Bildungsstreik – und die siechenden Unis

Zur Zeit läuft ja der Bildungsstreik. So seltsam auch manche Ziele anlauten, so wichtig ist es, dass endlich Zeichen gesetzt werden gegen das grottenschlechte Bildungssystem – das schon lange mehr eine Jagd nach Titeln und Jobs geworden ist und schon längst die Ideale der Bildung und des Raumes an dem Interessierte zusammenkommen verloren hat.

Besonders tritt auch das marode Universitätssystem in die Diskussion. So scheinen Professoren und Studenten unsere weiterführenden Verdummungsanstalten als Verdummungsanstalten zu bezeichnen. Die Chefin der Rektorenkonferenz schlägt zurück und bezeichnet die Kritiker wiederum als dumm. Also das ist doch mal witzig und so ein Eigentor zeigt von einer guten Portion persönlicher Dummheit.

Ich habe vor kurzem gelesen, dass die empirische Forschung dazu gedacht war alte Dogmen zu überkommen und wegzufegen – aber leider dazu verwendet wird (von den Universitäten) alte Dogmen zu festigen. Immer weniger Professoren bringen in diesem Land noch etwas neues. Die Naturwissenschaften ziehen zwar davon (es gibt auch dort miese Profs). Aber besonders die Wissenschaft der Pädagogik scheint sich darauf spezialisiert zu haben, kleinere Klassenzimmer anzupreisen.

Ach ja, und natürlich mehr Computer in alle Schulen. Wenn das nicht hilft. Viel mehr Computer und Blogs und Twitter und leuchtende Wandtafeln, die Online mit einer chinesischen Partnerschule in Verbindung stehen. Dass die Schüler immer noch auf den harten Holzstühlen sitzen, die einst Kaiser Wilhelm geschnitzt hat, stört dabei keinen. Die Stühle werden ja immerhin in Gruppen angeordnet. Und ein LdL wird eingesetzt. Eine Überwachungsstaat-Version des Nürnberger-Trichters.

Wenn dann aber manche Professoren (die hier lieber ungenannt bleiben in ihrem elektronischem-Denk-Aquarium) im Internet auch noch sagen, dass der ganze Bildungsstreik nach Klassenkampf klingt und man lieber höhere Professorengehälter als freien Zugang zu Universitäten für alle Menschen zu fordern – dann hört doch der Spaß langsam auf. Selbe Professorin fragt sogar noch, warum sie jetzt weniger Geld bekomme, als früher. Da sie ja die gleiche Arbeit mache und die ist auf einmal weniger Wert? Nein. In Wahrheit ist ihre Arbeit nichts mehr Wert. Professoren, die wirklich wichtige Arbeit machen forschen oft auf eigene Faust – bekommen Gastprofessuren, inspirieren ihre Schüler noch Jahrzehnte später und prägen unser Menschenbild und Gesellschaftsbild nachhaltig. Nichtsnutzige Professoren kommen höchstens auf die Idee, dass man die Schule verändern muss (Wow, als nächstes wird sie entdecken, dass ihre Wohnung mehrere Türen besitzt).

Doch diese neumodischen, standardisierten Miet-Titelträger dagegen bringen die Universitäten, die Studenten und auch die echten Professoren in Verruf. Sie stellen sich gegen die Menschheit und halten sich für eine Art Überrasse, die dem Laien hilft zu verstehen, was der Experte denkt; solange der Laie sich aber zurückhält und immer höflich und in höfischer Manier nicht nur Laien sondern auch den Lakaien mimt. Ich bin schon fast geneigt dem Begriff „wissenschaftlich“ gänzlich abzuschwören, so sehr nerven mich diese Zitatezähler und Doktorhütchenspieler.

Solche Professoren sagen, dass eine Universität ihre Studenten nicht als Kunden sehen sollte. Sie wollen lieber weiterhin auf die Köpfe ihrer Studenten spucken können. Sie nach Noten durchexerzieren. Und wer nicht im G8 oder der GSG9 gedient hat, der hat keine Berechtigung überhaupt diese (von allen bezahlten) Hallen zu betreten.

Das macht mich so krank. Und deswegen gibt es in diesem Artikel auch keine Verweise und Trackbacks. Weil ich niemanden persönlich angreifen will. Und weil diese Professoren und Professorinnen auch überhaupt keine anderen Meinungen mehr hören wollen als der eigenen. Sie haben einen Horizont von Null, den sie Standpunkt nennen. Und es ist kein Wunder, dass Politiker über solche Professoren lachen. Und dass sie auch gleich über die ernsthaften Professoren im Schlepptau mitlachen.

Diese Professoren tanzen um dieselben trivialen Binsenweisheit und haben gar kein Interesse mehr an neuen Erkenntnissen. Ihnen geht es nur darum, wie sie mit den aktuellen Erkenntnissen noch mehr Drittmittelgelder einwerben können um ihren Lehrstuhl und ihre Macht noch mehr auszuweiten. Aber diese Macht ist hohl. Denn sie bringt keine neue Erkenntnis. Sie ist kastriert von jedem Einfluß auf Forschung, da sie sich verbietet etwas Neuartiges zu erkennen – denn alles neue wird nicht finanziert werden. Alles neue kann keine Forschungsgelder einbringen. Wir haben das mit Freud erlebt und wir haben es mit Piaget erlebt. Menschen, die sich nicht von ihren eigenen Ideen wegbewegen können, haben in diesem System den größten sofortigen Erfolg. Da sie eigentlich nur Wissensbeamten in einem verbeamteten System sind.

Die Universität ist nicht mehr die Universität. Der Staat hat sie kassiert. Und wie sehr muß er über die Bemühungen lachen, die Zensur des Internets zu verhindern. Hat er doch spätestens in 10 Jahren auch an der Uni genug Titelhuber, die die Wirksamkeit und die Notwendigkeit bestätigen werden.

Aus der ganzen Staatsmühle gibt es für ernsthafte Forscher, egal ob Professor oder Autodidakt, nur einen Ausweg. Raus aus dem System. Raus aus dem Staat. Die Regierung darf die Forschung nicht länger beeinflussen. Sie darf nicht länger bestimmten Gruppen aus dem Volk ein Zutrittsverbot zur Bildung erteilen. Das mag jetzt auch nach Klassenkampf klingen. Das ist mir egal. Das Volk, jeder einzelne, bezahlt für die Bildung und für die Forschung zu seinem eigenen Wohle und deswegen darf die Regierung es nicht länger für ihr eigenes Wohl missbrauchen.

Und eines stimmt: Früher waren die Universitäten wirklich ein Ort der Freiheit. Aber heute ist er genauso wie die Schule dominiert vom Peerdruck und von der Normentsprechung. Das gilt für Professoren, wie für Studenten. Und es wird sich nichts ändern, bis es ein kostendeckendes Bildungsgeld gibt und eine Abschaffung aller Titel. Dann kann jeder frei forschen und niemand kann seine Meinung mehr mit einer C4-Professur unterlegen.

Advertisements

Ein Kommentar zu “Bildungsstreik – und die siechenden Unis

  1. Blitzlicht für den Meister des gepflegten Salons – Jürgen Habermas und Proteste

    Frankfurt, heute 17 Uhr, Willy-Brandt-Platz, Europäische Zentralbank, Demo der Bildungsstreikenden, friedliche Stimmung, dezente Musik aus den Boxen des DEmowagens – Polizeiaufgebot als ob die Wandalen und Hunnen gleichzeitig anrücken würden. Man spürte sozusagen kontrafaktisch den herrschaftsfreien Dialog.Habermas hatte ich leider nicht sehen können – war er da?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s