Bald sind Ferien

In den Ferien, so denkt und hofft man füllen die Kinder die Straßen. Es wird gesungen und Spiele finden statt….

Aber ich weiß mittlerweile, dass es nicht so sein wird. Alle Kinder werden in Flötenkursen, Musikschulen, Sommercamps oder extra Training sitzen. Wir kennen sogar einen der bekommt eine Reizdeprivation (das heißt er wird gezielt gelangweilt). Dieses wechselt sich ab mit Übersensibilisierungs-Wachstums-Kognitiv-Enhancement-Tropfen.

Er kommt dieses Jahr in die erste Klasse und die Mittelstandsmutter spricht schon zu dem Mittelstandskind, wie es denn dann bald im Gymnasium werden wird. Dann nimmt die Lehrerin der Familie (Mittelstandfamilien haben immer irgendwo einen Lehrer in der Familie, der das Junior noch tuned) noch alle Hafenstädte durch Rotterdam, Amsterdam, Heilgendamm, Blinddarm.

Insgesamt sind die Sommerferien anscheinend zu einer Art super-tuning-Institution für Mittelstands-Kinder geworden. Es geht darum sich die beste Startposition im neuen Jahr zu sichern. Das Jahr des Rattenrennens.

Wenn also das eigene Kind nach den Sommerferien auf einmal viel schlechter ist als letztes Jahr, so liegt das nicht notwendigerweise daran, dass das eigene Kind schlechter geworden ist. Es liegt wohl nur daran, dass man ihm echte Ferien zugestanden hat, anstatt es ins Werkstatt zu schicken.

Advertisements

8 Kommentare zu “Bald sind Ferien

  1. Sehr schön beschrieben. Nun frage ich mich aber: was ist mit dem Rest? Alleine der Begriff „Mittelstand“ bezeichnet doch einen Stand irgendwo in der Mitte. Das impliziert das Vorhandensein mindestens zweier weiterer Stände: eines Unter- und eines Oberstandes (auch wenn in diesen Fällen dann von Schicht anstelle von Stand gesprochen wird). Wo sind nun diese Kinder? Am ehesten sind wohl noch die Kinder der Unterschicht zu sehen, die füllen – je nach Wohngegend – schon auch mal die Straßen. Nur das Singen und Spielen wird da dann dpch öfter durch Gröhlen, Brüllen und Sachen kaputt machen ersetzt. Leider.

  2. Hi sowai,
    Die Unterschicht. Ja, an die müssen wir uns erinnern. Sie ist sogar nicht einmal weit von uns entfernt (2 km) oder so. Ich sehne mich sogar da hinzuziehen. Der Mittelstand mit seiner trivialen Neid-und-Konsum-Lebensweise macht mich krank. Letztens waren wir auf einer Party, aber über was spricht denn der Mittelstand? Die Unterhaltung plätschert so dahin, der eine durfte früher von der Arbeit nach Hause, der andere hatte aktuell Kurzarbeit und musste den Bedarf planen. Die Frauen über Kindergärten und Einschulung. Schnurch!
    Als ich ein Gespräch über ein allgemeines Tempolimit von 30 und eine Veränderung der Stadtarchitektur begann, wirkten sie auf einmal irgendwie…. verängstigt. Echte Veränderungen auf einer Party zu besprechen… dort darf man höchstens über Politiker schimpfen.
    Und dann sehe ich, wie sie drüben in Neuperlach auf den Straßen spielen. Wo der Vater 20 ferngesteuerte Teile auspackt (so ganz seltsame Monster) und die Fernsteuerungen an die Kinder verteilt. Er, Philippine mit österreichischem Dialekt und Diplom + mehrere Sprachen. Was tut er in der Unterschicht? Nun ja, er ist A. Philippine und B. beschäftigt sich mit seinen Kindern mit Kinderspielzeug. Die in Neuperlach Brüllen und Gröhlen interessanterweise nicht. Solange sie nicht in der Sch… sind.

  3. Die sogenannten „Unterschicht“-Kinder hier werden im Sommer in den städtischen Horten betreut. Meist die ganzen Sommerferien lang, danach wechseln sie nahtlos gleich wieder in die Schule. Neun Wochen Gruppenbetreuung, organsierte Spiele, organisierter Spaß.

