Unschooling Geschichten über Zufälle

(wieder wurde ich durch die Kommentare zu diesem Artikel inspiriert 🙂 )

Es gab einmal einen Jungen, der begleitete seinen Vater oft im Lastwagen. Der Junge in der Fahrerkabine hörte Musik. Mit 10 Jahren bekam er dann zu Weihnachten eine Gitarre geschenkt (die Eltern hatten kein Geld für ein Gewehr oder ein Fahrrad). Und immer wenn er alleine im Lastwagen wartete übte er Gitarre und versuchte die Stücke im Radio nachzuspielen.

Irgendwie kam dann eines zum anderen und der Junge ist heute noch bekannt als Elvis The King – und das folgende Lied von ihm erinnert uns daran, warum Politiker sich nicht auf eine Lösung verlassen wollen, die den Zufall benötigt. Doch die Frage des Zufalls will ich auf später verschieben.

Einige Zeit vorher gab es einen anderen Jungen. Er hatte ein hartes Schicksal. Er war ein Bastard im katholischen Italien – so konnte er nicht in die Fußstapfen seines Vaters treten und nicht Notar werden. Als Bastard war er von jeglicher Art der staatlichen Bildung ausgeschlossen. Auch ein Universitätsbesuch war für ihn unmöglich. Ihm blieb nichts anderes als über die Felder zu laufen, zu Hause zu lernen und sich mit der Natur und Büchern zu begnügen. Später wurde er dann in eine Werkstatt gegeben und bekam eine Ausbildung.

Irgendwie kam auch hier eines zum anderen und wir kennen den Mann heute als Leonardo da Vinci.

Etwas ähnliches kann man in vielen Biographien berühmter Menschen lesen. Es war immer die Freiheit zusammen mit ihren Interessen und teilweise schrägen Zufällen, die sie zu dem gemacht haben, was sie waren. So war zum Beispiel das Kinderzimmer von Sofja Kowalewskaja, einer der ersten Mathematikerinnen Rußlands, aus Geldmangel mit alten mathematischen Schriften tapeziert. Oder der kleine Jean Henri-Fabre wühlte in dem Teich in der Nähe seines Elternhauses herum – und wurde der „Homer der Insekten“. Seine Zeichnungen und Studien über das Verhalten von Insekten sind einzigartig und jedem Unschooler anzuraten, der sich auf diesem Gebiet unschoolen will 🙂 Jean Henri-Fabre durfte seinerzeit auch nicht auf die Universität. Damals war in Frankreich viel Geld eine Zulassungsvoraussetzung. Genauso wie Sofja Kowalewskaja um jeden einzelnen Schritt in der Universität kämpfen musste und nur durch Empfehlungen berühmter Mathematiker vorankam. Ihre Promotion machte sie „in absentia“ (in Abwesenheit) weil Frauen halt eigentlich nicht erlaubt waren für Mathematik an der Universität.

Die Liste ließe sich noch ewig weiterführen. Und nicht nur an den Biographien von großen Männern. Sondern auch die kleinen Menschen, die ich kenne und nicht zuletzt ich selber habe dieses Muster erlebt. Es ist immer das Muster von verwirrenden Zufällen und Interesse, die Menschen zu dem machen, was sie sind. Und auf der anderen Seite wirre staatliche Voraussetzungen, die sie zu ihrer Zeit nicht erfüllen konnten. Doch sind diese Zufälle wirklich so zufällig? Ich glaube in der freien Welt mit ihren tausenden Möglichkeiten kann jeder Mensch seine Bestimmung finden, wenn er Zeit und Raum und Möglichkeiten genug hat. Irgendwelche Zufälle wird es immer geben. Die Welt ist groß, hat viele Bewohner und der Tag hat 24 Stunden, wenn man kein System erfüllen muss und nicht zu vorgegebenen Zeiten einen bestimmten Wissenstand haben muss, der als kulturell wichtig angesehen wird aber individuell bedeutungslos ist.

Und so wäre meine Schlussfolgerung nicht die Hugendubels in die Bezirke der Armut zu bringen. Sondern die Städte und ihre Bezirke sollten einfach die Bedürfnisse aller Menschen erfüllen – da würden dann gut ausgestattete Bibliotheken mit gemütlichen Leseecken schon automatisch dabei sein. Nicht nur für Kinder, sondern für alle Menschen – auch die Erwachsenen.

