Unter Piraten – Diplome Angebot und Nachfrage

Zur Zeit mische ich ja bei den Piraten mit – jetzt kam die Frage auf: Sollte man Diplome nicht limitieren (so wie es heute der Fall ist) oder soll man jedem erlauben das Studium/Bildungsniveau zu erreichen und sich diplomieren zu lassen, dass er will. Und kann man Bildung überhaupt absolut messen, oder ist es ein relativer Wert, den ich nur über Vergleich ermitteln kann?

Meine Antwort war Folgende:

Ich denke es ist wichtig Wertprämissen explizit auszusprechen. Der Thread Angebot und Nachfrage ist für mich die Diskussion der Wertprämisse schlechthin. Es kommt darauf an, ob wir ein Bildungssystem mit angezogener Handbremse (Diplome werden quotiert verteilt) oder eines das volle Geschwindigkeit (Diplome werden an jeden verteilt, der die Fähigkeiten nachgewiesen hat) bauen.
Vor allem ist es aber auch wichtig für die Schüler.
Denn so können sie wissen: „Wenn ich zur Diplomierung antrete, dann nehme ich niemand anderen die Diplomierung weg“ (kein Rattenrennen)
Oder: „Ich trete mit all meinen Kameraden in Konkurrenz – nur drei in dieser Klasse können ein Diplom kriegen. Der Rest ist Öl fürs Getriebe“ (Rattenrennen)

Zur Diskussion selber will ich auch noch was beitragen (nicht korrekturgelesen, also vorsicht):
Ich glaube dass Bildung einen Wert für sich hat. Das bedeutet ich erkenne einen gebildeten Menschen, ohne ihn in einen Vergleichsrahmen zu stellen. Dies konnte ich ganz intensiv an Platons Staat oder Vygotskijs Denken und Sprechen sehen. Hingegen sah ich in Piaget einen Menschen der ein hohes Bildungsniveau erreicht hatte, aber sich nicht von seinen eigenen Gedanken trennen konnte. Auch in Dickens kann man einen gebildeten Menschen erkennen, ohne vorher Harry Potter zum Vergleich gelesen zu haben. Verschiedene Philosophen und Gelehrte haben uns einen Bildungsbegriff gegeben (z.B. an educated mind can entertain a thought without accepting it), der keinen Vergleich brauch – der allein für sich steht.

Ich denke, wenn man in einem Raum mit lauter ungebildeten Menschen steht, dann fühlt man das auch sehr schnell. Es entsteht eine oberflächliche Kommunikation, die Menschen haben keine Interessen und brennen für nichts, für das nicht auch der Rest ihres Kulturkreises brennt.

Dieser Wert der Bildung trägt sich selbst. Er braucht keine Firma, keinen Chef, kein Fließband, kein Labor in dem er wirken kann und das ihm vorschreibt, wie er zu wirken hat. Ein gebildeter Mensch definiert so auch seinen eigenen Marktwert. Wird er zu einem Hungerlohn ein Arbeitsangebot bekommen, kann er sich eine eigene Arbeit schaffen (im Gegensatz zu einem ungebildeten Menschen, der diesen Hungerlohn annehmen muss, oder nichts machen kann).

Gebildete Menschen tragen zur Gesellschaft bei, je mehr eine Gesellschaft hat, desto reicher ist sie. Wir lernen alle, dass Forschung Milliarden-Budgets braucht. Wir lernen, dass Forschung nur in riesen Teams stattfinden kann, die Fabrikmäßig Erkenntnisse und Studien produzieren. Werfen wir aber einmal einen Blick auf die Menschen, die wirklich zur Zivilisation und Forschung beigetragen haben, und werfen wir einen Blick auf die Mittel, die sie hatten, so bestätigt sich das nicht. Das braucht mir keiner glauben, aber der Flow-Forscher Csikszentmihalyi hat sich die Mühe gemacht und sich damit umfassend auseinandergesetzt und man kann es in seinen Büchern nachlesen.

