Wer korrigiert Unschooler

Vor kurzem wurde hier die Frage aufgeworfen: „Wer die Unschooler denn korrigiert – wer ihr Korrektiv sei“

Ich würde meine Erklärung gerne mit einer Szene aus Charles Dickens (Great Expectations) beginnen.

Die Szene am Ende von Kapitel 34 ist folgende, Pip und sein Freund Herbert haben große Schulden angehäuft und um diesen Herr zu werden dinieren sie festlich und dann schreiben sie alle Schulden zusammen (dies geschieht alle paar Wochen) – aber nun zum entscheidenden Satz:

The sound of our pens going refreshed us exceedingly, insomuch that I sometimes found it difficult to distinguish between this edifying business proceeding and actually paying the money. In point of meritorious character, the two things seemed about equal.

(Die Stifte machen also so ein Geräusch beim Schulden-Aufschreiben, dass die beiden Pleitegeier meinen sie würden die Schulden schon bezahlen)

Man verwechselt also die Tat und das abstrakte Behandeln der Tat.

Beim Unschooling ist man aber in dem Lernen mit der Tat verwickelt. Programmiert man also einen Computer falsch, so stürzt das Programm ab. Versteht man den Sinn einer Methode  nicht, so macht das Programm wilde Sachen. Reimt man einen Reim falsch, so klingt das Gedicht nicht gut. Baut man einen Flieger und plant oder berechnet seine Maße falsch, dann fliegt er schlecht oder stürzt ab. Ordnet man ein geschichtliches Ereignis falsch ein, so ergibt das keinen Sinn, wenn man darüber nachdenkt oder verheddert sich beim diskutieren, oder schon beim nächsten Buch. Von der Chemie muss ich wohl nicht sprechen. Bei der Kunst ist es auch leider oft zu klar, dass man nicht das gemalt hat, was man malen wollte. Ähnliches gilt auch bei der Sprache, die einen beim Schreiben oft irgendwohin führt, wo man gar nicht hin wollte – oder der Empfänger wundert sich und schreibt einem eine Antwort, die man nicht erwartet hätte. Und wenn man beim Sport für 100 Meter 3 Minuten braucht oder irgendwo herunter fällt, dann ist es auch klar, dass hier etwas falsch war. Genauso merkt man beim Singen, wenn man die Note nicht erreicht hat, die man gerade erreichen wollte und auch beim Tanzen fühlt man sich nur oft zu plump an. Bei fremden Sprachen ist die Frage nach dem Korrektiv schon fast absurd, da man ja schon den nächsten Satz nicht verstehen kann, wenn man die Sprache nicht versteht. So hat jedes menschliche Streben ihr eigenes Korrektiv, das zum einen natürlich sein kann oder zum anderen auch kulturell. Doch immer ist es zur Stelle und man nimmt es wahr – vielleicht nicht gleich am Anfang. Jedoch aber mit steigendem Niveau, steigen auch die Möglichkeiten eigene Fehler zu entdecken.

Beim Unschooling lernt der Lernende lebendig, er studiert die Sachen in ihrer Tiefe und auch in seiner gewünschten Tiefe. In der Tiefe, die er eben gerade begreifen kann. Lebendigkeit und Tiefe geben einem Unschooler wirklich die Möglichkeit eigene Fehler zu erkennen, dort wo jemand, der nur isolierte Fakten, die für ihn von einer fernen Administration in Kurrikuli zusammengestellt wurden notwendigerweise auf fremde Hilfe zurückgreifen muss.

Nun gibt es in den Wissenschaften die Wahrheit, dass man neigt sich selbst zu betrügen. Man redet sich seine Ergebnisse schön und passt sie auf seine Theorie an, so dass die Hypothese und das Experiment am Ende stützen. Dieses geht desto besser, je abstrakter der Zusammenhang ist und je schwieriger die Auswertung der Ergebnisse sich gestaltet. Doch auch dies glaube ich beraubt den Wissenschaftler nicht der Möglichkeit seinen Irrtum früher oder später selbst zu erkennen. Selber erkennen muss er ihn am Ende aber doch, denn sonst endet er wie die „Wissenschaftler“, die bei jeder Kritik den Kritiker angreifen, anstatt die Kritik wahrzunehmen.