Was man aber konkret für Kinder machen könnte – und das wäre meine Schlussfolgerung – wäre ihren Wirkungsradius zu vergrößern. So komisch es klingen mag, ich glaube verkehrsberuhigende Maßnahmen und zusammenhängende Lebensräume (die nicht durch Straßen unterbrochen sind) wären ein Mittel, das ich gut fände. Schaffen wir keine Getthos mehr für Kinder. Hören wir auf mit der Reservate Technik, in der wir Biosphären schaffen, die Kinder schützen sollen vor der Welt. Lassen wir die Kinder anstatt dessen in die Welt und erweitern wir ihren Wirkungsradius einfach um ein Vielfaches. Und wenn wir die Welt für Kinder zugänglicher machen, dann hätte das den Vorteil, dass wir sie auch gleich ein bisschen schöner für alle machen 🙂

Die Kinder werden in dieser größeren Welt ihre Zufälle finden. Sie werden die Plätze finden, wo sie wachsen können und sich ihre Zufälle extra für sie versteckt haben.

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16 Kommentare zu “Unschooling Geschichten über Zufälle

  1. Ich weiß nicht so recht, welches deiner jüngeren Posting ich am besten finde. Dieses hier ist ziemlich weit oben auf der Liste.

    Danke, übrigens, Andrea.

  2. Schönes Post über Beispiele, wie Schulverweigerer oder Bildungsbenachteiligte zu ihrem Lebenssinn und zu Erfolg gekommen sind. Aber ich kann daraus nicht den Schluss ziehen: Der Zufall wird’s für jeden schon richten. Es gibt auch die Tellerwäschergeschichten vom reich gewordenen armen Aufsteiger im Kapitalismus. Daraus ziehe ich auch nicht den Schluss: Jeder kann es schaffen, wenn er nur will und die Chancen des Zufalls wahrnimmt. Die Funktion der staatlichen Bildungsorganisation bleibt, auch wenn sie bisher schlecht erfüllt wurde und keine „Chancengleichheit“ gebracht hat. Wenn wir die Gesellschaft von der Übernahme dieser Funktion entbinden, dann bleibt eben nur noch Gnade durch reiche Geburt und Zufall übrig. Das führt zu noch mehr Ungerechtigkeit. Eine ganz andere Frage ist, ob ich Privatschulen und Unschooling NEBEN dem staatlich organisierten Bildungsinstitutionen zulasse.

  3. @mamamuh
    Vielen Dank. Lob tut immer gut 🙂

    @Lisa Rosa
    Hmmmm….. jetzt müssen wir einen grundsätzlichen Unterschied zwischen Kapitalismus und Wissensdurst sehen. Das eine ist ein künstliches System um menschliche Schwächen zu kultivieren und das andere ist das System das sich Gott/Evolution ausgedacht haben um den Menschen seine Umwelt erobern zu lassen.
    Ich habe hier nicht dafür geworben, dass wir die Gemeinschaft entlasten von den Aufgaben für sich gegenseitig zu sorgen. Meine Idee war die, dass wir anfangen sollten unsere Welt (die der Erwachsenen) mit den Kindern zu teilen, anstatt immer bessere Biosphären (Reservate) zu bauen in denen sie immer stärker nach den Vorstellungen der Erwachsenen und getrennt von den Erwachsenen und der echten Welt gefördert werden.

    Die Gesellschaft wird nicht über Nacht an diese Idee glauben. Vielleicht wäre der erste Schritt dazu Unschooling staatlich zu fördern – mit Bildungsgeld und akzeptablen Kontrollmechanismen.

    Das Problem eines Systems im Sinne der staatlichen Bildungsorganisationen ist, dass sie diese Karrieren, wie oben, teilweise unmöglich macht, da sie die Zeit der Kinder/Jugendlichen/Erwachsenen in unersättlichem Maße konsumiert.

  4. Eine Sache fände ich noch ganz wichtig. Nicht nur, dass wir uns allen eine größere Welt bieten sollten und dass jeder von uns für den anderen Menschen zu einem dieser „Zufälle“ werden sollte. Sondern auch, dass die Universitäten sich komplett öffnen. Keine Zulassungsbeschränkungen mehr. Jeder Mensch mit einem Interesse muss dieses auch studieren können.

