Was darf man im Internet darstellen – Tabus und Freiheit

(als Antwort auf diesen Kommentar)

Da musste ich jetzt erst einmal darüber nachdenken. Zumal jemand unter diesem Artikel ein komisches Gedicht über einen „Pedobear“ kommentiert hatte. Da dieser Pedobear nachdem er ausgebrochen war, sich von einem Taxi allerschnellstens zur nächsten Schule bringen ließ, war ich nicht beunruhigt.
Dennoch habe ich mir die Photos in dem Beitrag noch einmal genau angeschaut, konnte aber nichts schlimmes erkennen.

Was ich aus Deinem Kommentar verstanden habe, ist dass Du es nicht gut findest, wenn bestimmte Dinge über das Internet verbreitet werden, die eigentlich in die Privatsphäre gehören.
Ich sehe die Privatsphäre auch als schützenswert an. Auf dem Blog teile ich meine Ideen und auch unser Familienleben, mit Menschen, die das interessiert und die meine Ideen teilen. Natürlich können auch andere Leute auf den Blog kommen und sich die Kinder anschauen.
Diesen Menschen kann ich aber genauso gut auf der Straße begegnen – wo ich dagegen leider sehr wenigen Menschen für tiefere Gespräche begegne. Auf der Straße können manche Menschen sogar eine echte Gefahr darstellen.
Müsste ich also meine Kinder nicht viel eher immer zu Hause behalten, und uns nur noch im Internet verbreiten?
Zusätzlich kommt der Staat der das Zuhause und die Privatsphäre immer mehr unterwandert (zum Schutze und Wohle aller) und das Internet ist die einzige Möglichkeit noch Widerstand zu entwickeln.
Natürlich redet der Staat uns das schlecht – und interessanterweise sind es wieder Lehrer, die nicht müde werden uns vor den „Gefahren des Internets“ zu warnen. Teilweise mit erfundenen Gruselgeschichten.
Ohne im gleichen Satz zu sagen, dass man auch überfahren werden kann, wenn man die Straße überquert – oder wie viele Kinder schon auf dem Schulweg entführt wurden oder gestorben sind. Ohne im gleichen Satz zu sagen, dass der Staat immer stärker die Privatsphäre beschneidet.

Wenn wir uns das Internet aber auch noch nehmen lassen, dann sitzen wir wirklich bald nur noch zu Hause und igeln herum.
Zudem kommt der kulturelle Faktor. Zu wie vielen 1000 Dingen zwingen wir unsere Kinder alleine dadurch, dass wir in einer Kultur wohnen, wie der unseren? Und zu wie vielen anderen 1000 Dingen würden wir sie durch einen Umzug und Kulturwechsel zwingen? Wie sehr ist Nacktheit durch Zwänge stigmatisiert und aus unserer Gesellschaft herausgedrängt worden? Johanna hat hier ein schockierendes Video gefunden. Norbert Elias schreibt wie vor ein paar hundert Jahren die Menschen noch nackt durch die Straßen liefen und sich niemand dran störte. Wir kennen die griechischen Athleten und wir kennen die brustfreien römischen Togen. Und wir wissen mit welcher Gewalt Kinder oft angezogen werden und in Prinzesschen Kostüme gequetscht werden, die sich ihre Eltern für sie ausgedacht haben. Heute ist Nacktheit ein Tabu!. Obwohl wir wissen, dass alle Menschen (ohne Ausnahme!) nackt geboren werden. Während wir auf den Straßen verhaftet und verspottet für unsere Nacktheit werden, ist das im Internet noch nicht so. Wir dürfen nicht mithelfen, auch hier Mauern und Tabus errichten, die wir mühsam überwinden.

In der Bibel hat uns dieses künstliche Schamgefühl schon einen Rauswurf aus dem Paradies beschert. Und reflexmäßig wollen wir ihn wiederholen. Wir stehen alle für eine Welt, in der die Leute sich anziehen dürfen wie sie wollen (was heute nicht so ist). Aber dort scheinen wir reflexmäßig und unreflektiert halt zu machen. Kann es nicht auch Menschen geben, die nackt herumlaufen wollen. Können wir nicht die Generation sein, die diese Frage erneut stellt. Denn es gab unweigerlich Generationen davor die diese Frage stellten. Und eine Frau kann heute mit nackten Händen auf die Straße gehen, ohne dass man sie wegen fehlender Handschuhe anklagt (was schon mal der Fall war).

