Gründe gegen Unschooling – gibt es welche?

Mir persönlich fällt es sehr schwer Gründe gegen Unschooling zu finden. Über die offensichtlichen (fehlende Sozialkompetenzen, Analphabetismus, Biographie der Eltern, …) bin ich längst hinaus. Aber was kommt jetzt?

Bin ich betriebsblind? Unschooling ist für mich sehr individuell und sobald jemand einen Grund anbringt, fallen mir immer zehn Gegenmaßnahmen ein, die diesen einen Grund dann wieder als sinnvolle Herausforderung und sogar in eine Lernerfahrung verwandeln.

Also, das ist sozusagen ein echter Web2.0 Artikel. Wer hat gute Gründe gegen Unschooling, die echt tief gehen? (Oder in der FAQ noch nicht beantwortet sind). Vielleicht gibt es sogar einen ultimativen Grund, den wir mit allem Brainstorming nicht überkommen können. Lisa Rosa hat zum Beispiel damals gesagt, dass es keine gesellschaftliche Lösung sei. Ist das der Grund? Oder ist es doch eine gesellschaftliche Lösung? Oder kehren wir in eine Prä-Industrielle-Zeit zurück – und der Hufschmied zieht bald wieder die Zähne (oder schafft das schon der neue Gesundheitsfonds)?

Ist Unschooling überhaupt als eine gesellschaftliche Lösung gedacht – oder genügt es wenn 50% der Familien in 10 Jahren unschoolen (ich greife jetzt mal gezielt provokativ hoch).Ab wann kann man eigentlich von einer gesellschaftlichen Lösung sprechen? Was ist mit den anderen gesellschaftlichen Einrichtungen? Was passiert wirklich, wenn auf einmal so viele Unschooler ankommen? Bleiben die dann gleich? Ich denke Universitäten würde es ja ziemlich bald treffen, oder? Sollte uns das Angst machen?

Ich denke mir, dass es vielleicht schwer wird eine Armee aus Unschoolern zu rekrutieren. Oder dass wir dann eine so intelligente Gesellschaft haben, dass keiner mehr hinter der Säge im Baumarkt stehen will. Sind das Probleme? Oder ist das mein eigener Idealismus-Optimismus? Und diese Gründe sind eigentlich nur ein verstecktes Kompliment an Unschooling?

Also los! Und keine Scheu! Auch hinter einem anfangs blöde klingenden Grund steckt manchmal ein guter Grund!

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14 Kommentare zu “Gründe gegen Unschooling – gibt es welche?

  1. Unschooling will doch auch gar keine Gesellschaftliche Lösung sein. Wie wir wissen ist die Zahl der Homeschooler und Unschooler in den USA im Vergleich zu Deutschland zwar hoch, aber im Vergleich zu der Gesamtschülerzahl immernoch sehr gering. (Wikipedia.org sagt: Homeschooling has increased tremendously, from 15,000 students in 1970 to 500,000 in 1990 [58]. According to United States Department of Education report NCES 2003-42, „Homeschooling in the United States: 2003“,[15] there was an increase in homeschooled students in the U.S. from 850,000 students in 1999 (1.7 percent of the total student population) to 1.1 million students in 2003 (2.2 percent of the total student population).)
    In Deutschland wäre es, wenn Homeschooling erlaubt wäre, sehr wahrscheinlich ähnlich.

    Der Staat verliert einen guten Teil seiner Kontrolle wenn „Schüler“ nicht zur Schule gehen. Ob das gut oder schlecht ist, dazu gibt es wahrscheinlich verschiedene Meinungen.

  2. Du bist nicht betriebsblind, du bist im Hyperfocus *ggg*.

    Könntest du dich eigentlich mit einem erlaubten Homeschooling als eine Art Kompromiss abfinden ?