    Die Eltern dieser Kinder fahren dann mal im Frühling oder Herbst auf Urlaub – alleine, ohne die Kinder. Schließlich will man sich ja mal erholen. Und zu diesen Zeiten ist der Urlaub auch nicht so teuer. Die Kinder werden dann von Großeltern, Verwandten etc. betreut. Schließlich hatten die schon die ganzen Ferien frei. Für die Kosten der Sommerbetreuung (ein wenig teurer als unterm Jahr) könnte man einen netten Urlaub machen.

    Gut, man kommt um eine Ferienbetreuung meist nicht rum. Eltern haben nie so viel Urlaub wie die Kinder Ferien haben (außer sie sind Lehrer natürlich). Ich finds auch super, dass es hier im Grunde genügend Angebote gibt, die man auch berappen kann, wenn man nicht so viel verdient. Sonst wären die Sommerferien eine wirkliche Belastung für Eltern, speziell für Alleinerziehende.

    Leid tun mir aber die Kinder, die so gar keine richtigen Ferien haben, weil sie die ganze Zeit fremdbetreut werden. Und das meistens nur aus Bequemlichkeit der Eltern.

    Schlimm finde ich auch, wenn die Eltern einen „Ferienlehrplan“ erstellen, weil das Kind ja alles vergessen könnte und bei Schulanfang möglicherweise nichts mehr kann. Das werden aber immer mehr, die das machen. Auch Leute, von denen man eigentlich dachte, dass sie recht vernünftig werden.

    Man steht dann selbst schnell als absolute Rabenmutter da, wenn man das nicht macht. Schließlich müssen Kinder nach heutiger Ansicht gefördert und gefordert werden. Meiner Meinung nach lernen Kinder in den Ferien wichtigere Dinge als Schulwissen, aber das kann man solchen Eltern schwer verständlich machen.

    Zu den Sommercamps möchte ich nur sagen, dass ich die schwer o.k. finde – WENN das Kind selbst dort hin will. Mein Sohn muss nicht ins Pfadfinderlager, er will unbedingt dort hin. Allerdings ist er inzwischen in einem Alter, in dem er sich seine Ferien schon recht selbstständig einteilt.

  4. @ Lia:

    Schlimm finde ich auch, wenn die Eltern einen “Ferienlehrplan” erstellen, weil das Kind ja alles vergessen könnte und bei Schulanfang möglicherweise nichts mehr kann.

    Eine der Kleinigkeiten, die mich wahnsinnig machen können. Habe ich auch aktuell in meiner Familie. Die Kleine ist in der ERSTEN Klasse, die Ferien hier haben noch nicht einmal begonnen. Aber die Mutter bereitet schon mal den Ferienlehrplan vor. Genau aus dem von dir angeführten Grund: sonst vergißt sie ja alles… schüttel.
    Habe die Mutter dann spontan gefragt, wieviel denn nun 5 * 8 ist. Ihre Antwort war eben so spontan wie richtig. Daraufhin wollte ich wissen, wann sie das denn zum letzten Mal geübt hat. Die augenverdrehende Antwort (zu ihrem Kind gewandt): „Sei bloß froh, daß der Wusch (ja ich :-)) nicht dein Vater ist.“
    Und die Kleine ganz leise „dann müßte ich nicht dauernd blöde Übungen machen und könnte was spielen“.
    Ich finde es schon irgendwie erschreckend wenn ein Kind in der ersten Klasse meiner Freundin und mir im Vertrauen erzählt „Ich hasse die Schule. Aber die Schule ist es eigentlich nicht. Dort hab ich ja Freunde und der Unterricht ist auch gut. Nur muß ich zu Hause immer so viel lernen und üben und hab gar keine Zeit mehr zum Spielen“. Aber ihre Eltern sind da auf sämtlichen Augen und Ohren blind und taub. Wichtig ist nur, daß IHR Ehrgeiz gestillt wird und darum hat ihr Kind nun einmal unter den Besten zu sein. Punkt. Damit später mal „was aus ihr wird“. Da kann doch dann keiner was dagegen sagen, Diskussion beendet. Und den Onkel, der sowieso schon immer der „Revoluzzer“ in der Familie war, den nimmt man erst recht nicht ernst.

    Und: Ja, sunny, ich spreche hier vom Mittelstand. Ich kann deine Gedanken und Worte diesbezüglich bestens nachvollziehen. Und ich habe es auch oft sowas von satt.