Doch das Tabu der kompletten Nacktheit ist anscheinend so groß, dass es nur unsere Kinder überwinden können. Da sie noch nie etwas davon gehört haben. Sollen wir ihnen jetzt erst erklären, wie schlecht das ist und sollen wir ihnen dann erklären was das Internet bedeutet und dass hinter jeder IP-Adresse ein Mörder lauern kann, wie früher im dunklen Wald.

Das ist nicht meine Vorstellung von Freiheit. Eine Freiheit, die über die Mauern hinausgeht, die die Gesellschaft in jahrelanger Kleinstarbeit in einer Mischung aus Lob und Spott, aus Erniedrigung und Erhöhung, aus Belohnung und Strafe, aus Motivation und Enttäuschung in jedem von uns errichtet hat. Eine Freiheit, die diese Kleinstarbeit mit dem schrecklichen Namen Sozialisation nicht kennt und sich deswegen als eine größere Freiheit darüber hinwegsetzen kann.
Und vielleicht sind es genau diese Photos, die anderen Menschen zeigen, dass eine größere Freiheit möglich ist. Dass eine größere Freiheit nicht schlimm oder verwerflich ist. Sondern vielleicht sogar ein Stück natürlicher. Und vielleicht werden diese Babys und diese Kinder einmal stolz sein darauf, dass sie ein Teil waren einer Bewegung zu mehr Freiheit und mehr Toleranz unter den Menschen. Und vielleicht gibt es ihnen Hoffnung in dunklen Momenten, dass sie etwas bewegen können indem sie einfach leben und ihre Freiheit genießen und mit anderen Menschen teilen.
So wie es mir ging als ich vor ein paar Jahren entdeckte, dass man nach meiner Operation als kleines Kind Aufnahmen von mir benützt hatte, um zu zeigen, wie schlecht Kinder reagieren, wenn sie im Krankenhaus von ihren Müttern getrennt werden. Ich konnte damals nicht ja sagen und auch nicht nein. Aber ich habe mich wirklich gefreut zu erfahren, dass diese Photos viele Menschen damals überzeugten.

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11 Kommentare zu “Was darf man im Internet darstellen – Tabus und Freiheit

  1. Wo siehst du die Grenze zwischen der von dir beschriebenen Freiheit und der Instrumentalisierung von Kindern für eine bestimmte Haltung?

    Was macht dich jetzt sicher, dass die von dir veröffentlichten Inhalte sich nachhaltig als positiv für dich und deine Familie herausstellen?

    Hat (d)ein Kind für dich das Recht darauf, selbst zu entscheiden was wie und wo von ihm veröffentlicht wird bzw. im Nachfassen: Kann es die Konsequenzen absehen?

    „Diesen Menschen kann ich aber genauso gut auf der Straße begegnen – wo ich dagegen leider sehr wenigen Menschen für tiefere Gespräche begegne.“

    Es gibt für mich einen großen Unterschied zwischen dem Veröffentlichen in einem Blog und dem realen Treffen: Das Netz wird wahrscheinlich nichts von dem vergessen, was du je eingestellt hast – zumindest finde ich noch immer die von mir vor über 10 Jahren eingestellte, stümperhaft gestaltete Homepage, die schon längst von allen Servern getilgt ist.

    Ich persönlich helfe mir immer durch ein Hilfskonstruktion:
    Angenommen vor unserer Schule (sehr frequentierte Gegend) würde eine weiße Tafel stehen: Würde ich bedenkenslos meine Artikel darauf veröffentlichen? Wenn die Antwort „ja“ lautet, dann tue ich das auch im Netz.

