Piraten oder Piratenpartei

Nachdem ich von der Piratenpartei gelesen hatte und da wir selber ja seit ein paar Jahren stolze Bildungspiraten sind, dachte ich mir, ich schau da mal vorbei und vielleicht kann man ja was bewegen. Wenn die Piraten sind, dann müssten sie sowieso für freie Bildung sein.

Aber auch andere Gedanken quälten mich: Piraten – eine Partei. Wie geht denn das zusammen. Parteien sind blutrünstige und unverantwortliche Unterdrücker, die meistens in eine unleidliche Staatsform kippen und in der Form von Nationalstaaten für die meisten Morde der Geschichtschreibung verantwortlich waren. Zudem sind sie Scheinheilig, da sie ihre Kriege immer für ein höheres Ziel führen und Unterdrückung immer zum Wohle der Unterdrückten.

Piraten dagegen ordnen sich niemanden unter und lassen sich auch nicht unterdrücken. Sie sind die Robin Hoods der Meere – und da sie auch gleich die Armen sind, kann man sie als Versager und Räuber beschimpfen – wenn man nicht genauer hinguckt. Piraten stehen für mich für Freiheit und Selbstverantwortung. Wenn Sie jemanden etwas wegnehmen, dann halten sie ihm die Waffe ins Gesicht und nicht eine Bibliothek voller Verbote und Steuergesetze.

Und nun soll es eine Piratenpartei geben, also ein Konstrukt, das diese idiosynkratischen, absolut unverträglichen Gegensätze in sich vereinigen sollte.

Ich las ein bisschen etwas: Und das hörte sich gut an. Abschaffung aller Zeugnisse und Senkung des Wahlalters – mitmachen basisdemokratisch über Mailinglisten und AGs.

Nun gut, ich ging in die Mailingliste und las ein bisschen mit und diskutierte auch bei den Punkten „Absenkung des Wahlalters auf 0 Jahre“ mit.

Dann startete ich einen Versuch und warf einen Link über Unschooling in die Runde. Das ist der Dogmatik- und Fachwissentest par Excellence.

Wie gewohnt kamen aber leider Rückmeldungen wie: „Sekte! Sekte!“ und „Mehr Schule! Mehr Schule!“ und „Blöde Eltern! Schlaue Schule!“

Nun ja, das übliche, was mir auch jeder CSUFDP erzählen würde.

Einmal wünsche ich mir folgende Reaktion: „Was Du kennst Dich damit aus! Toll! So etwas fehlt uns hier – das haben wir noch nicht und kennen wir nicht“

Dennoch es kamen auch positive Reaktionen – und das ist sehr überraschend. Vielleicht ist bei denen doch ein Raum für echte Bildungspiraten und nicht nur für Schulmönche, die mal ein bisschen aus ihren Beamtenstuben raus möchten und einen auf Seeräuber machen wollen (als unerfüllter Kindheitstraum). Deswegen werde ich auch weiter dranbleiben und euch weiter berichten – ich werde auf jeden Fall sehr kritisch sein und es ihnen nicht leicht machen – denn ob jemand Freiheit meint oder auch nur eine Ahnung von Freiheit hat ist etwas anderes, als wenn er sich eine schwarze Flagge aussucht.

Eine Anekdote, einer der Schulmönche auf der Liste schrieb folgendes:

Vielleicht sollte man sich im Sinne der Kinder (natürlich!) auch Gedanken darüber machen, ob nicht 6 tage Unterricht gut wären. Der Sonnabend dann vielleicht als Homeschooling Tag?
Ich bin überzeugt, das es sehr viele Möglichkeiten gibt, das bestehende System radikal zu verbessern, man muß es halt nur angehen!
Ich hab mich weggeschmissen vor Lachen. Dennoch unrecht hat er nicht. Es gibt Untersuchungen, dass genau die Kinder, die man durch die Schule zwangsbeglücken will in der Freizeit am meisten Schulwissen wieder verlieren (und gegen etwas sinnvolles eintauschen). Eine Forderung für mehr Schulbildungs-Gerechtigkeit wäre also wirklich und wahrhaftig: Die Abschaffung der Ferien!
Ich bin dafür; da die Kinder eh nicht mehr für die Ernte gebraucht werden entfallen die historischen Gründe für die Ferien.
Ein Zitat, das mir am Herzen liegt (ich habe ja jetzt schon ein bisschen über den geheimnisvollen Autor berichtet):
Der Einfluß der heutigen Schulherrschaft verhindert jedes neue Denken in der Erziehung, obwohl wir unerhöhrten Verhältnissen gegenüberstehen.
Es ist unheimlich. Wenn ich auf einer Versammlung andeute, wir hätten vielleicht schon zu viel Schule, und je mehr wir von ihr bekämen, desto weniger Erziehung erhielten wir, dann schauen mich die anderen verständnislos an. Sie diskutieren weiter, wie man mehr Geld für die Schule bekommen und wie man sie aufwerten kann. Plötzlich erkenne ich, daß ich einem Massenwahn gegenüberstehe.
Diese Einsicht über die Massenpsychose „Schule“ hilft mir über solche Diskussionen und gibt dem ganzen eine humoristische Note, da man die Antworten schon vorher kennt 🙂
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12 Kommentare zu “Piraten oder Piratenpartei

  1. Na ja, Deine Assoziationen zu Piraten kann ich beim besten Willen nicht teilen, dass sind nämlich nur Verbrecher und das schon immer gewesen… Nix mit Freiheit und Selbstbestimmung.

