Lesen und Unschooling – Gedanken übers Viel-Lesen

Ich bin Unschooler. Das wissen die meisten ja schon. Aber oft kommt der Einwand: „Deine Kinder müssen doch eh noch nicht in die Schule“

„Nein, Ihr versteht nicht… ICH bin Unschooler“

Für mich ist es eher ein Lebensstil, als eine Art des Lernens. Seitdem ich es gefunden habe, habe ich mich immer mehr von dem Zwang gelöst zu lesen um etwas zu lernen. Ich lese, weil ich etwas lesen will. Ich lese, weil ich es sinnvoll finde dieses oder jenes zu lesen. Ich lese es, weil ich es schön finde, wie sich die Welt vor mir entfaltet und mein Verständnis wächst. Ich lese nicht, weil ich mir etwas bestimmtes merken will oder ich etwas „lernen“ will – im schulischen Sinne. Ich lese frei.

Und so kommt es – und ich denke das geht allen Unschoolern so – dass man manchmal sehr viel von einem Autoren liest. Oder aus einer Epoche. Also genau die frühe Spezialisierung, die den Bildungskanon zu untergraben scheint. So habe ich zum Beispiel jede Menge Dürrenmatt gelesen. Und auch jede Menge englische Literatur – insbesondere für Kinder (aber auch Dickens und Shakespeare).

Und wenn man sich so stark an den Autoren orientiert dann passiert irgendwann eine wunderbare Sache. Etwas, dass mir vor 2 Jahren das erste Mal passiert ist und ich es seitdem immer wieder spüre. Man versteht die Denkweise des Autors. Man versteht den „Ideenrahmen“ in dem der Autor seine Werke schreibt. Man sieht woher die Idee des einen Stücks kam, und wie sie sich aus einem anderen Stück entwickelt hat und was noch dazukam. Selbst Fantasiegeschichten wie der Big Friendly Giant BFG werden auf einmal Puzzleteile einer Kultur und ein „Gehirnfragment“ des Autors (Roald Dahl) in diesem Fall. Und irgendwann lernt man dann, wie der Autor auf die Ideen seiner Bücher kam.

Und dann fällt mir das andere Buch ein – z.B. Harry Potter – und dessen Welt. Auf einmal erkennt man die Ähnlichkeiten, sieht auch hier, wie die Ideen des einen Autors sich hier niederschlagen. Und wieder wird etwas hinzugefügt und manche Sachen angepasst, so dass es in die aktuelle Kultur passt. Und so spannt sich dann irgendwann nach längerem Lesen der Bogen von Charles Dickens über Roald Dahl hin zu Rowling.

Und in diesem Moment lernt man auf einmal unterscheiden zwischen Literatur und einfachem Zusammenbasteln von schon Dagewesenem. So genial Dickens und Dahl waren, so einfach hat es sich Rowling gemacht. Sie scheint einfach Mathilda und BFG zusammengeklebt zu haben und schon hatte sie ihren Harry – eine Collage aus den Werken anderer Schriftsteller.

Und in demselben Moment merkt man aber auch, wie das Gedächtnis funktioniert. Es genügt anscheinend die echten Werke einmal zu lesen. Ihre Ideen wiederholen sich in ihrem Kulturkreis. Und liest man dann etwas – selbst mit einiger Zeit dazwischen – dann erkennt man erst, wieviel man eigentlich noch weiß. Längst „vergessene“ Details fallen einem wieder ein. Niemals registrierte Details, über die man vor ein paar Monaten hinweglas, scheinen auf einmal aus den dunkelsten Ecken des Denkens aufzutauchen und Sinn zu ergeben. Ihr Witz entfaltet sich, einfach indem man ein anderes Buch liest, das vielleicht der Ideengeber für diese Witze war. Oder auch nicht – sondern einfach nur im selben Kulturraum kondensierte.

Als ich Harry Potter vor circa 3 Monaten beendete, hatte ich am Anfang das Bedürfnis es noch einmal zu lesen. Ich habe mich aktiv dagegen gewehrt und habe anstatt dessen gezielt in meinen Gedanken einzelne Szenen noch einmal durchlebt. Dies mache ich mittlerweile auch mit anderen Texten. Es scheint, je mehr ich lese, desto einfacher fällt es mir diese Welten und Szenen anzueignen. Desto leichter kann ich darin spazieren gehen und mir noch einmal alles genau anschauen – ohne das Buch noch einmal zu lesen. Je mehr ich aufnehme, desto leichter fällt mir das Aufnehmen von noch mehr. Das menschliche Denken ist schon eine wundervolle Struktur. Es ist die Brücke zum Unendlichen.