  2. Hallo Maik,
    ich kenne diese Hilfskonstruktion und ich finde sie hinkt und ich finde sie ist falsch – sie ist genau die Art von Internetabschreckung, die ich kritisiere. Eine weißte Tafel vor der Schule kann man nicht mit einem Blog vergleichen. Die Schule ist ein repressives Milieu in der jedes ausscheren aus der Norm bestraft wird (Peersozialisation). Im Internet und besonders auf Blogs ist man Hausherr. Man kann seine Position offen diskutieren und zu neuen Standpunkten gelangen (über Twitter kann man sogar seine Kumpels rufen 😉 ). Die Bildsuche funktioniert nicht über Namen, sowie es in der Schule der Fall wäre.
    —–
    Die Grenze zwischen Freiheit und Instrumentalisieren ist sehr schwer zu finden. So werde ich bei Werbung von Unicef und Misereor wütend und bei den Berichten über Frau Leyens Konferenz (in der sie den Missbrauch missbrauchte) könnte ich kotzen. Aber auch die Werbung von Nachhilfeinstitutionen, Schulen, Politikern und Kultusbeamten, die sich am verfügbaren Kindermaterial bedienen stoße ich mich.
    Können die Kinder ehrlich ihre Meinung äußern, wenn sie als Schulklasse geschniegelt und gestriegelt in den bayerischen Landtag zitiert werden und dort sagen müssen, dass sie sich eine bessere Bildung wünschen?
    —-
    Was macht mich sicher? Was hilft mir die Konsequenzen abzuschätzen? Nicht mehr als mein Verstand und Hoffnung und Zuversicht. Diese werden in unserer institutionalisierten Welt aber durch Sicherheit und Berechenbarkeit ersetzt. Und da wir uns nicht mehr auf unsere Zuversicht verlassen können, brauchen wir noch mehr Institutionen, noch mehr Sicherheit. Und löschen im selben Schritt auch noch die wenige Hoffnung und Zuversicht aus, die uns noch verblieben ist, um sie mit noch mehr Erwartung zu ersetzen. Was kommt bei diesem Zyklus heraus? Kannst Du, oder irgendein anderer Schulvertreter das abschätzen? Hat sich da irgendeiner Gedanken gemacht? Und wenn ja, haben diese Gedanken Forschungsgelder bekommen? Oder gehen wir weiter, sicheren und unhinterfragten Schrittes in eine Zukunft in dem wir alles abgetötet haben, das menschlich ist? In dem ewigen angstvollen Lechzen nach mehr Sicherheit und nach mehr Garantien. Nach mehr Modellen.
    —-
    Mein Kompass ist das Lachen meiner Kinder und die Dinge, die ich für richtig halte. Vielleicht sagen sie mir in 20 Jahren, dass sie Dinge die ich tat nicht richtig fand. Aber was soll ich ihnen anderes sagen, als dass ich nach meinem besten Wissen und Gewissen gehandelt habe? Nichts anderes tust Du auch. Allerdings näher am gesellschaftlich anerkannten Mainstream als ich.

  3. „Allerdings näher am gesellschaftlich anerkannten Mainstream als ich.“

    Das glaube ich gar nicht einmal. Du würdest lachen, wie viel von dem, was du hier schreibst, auch in meinem Leben seinen festen Platz hat oder hatte. Die Art der Auseinandersetzung damit empfinde ich bei uns beiden aber anders, z.B. habe ich das Beispiel mit der weißen Wand sehr oft in meinem Umfeld erlebt, d.h. in meiner Erfahrung stimmt dieses Bild durchaus. Für dich ist das Bild einmal mehr generell falsch, was aussagenlogisch (Platon) bedeutet, dass meine Wahrnehmung in diesem Bereich generell auch falsch ist. Hm. Ich finde jedenfalls, dass deine Wahrnehmung ihre Berechtigung hat und ich kann sie sehr gut neben meiner stehen lassen.

  4. Hi mccab99,

    generell falsch habe ich nie gesagt. Wenn Du genau liest, habe ich beides mal „ich finde“ geschrieben.
    Du hast also Deinen echten Namen auf Deinem Blog, schreibst für Lehrerkollegen, die Du vielleicht wirklich kennst. Nur wenige von meinen Nachbarn kennen dagegen diesen Blog – die fallen schon in Ohnmacht, wenn ich Unschooling überhaupt erwähne. Bis jetzt hat nur eine Mitleserin (Bravo übrigens!) meine echte Identität herausgekriegt.
    So stimmt es. Es ist für jeden anders.
    Also ich traue Deiner Wahrnehmung 😉 – auch wenn Du meine Relativierungen gerne überliest. 🙂
    Verrätst Du mir noch die URL für Deine alte Homepage? 🙂

  5. Eine sehr interessante Diskussion hier. Auch ich hatte ein ungutes Gefühl gegenüber die Bilder, nicht wegen der spärliche Kleidung, sondern weil ich für mich beschlossen habe, die Kinder dann entscheiden zu lassen, wenn sie älter sind, was sie von sich ins Netz sehen wollen.

