Ein guter Witz

Es war einmal ein sehr autoritäres System. Dort schauten alle nach vorne und nach oben.

Kaiser Wilhelm II. schickte die Leute dann in den Krieg. Dieser Krieg ging verloren und man entschloss sich nicht mehr von einem Mann (der leicht schwachsinnig werden konnte) leiten zu lassen.

Als Gegenreaktion kam damit eine sehr freiheitliche Demokratie nach Kriegsende. Leider hatten ein paar Leute auf einem Kongress die Idee, dass man diese neue Demokratie und dieses Land doch alles reparieren lassen sollte, was im Krieg kaputt gegangen sei. Nicht nur ihr eigenes Land, sondern auch alle anderen Länder, wo die Kriegshorden gewütet hatten.

Auf demselben Kongress sagte eine Tröte (er hieß John Maynard Keynes): „Lasst das mal mit diesen ganzen Reparaturzahlungen – sonst habt ihr gleich wieder Krieg“. – „Nönö, das schaffen die schon“ – „Wenn ihr meint, ich verlasse diesen unseligen Kongress“

Nachdem man dann auch einen zweiten Weltkrieg gehabt hatte, beschloss man, dass es die Freiheit in der Demokratie gewesen war, die zum erneuten Krieg geführt hatte. Und wurde wieder ein bisschen autoritärer – am besten behielt man eine Menge Gesetze aus der autoritären Zeit des zweiten Weltkrieges gleich – die waren sowieso für 1000 Jahre gemacht.

Dagegen gab es dann aber auch Proteste, so um 1968 herum. Man machte einige Reformen, die Protestler wurden als Gescheiterte und ewig Unzufriedene bezeichnet und sie gliederten sich ein – anscheinend wurden sehr viele Lehrer.

Und das ist jetzt auch die Pointe des Witzes. Die Schule ist eines der Subsysteme, die immer noch nach den Prinzipien „Nach vorne schauen – tun was Dir gesagt wird – wann es Dir gesagt wird – und von oben bewertet werden“ funktionieren. Eines der sehr autoritären Systeme. Die dortigen Angestellten sind aber teilweise als frei denkend wollende aufgewachsen – jetzt aber Beamten im Staatsdienst.

Immer wenn man die Schule als autoritär kritisiert und sagt: „Seit Kaiser Wilhelm hat sich da nix wesentliches geändert – außer dass die Prügelstrafe sehr subtil durchgeführt wird“ – springt sofort ein Alt-’68 aus den Reihen der Lehrerschaft zur Verteidigung hervor und sagt: „Aber ich arbeite dort und sehr viele andere ’68, ergo ist die Schule liberal“.

Und so verteidigen die liberalen Geister ein autoritäres System mit dem ganzen rhetorischen Können eines Staatsdieners.

Auf die Frage hin, ob sie denn wenigstens streiken dürften – oder ihren Schülern dieses Recht hätten müssen sie leider schweigen.

Man könnte jetzt meinen: „Haha, guter Witz und der hat sich jetzt über einen so langen Zeitraum erzählt – also seit dem Amok-Kaiser Wilhelm?“

Nein, das geht schon viel länger. Die Schule war ursprünglich als Bildungsmittel für das Volk gedacht – von kühnen Reformatoren ersinnt, die dem damals ungebildeten Volk Bildung und Selbstbestimmung geben wollten.

Dann wurde es aber zu einem Herrschaftsinstrument gemacht, mit der noch besseren Idee (von oben), dass man die Leute ja bilden könne, aber man könne ihnen ja die falschen Sachen beibringen – oder noch subtiler die ‚richtigen‘ – man entwickelte Fächer und einen Lehrplan und Tests, die sicherstellten, dass der Lehrer nicht irgendwas mit denen macht. In der neuesten Variante heißt das Bildungsstandards. Immer, wenn man diese heute kritisiert, dann kommt sofort die Antwort: „Wissen Sie, dass sie eigentlich Luther kritisieren?“.

Etwas anderes verhält sich der Witz beim Notensystem. Dieses entstand wirklich aus niederen Beweggründen. Ein Tutor an einer englischen Universität (Cambridge), William Farish, hatte die Idee man könne das aktuelle System mit dem man schon erfolgreich Schuhe in englischen Fabriken bewertete, doch auch Schüler bewerten. Da käme man auch viel schneller vorwärts, der Zeitgeist war sowieso gerade „Industrielle Revolution“ und Tutoren wurden „pro Kopf“ bezahlt.