    Was das Thema Schule angeht, bin ich aber gespannt auf Deine Ideen, und werde mich mal ein bisschen bei Dir umtun, was Dir zu dem Thema einfällt. Mehr Alternativen braucht das Land, das ist wohl wahr.

    So long,
    Corinna

  2. @Wilke
    Die SPD hat sich ja schon positiv über eine Lockerung geäußert – aber wer übernimmt die Christliche(?) Soziale (?) Union ?

    @Corinna
    Du bist hier aber bei bücherrasselnden Bildungspiraten gelandet 😉

  3. Das Unheimliche auf einer Versammlung ist uns genauso entgegen geschlagen. Sehr treffend formuliert. Und wir sind keine radikalen Unschooler oder sonstige Sektenanhänger 🙂

  4. Nein, der neue Post beschreibt einfach den aufgestauten Frust einer engagierten Frau, die keine Mitstreiter findet und es nicht schafft, Frauen zu mobilisieren 🙂
    Wir kämpfen gegen G8 und die Antwort der Schule auf G8 ist die Ausweitung der Stundenzahl. Unser Hinweis auf die Überarbeitung des Lehrplans wurde belächelt, unser kampfeswille sich notfalls am Ministerium anzuketten wurde mit dem Ruf nach einem Arzt beantwortet. Die Engstirnigkeit, der Wahn der Schulhörigkeit, der Glaube an die Aussagefähigkeit von Noten: gegen all das kommt man nicht an und wird nur verständnislos angeguckt. Noch nicht einmal eine Diskussion kommt darüber in Gang. Null. Ich muss immer wieder an ‚Der Untertan‘ denken, vielleicht liegt die Obrigkeitshörigkeit im Blut?

  5. @sevenjobs
    „Ich muss immer wieder an ‘Der Untertan’ denken, vielleicht liegt die Obrigkeitshörigkeit im Blut?“ – Das frage ich mich auch bei jedem Elternabend …
    @1000sunny
    Die SPD (soweit ich weiß zumindest der Bayern-SPD-Bildungsexperte Pfaffmann) hat sich zwar positiv über eine Lockerung geäußert, aber das war es bis jetzt dann auch. Taten sind der Äußerung keine gefolgt.

  6. Ich habe bei der Piratenpartei auch schon in einem Mitarbeitsforum einen Beitrag im Sinne von „… mehr Freiheitlichkeit auch und besonders in der Bildung“ hinterlassen. Da ist aber weiter nix passiert, kein Kommentar. Da habe ich wohl eher eine schlafende Seite erwischt. Ich habe mir allerdings auch Hoffnungen gemacht, in diesem auf Schutz der Privatsphäre, Informationsfreiheit und Mitbestimmung gerichteten Umfeld auf Verständnis zu stoßen. Allerdings liest man da auch Kommentare wie „die Bildungshoheit muß selbstverständlich beim Staat bleiben“ :-((

  7. @1000sunny,

    dass die SPD sich da positiv geäußert hätte, wäre mir neu. Allenfalls Einzelnpersonen. Welche? In Berlin wird in der SPD vor allem über eine noch konsequentere und härtere Verfolgung von Schulpflichtverletzern debattiert.

  8. @sevenjobs
    „Noch nicht einmal eine Diskussion kommt darüber in Gang. Null. Ich muss immer wieder an ‘Der Untertan’ denken, vielleicht liegt die Obrigkeitshörigkeit im Blut?“

    Das kenne ich auch von anderen sogenannten Reformern. Sie lesen Bücher und haben Probleme, sie verstehen zu können. Was wir brauchen, sind Leute, die aus eigener Erfahrung argumentieren können.
    Für Veränderungen ist ein bestimmtes Bewußtsein erforderlich und keine Parteizugehörigkeit. Auch dort unterliegen die Mitglieder einem Obrigkeitsdenken – symbolisiert durch die Parteichefs.

  9. Pfaffmann der von der Bayern SPD hat sich positiv geäußert – allerdings nur für Lehrer. Er bekam aber noch Material vom http://www.netzwerk-bildungsfreiheit.de

    Allerdings hat die SPD in Bayern wenig zu sagen. Ich hoffe ein paar melden sich auf der Politik Liste der Piraten an. Wenn man schon die Chance auf eine Diskussion hat sollte man die auch nutzen. Aber aktuell habe ich so viel Arbeit, dass ich die ganzen Vorurteile nicht im Alleingang widerlegen kann.

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