  5. @sowai: Weißt Du was, ich hab tatsächlich mal nach den Ferien nicht mehr gewusst wie man schreibt! Ich saß schreckerstarrt da mit dem Füller in der Hand und schob Panik. Etwa fünf Minuten lang. Und dann hat sich meine Hand ganz langsam wieder dran erinnnert, wie das geht. Nach weiteren fünf Minuten wusste ich wieder, wie es geht.

    Seither weiß ich, dass Finger und Hände klüger sind als der Kopf und sich wesentlich länger erinnern. *lächel* Kann jeder gerne mal ausprobieren mit einer vergessenen Pin oder Bankomatnummer. Der Kopf mags vergessen habe, aber die Finger wissen sie noch.

    Ich bin der Meinung, dass ungestörte Ferien immens wichtig sind für Kinder. Je kleiner sie sind, desto ungestörter sollten sie sie genießen können. Sonst geht es so manchem Kind irgendwann wie einem übertrainierten Sportler, der auch keine Leistung mehr erbringen kann, weil alles zu viel war.

    In den Ferien gibts so viel andere Dinge zu lernen für die unterm Schuljahr sowieso immer zu wenig Zeit ist. Im Bach gegen die Strömung schwimmen, Muscheln suchen und zu Bildern legen, im Sand zeichnen, sich einbuddeln lassen, in einer Stadt die beste Eisdiele finden…. wann sonst soll man den Zeit für all das finden?

  6. Ok, ich oute mich als total spießig. Wo wir wohnen, haben wir alles quer durch die Bank vermischt, von Schickimicki bis „Unterschicht“. Alles hautnah und persönlich bekannt.

    Als „Unterschicht“ würde ich übrigens nicht unbedingt die klassifizieren, die im Ghetto leben, sondern einfach die, die eben grölen, brüllen und hauen.
    Wir haben superklasse Nachbarn hier, die nicht sonderlich viel verdienen (Mutter Putzfrau, Vater Lagerarbeiter). Die sind total engagiert und liebevoll und machen tolle Sachen mit den Kindern, wenn sie können. Das eine Kind ist auch klasse (das andere kenne ich kaum).
    Im gleichen Haus gibt es einen Jungen, der „auch abends noch ganz spannende Filme“ gucken darf, der mit diesen 5-Euro-Haribo-Boxen durch die Gegend läuft, der nix mit sich anzufangen weiß und entweder fernsieht oder stänkert, auf jeden Fall immer laut und bollerig und auffällg ist. Die Mutter ist übrigens Erzieherin. Sowas ist für mich schon eher Unterschicht – und im Sinne des Friedens in unserem Garten fände ich es gar nicht so schlecht, wenn dieses Kind mal ein bisschen „Ferienprogramm“ bekäme…

    Und ganz ehrlich, ich find’s auf unseren Mittelschicht-Parties netter als auf denen der Nachbarn, bei denen im wesentlichen darüber erzählt wird, wer am meisten saufen kann und das dann in die Tat umgesetzt wird (bin dabei gewesen, ist kein doofes Klischee). Dazu muss ich sagen, dass ich wenig mit Leuten zu tun habe, mit denen ich keine Rebellen-Gespräche führen kann. 😉

    Aber das hatte ja wenig mit dem Thema zu tun, sorry.
    Ich kenne überhaupt gar kein Kind, das durch Ferien-Lern-Programme geschleift wird. Entweder es liegt an Bayern oder ich bin naiv und seh’s nicht…

  7. 1000 sunny. es ist soweit. markier dir den tag rot im blogkalender:

    ich unterschreibe jedes einzelne wort. jedes. es ist fürchterlich und zum weinen. ich erlebe das hier ganz oft wenn ich mit den kindern unten am see bin – da sitze ich zwischen vermeintlichen ferienkindern die auf der strandliege mit so ferienlernheftchen (ich glaube die verlage werden stinkreich mit denen!!!) und müssen zwischen den badegängen englisch oder mathe lernen. was für ein scheiß! ich war eine wirklich schlechte schülerin und ich hatte extremst leistungsbezogene eltern – selbst ich musste nie in den ferien lernen. selbst meine eltern hatten begriffen, dass ferien erholung und bei sich sein und rumspielen und lange aufbleiben und abschalten bedeuten.

  8. „da sitze ich zwischen vermeintlichen ferienkindern die auf der strandliege mit so ferienlernheftchen sitzen (ich glaube die verlage werden stinkreich mit denen!!!) und die zwischen den badegängen englisch oder mathe lernen müssen. was für ein scheiß!“

    so gehört der satz.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s