Mit der Idee, dass man objektiv Leistung bewerten konnte, so dachte man, könne man endlich soziale Ungleichheiten überkommen und allen den Zugang zur höheren Bildung ermöglichen, die es ihren Leistungen nach verdient hatten. So war die Benotung (nach Kulke, Rothermund – Geschichte Indiens) an manchen englischen Universitäten sogar sehr lange Zeit verboten – besonders, wenn es darum ging englischen Adel für Positionen in den indischen Kolonien auszubilden.

Dennoch setzte sich der Gedanke durch und heute gibt es in allen Ländern Noten. Besonders gut am Notensystem, das haben auch die Schichten im Wohlstand erkannt, ist, dass sie zwar objektive Zahlen sind, aber von Subjekten vergeben werden. Und wenn da ein Harz IV-Empfänger und sein Kind ankommt, dann ist das nicht so beeindruckend, als wenn ein Konzernleiter mit seinem Anwalt ankommt. Und so wurden diese Noten, ein sehr soziales Instrument zur Leistungserfassung, zu einem Instrument der Selektion.

Vergeben werden diese sozialen Noten von einer liberalen ’68-Generation an den Institutionen, die Luther, Comenius und andere Reformatoren und Nationalhelden einst von den Regierungen forderten und die nun „omnes omnia omnino“ („Alle alles ganz zu lehren“) versprechen.

Das wäre alles wirklich ein guter Witz, leider ist er traurige Realität und wir werden erst in 20 oder 200 Jahren drüber lachen können.

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25 Kommentare zu “Ein guter Witz

  1. Den Streik an sich unterstütze ich – ein Tag weniger Schule – auf der anderen Seite kann es sein, dass am Ende der Protestmeile ein paar Politiker von der „falschen“ Partei lauern und noch direktere Verblödung liefern. Dennoch finde ich keine der Forderungen zielführend. Sie schärfen nur die Pointe des Witzes zu. Sozial gemeinte Forderungen, die leider in die falsche Richtung losgehen werden.
    Z.B. Studiengebühren. Ich bin für Kostendeckende Studiengebühren und gleichzeitig ein Bildungsgehalt – oder noch besser ein bedingungsloses Grundgehalt (denn dann kann jeder studieren, der will – egal welchen Alters). Dadurch können dann Leute an die Uni gehen, aber auch andere z.B. intellektuelle Clubs können sich gründen und finanzieren.
    Die Forderungen laufen ALLE in eine noch größere Abhängigkeit von einem zentralisierten und veraltetem Bildungssystem.
    Was also machen am Streiktag: Lieber in die Bibliothek gehen und was von Ivan Illich oder Paul Goodman lesen 😉
    Eine Überflutung der Bibliotheken würde noch mehr Eindruck schinden, als dieses stupide Straßentreten.

  2. @Marc
    Und wo bleibt die Forderung nach Abschaffung des Schulpflicht genannten Schulgebäude-Anwesenheitszwangs? Mir kommt es so vor, als ob es beim Bildungsstreik hauptsächlich um Kosmetik am bestehenden System geht. Oder täusche ich mich da?
    @1000sunny
    Ein Tag weniger Schule … so sehe ich das auch.

  3. Hallo

    Hm, denkst Du wirklich, der zweite Weltkrieg kam nur von den Reparationszahlungen? Nimmt das nicht völlig die Verantwortung von den Leuten, die damals Hitler wählten? Immerhin gab es ja eine Wirtschaftskrise überall auf der Welt, aber nicht überall hat sich Nationalsozialismus entwickelt.

    Grüsse
    jumping

  4. Ich habe hier John Maynard Keynes zitiert, der damals der führende Ökonom war und auf just diesem Kongress genau vor dieser Gefahr warnte.

    Zur Entstehung von Diktaturen aus Demokratien will ich hier aber ganz frech auf Platon (Der Staat) oder Derrida (Schurken) verweisen – das sind die Profis.

    Hitler und die Weimarer Republik finden darin nur Platz, weil der eine die Schulpflicht verabsolutiert und das andere Anlaß war lieber doch nicht so viel Freiheit zuzulassen.