Ich glaube also, man kann nichts falsches lesen, wenn man einfach das liest, wonach man sich fühlt. Comics, 3 Fragezeichen, Harry Potter, Beowulf, Sachbücher, Polemische Schriften, Mangas, Fachliteratur – egal – alles tritt in Interaktion miteinander, sobald es einmal in unserem Denken war. Und so entsteht bei allem Lesen und Lernen eine Struktur, die immer stärker wird und sich immer mehr gegenseitig verknüpft. Und nichts davon ist überflüssig und unsinnig oder trivial. Alles ist ein Teil des menschlichen Denkens, das unsere Kultur zu dem gemacht hat, was sie ist – ein Kondensat von allem, was bis jetzt passiert ist.

Ich glaube auch nicht, dass man einem bestimmten Schema beim Lesen folgen muss. Man kann einfach lesen, man kann etwas mehrmals lesen, man kann Zusammenfassungen schreiben, oder neue Ideen darauf entwickeln. Man kann etwas auswändig lernen. Man kann es singen und man kann es laut herausschreien oder ganz schnell nur jede zweite Seite lesen. Wenn man so liest, wie man es gerade fühlt und für richtig hält, dann kann man nichts falsch machen. Solange man dran bleibt. Denn irgendwann setzen wir die Dinge zusammen – vielleicht im Schlaf, vielleicht in der U-Bahn, beim Zähneputzen, Duschen oder beim Lesen. Dann ergibt es einen Sinn, der viel mehr ist als die Summe seiner Teile.

Das ist Lesen. Es ist ein Tanz, der unendlich viel komplizierter ist, als wir ahnen. Und dasselbe gilt wahrscheinlich für alles andere Leben und Lernen auch. Und das ist Unschooling für mich – es ist eine unendlich verästelte und verwobene Einheit von Leben und Lernen und allen anderen Arten der Entwicklung.

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8 Kommentare zu “Lesen und Unschooling – Gedanken übers Viel-Lesen

  1. ja, da finde ich mich auch wieder.
    Nur war es mir nicht so bewusst. Jetzt wo du es so schön beschreibst…kann ich dem nur zustimmen.
    Ich lese so gern – einfach weil mich etwas bestimmtes in den Bann zieht.
    Und das ist wie mit dem Tropfen, der in den See fällt und immer größere Kreise zieht.
    Man kommt vom einen zum anderen, und es hört niemals auf. 🙂

    Das mit Harry Potter und Co. finde ich sehr interessant.

  2. Weisst du, das ist genau so, wie ich es empfinde. Als ich zum ersten Mal über unschooling las, war mir so, als hätte ich endlich verstanden wie ich ticke, wieso ich so lerne, wie ich lerne. Auch wenn mein Sohn noch die Schule besucht, ich selbst empfinde mich als unschooler, und das ist so eine wundervolle Bejaung des Lebens und Lernens „einfach so“, für sich!

  3. 🙂
    Es ist schön endlich etwas gefunden zu haben, was so natürlich ist, oder? Wir lesen einfach wie wir es fühlen und vertrauen unserem Denken. Es wird schon das Richtige draus machen. Entsteht ein Gedanken daraus heute, entsteht ein Buch daraus nächstes Jahr. Wer weiß?

  4. Einfach viel „sinnloses“ Lesen (oder besser sinnbefreites Lesen) ist unschooling?! Dann bin ich dabei! 😉 Wenn Bücherverschlingen alles ist, was ich tun muss, bin ich auf dem besten Wege… Ich bekomme übrigens fast eine Kiefersperre, wenn ich Fachbücher lesen muss. Geht das noch anderen Menschen so?

  5. Ich mag Fachbücher. Ich mag es, wenn der Autor belegt, woher seine Gedanken kommen, wenn sich dann langsam durch das Lesen ein Netzwerk aus Argumenten-Gegenargumenten und Namen ausbildet. Das ist das beste, was man an der Uni lernt – gezielt Literatur suchen und lesen. Ich fühle mich durch die Fußnoten nicht gestört, im Gegenteil. Ich empfinde das als einen Dialog mit dem Autor. Was stört euch an den Fachbüchern?

  6. Es kommt aufs Fachbuch an… und die Motivation dahinter.

    Ich lese sehr gerne Fachbücher (fast ausnahmsweise in den letzten Jahren), obschon (oder weil?) ich nicht an der Uni bin oder eine Weiterbildung angehe…

    Keiner zwingt mich oder ich brauch sie nicht, um irgendwelche Scheine zu erhalten.

    Ja. Zwangsbefreit, so ist es und so macht es freude zu lesen!

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