  5. Lisa Rosa schreib: „Wenn wir die Gesellschaft von der Übernahme dieser Funktion entbinden…“

    Home- bzw. Unschooling bedeutet niemals eine Entbindung der Gesellschaft, ebenso wie eine Schulpflicht eine Bindung der Gesellschaft…

    Warum „muss“ ein Mensch das eine System durchlaufen, wenn er evt. mit eine andere zurecht käme? (Wenn beide Systeme ihren Erfolg nur mit „Zufallsprinzipien“ schmückt… allerdings habe ich noch nie einen Bericht von nicht gelungene „bewusste“ un- bzw. homeschooling gelesen. „Bewusst“ bedeutet hier in diesem Sinne, dass man sich für diesen Bildungsweg entscheidet.

  6. „Keine Zulassungsbeschränkung..“:wie soll das denn gehen bei begrenztem Raum der Uni? Es gibt gute und schlechte Unis, die guten werden überschwemmt und die schlechten sind leer. Durch die Überschwemmung werden die guten auch schlecht. Damit fehlt für die schlechten der Anreiz, besser zu werden. Das ist nicht meine Vorstellung von Freiheit. Aber ich werde wahrscheinlich gleich wieder beim lesen Deiner Antwort erstaunt sein, welch einfache Lösung eigentlich existiert 🙂

  7. 🙂 Haha! Du bist mir eine.
    Aber eine Lösung existiert wirklich und wird sogar schon angewandt! Mittlerweile haben wir technische Möglichkeiten, die weit über physische Präsenz und harte Hörsaalstühle hinausgehen.
    Wenn Du auf Youtube schaust, so kannst Du fast jedes Studienfach schon komplett online studieren. Die Profs nehmen ihre Vorlesungen auf – stellen sie ins Internet.
    Wir könnten auf diese Weise 98% des Universitätsgeschehens in virtuelle Räume verfrachten. Orte wie Second Life werden auch schon sehr stark von progressiven Wirtschaftsunis genützt. Für die restlichen 2% könnte ich Dir auch hundert Ideen geben, die vereinzelt schon erfolgreich angewandt werden.
    Wir haben mittlerweile die technischen Möglichkeiten und die pädagogischen Voraussetzungen um unsere Bildungswelt zu wandeln. Wir müssen jetzt nur noch die Mauern in unserem Denken einreißen. Doch das ist das allerschwerste. Solange wir glauben, dass wir in einer Vorlesung sitzen müssen um etwas zu lernen wird sich nicht viel ändern. Solange wir glauben nur die Anwesenheit eines C4 Professors könnte einem Erstsemstler die Mathematik beibringen, so lange sind wir Gefangene eines Wettlaufs um Bildungsressourcen, die in Wahrheit unendlich sind.

  8. Ach ja. Und ich muss an dieser Stelle natürlich Werbung für die U-R-Versity machen 🙂 Dort gibt es z.B. ein Fortschrittsbewertungssystem, für das man keinen Lehrer mehr braucht.

  9. Petra,

    ich glaube ich hatte es hier schon mal erwähnt, aber ich tue es noch mal:

    Unabhängig von der Bildungsweg eines Menschen, alle Schule und Institutionen werden Subventioniert. Diese Subventionen werden direkt an der Schule/Institut bezahlt.

    Wenn man stattdessen dieses Geld an den Schüler (bzw. Eltern) und Student bezahlen würde und gäbe eine völlige freie Entscheidung zur Bildungswahl/Schule/Institut, sowie eine Schul/Studiengebühr in Höhe der Subvention verlangt, dann werden manche nach-wie-vor die Lösung vor Ort (also die Grundschule um die Ecke, weil es „um die Ecke“ ist), andere diese Einrichtung im Nachbarsort, weil das Programm aufs Kind zugeschnitten ist… und manche werden sagen: da geh ich nie hin (obschon es „um-die-Ecke“ ist), weil der Ruf das Konzept unter aller Sau ist mir nicht zuspricht.

    Oh, hinzu kommt, dass das nur funktionieren wurde, wenn man auch das ganze Beamtentun abschafft und die Schulen selbst endlich Freiheiten wie Personalwahl selber überlässt.

    Was glaubst Du, wie schnell sich eine „schlechte“ Schule lernen muss anders zu werden, wenn es droht, zu schließen wegen Geldmangel/Schülermangel?