  5. @konradmama

    Forderungen zur Abschaffung der Schulpflicht gab es bei den Vorbereitungstreffen. Da der Bildungsstreik jedoch von einer Vielzahl von Organisationen getragen wird, die alle unterschiedliche Forderungen hatten, wurde nun dieser Konsens gefunden.

    Nur Kosmetik am Schulsystem?! Vielleicht… doch ich möchte meine Energie lieber darauf verwenden, bei Dingen mitzuwirken, die in absehbarer Zeit Veränderungen bringen. So setze ich mich zum Beispiel für das Bedingungslose Grundeinkommen ein, obwohl ich im Prinzip den Kapitalismus abschaffen möchte. Ziele und Visionen – da liegt der Unterschied, denke ich.

  6. @Marc
    „Forderungen zur Abschaffung der Schulpflicht gab es bei den Vorbereitungstreffen.“
    Warum waren diese Forderungen nicht konsensfähig? Weißt du Genaueres darüber?

  7. @Marc und Konradmama
    IMHO ist es nicht unbedingt nötig, in absehbare Zeit (und vielleicht auch nicht langfristig) die Schulpflicht abzuschaffen. Z.B haben viele US-Staaten eine Schulpflicht (compulsory schooling), wobei Andere eine Bildungspflicht haben. In beiden ist Freies Lernen möglich – in den Ersten wird die Schulpflicht durch lernen zuhause auch erfüllt. Außer in Bayern hat man in allen deutschen Bundesländer die Möglichkeit einer Ausnahmegenehmigung. Nur wird diese Genehmigung i.d.R. sehr streng gehandhabt.

    Ich finde es deshalb in Ordnung, wenn man für die Möglichkeit des freien Lernens ausspricht ohne die Schulpflicht abschaffen zu müssen.

  8. Nun ja der Bildungsstreik wird zusammen von SchülerInnen, StudentInnen und… LehrerInnen initiiert – abgesehen davon ist die Idee des Freilernens vielen noch überhaupt nicht bekannt.
    Als ich das „Teenager-Befreiungs-Buch“ gelesen habe, habe ich die Idee, die dahinter steckt überhaupt erst richtig verstanden. Bis dahin habe ich immer nur innerhalb des Systems Kritik geäußert – und das System an sich nicht in Frage gestellt.

  9. @Marc
    Ich finde es toll, dass Du Dich engagierst. Die Frage ist, wie können wir die Idee, dass man den Bilderrahmen auch verlassen kann und dahinter eine ganze Welt wartet in diesen Kreisen mitteilen?
    Hast Du eine Idee?

  10. @scatty
    Gegen eine Schulpflicht, die freies Lernen ermöglicht, hätte ich nichts einzuwenden. Aber, wie ich oben schon geschrieben habe, bedeutet Schulpflicht in Deutschland Anwesenheitszwang in einem Schulgebäude. Und dieser Zwang gehört abgeschafft.

  11. Danke für den Link zu dieser Geschichte, war sehr interessant zu lesen.

    Mir ging es bei meinem Artikel allerdings darum, dass sich häufig Menschen an einer Debatte beteiligen, obwohl sie die Rahmenbedingungen gar nicht kennen.

    Dein Text dagegen wirkt ja schlüssig, eine Eigenschaft, die die erregten Wutschriften Ahnungsloser eher selten haben.

  12. Für den Text dort oben habe ich insgesamt 3 Jahre gebraucht (um das Wissen zu erwerben). Ich denke die Wutschriften (oder auch der Schulstreik – der ja genauso naiv gestritten wird) sind ein Ausdruck von tiefster Hilflosigkeit in einem System, das so komplex und entfremdet ist, dass es nach außen oft wie eine „riesengroße Verschwörung von Aliens“ aussieht.
    Es ist übrigens nur der erste Teil eines Witzes, den ich noch zu Ende erzählen muss 🙂

  13. Aber für das Problem, dass die Welt immer komplexer scheint, gibt es doch verschiedene Berufe. Der eine wird Rechtsanwalt, der nächste Arzt usw.
    Aber aus irgendeinem Grund wollen einige nicht wahrhaben, dass sie von etwas keine Ahnung haben. Und dann kommt eben son murks dabei raus.

