Meine Mutter die Unschoolerin

(dies ist eine Antwort auf diesen Kommentar)

Immer wenn Ferien waren nahm meine Mutter mich mit in die Arbeit – sie hatte ja keine Ferien und musste von 8.30-19.00 Uhr arbeiten (inklusive aufräumen).

Sie war Verkäuferin in der Innenstadt. In der früh setzte mich meine Mutter vor dem Hugendubel ab (das ist ein berühmtes und großes Büchergeschäft in München). Da verbrachte ich dann einige Zeit – ich las meistens Comics, aber auch manchmal Bücher über Sprachen.

Wenn es mir dann lange wurde und ich genug vom Lesen hatte, dann ging ich hinaus und lief die Fußgängerzone auf und ab. Es war toll, durch die Leute und das Gedränge zu huschten und ich entwickelte ein Spiel daraus.

Manchmal zu meiner Mutter, wo ich mich in den Laden setzte und mit den Verkäuferinnen redete oder ein bisschen bei Verkaufsgesprächen half, wenn die Käufer nur Englisch konnten. Da staunten dann immer alle, dass der kleine Mann schon so gut Englisch kann.

Manchmal lief ich auch in eines der Kaufhäuser und spielte mit den anderen Jungens dort an den Spielkonsolen. Manchmal rannten wir auch einfach zusammen durch die Fußgängerzone und hatten einfach nur Spaß und genoßen die warme Sonne und das Gedränge der Leute, die wie Hindernisse waren für unseren Parcours-Lauf.

Zum Essen gab es dann ein bisschen Geld und ich deckte mich in den Supermärkten ein. Das war meistens nicht war – aber immer selbst komponiert und schmeckte jedesmal besser.

Manchmal war meine Mutter spät zur Arbeit und sie konnte mich nicht mehr zum Hugendubel bringen. Dann stellte ich mich direkt vor den Karstadt und wartete dort bis er aufmachte um ganz schnell bei den Spielkonsolen zu sein. Ich stand nie alleine vor den Türen – es gab immer andere Kinder, die auch schon dort warteten. Und so waren die ersten Freundschaften schon vor Geschäftseröffnung geschlossen. Besonders komplizierte Spiele spielten wir auch in Schichten.

Manchmal machte meine Mutter auch für mich einen Kochkurs oder etwas ähnliches aus – da kochten wir dann ein paar Stunden lang und ließen uns es danach schmecken. Die Kinder dort sah ich danach nie wieder – es waren einfach Freundschaften auf eine kurze Zeit.

Aber die meiste Zeit verbrachte ich im Hugendubel und als ich dann später entdeckte, dass es Bibliotheken gab, da war ich überwältigt. Man konnte alle Bücher umsonst mitnehmen.

Damals wussten weder ich noch meine Mutter, dass man das heute Unschooling nennen würde. Ich wußte nur, dass es schön war. Es war die Freiheit und das Leben. Es war die Sonne, wenn ich Wärme wollte und es war die Ruhe wenn ich Frieden wollte und es waren Freunde, wenn ich Gesellschaft wollte und meine Mutter, wenn ich Geborgenheit brauchte.

Meine Mutter war alleinerziehend und aus der Unterschicht und arbeitete im Verkauf. Und dennoch fand sie eine Möglichkeit mir einen Raum zu ermöglichen. Und ich fand meinen Weg diesen Raum zu nützen.

Viele Jahre später begegnete ich einem Mann und seiner Tochter in der Bibliothek. Beide saßen da und sahen sich ein Bilderbuch über Kunst an. Sie war vielleicht 5 und er war eine von diesen Gestalten, die in den Talkshows immer das schlechte Beispiel gaben. Ich stand unwillkürlich in ihrer Nähe und ging die Bücher in den Regalen durch. Als ich ihr Gespräch hörte verlor ich viele meiner Vorurteile. Beide unterhielten sich über Kunst. Die Tochter war in der Lage die Stile richtig einzuordnen. Sie unterhielten sich sehr angeregt darüber. So als ob es zwei Erwachsene wären, die halt gerade über Kunst diskutierten. Die Tochter wuchs an dem was ihr Vater war. Seine Biographie und sein Leben waren ihre Wurzeln. Keiner konnte wissen, was für ein Baum aus diesen Wurzeln wachsen würde – das Wichtige war nur, dass diese Wurzeln stark waren.

Und so war auch ich aus den Wurzeln, die mir meine Mutter gegeben hatte gewachsen. Und auf dem Weg trugen auch noch besonders mein Onkel bei und mein Nachbar, der ein bisschen zu einem Vater wurde.