    1000Sunny, Du hast einen bürgerlichen Namen? Wow!

  6. Wie gesagt, ich persönlich habe Scheu davor, die Bilder von meinem Kind ungefragt uns Netz zu stellen. Vielleicht, weil ich selbst von mir auch ungerne welche irgendwo habe. Ich würde auch von meinem Mann keine Bilder ungefragt online stellen. Ich für mich selbst mag das nicht und ungekehrt stört es mich bei anderen auch.
    Dich hatte ich allerdings nicht gemeint, ihr seid noch recht zurückhaltend mit den Fotos. Anscheinend hast du meinen Kommentar als eine Anklage gegen dich verstanden. So war er aber nicht gemeint.
    Noch dazu: „Doch das Tabu der kompletten Nacktheit ist anscheinend so groß, dass es nur unsere Kinder überwinden können.“ Ich möchte meine Tabus nicht dadurch überwinden, dass jemand, z.B. meine Mutter in besster Absicht Bilder von mir auf denen ich unbekleidet bin ins Netz stellt. Das möchte ich gerne selbst entscheiden.

    Du wirst mich überzeugt haben, an dem Tag, an dem du von dir und deiner Frau auch Nacktfotos hier postest! 🙂

  7. Menschen sind verschieden – wie beschämt hättest du dich gefühlt, wenn dir die spät entdeckten Bilder nach der OP peinlich gewesen wären ?

    Selbst falls du dir das für dich nicht vorstellen kannst, es mag Menschen geben, denen selbst ein ganz harmloses, „angezogenes“ Foto im Internet unangenehm ist.

    Für mich ist daher absolut selbstverständlich, dass ich keine Kinderbilder und auch keine realen Namen veröffentliche. Und wehe dem, der ein Bild von mir einstellt *g* !

  8. Gegenfrage: Was wäre wenn man mir davon erzählt hätte, dass man die Anfrage damals abgelehnt hätte und ich mich deswegen noch mehr geschämt hätte?

    @life42
    Vielleicht gibt es solche Photos von mir ja schon im Internet 😉

    Für mich ist dieser Blog in erster Linie ein Tagebuch für die Familie. Die Kinder freuen sich und alles ist cool. Worüber sie sich nicht freuen, ist, wenn sie auf der Straße von ganz schick ausstaffierten Kindern ausgelacht werden, weil sie nackt sind und diese Nacktheit gesellschaftlich nicht mehr toleriert wird. Selbst bei Kindern! Ich finde die Gesellschaft baut sich hier ein schönes Gefängnis.

    Wenn jemand seinen Namen ins Internet geben will, dann soll er das tun. Wenn er seine Photos (nackt, nicht nackt oder gar betrunken oder beim rauchen) ins Internet stellen will, dann soll er das tun. Ich will in keiner Gesellschaft leben, die so viel Angst vor dem Urteil des Nächsten hat, dass sie alles von vornherein bleiben lässt und sich freiwillig jeder Freiheit entzieht.

    Chopper und Nami besitzen diese Tabus noch nicht. Tabus müssen erst anerzogen werden. Und besonders diese beiden Kinder scheinen eine Aversion gegen alles Bekleidetsein zu haben, die ich selbst nicht für möglich gehalten hätte.

  9. Hab grad mal was bei google eingegeben und das war die erste Seite. Ich hab mal ne schnelle Frage. Wo kann man hinschreiben wenn man im Internet dumme Sprüche von eventuell Pedofielen liest. Hab mir grad nämlich mal bei Youtube so ein kurzes Video angeschaut wo Michael Jacksons Tochter redet. Und dadrunter wurden total viele dumme Kommentare gesetzt. Ihr könnt euch dazu hier was anschauen. Also die Kommentare.

    unterhttp://www.youtube.com/watch?v=NzHJyKkEOHQ Es ist ja denk ich nicht normal das jmd bei einem kleinen Kind sagt das sie mit 15 geile T*** und nen geilen A*** haben wird. Sowas ist doch nicht normal oder?

  10. Nun ja, bei 23.000 Kommentaren ist es doch nicht verwunderlich, dass da ein paar sich so äußern. Ich glaube aber nicht, dass die an den Bodyguards vorbeikommen. Und es sind ja eine Menge Kommentare dabei, die diesen Menschen auch ihre Missbilligung bezeugen.
    Wie kommst Du da gerade auf diesen Post?

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