  3. Immernoch am Lesen….

    Ich denke, was Homeschooling von Unschooling unterscheidet, ist nicht, dass in beiden Fällen zu Hause gelernt wird, sondern die Notwendigkeit. Und bevor es hier gleich wieder einen Aufschreib gibt, möchte ich diese Aussage erklären dürfen:
    In Amerika und Australien hat homeschooling den Sinn, Schülern nicht stundenlange Schulwege zuzumuten. Wenn man (für Australien mit 20 Mio Einwohnern) bedenkt, dass Farmen auch mal die Ausmaße Belgiens haben können (passiert durchaus) und auch viel über Hubschrauber gelöst wird,w eil die Strecken zu weitläufig sind, gibt es staatlich kontrollierten Hausunterricht, der nach den staatlichen Richtlinien die Bildungspflicht erfüllt, aber nicht, um das System Schule zu boykottieren.
    Für Amerika gilt ähnliches (Strecken), aber dort kommt häufiger als woanders der religiöse Faktor dazu: es gibt Eltern, die nicht wollen, dass ihre Kinder „durch Sexualkunde ihren Glauben verlieren“ (hab ich neulich gelesen über eine Familie, die aus diesen religiösen Gründen Asylantrag in den USA stellte und diesen mit politischer Verfolgung begründete).

    Weshalb Deutschland auf der Schulpflicht beharrt, hat für mich wenig mit Sturheit zu tun, sondern eher mit dem Bestreben, keine religiösen oder politisch motivierten Parallelgesellschaften aufzumachen. Dieses Potential (welches ich AUSDRÜCKLICH KEINEM unterstellen will) kann sich durchaus als Nachteil herausstellen.

    Ich denke, dass die meisten, die Freilernen praktizieren, entweder einen akademischen Hintergrund haben oder so gebildet sind, auch die Bildung ihrer Kinder sicherstellen zu können. Ob das allgemeingültig auf alle Familien anwendbar ist, kann ich nicht beurteilen, aber ich glaube es nicht….

  4. Naja, in England zum Beispiel gibt es die langen Wege genauso viel oder wenig wie bei uns. Dort gibt es aber trotzdem eine lebendige Homeschool-Tradition, die alle möglichen Gruppen umfasst, von den Schule-zu-Hause-Leuten bis zu den radical unschoolers.
    Übrigens gab es, aber das wurde ja bereits mehrfach an verschiedensten Stellen erwähnt, auch in Deutschland vielerorten Hausunterricht – bis eine totalitäre Regierung von 2 Generation dem einen Riegel vorschob.

    Bisher hat die Schulpflicht nicht viel an der Entstehung von Parallelgesellschaften ändern können, weder der der Muslime noch der der Golfer, der Politiker, der RTL2-Talkshow-Gucker oder sonst irgendeiner.
    In den Ländern, die HE erlauben – z.B. GB – gibt es nicht mehr oder weniger Probleme mit Parallelgesellschaften als hier. Das ist imho ein Scheinargument.

  5. Ja, das sehe ich auch so. Ich meine, ehrlich, wie sieht’s denn in Österreich aus? Oder Belgien, oder Frankreich, etc.?
    Haben die ein Problem mit Parrallelgesellschaften, weil sie Homeschooling erlauben?

  6. @Malchus
    Danke für die Zahlen. In Deutschland wird das echt spannend. Ich denke hier oft an das Bild, wenn dann endlich die Dämme brechen. In deutschen Schulen ist so viel Druck aufgebaut durch das lange und rigide beharren auf der Schulanwesenheitskonformitätspflicht und vielleicht explodiert das einfach irgendwann… oder auch nicht und es verläuft so wie in anderen Länder… stetig.
    Das mit der staatlichen Kontrolle ist ein sehr wichtiger Punkt. Ich denke Unschooling hat sehr sehr viel mit Selbstverantwortung zu tun. Und die aktuelle Gesetzgebung ist eine Art Entmündigungskatalog. Wenn das zusammentrifft können durchaus gesellschaftliche Probleme entstehen – die die aktuellen Politiker nicht lösen können.

    @Sylvia
    Du wirst es nicht glauben, ich wollte mich schon öfter auf ADS testen lassen – ich habe einfach alle Symptome. Und ich sage immer: Es lebe der Hyperfokus. Er ist für alle großen Erfindungen dieser Welt verantwortlich!