Beobachtet man aber die aktuellen Schulen, Universitäten und Nachrichten, so kommt man zu der Annahme, es gäbe wirklich eine Bestrebung diese Quotierungen durchzuführen und nur wenige Diplome zuzulassen – im Hinblick auf das Gehalt dieser wenigen. Forscht man ein bisschen tiefer, so entlarven sich diese Mechanismen aber als Systemfehler.
Hier ein paar Beispiele:

1.) Vergleich und Gauss-Kurve -> Der „Vergleich“ wird in Kurzeinführungen zur Pädagogik als Motivator beschrieben (er ist auch der, der am einfachsten funktioniert – sogar Sysiphos würde heute noch den Stein schieben, wenn er nur einen zweiten Sysiphos gehabt hätte, mit dem er sich jeden Tag hätte vergleichen können); Gauss-Kurve ist eigentlich gesetzlich untersagt, dennoch gibt es die Aufforderung Tests dem Klassenniveau anzupassen (so dass die Gauss-Kurve herauskommt) Zusätzlich „glauben“ viele Lehrer, dass es so sein muss (und auch ihre Vorgesetzten, mit denen sie sich nicht anlegen wollen)
2.) Der Fall Sabine Czerny, der Grundschullehrerin, deren Klassen einen Schnitt von 1,3 hatten. Sie wurde versetzt. -> Eltern anderer Kinder konnten es nicht verstehen, warum ihre Kinder nicht bei Frau Czerny waren. Dieses störte den Schulfrieden. Alle Eltern wollen nämlich eine Gymnasialempfehlung (Eltern wollen sich beweisen, dass sie gute Eltern sind)
3.) Fehlende Phantasie. „Alles was erfunden werden kann, ist erfunden worden“ so äußerte sich ein Direktor eines amerikanischen Patentamts um das Jahr 1890. So denken die meisten heute auch noch. Und so denken sie, dass mehr ausgebildete Leute, um die gleichen Jobs konkurrieren und somit nach Manchester-Kapitalismus Art die Löhne sinken. Dennoch ist es Bildung, die zu neuen Erkenntnissen, Erfindungen, Arbeitsplätzen führt. Eine „Bildung für sich“ (als Privatvergnügen) gibt es also nicht – es gibt nur zu wenig Bildung, oder keine echte Bildung, die dann unfruchtbar bleibt und keine neuen Erkenntnisse bringt.
4.) Zunftmentalität – durch Zünfte beschränkt man die Leute, die einen Beruf ausüben kann. So kann man eine Art Monopol schaffen und die Preise diktieren. Allerdings bringen Zünfte innere Erstarrung und waren meistens der Untergang und nicht die langfristige Sicherung einer Berufssparte. Nach der franz. Revolution wurden die Zünfte aufgehoben und die Handels- und Gewerbefreiheit eingeführt. Durch limitierte Diplome wäre diese Handels- und Gewerbefreiheit wieder abgeschafft.
5.) Esoterik – die ursprüngliche Esoterik bezeichnete eine Geheimwissenschaft. Das bedeutet, wenn man seine Kenntnisse vor anderen verbirgt und ihnen im selben Maße erzählt, sie brauchen diese Kenntnisse und bekommen sie nur von der diplomierten (eingeweihten) Gruppe, dann macht man sich unabkömmlich. In Wirklichkeit sondert man sich aus der Gesellschaft aus und schadet derjenigen Wissenschaft indem man sie dem Volk entfremdet. Zusätzlich läuft man Gefahr sich von äußeren Einflüssen abzuschotten (Außenstehende gibt es per Definition nicht) und somit einen intellektuellen Inzest zu betreiben, der nicht mehr fähig Fehler zu erkennen, da er betriebsblind ist. (Bei Diplomen gelten hier analog nur Diplomierte als qualifiziert über die Materie mitzureden)