    Dann warte ich mal auf Rest-Witz. Kannst mich dann auch genr drauf hinweisen^^

  14. Ja, so habe ich das im Abi auch gelernt. Leider ist die Realität auch hier wieder komplexer.
    Rechtsanwälte verdienen am Streit genauso wie der Staat auch am Streit verdient. Zusätzlich haben wir ein absolut verbürokratisiertes Recht und Richter entstehen in einem Auswahlverfahren des bürokratischen Inzests. Ähnliches ist bei Ärzten und unserem Gesundheitssystem. Da bleibt vielen nur der Weg zur Selbstdiagnose und zum selber lesen.
    Vielleicht liegt es daran, dass wir Macht und Verantwortung so stark zentralisiert haben, und Leute an Positionen eingesetzt haben um uns zu verwalten, die so fundamental sind, dass wir sie eigentlich nur selber regeln dürften.

  15. „Ähnliches ist bei Ärzten und unserem Gesundheitssystem. Da bleibt vielen nur der Weg zur Selbstdiagnose und zum selber lesen.“

    Aber woher kommen denn die Infos, die man nutzt? Richtig, von Ärzten, die Bücher oder Artikel schreiben. Außerdem kann man ja auch den Arzt wechseln, wenn einem der Hausarzt unsympatisch wird. Das ist nun mal so, dass ein Rechtsanwalt von Recht mehr Ahnung hat als ich. Dafür kenn ich mich naturwissenschaftlich besser aus, so ist das eben.

    „Dennoch würde ich Verschwörungstheorien nicht von vorne herein ausschließen – das wäre genauso borniert.“

    Mag sein. Leider sind die Freunde solcher Theorien für mich nur schwer erträglich…

  16. Die Bücher und Artikel werden doch hauptsächlich von forschenden Medizinern an der Uni geschrieben. Ich glaube es ist schon etwas her, dass ein allgemeiner Hausarzt was erforscht und geschrieben hat.
    Das mit dem Rechtsanwalt nimmst Du bestimmt zurück nach Deinem ersten Mietnomaden oder deiner ersten Scheidung (ich muss gerade eine in der Familie miterleben – das geht jetzt schon 5 Jahre (mehrere Rechtsanwälte und Wechsel mit eingeschlossen) ).

    Wegen der Verschwörungstheorie sollten wir vielleicht unterscheiden:
    Zu unterscheiden sind Zentralsteuerungshypothesen (z.B. Yakuza), die rationale und überprüfbare Aussagen über reale Verschwörungen machen, und wahnhafte Verschwörungsideologien (Akte X).

  17. „Die Bücher und Artikel werden doch hauptsächlich von forschenden Medizinern an der Uni geschrieben.“

    Stimmt, hab ich doof formuliert. Aber sie haben beide den selben Hintergrund (Medizinstudium).

    Natürlich sind nicht ALLE Rechtsanwälte oder generell Juristen top, aber das ist in keiner Berufsriege der Fall – gibt auch doofe Ärzte. Aber ich kenne durchaus Ärzte und Juristen, die kompetent sind und denen ich mich anvertrauen würde, wnen ich ihre Hilfe bräuchte (tu ich auch schon beim Arzt).

    Verschwörung: einverstanden.

    PS: das ist übrigens eine durchschnittliche Kommentarlänge, die ich mag…

  18. Hi Marc,
    meinst Du „zu links“ weil er den Kapitalismus als dummes System bezeichnet 🙂
    Ich finde den Artikel aber wirklich sehr gut – die Macher des Schulstreiks hätten sich mal an den Autoren wenden sollen, bevor sie sich ihre Ziele aussuchen.
    Der Autor hat sehr weit gedacht und ist fast spielerisch auf sehr viele Dinge gekommen, die ich erst nach langer Zeit herausgefunden habe. Ich ziehe meinen Hut und Danke für den hervorragenden Link.
    (Schade dass der Autor keine Kommentare zulässt, oder war ich nur zu blöd sie zu finden ? )

  19. Hiho!
    Ich meine „zu links“, weil viele Menschen Dinge, die mit der Antifa zu tun haben, kategorisch als linksextremistisch ablehnen… Ich bin der Meinung, dass Extremismus nur auf den Standpunkt ankommt 😉
    Also eine kommentarfunktion konnte ich auch nicht entdecken, aber es gibt immerhin ein „RSS Comment“-Feed 😀

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