Was ich damit sagen will ist, dass die Lösungen, die sich bei der freien Bildung ergeben sehr vielfältig sein werden. Jeder, der es will, wird seine eigene Lösung finden. Eine Lösung, die zu ihm und zu seiner Familie passt. Eine Lösung, die seinen persönlichen Fähigkeiten entspricht und auch den Fähigkeiten der Familie und ihrem Umfeld. Eine Lösung, die sich je nach Arbeitssituation, finanziellen Möglichkeiten und persönlichen Merkmalen neu finden muss. Unschooling ist keine homogene Eine-Für-Alle-Lösung. Unschooling ist individuell, wie die Menschen, die es machen und wie das Lernen und Bildung an sich sind. Aber ich bin überzeugt, dass es für jeden erreichbar ist, der es will und sich dafür entscheidet. Und ich bin überzeugt, dass durch die vielen freien Angebote, die heute existieren Geld keinen großen Qualitätsunterschied mehr bringt. Unschooling bringt einen neuen Reichtum. Einen Reichtum, den unsere Gesellschaft erst noch verstehen muss. Dieses Verständnis ist wahrscheinlich das Schwierigste.

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8 Kommentare zu “Meine Mutter die Unschoolerin

  1. Das ist eine wunderbare Geschichte! Und sie beweist, dass Schulverweigerung absolut nicht in den Absturz führt. Es gibt viele solcher Geschichten, wo sich durch Sozialisationslernen sogar spätere Karrieren ergeben haben! Aber es ist leider zufällig. Nicht allen geht es so wie Dir. Wir haben z.B. in Hamburg eine Menge Kinder aus den sog. „Risikofamilien“ (furchtbares Wort, aber mir fällt kein anderes dafür ein), die anstatt in die Schule (schon Grundschule) zu gehen, nur bei Karstadt an den Spielkonsolen werkeln. Sie finden nicht automatisch zur Buchhandlung (denn die gibt es in ihren Stadtteilen gar nicht). Das ist das blöde. Es bleibt dem Zufall überlassen und dem, was in ihrem Stadtteil zu finden ist. Aber vielleicht hast Du Recht – man müsste die richtigen Schlussfolgerungen draus ziehen: Her mit den „Hugendubels“ in die Stadtteile, wo normalerweise nicht gelesen wird! Eine tolle Initiative in dieser Richtung ist das Löwenhaus von Rainer Micha & dem ASB in Hamburg. Dort kriegen solche Kinder Essen und Lernanleitung – und das von älteren Schülern aus den umliegenden Schulen. Sie bringen den Kindern kochen bei. Und am Wochenende kommen Künstler und „malen“ mit ihnen. (Das ist das LöwenArthaus.) Was man glaube ich daran sieht: Die Kinder brauchen Erwachsene, die mit ihnen Zeit verbringen und ihnen Angebote machen. Nur unter Peers ist es auch nicht das Wahre (Du sprachst von Deinem Onkel und von dem Vater mit der tochter in der Bibliothek).
    Hier der Link zum Löwenhaus und zum LöwenArthaus: http://www.das-loewenhaus.de/

  2. „Was man glaube ich daran sieht: Die Kinder brauchen Erwachsene, die mit ihnen Zeit verbringen und ihnen Angebote machen.“

    Oder Kinder brauchen Menschen, die ihnen Würzeln geben…

  3. @Lisa Rosa
    Was bringt es denn den Kindern aus „Risikofamilien“, wenn sie in die Schule gehen anstatt zu den Spielkonsolen? Jede PISA-Studie hat doch bis jetzt gezeigt, dass gerade die Kinder aus den sog. „bildungsfernen Schichten“ die geringsten Chancen im deutschen Schulsystem haben! Eben diejenigen, die Bildung am nötigsten hätten, weil sie zuhause zuwenig davon bekommen, gehören in der Regel (natürlich gibt es Ausnahmen) auch in der Schule zur „Unterschicht“. Die Schulpflicht führt in den meisten Fällen gerade nicht dazu, dass Kinder aus „bildungsfernen“ Elternhäusern gleiche Karrierechancen haben. Das ist ein Mythos, der von Lehrern und Schulpflicht-Anhängern gerne gepflegt wird.

  4. @Lisa Rosa
    Ich finde die Fragen die Du stellst sehr gut. Leider lassen sie sich für mich nie in einem Kommentar beantworten. Sie inspirieren aber zu einem neuen Post – ich hoffe Du nimmst mir das nicht übel. Aber auch dieses Mal muss ich in einem Post antworten 🙂

  5. Pingback: Unschooling Geschichten über Zufälle « -Thousand Sunny’s Weblog-

  6. Es gefällt mir sehr gut, wenn meine Kommentare und Fragen neue Postings inspirieren. Was könnte mir denn besseres passieren? Danke! 🙂

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