    Auf der Uni-ebene, wir sind an der Schwelle zu immer mehrere und mehrere Möglichkeiten, was „virtual“ Lernen angeht: viele Hörsäale könnten zu Labors umgebaut werden, damit mehr „hands on“ Experimente während eben andere Sachen „ausgelagert“ werden, eben die Sachen, die man „virtuel“ handhaben kann. Physisch bleibt eine Uni (der dann bei steigende Studentenzahl eben mehr Platz benötigen würde, wenn alles beim Alten bleibt) dann doch nutzbar und attraktiv… Mann muss nur „um-die-Ecke“ denken…

    Also geben wir wirklich „Freiheiten“ im Bildungswesen, dann wird jeder Institut sich sehr darum bemühen, besser zu werden. Das sehen wir gerade hier im kleinerem Umkreis was die Weiterführenden Schulen angeht… da wird sehr genau nach „besonderen Programme“ geguckt: Bläserklasse, Bilinguale Unterricht, Austauschprogramme nach XY, UNESCO Schule… usw. usf. Also ich glaube bedingt durch die Freiheit ist erst eine Besserung überhaupt möglich!

  10. Ich habe schon vor vielen Jahren virtuell studiert, habe Bücher gelesen statt arroganten Profs die Tasche zu tragen, weil die Uni überfüllt war und ich es als Erniedrigung empfand auf der Treppe zu sitzen und auf den Knien zu schreiben. Ich fand es normal, der Uni zu entfliehen, brauchte aber dennoch Gruppen, mit denen ich mich austauschen konnte. Auch das gefühl, den EINEN wichtigen Klausurhinweis in der Vorlesung verpaßt zu haben, hat mich nie losgelassen.

  11. Das Gefühl hatte ich aber auch 13 Jahre lang in der Schule und dann noch 8 Jahre lang in der Uni – trotz… ähem… Teilpräsenz.
    Es verfolgt mich bis heute.

    Unschooler-Gruppen wären cool. Einmal die Woche bzw. einfach freiwillig.

  12. Siehst Du mal! Wir hatten sogar einen Profi der nur Leute geprüft hatten, die bei ihm in der Vorlesung waren. Den habe ich einfach boykottiert. Und bin zu den anderen gegangen. Die waren alle cool 🙂 Damals gab es noch keine Skripten und keine Bücher für das Zeug, was ich studiert habe und trotzdem habe ich immer wieder einen Weg gefunden ohne Vorlesung. Ist ja auch affig. Ich habe mit 8 Jahren lesen gelernt und soll mir dann in der Uni vorlesen lassen 🙂
    Jetzt müssen die Profs nur noch einen Weg finden, wie man prüfen kann ohne Anwesenheit. Eine gute Methode finde ich die Diplomarbeit und andere arbeiten – Ausfrageprüfungen finde ich idiotisch. Bei den Arbeiten eine Ansprechpartner-Hierarchie im Pyramiden-System und man kann sich stetig Stufe für Stufe weiterbilden. Die Unis sind nur limitiert, weil das ein paar Leute so wollen oder es sich nicht besser vorstellen können. Schon Humboldt und andere Homeschooler haben ihre Vorlesungen für das ganze Volk gehalten. Damit würde auch diese „Hochschulreife“ wegfallen.

  13. Unschooler-Gruppen. Yeah! Und der Prof diskutiert gleichberechtigt mit – so laufen die Online-Kurse an der Oxford University sowieso schon.

  14. 😀

    Na also, so ist es… Petra, heute im digitalen Zeitalter ist auch sowas wie eine Klausurhinweis auch no problem… vorausgesetzt, Du bleibst auf der Höhe vom Twitter 😉 …

    Und feste Lerngruppen habe ich schon damals als ich zur Uni ging… und obschon wir uns *auch* an der Uni getroffen haben, sind wir öfters einfach „woanders“ aufzutreffen gewesen. Auch mit Profs und Dozenten…

    Wer lehren will (und auf ein Labor verzichten kann), der findet seine Lehrlinge… und wer lernen will, der findet sein Lehrer. Ebenfalls, wer eine Gruppe zum lernen haben will, der wird auch fundig… musst dann einfach eine Suche in Google abgeben 😛 !

  15. (Das mit dem Labors, darum fände es dennoch enorm wichtig, immer noch „feste Gebäuden“ für Unis & Co zu behalten, um solche Möglichkeiten aufrechtzuhalten: Herum experimentieren… also wer auch im Labor lehren will, findet seine Lehrlinge, aber die kommen eher zu ihm als umgekehrt…)

  16. Pingback: Ein komisches Gefühl « -Thousand Sunny's Weblog-

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