    Mir ist eigentlich jeder Kompromiss recht – es wird nur sehr schwer sein, zu erkennen, ob ich Unschoole oder Homeschoole. Aber die Politiker wissen wahrscheinlich: gehen sie den ersten offiziellen Kompromiss ein, dann lassen sie die gesellschaftliche Ächtung fallen und geben damit das einzige Instrument aus der Hand, das sie gegen freie Bildung haben.
    Und jeder Kompromiss, auch der Kleinste, macht allen das Verstecken leichter – deswegen nur her damit 🙂

    @Maëlle
    Schreien wir wirklich immer auf? Das ist natürlich nicht schön, denn Kommentare machen den Austausch erst möglich und besonders Kommentare von „Aussenstehenden“ oder „halb Aussenstehenden“ sind hier wichtig.
    Meinst Du das die großen Entfernungen eher zu Homeschooling zwingen (wegen der begrenzten Ressourcen) oder eher zu Unschooling (wegen der großen Freiheit) – Hubschrauber fliegen lernen und so 🙂 ?

    Das mit den Parallelgesellschaften finde ich ein ganz interessantes Thema. Das sollten wir mal soziologisch angehen. Ich glaube wir versuchen das alle mit unserem intuitiven Verständnis zu lösen, was Parallelgesellschaften sind. Aber das betrifft die wissenschaftliche Seite, in Deutschland wird dieses Wort gerne benützt um die Angst vor einer „muslimischen Ausbreitung“ und andere Immigranten intellektuell zu kaschieren – und dieser latente Rassismus kritisiere ich sehr stark an der Schule. Da muss ich mich provokativ immer „für das Recht eine Parallelgesellschaft zu gründen“ aussprechen. 🙂
    (Ansonsten sage bitte, wenn Dich irgendjemand niederschreit – vielleicht merke ich das manchmal auch nicht – gerne auch über das Kontaktformular)

    @mamamuh
    Die Politiker-Parallel-Gesellschaft kritisiere ich übrigens sehr stark. Die haben mittlerweile zwar auch Blogs und Twitter – aber sie schreiben es nur und beantworten nicht. An einem Dialog mit den Menschen scheinen sie nicht interessiert zu sein. Vielleicht sollte man den Bundestag mal dazu zwingen Gesetze über Blogs oder Twitter zu verabschieden. (Das meine ich ernst)

    @songbirdsfamily
    Das ist sehr einsichtig. Nur ich kann mir als Gegenargument vorstellen, dass Deutschland eben geographisch der „Sperrzaun“ zwischen Ost und West ist. Zwischen Arm und Reich. Zwischen Kommunismus und Kapitalismus. Zwischen Rot und Schwarz. Zwischen Freiheit und Unterdrückung. Und deswegen ist vielen Politikern eine eingeschränkte Freiheit lieber als die Möglichkeit einer „feindlichen Übernahme“ (ähnlich der Situation in Ägypten, als der Pharao die Israeliten gefangennahm). Deswegen kann es ihnen auch sehr wichtig sein „den Daumen auf der Ausbildung zu haben“ – damit nicht die „falschen“ Leute an Verantwortungsvolle Positionen kommen. Ich erinnere mich da an die Diskussion über einen türkischen Landtagskandidaten hier in Bayern – da lief die CSU ziemlich heiß.

  7. „Du wirst es nicht glauben, ich wollte mich schon öfter auf ADS testen lassen – ich habe einfach alle Symptome.“

    Es gibt ein Buch „AD(H)S bei Erwachsenen“ oder so, sehr lustig. Ich lebe offenbar seit vielen Jahren hervorragend mit dieser so schrecklichen Störung.

    Jaja, die Politiker-Parallelgesellschaft… Vielleicht könnte man ihnen einfach einen eigenen Staat zuweisen? Sie könnten sich sozusagen unabhängig machen, in einer Art Politiker-Freistaat – das wär doch was…

    Irgendwie denke ich in meiner Naivität immer, ein Staat, der was weiß ich wieviel Prozent sozial bedingten „Schulabsentismus“ duldet (siehe Pousset – „Schafft die Schulpflicht ab“. Er erklärt sehr nett, wie diverse Fälle nicht verfolgt werden, weil die Beamten Angst vor der Gewalt der entsprechenden Familien(clans) haben.), sollte sich auch die positive Seite dessen leisten können. Es werden wahrscheinlich noch lange nur 1-2 Prozent sein, die die Freiheit letztlich nutzen.

