen Mangas herum, Kinderbücher haben genau ein oder zwei Zeichen unter jedem Wort.
Ich behaupte (ungeprüft, da ich die japanische Unschooling-Bewegung nicht kenne und nicht mal weiß ob es dort vielleicht sogar nur Homeschooler gibt), dass Japanisch sogar leichter zu lernen sein müsste (für ein Kind ohne formellen Unterricht). Man muss berücksichtigen, dass die Zeichen auch kulturell verankert sind, so siehst Du beim Mensch-Zeichen einen kleinen laufenden Mann. Bei Frau siehst Du eine kniende Frau mit Kind. Bei Glück/Reichtum siehst Du eine Sau unter einem Dach. Und beim japanischen Symbol für Volk/Nation siehst Du ein Bild von einem Auge, das mit einer Nadel durchstochen wird – eine untertänige Masse, die blind durchs Leben geht. (Ist wirklich so)
Zusätzlich sind die Hiragana/Katakana Alphabete zwar umfangreicher, dafür ist jeder Buchstabe sofort auch als Laut aussprechbar (ma, mi, mu) und bei uns nur (f, s, g, k).

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Das Interessante ist aber, dass wir gar nicht mehr versuchen fremden Symbolen einen Sinn zu geben. Kinder versuchen das. Jeder Mensch versucht eigentlich seiner Umgebung, wenn er etwas darin nicht versteht, es in vorhandenes Wissen einzuordnen, und wenn das mißlingt Strukturen zu finden und neue Bedeutung zu geben.

Allerdings müssen wir in der Schule keinen Sinn mehr geben. Wir bekommen den Sinn dauernd gegeben. Und das über Jahre hinweg. Jeder Frage soll durch didaktisch zurechtgeschneiderte Aufbereitung zuvorgekommen werden – bloß keine Verwirrung erzeugen. Alles bekommt seinen Sinn zu der dafür vorgesehenen Zeit, und immer bevor man selber versuchen müsste dem Gelernten einen Sinn zu geben.

Diese menschliche Funktion wird in den Rollstuhl gepackt und dann 13 Jahre in der Gegend umhergefahren. 13 Jahre lang wird gesagt: „Bleib sitzen, ich schieb Dich“. Und dann, nachdem sie nicht mehr laufen kann, geht der Lehrer weg, keiner fährt einen mehr im Rollstuhl durch die Gegend. Verwzeifelt sucht man einen neuen Schieber; man hat schon vergessen, dass man selber gehen kann und es wurde einem jeden Tag erzählt, dass man es eben nicht kann.

Und bald schon findet man endlich wieder einen Sinngeber – jemand der den Rollstuhl schiebt. Endlich der Arbeitgeber. Und nur manchmal, in langen Urlauben, wenn man mit seinem Rollstuhl am See steht und die Nervosität gar nicht aushalten kann; wenn die Seele nach dem Arbeitgeber zurückverlangt, damit man endlich wieder geschoben wird; manchmal denkt man für einen kurzen Augenblick darüber nach „auszusteigen“ – einfach versuchen wieder selbst zu gehen. Dem Leben selber einen Sinn geben – doch da zum Glück springen schon die Animateure aus den Löchern und schieben.

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Ein Kommentar zu “Warum denkt die Welt in der Schule lerne man lesen?

  1. Meine 2. und 3. Kinder haben ohne Unterricht lesen gelernt, in Englisch und Deutsch. Meine Tochter war achteinhalb und mein Sohn fast acht. Mein Jüngster lernt jetzt, alleine Wörter zusammenzusetzen.

    Meine Lektion lernte ich bei meinem Ältester. Ich brachte ihm bei, wie man kurze Wörter liest, aber mit den längeren Wörtern klappte es nicht. Ich ließ es fallen und ein Monat später konnte er alles lesen.

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