Man kann verschiedene Beispiele in der Geschichte finden, wo solche Abschottungen (wie Limitierung der Diplome eine darstellt) zu einem Untergang führten.
Genauso kann man Beispiele finden wo eine Aufklärung, also eine unlimitierte Qualifizierung zu einem neuen Level der Bildung führte. Hier will ich die Einführung der Rechtschreibung anführen. Zuerst galt es als Eintrittskarte in die höheren Dienste, die Rechtschreibung zu beherrschen. Dieses wurde dann allen beigebracht. Dadurch konnten die Menschen schneller lesen lernen und auch das Schnelllesen kam. Durch die Rechtschreibung sind solche Dinge wie Enzyklopädien möglich – daraus entwickelten sich Wikis. Am Ende tritt die Rechtschreibung in den Hintergrund (sie ist aber mit knapp 60% das worauf die meisten Eltern in der Bildung ihrer Kinder Wert legen) und es können sogar Menschen ohne korrekte Rechtschreibung in die Universitäten und gehobene Laufbahnen erklimmen. Zusätzlich entstehen Programme, die die Rechtschreibung automatisch korrigieren. Texterkennungssoftware, Diktatesoftware usw.

Auch wenn eine Öffnung der Bildung an den Besitzständen der aktuellen Eliten rüttelt, so können sich diese doch weiterhin meist einen adäquaten Platz sichern, aber sie erlaubt der Zivilisation als Ganzes fortzuschreiten.
Sie erlaubt einen höheren Wohlstandsgrad für alle – und einen neuen Ankerpunkt, von dem man aus noch höhere Gefilde erklimmen kann.

Bringt man also durch eine Veränderung im System eine drastische Steigerung der Bildung hervor, so sollte man nicht zögern dies zu tun. Können nun auf einmal die zehnfache Menge an Diplomen vergeben werden, so ist das ein Gut.

Deswegen gewinnen solche Projekte auch Preise:
http://www.hertie-school.org/content.php?nav_id=2059
http://www.bildungsrepublik.de/

Und deswegen rufen Staatsoberhäupter auch regelmäßig die Bildungsrepublik aus.
(Es ist aber kein böser Wille, dass es nie gelingt, sondern einfach nur, weil sie auf das falsche Pferd setzen (nämlich auf institutionelle Bildung – wo Bildung doch individuell ist (*kopschüttelnder stichelnder Unschooler* 🙂 ) )

Ich denke wir können durch konsequente Anwendung unserer Stärken (Web2.0, OpenAccess, Transparenz, wissenschaftlicher Diskurs) eine Bildungsrevolution ermöglichen.
Wir müssen nur die Handbremse lösen – die in meinen Augen heißt: Zu viel gut gebildete Menschen senken die Löhne für gut gebildete Menschen – da die Nachfrage begrenzt ist. Das gilt für heiße Würstchen oder Weberzeugnisse, aber nicht für Bildung.

Zuallerletzt will ich noch einen mir wichtigen Punkt bringen, den ich schon an einem anderen Punkt im Wiki geschrieben habe:

2.) Geld regiert leider nicht die Welt. Jeder, der einmal an einem Krankenbett von einem unheilbar kranken Menschen gestanden ist, oder ein traumatisiertes Kind erlebt hat, oder einen Tsunami wird dieses „leider“ verstehen. Es wäre schön, wenn man einfach einen gewissen Betrag auf den Tisch legen könnte und der Patient oder das Kind wäre geheilt, oder man wäre vor dem Tsunami gewarnt gewesen. Geld hilft nur da, wo die Forschung schon war. Nur Wissen und Forschung kann dem Geld und der Wirtschaft überhaupt einen Sinn geben. Sie entschärft nicht nur die Missstände (z.B. neue Energien, Medizin) sondern sie bringt auch neues (z.B. Internet) wobei sich soziale Neuerungen ergeben, die sich kein König jemals für alles Geld der Welt kaufen hätte können.

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