Himmlischer Frieden

Vor 20 Jahren fand auf dem Platz des himmlischen Friedens eines der größeren Massaker statt. Veranlaßt durch die Regierung gegen das eigene Volk Menschen, die nicht regieren.

Gestern habe ich zufällig das Radio für ein paar Sekunden eingeschalten und gleich musste ich folgende Formulierung hören: „… kamen ums Leben“ (Klassikradio) – ein schrecklicher Euphemismus – der einmal mehr zeigt, dass die Massenmedien ihre Idee verraten und somit ihre Funktion verloren haben und (hoffentlich) innerhalb der nächsten 10 Jahre verschwinden werden.

Spreeblick wird da schon etwas deutlicher und spricht davon, dass Menschen getötet wurden.

Ich denke, das richtige Wort ist „Mord“ – also diese Menschen wurden ermordet.

Das chinesische Reich wurde auf einem ähnlichen Ereignis von dem Kaiser Chin Shihuangdi gegründet. Alle Bücher aus der Zeit davor wurden verbrannt und 400 Gelehrte (die protestierten) wurden ermordet.

Auch hier in Deutschland kennen wir eine berühmte Bücherverbrennung und passend dazu das Zitat von Heinrich Heine:

Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher
Verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.

In dem Wikipedia-Artikel Bücherverbrennung findet man gar eine nicht enden wollende Liste von Bücherverbrennungen. Viele (auch z.B. die französische Revolution) waren progressiv gemeint, zogen aber auch meistens Gewalttaten hinter sich her.

(Auch ich selbst habe schon so einiges an Reklam-Büchern verbrannt – das war sozusagen ein schulisches Ritual)

Ideologische Bücherverbrennungen und das ideologische Ermorden von Menschen haben die gleiche Grundidee: Man will Ideen und Gedanken aus dem Bewusstsein der Menschen löschen. Da meistens aber Menschen der gleichen Zivilisationsstufe ähnliche Ideen haben und auch für gleiche Ideen bereit sind, dehnt sich das politische Ermorden von Menschen immer sehr stark aus. Zumal jeder politisch ermordete Mensch fünf weitere Staatsfeinde generiert. (Hier empfahl Macchiavelli damals übrigens, dass man doch sehr sorgsam sein sollte und alle nahen Verwandten auch ermorden solle)

In China geht man immer noch diesen Weg „gefährliche Ideen“ zu befrieden. Hier in Deutschland werden die Maßnahmen der Zensur nur noch spärlich angewandt.

In modernen Demokratien hat man andere Wege gefunden:

  • DOS – Denial Of Service: Durch eine Überbelastung durch unwichtige Nachrichten werden Menschen davon abgebracht über die wichtigen Werte und Dinge des Lebens nachzudenken. Die modernen Massenmedien überschütten uns hier mit einer Informationsflut von Flugzeugabstürzen, Selbstmordanschlägen, Ereignisse im Leben der Prominenz, irgendwelchen Wahlen, leeres Politiker-Alltagsgewäsch, Neidzuweisungen (die bösen Banker, die bösen Politiker, die bösen Raucher, die bösen Harzler, die bösen Arbeitgeber), Aufregung über Fernsehshows.
  • ADS – Durch die Vielzahl der Information und das Fehlen jeder Fokussierung und Tiefendiskussion über Wochen oder Monate hinweg wird die Aufmerksamkeit nie auf Probleme gebündelt, sondern immer wieder zerstreut. Die Nachrichten von Heute sind schon wieder alt – und es kommen neue, die die Aufmerksamkeit verlangen.
  • Gesellschaftliche Stigmatisierung – Bewegungen, die wirkliche politische und gesellschaftliche Umwälzungen anstrebten werden lächerlich gemacht, oder es wird auf das Schicksal einzelner Gescheiterter verwiesen und diese betrauert. Hätten sie sich nur untergeordnet anstatt gegen Windmühlen zu kämpfen. Aber wir wissen es ja besser, wir kämpfen nicht länger gegen Windmühlen und lachen über alle, die versuchen etwas zu bewegen.
  • Integration in den Mainstream – erfolgreiche Bewegungen werden zu Ideen von Politikern umgebaut und in die aktuelle staatliche Landschaft eingepaßt. Das schlimmste Beispiel ist die Annektion von Jesus Christus durch die Kirche. Oder die Schulpflicht.
  • Schule – Schule ist nur ein weiteres Medium, mit dem die Ideen der herrschenden Oberschicht in die Köpfe der unteren Schichten transportiert werden und wo schon früh jedem Menschen beigebracht wird: Eine andere Welt, in der andere Menschen herrschen ist nicht möglich. Staatliche Indoktrination wird deswegen immer mehr in die Frühkindheit hineinverlagert, wo der Geist noch keine Abwehrmechanismen hat. Der 8-Stunden Tag, die Übertragung von persönlichen und privaten Rechten auf höhere Instanzen. Veraltete Gewerkschaften und dümmliche Streiks sehen wir als die beste Möglichkeit an um eigene Interessen durchzusetzen. Und das lebenslange Angestelltentum im verwalteten Beamtenstaat macht uns zum Blutsbruder von solchen Regierungen wie in China.
  • Fade-Outs – Sehr gute Bücher, die uns allen die Welt ein bisschen besser erklären würden schaffen es leider nicht in die staatlichen Kurrikuli und damit nicht in unsere Lesegewohnheiten. Sie schaffen es damit auch nicht auf die Bestsellerlisten oder in die Regale der Bibliotheken. Wenn man Glück hat und in einer großen Stadt wohnt kann man diese Bücher in den Magazinen tief unter der Erde der Zentralbibliothek finden. Dennoch gibt es auch keine anderen Bücher, die auf sie verweisen. Da diese Bücher nicht in den staatlichen Kurrikuli Platz finden sind sie auch nicht Schwerpunkt der universitären Auftragsforschung. Diese Bücher und Ideen werden einfach ausgeblendet. Und die Menschen, die diese Bücher schreiben, leben, wie die Bücher selber, am gesellschaftlichen Rand. Als Drohung an alle, die sich mit diesen Ideen beschäftigen wollen.
  • Absterben des Gesprächs – Das Gespräch wird zur Kommunikation, stetig ist man bemüht diese zu „optimieren“ und zu „rationalisieren“ und „effizienter“ zu gestalten. Gespräche sind nicht mehr da um neue Ideen auszutauschen und darüber zu diskutieren, sondern ihr höchstes Ziel ist glatt zu verlaufen. Wir sind in einen farblosen Smalltalk gestürzt. So wird jeder Mensch vom nächsten isoliert und neue Ideen finden die Köpfe in denen sie entstehen vor, als ob sie ein Gefängnis wären und nicht der Startpunkt für neue Taten. Kommunikation dient nur noch dem rituellen Berühren von Allgemeinplätzen, die eine Gemeinsamkeit betonen, die anscheinend nur die Regierung garantieren kann.
  • Massenmedien und ihre Redaktionen, sowie Journalisten sind in einer bestimmten gesellschaftlichen Kaste – aus dieser Sicht wird allen anderen die Welt erklärt und die „richtigen und wichtigen“ Ideen mitgeteilt.
  • Copyright-Bestimmungen sorgen dafür, dass wir die wichtigen Bücher nicht frei vervielfältigen dürfen, sie auf andere Medien übertragen dürfen und sie an die Schichten weiterreichen können, die diese Informationen bräuchten.
  • 5%-Hürden, die eine Unterdrückung von Minderheiten gesetzlich festschreiben

Doch wenn all das nicht mehr reicht. Wenn wir anfangen unsere Ideen wieder frei auszutauschen – auf Blogs und im Web 2.0 – dann ist es doch vielleicht wieder an der Zeit zu zensieren. Denn nichts darf den himmlischen Frieden der Regierungen stören, nichts das etablierte Machtgefüge – dafür arbeiten wir jeden Tag und für dieses Ziel sind wir immerhin bereit unser Leben zu vermieten und unsere Träume zu verkaufen. Für ein paar kleine Krümel von einem Kuchen, der uns nicht schmeckt, sind wir bereit ein Leben in einer modernen Sklaverei zu verbringen. Stumm und mundtot gemacht durch die modernsten, subtilsten und humansten Methoden, die die Geschichte der Menschheit jemals zu bieten hatte.

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2 Kommentare zu “Himmlischer Frieden

  1. Ein wunderbarer Eintrag, sunny. Da ich finde, daß er hervorragend zu meinem Blogeintrag von vor einem Monat paßt, habe ich mir erlaubt, ihn dort zu verlinken. Und da ich den entsprechenden trackback nicht finde, und mit diesen trackbacks auch nicht wirklich durchblicke, setzte ich ihn manuell :-)Also, zu finden ist der link unter http://droelf.wordpress.com/2009/05/05/wahrheit-–-ein-bausatz/ Danke für diese gut geschilderte Sicht aus deinen Augen.

  2. Hallo sowai,

    habe Deinen Artikel auch schon gelesen. Danke auch. Das ist das gute am Web2.0 – man findet und ergänzt sich gegenseitig 🙂

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