Vygotskij lesen und sterben

(hoffentlich nicht) Dennoch bin ich an einer Stelle im Buch angelangt, wo sich ein gigantischer Kreis schließt, der fast jeden Gedanken, den ich je gedacht habe und jeden Satz den ich je geschrieben habe auf einer Meta-Ebene erklärt. Ich kann es nicht glauben, dass so ein Mensch jemals existiert hat und das wir noch so wenig über dieses absolute Genie wissen. Auch im alltäglichen hilft er mir so viel zu verstehen – das Baby mit 2 Monaten oder mich selbst. Ein Satz von ihm und ich verstehe eine Kunstvorlesung, die ich vor 10 Jahren besucht habe komplett – obwohl ich damals kein Wort verstanden hatte. Ein Satz von ihm und die Literatur und die Sprache werden klar und fühlbar. Ich habe das Gefühl, dass hier ein großer Mensch vor mir steht und klar von Gedanken zu Gedanken übergeht, mühelos mit mathematischer Präzision. Ein Mensch, der die Welt in die tiefsten Ecken durchdrungen hat und für den es nichts gibt, das fremd zu sein scheint und das er nicht auf einer neuen Metaebene erfasst hat – von der Kunst und auch der Literatur über die Psychologie hin zur Mathematik. Er verbindet sie alle, als ob sie nie getrennt gewesen wären – und das mit einer spielerischen Leichtigkeit. Er spielt mit den komplexesten Begriffen, wie der „Grammatik“ und dem „Begriff“ selber, als wären sie nur kleine Murmeln.

Er scheint jeden wissenschaftlichen Klassiker zu beherrschen und ihre Gedanken zu durchdrungen haben, wie das Nervensystem den menschlichen Körper durchdrungen hat. Und all das jahrelange Lesen von Literatur hat einen Sinn, man sieht, worauf es hinausläuft. Man sieht, dass man einen Mensch kennenlernen darf, der anscheinend jedes Phänomen hinterfragt, bis ein gerader mathematischer Beweis aus einem gordonischen Knoten von Kultur und Vorurteilen, Mythen, Realität, Dogmen und Ideologien geworden ist. Doch da hört er nicht auf… er geht immer weiter. Wie ein Gletscher, der sich mit Urgewalt ins Tal vorschiebt.

Gestern sagte ich zu jemandem: „Vygotskij lesen ist wie bei einem Olympialauf zuzusehen. Man sieht, wie sich die Läufer vorne aufstellen, der Weltrangbeste steht in der Mitte, sie schütteln sich. Der Startschuss fällt, und auf einmal rennt ein recht unbekannter Außenseiter den anderen mit annähernd Lichtgeschwindigkeit davon. Und bevor das Rennen richtig begonnen hat, ist es auch schon wieder vorbei.“

Sie antwortete: „Manche Leute bekommen es halt in die Wiege gelegt“

Ich denke nein, so ein allumfassendes Wissen bekommt man nicht in die Wiege gelegt. Und dann habe ich nach der Biographie gestöbert und ratet mal, was ich gefunden habe….. (ein Tipp, ich habe es in einem früheren Post schon einmal vermutet)

(Übrigens ist es gerade nicht leicht für Mummy1000Sunny – Vygotskij hier, Vygotskij da – ich erzähle, dass es schon fast an Schwärmerei grenzt)

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7 Kommentare zu “Vygotskij lesen und sterben

  1. Mich würde interesseiren, wie Du auf Vygotskij gekommen bist. So richtig bekannt ist er in D. sonst nicht, oder?

  2. Na, da bin ich jetzt nicht drauf gekommen.
    Habe echt gerätselt und sogar im Netz über ihn gelesen. Hmmmm,…

    Ich habe mir jetzt ein Buch bestellt – und bin gespannt, was ich davon halten werde. 🙂

  3. @life42
    Ich habe das Gefühl seine Ansätze gewinnen langsam die Überhand in der Prüfungsliteratur in pädagogischer Psychologie.
    Anita Woolfolk (Amerika) stellt ihn neben Piaget und erklärt ihn in derselben Ausführlichkeit.

    @Isla
    Welches hast Du denn bestellt?

    @scatty
    Habe das jetzt mal quergelesen tat mir aber bis jetzt schwer Vygotskij darin wiederzufinden (habe aber auch nur ein Buch von V. gelesen)

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