  8. @1000sunny

    Ich habe natürlich auch Kommentare gelesen, und bei dem, was Eithne gesagt hat, hatte ich beim Blick auf die dazu kommenden ANtworten (besonders der Teil, in dem sie als respektlos dargestellt wurde) das Gefühl, als seien kritische Stimmen zu Unschooling hier nicht erwünscht… die Welle an Gegenkommentaren brachte mir diesen Eindruck…. Aber ich kann mich natürlich auch täuschen…. Ich wollte dem ein wenig vorbeugen…

  9. Ich denke schon, daß Sie Sich hier tauschen. Nachdem 1000Sunny sagte: „Ich lade Sie ein hier konstruktiv mitzumachen und mitzulesen – darüber würde ich mich ehrlich freuen,“
    kam der Kommentar von Eithne „…Schulpflicht gibts in jedem europäischen Land, weltweit immerhin bis zum Ende der Grundschulzeit. Also 5 oder 6 Jahre“, was offensichtlich die Auslöser für 1000Sunnys folgenden Kommentar war: „…auch wenn ich mich über Kommentare freue, so finde ich es auch ein bisschen respektlos hier keinen einzigen anderen Blog-Eintrag gelesen zu haben und dennoch eine Diskussion anfangen zu wollen.“

    Hier kann man das alles lesen:
    https://freiebildung.wordpress.com/200-grunde-gegen-die-schulpflicht/

    Allerdings hatte sie sehr viele interessante Fragen, die Auslöser für den tollen Blogeintrag über Unschooling war.

    1000Sunny, ich denke, du mußt diesen Eintrag irgendwie auf deinem Blog hervorheben.

  10. Ich glaube, dass an Euren beiden Aussagen viel Wahres dran ist. Zum einen glaube ich, dass wir hier oft den Eindruck machen, als dass wir keine kritischen Stimmen hören wollen und sie mit geballter Kommentarmacht niederschreien. Zum anderen glaube ich auch, dass das täuscht (auch wenn es so aussieht) – wir sind einfach so drinnen in unserer „Oh Gott schon wieder Vorwürfe – die habe ich doch schon von jedem meiner Nachbarn, allen meinen Verwandten, auf jeder Party und allen Bekannten, sowie wildfremden Menschen im Supermarkt und der Zeitung, Politiker und anderen Institutionen gehört.“
    Am Ende hat Eithne ja zu etwas beigetragen, nämlich zu dem Verständnis: „Ihr habt diese Fragen zwar schon alle 1000 mal beantwortet – aber nicht MIR“ – und durch ihre sehr gute Auflistung der Fragen (die bei Null anfingen) gelang es mir eine FAQ zu erstellen, die uns und auch Neuankömmlingen in Zukunft hilft. Insbesondere, wenn es darum geht die nächsten Fragen auch noch zu integrieren.
    Besonders die Neuankömmlinge sind es, die wir ja erreichen wollen – neben dem Austausch über das Super-Duper-Unschooling 🙂
    Und sie sind es auch, die die besten Fragen stellen können, da wir ja den Hyperfokus haben.
    Vielleicht kommt Eithne ja wieder – und stellt noch ein paar mehr Fragen – ich würde mich freuen.
    Und dann muss ich unbedingt diesen Blog komplett neuorganisieren und alles! Das habe ich schon lange vor.

  11. Was mir grade auffällt: ihr zieht immer den Vergleich zum Homeschooling. Worüber sprecht ihr dann eigentlich ? Über Homeschooling, welches zu Hause unterrichtend sich an die allgemeinen Curricula halten sollte und sich häufig auch dran hält (soweit ich weiß), oder über Schulboykott ? Habt ihr da ne Trennung ? Immer wenns um Zahlen geht, vergleicht ihr mit Homeschooling, und wenns um Gründe und Pros geht, gehts immer nur um Unschooling…. und die gehen dann gefühlt immer in Richtung Schulboykott, wenn ihr schreibt, dass Kinder nicht nach Curricula lernen, sondern selbst wählen sollen, was sie lernen wollen…. ohne die Institution Schule

  12. Ich seh grad, dass die Teilseiten dieses Blogs, auf denen ja mit mir heiß diskutiert wurden, ausm Netz genommen wurden – Teil der Neuorganisation ?

  13. Pingback: Lisa Rosa - Radio-People

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