Es gibt auch die andere Gefahr in der Wissenschaft. Sobald jemand die „Lösung“ erfährt, sagt er: „Ja, so habe ich meine Theorie ohnehin gemeint – ich habe mich nur an ein oder zwei Stellen mißverständlich ausgedrückt“ – der sogenannte Hindsight-Bias. Man kennt den Satz und hört ihn oft: „Ich hab’s ja schon immer gewußt“ – man hört ihn aber immer erst nach der Bekanntgabe der Lösung. Dennoch diese Gefahr ist beim Lernen keine große Gefahr. Man kennt ja nun die Lösung – und besser noch: „Man hat sie sogar schon immer gewußt“ 😉 Pädagogisch entspricht das einer totalen Identifikation mit der richtigen Lösung.

Es gibt aber auch Menschen, die an falschen Lösungen festhalten. Ich würde hier generell tiefere Gründe vermuten. Diese sind wahrscheinlich prä-verbal (also können noch nicht ausgedrückt werden) und werden sich irgendwann auswachsen. Dieses kann durch tiefer gehende Beschäftigung, ansteigen der Intelligenz oder Ausdruckskraft geschehen. Oder es können vielleicht richtige Lösungen sein, die nur von uns als falsch eingestuft wurden, aber der Lernende hatte seine eigene Idee, die wir nur nicht so schnell kapiert haben.

Das Schöne am Unschooling ist, dass Unschooling die Welt als Korrektiv benützt. Die sinnlichen Erfahrungen (inklusive Bücher) und die Experimente, die man selber anstellt sind die wichtigsten Meßpfeiler und man trainiert sich auf Selbst-Korrektur. Vom ersten Tag an. Ohne, dass man Nachteile aus dem Erkennen der eigenen Fehlern zu erwarten hat. Die Fehler an sich können schon manchmal Nachteile haben – aber das ist das Leben. Und bis die Umsicht so weit gewachsen ist, dass man schwere körperliche Verletzungen vermeiden kann, hat man ja seine Eltern oder andere Vertrauenspersonen, oder kommt gar nicht in die Versuchung solche Experimente zu begehen.

Und so wird der Unschooler – so er denn Wissenschaftler werden will – keiner dieser Dickensschen Wissenschaftler, die das Zitat mit dem Experiment verwechseln und den Beleg mit Glaubwürdigkeit und einer guten Analyse. Er wird keiner von diesen Wissenschaftlern, die am Ende einen Strich unter ihr Dokument machen und die Anzahl der Quellenangaben zählen, und sich für „wissenschaftlich“ befinden. Er wird keiner von denen die bei jedem Autor erst einmal auf eine Zitate-Such-Plattform gehen und schauen, wie oft er zitiert wird und daran festmachen, ob er wichtig und glaubhaft ist. Denn die Wissenschaftlichkeit eines Wissenschaftlers läßt sich leider nicht an solchen oberflächlichen und spießigen Kriterien messen. Ein Wissenschaftler misst sich in der mathematischen Präzision seiner Argumentation und der Kreativität seiner Experimente.

Alles andere ist gesellschaftlich tolleriertes Plagiatentum und eine Schande für das, was wir Universität und Wissenschaft nennen. Und genau diesen Schritt geht man beim Unschooling: weg von der verwalteten und qualifizierten Wissenschaft hin zu einer kreativen und wilden Kulturtechnik, die ihren Lebensraum erforscht und das Leben gestalten hilft. Ohne künstliches Korrektiv, denn man hat ja die ganze Welt und ihr unbeugsames Leben.

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